Noah Rennebaum – Vor der Brücke zur Stadt, expressive Stadtmalerei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion
Noah Rennebaum – Vor der Brücke zur Stadt, expressive Stadtmalerei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion – Mit freundlicher Genehmigung von: findart /

Wann: 28.08.2026

Eine Straße führt in die Stadt, Häuser kippen in breite Pinselzüge, Menschen werden zu wenigen Farbflecken – und plötzlich ist nicht mehr entscheidend, welchen Ort Noah Rennebaum malt, sondern was von diesem Ort in seiner Erinnerung und in seiner Malerei übrig bleibt. Genau dort wird seine aktuelle Arbeit spannend.

Noah Rennebaum ist für findART kein Unbekannter. Bereits im August 2025 haben wir den Leipziger Künstler vorgestellt. Damals zeigte sich ein junger Maler, der sich zwischen Landschaft, Figur und Beobachtung bewegte und unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten erprobte.

Ein Jahr später begegnen wir seinen Arbeiten erneut. Diesmal bleiben wir vor allem bei jenen Bildern hängen, in denen Rennebaum den Gegenstand zwar nicht aufgibt, ihm aber immer weniger gehorcht.

Der Ort bleibt – und beginnt sich aufzulösen

In „Vor der Brücke zur Stadt“ ist die Stadt noch da. Eine Straße zieht in die Tiefe, Häuser begrenzen den Raum, im Hintergrund ragen Türme auf. Zwei Figuren stehen im Vordergrund. Doch schon der Himmel verweigert jede Illusion. Breite hellblaue, weiße und graue Pinselzüge durchschneiden ihn, Farbfelder schieben sich vor Architektur und Perspektive.

Rennebaum malt hier keinen Stadtprospekt. Er lässt gerade so viel Gegenständlichkeit stehen, dass unser Auge den Ort zusammensetzen kann.

Darin liegt eine Qualität seiner neueren Arbeiten: Das Motiv gibt der Malerei einen Ausgangspunkt, aber nicht mehr ihr Ziel vor.

Diese Entwicklung beschreibt Rennebaum selbst als Bewegung zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Seine Motive findet er im Alltag, auf Reisen, bei Spaziergängen sowie im städtischen und natürlichen Raum. Aus eigenen Fotografien und Beobachtungen entstehen zunächst Zeichnungen und Kompositionen, die dem Bild eine Richtung geben, ohne das spätere Ergebnis vollständig festzulegen.

Im Malprozess arbeitet Rennebaum intuitiv und in mehreren Schichten. Pinsel und Spachtel, ruhige Flächen und kraftvolle Strukturen sowie Gegenständlichkeit und Abstraktion greifen ineinander. Dabei geht es ihm nicht um die möglichst genaue Wiedergabe eines Ortes, sondern um dessen Atmosphäre, Bewegung und Stimmung.

Damit verändert sich auch die Bedeutung des konkreten Ortes. Entscheidend ist weniger, was dort objektiv zu sehen war, als vielmehr, wie dieser Ort erlebt wurde.

 

Wenn ein Baum nur noch wenige Pinselstriche braucht

Noah Rennebaum – Mein linker Platz ist frei, expressive Landschaftsmalerei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion
Noah Rennebaum – Mein linker Platz ist frei, expressive Landschaftsmalerei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Noah Rennebaum – wenn Landschaft zu Malerei wird

Noch deutlicher wird das in „Mein linker Platz ist frei“. Ein mächtiger Baum beherrscht die Komposition. Darunter steht ein leerer Stuhl. Wasser, Ufer, Himmel und Vegetation lassen sich erkennen – gleichzeitig bestehen sie aus kräftigen, teilweise beinahe roh gesetzten Farbzügen.

Braun, Schwarz, Blau, Gelb und Weiß liegen nicht sauber nebeneinander. Sie stoßen aufeinander.

Der Baum muss nicht Blatt für Blatt beschrieben werden. Ein dunkler Stamm, einige schwere Farbflächen und wenige helle Akzente genügen. Auch der leere Stuhl im Vordergrund ist nicht fein ausgearbeitet. Trotzdem wird er zum Gegenüber.

