Ausstellungsansicht der John Szoke Gallery mit Druckgraphiken von Pablo Picasso
Ausstellungsansicht der John Szoke Gallery mit Druckgraphiken von Pablo Picasso – Mit freundlicher Genehmigung von: johnszoke.com / John Szoke Gallery

Wann: 01.09.2026 - 13.09.2026

Eine Radierung ist ein vervielfältigtes Kunstwerk. Und doch ist nicht jeder Abzug gleich. John Szoke Gallery zeigt, warum bei Picasso und Munch wenige Linien, tiefes Schwarz und der richtige Zeitpunkt des Drucks entscheidend sein können.

An der Wand hängen mehrere gerahmte Arbeiten. Schwarz auf hellem Papier, überschaubare Formate, keine monumentale Inszenierung. Man könnte daran vorbeigehen und zunächst denken: Druckgraphik – ein Motiv, eine Platte, mehrere Exemplare.

Doch genau hier beginnt der Irrtum.

Denn derselbe Picasso kann ein anderer Picasso sein.

John Szoke beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesen Unterschieden. Seine 1974 gegründete John Szoke Gallery in New York hat sich auf Arbeiten auf Papier von Pablo Picasso und Edvard Munch spezialisiert. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht allein berühmte Namen oder bekannte Motive, sondern etwas, das sich oftmals erst beim genauen Hinsehen offenbart: die Qualität und der Charakter eines einzelnen Abzugs.

Tokyo Gendai widmet dem Galeristen unter dem Titel „The Depth of Printmaking, One Impression at a Time“ ein ausführliches Porträt. Ausgangspunkt ist eine scheinbar einfache Frage: Warum kann dasselbe Bild von einem Abzug zum nächsten so unterschiedlich aussehen?

John Szoke Gallery mit Druckgraphiken von Pablo Picasso in einer Ausstellung
John Szoke Gallery mit Druckgraphiken von Pablo Picasso in einer Ausstellung – Mit freundlicher Genehmigung von: johnszoke.com / John Szoke Gallery

Die Antwort führt tief hinein in die Geschichte und Technik der Druckgraphik.

Bei einer Radierung oder einem anderen Tiefdruckverfahren wird ein Motiv nicht einfach beliebig oft identisch reproduziert. Die bearbeitete Metallplatte trägt die Linien des Künstlers, nimmt Druckfarbe auf und überträgt sie unter hohem Druck auf das Papier. Doch eine solche Platte ist kein unveränderliches Ausgangsmaterial. Mit zunehmender Verwendung können sich Feinheiten des Druckbildes verändern.

Gerade deshalb sind frühe Abzüge von besonderem Interesse.

John Szoke Gallery richtet den Blick auf sogenannte „early impressions“ – frühe Abzüge, die bei bestimmten Picasso-Graphiken entstanden, bevor die verwendeten Kupferplatten verstählt wurden. Szoke verweist dabei auf das tiefe Schwarz und die feinen Linien dieser frühen Drucke.

Plötzlich wird aus der vermeintlichen Frage nach der Auflage eine Frage des Sehens.

Wie tief ist das Schwarz? Wie präzise erscheint eine Linie? Wie lebendig wirkt eine Fläche? Und was unterscheidet diesen einen Abzug von einem anderen?

Pablo Picasso, „La Celestine“ aus der Suite 347, Druckgraphik
Pablo Picasso, „La Celestine“ aus der Suite 347, Druckgraphik – Mit freundlicher Genehmigung von: johnszoke.com / John Szoke Gallery
Damit verändert sich auch die Vorstellung von Druckgraphik als bloßer Vervielfältigung. Ein Abzug steht zwar in einer Reihe mit anderen Exemplaren desselben Motivs, besitzt aber dennoch seine eigene Geschichte.

Bei Picasso ist diese Geschichte besonders faszinierend. Druckgraphik war für ihn keineswegs nur eine Möglichkeit, Bildideen zu vervielfältigen. Radierung und andere graphische Techniken wurden zu eigenständigen Feldern seines künstlerischen Experimentierens. Linie, Druckfarbe, Platte und Papier gehören zum Werkprozess.

John Szokes Blick auf Picasso ist deshalb der eines Kenners, der nicht beim Motiv stehen bleibt.

Wer nur fragt: „Welcher Picasso ist das?“, übersieht möglicherweise die spannendere Frage: Welcher Abzug dieses Picasso ist es?

Genau an diesem Punkt beginnt auch für Sammler die eigentliche Auseinandersetzung. Zwei Blätter können dasselbe Motiv zeigen und dennoch unterschiedlich wirken. Zustand, Zeitpunkt des Drucks und die Beschaffenheit des einzelnen Abzugs werden damit neben Provenienz und kunsthistorischer Einordnung zu wichtigen Faktoren seiner Beurteilung.