Der Titel „Mein linker Platz ist frei“ verändert unseren Blick. Plötzlich ist dieser Stuhl nicht mehr bloß ein Gegenstand in einer Landschaft. Er lässt eine Geschichte offen: Wer sollte dort sitzen? Wer saß dort vielleicht zuvor?

Rennebaum erzählt sie nicht zu Ende. Das muss er auch nicht.

 

Farbe darf den Gegenstand verdrängen

Noah Rennebaum – Abendstimmung, expressive Stadtlandschaft mit leuchtenden Farben zwischen Figuration und Abstraktion
Noah Rennebaum – Abendstimmung, expressive Stadtlandschaft mit leuchtenden Farben zwischen Figuration und Abstraktion – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Noah Rennebaum – wenn Landschaft zu Malerei wird

In „Abendstimmung“ geht Rennebaum einen Schritt weiter. Die Stadtlandschaft ist noch vorhanden, doch große Teile des Bildes werden bereits von Farbe und Bewegung bestimmt.

Links drängen Rot, Orange, Schwarz und Gelb ineinander. Ein türkisgrüner Himmel legt sich über die Szene. Straßen und Häuser erscheinen nur noch dort, wo sie für die räumliche Orientierung notwendig sind.

Das Bild funktioniert deshalb aus der Entfernung anders als aus der Nähe. Zunächst sucht das Auge nach dem Ort. Dann beginnt es, den einzelnen Pinselzügen zu folgen. Irgendwann wird die Frage „Wo ist das?“ unwichtig.

Vielleicht ist genau das momentan die interessanteste Entwicklung in Rennebaums Malerei.

Jenseits des Sichtbaren

Passend dazu trägt die Gruppenausstellung, an der Rennebaum ab 28. August 2026 in der SKM Galerie Leipzig teilnimmt, den Titel „Jenseits des Sichtbaren“. Gemeinsam mit sechs weiteren künstlerischen Positionen zeigt er dort aktuelle Arbeiten.

Der Ausstellungstitel passt bemerkenswert gut zu seiner gegenwärtigen Malerei. Denn Landschaft ist bei Rennebaum nicht nur das Sichtbare vor seinen Augen. Wahrnehmung, Erinnerung und körperliche Bewegung fließen in den Malprozess ein. Die Bilder entstehen aus einer unmittelbaren Begegnung mit einem Ort oder aus dessen späterer Rekonstruktion im Atelier.

Dadurch kann eine Landschaft erkennbar bleiben und gleichzeitig beginnen, sich aufzulösen.

Noah Rennebaum – Wildwiese am Gleis, expressive Landschaftsmalerei mit abstrahierten Farbflächen
Noah Rennebaum – Wildwiese am Gleis, expressive Landschaftsmalerei mit abstrahierten Farbflächen – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Noah Rennebaum – wenn Landschaft zu Malerei wird

In „Wildwiese am Gleis“ wird diese Grenze beinahe überschritten. Ohne den Titel könnte man das Bild zunächst als abstrakte Komposition lesen. Grau, Grün, Beige, Orange und Weiß schieben sich übereinander. Erst allmählich entstehen Landschaft, Gleis und Vegetation.

Hier gefällt uns besonders, dass Rennebaum der Versuchung widersteht, alles wieder eindeutig zu machen.

 

Die Malerei darf Malerei bleiben.

Was passiert, wenn die Nacht hinzukommt?

Noah Rennebaum – Das Festival bei Nacht II, expressive Malerei zwischen Figuration und Abstraktion
Noah Rennebaum – Das Festival bei Nacht II, expressive Malerei zwischen Figuration und Abstraktion – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Noah Rennebaum – wenn Landschaft zu Malerei wird

Mit „Das Festival bei Nacht II“ verändert sich die Atmosphäre grundlegend.