Das verlangt Erfahrung – und vor allem Vergleichsmöglichkeiten.

John Szoke in seiner New Yorker Galerie vor einer Druckgraphik, Foto Kyle Johnson
John Szoke in seiner New Yorker Galerie vor einer Druckgraphik, Foto Kyle Johnson – Mit freundlicher Genehmigung von: johnszoke.com / John Szoke Gallery

Seit mehr als fünf Jahrzehnten beschäftigt sich John Szoke mit Arbeiten auf Papier. Die Aufnahmen der Galerie zeigen keine spektakuläre Inszenierung. Die Blätter hängen ruhig und mit Abstand an den Wänden. Gerade diese Zurückhaltung lenkt den Blick auf das, worum es Szoke geht: das einzelne Blatt.

Dabei führt die Beschäftigung mit frühen Abzügen zu einem faszinierenden Widerspruch der Druckgraphik. Ihr Wesen besteht darin, dass ein Motiv mehrfach gedruckt werden kann. Gleichzeitig können Zeitpunkt und Umstände des Drucks dazu führen, dass sich einzelne Exemplare voneinander unterscheiden.

Die Druckplatte ist eben kein digitales Ausgangsmaterial. Sie ist ein physischer Gegenstand.

Das vermeintlich identische Bild bekommt damit eine zeitliche Dimension.

Es gibt ein Davor und ein Danach.

Und plötzlich versteht man, warum ein erfahrener Händler oder Sammler vor einer Graphik länger stehen bleibt. Er betrachtet nicht nur die Komposition. Er achtet auf die Qualität der Linien, auf dunkle Partien, auf Feinheiten des Drucks und auf Hinweise darauf, wo dieses konkrete Blatt innerhalb der Entstehungsgeschichte eines Werkes einzuordnen ist.

Edvard Munch, „Das kranke Kind“ (The Sick Child), 1894, Radierung
Edvard Munch, „Das kranke Kind“ (The Sick Child), 1894, Radierung – Mit freundlicher Genehmigung von: johnszoke.com / John Szoke Gallery

Das gilt nicht nur für Picasso.

Auch Edvard Munch gehört zu den zentralen Künstlern der John Szoke Gallery. Gerade bei einem Künstler, für den Druckgraphik ein eigenständiger und immer wieder neu erprobter Bestandteil seines Werkes war, wird deutlich, wie wenig sinnvoll es sein kann, einen Druck lediglich als Wiederholung eines Motivs zu betrachten.

Das einzelne Blatt zählt.

Vielleicht erklärt das auch die besondere Faszination, die historische Druckgraphik auf Sammler ausüben kann. Sie verlangt Nähe. Ein Gemälde kann einen Raum schon aus mehreren Metern Entfernung beherrschen. Eine Radierung zwingt den Betrachter häufig dazu, näher heranzutreten.

Dann beginnt das Auge zu wandern.

Von einer Linie zur nächsten. Von tiefem Schwarz zu fast verschwindenden Spuren. Man erkennt die Struktur des Papiers, die Wirkung der Druckfarbe und manchmal jene kleinen Unterschiede, die auf einer Abbildung kaum sichtbar sind.

Ausgerechnet eine Kunstform der Vervielfältigung lehrt uns damit, das Einzelne genauer anzusehen.

John Szoke bringt diese Haltung auch zu Tokyo Gendai nach Japan. Die internationale Kunstmesse findet vom 11. bis 13. September 2026 im PACIFICO Yokohama statt, die VIP Preview und Vernissage am 10. September. Im Vorfeld stellt Tokyo Gendai den Galeristen und seine Beschäftigung mit frühen Abzügen vor.

Für den Kunstmarkt ist diese Geschichte mehr als eine technische Randnotiz.

Sie erinnert daran, wie wenig einfache Kategorien über die tatsächliche Qualität eines Werkes aussagen können. Künstler, Titel, Jahr, Technik und Auflage liefern wichtige Informationen – aber sie erzählen noch nicht die ganze Geschichte eines graphischen Blattes.

Am Ende muss man wieder vor dem Werk stehen.

Schauen.

Vergleichen.

Und vielleicht entdeckt man dann bei zwei scheinbar identischen Picasso-Graphiken etwas, das keine Werknummer und keine Auflagenangabe vollständig erklären kann.

Sie zeigen dasselbe Bild – und sind dennoch nicht dasselbe Kunstwerk.

Tags: Pablo Picasso, Edvard Munch, Kupferstich, Druckgraphik, Radierung, Radierungen, Kupferplatten, Arbeiten auf Papier, Kunstmarkt

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