Das großformatige Gemälde mit 110 × 160 Zentimetern führt mitten hinein in einen nächtlichen Raum. Links stehen Menschen, im Hintergrund öffnen sich Bögen, Lichtstreifen ziehen durch die Dunkelheit. Rot, Gelb, Blau und Rosa durchbrechen schwarze und violette Flächen.

Die Figuren sind keine ausgearbeiteten Porträts. Wenige Farbformen reichen aus, um Körper, Haltung und Bewegung entstehen zu lassen.

Hier zeigt sich, dass Rennebaums gegenwärtige Entwicklung nicht zwingend an Landschaft gebunden ist. Was ihn interessiert, scheint zunehmend etwas anderes zu sein: Wie lässt sich eine erlebte Atmosphäre in Malerei übersetzen?

Das führt zu einem weiteren aktuellen Projekt.

 

Malen, während die Musik spielt

Noah Rennebaum – Tanzfläche, expressive Malerei zwischen Figuration, Bewegung und Abstraktion
Noah Rennebaum – Tanzfläche, expressive Malerei zwischen Figuration, Bewegung und Abstraktion – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Noah Rennebaum – wenn Landschaft zu Malerei wird

2026 entstand „Tanzfläche“ als Live-Painting in Zusammenarbeit mit der Distillery Leipzig. Während DJ Timstagram ein Set spielte, entwickelte Rennebaum seine Malerei unmittelbar aus Musik, Bewegung und Atmosphäre.

Der Entstehungsprozess macht etwas sichtbar, das auch in seinen Landschaften steckt: Rennebaum reagiert auf Licht, Bewegung, räumliche Eindrücke und das, was um ihn herum geschieht.

Der einzelne Pinselstrich muss dadurch nicht nur einen Gegenstand beschreiben. Er kann selbst zur Spur eines Moments werden.

Zwischen einer Landschaft, einer Straße und einer Tanzfläche liegt auf den ersten Blick ein großer Abstand. In Rennebaums jüngeren Arbeiten rücken diese Welten jedoch erstaunlich nah zusammen. Entscheidend ist nicht mehr ausschließlich das Motiv, sondern die Erfahrung eines Ortes.

Wir schauen ein zweites Mal hin

Als findART Noah Rennebaum 2025 erstmals vorgestellt hat, befand sich seine Malerei sichtbar in Bewegung. Landschaften, Menschen, Zeichnungen und unterschiedliche malerische Ansätze standen nebeneinander.

Noah Rennebaum im Atelier – Porträt des Leipziger Künstlers vor eigenen Gemälden
Noah Rennebaum im Atelier – Porträt des Leipziger Künstlers vor eigenen Gemälden – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Noah Rennebaum – wenn Landschaft zu Malerei wird
Heute interessiert uns vor allem eine bestimmte Richtung: jene Arbeiten, in denen Rennebaum weniger erklärt und seiner Malerei mehr Freiheit gibt. Dort, wo eine Straße aus wenigen Pinselzügen entsteht. Wo ein Baum zur dunklen Farbmasse wird. Wo eine Stadt beinahe verschwindet. Wo Menschen in einer nächtlichen Szene nicht mehr porträtiert werden müssen, um anwesend zu sein.

Nicht jedes Bild muss diesen Weg gehen. Und niemand weiß, wohin Rennebaum seine Malerei in den kommenden Jahren führen wird. Gerade deshalb lohnt es sich, hinzusehen.

Junge Kunst zu entdecken bedeutet für uns nicht, den nächsten großen Namen vorherzusagen. Es bedeutet, vor einem Werk stehen zu bleiben, weil darin etwas geschieht, das neugierig macht.

Bei Noah Rennebaum ist uns das bereits 2025 passiert.

2026 passiert es wieder.

Tags: Noah Rennebaum, Figuration, Malerei, Junge Kunst, Landschaftsmalerei, Abstrakte Kunst, Freilichtmalerei, Zeitgenössische Kunst

Öffnungszeiten: Bitte beachten Sie die aktuellen Öffnungszeiten und mögliche Änderungen auf der Website des Veranstalters bzw. der Galerie.