Raimund Girke, Ohne Titel, 1971, Acryl auf Leinwand, 60 × 60 cm, und Amphore, Frühe Han-Dynastie (206 v. Chr.–9 n. Chr.), Ton, 27,5 × 30 × 27 cm. Ausstellung „Silence“, Beck & Eggeling, Düsseldorf.
Raimund Girke, Ohne Titel, 1971, Acryl auf Leinwand, 60 × 60 cm, und Amphore, Frühe Han-Dynastie (206 v. Chr.–9 n. Chr.), Ton, 27,5 × 30 × 27 cm. Ausstellung „Silence“, Beck & Eggeling, Düsseldorf. – Mit freundlicher Genehmigung von: beck-eggeling.de / Galerie Beck & Eggeling

Wann: 05.09.2026 - 21.11.2026

Was verbindet eine chinesische Amphore aus der frühen Han-Dynastie mit einem weißen Gemälde Raimund Girkes? Rund zweitausend Jahre liegen zwischen ihnen – und dennoch können Form, Oberfläche, Stille und Reduktion plötzlich eine gemeinsame Sprache entwickeln.

Mit „Silence“ bringt Beck & Eggeling Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mit antiken chinesischen Bronzen und Keramiken zusammen. Die Ausstellung in Düsseldorf entsteht in Kooperation mit Vanderven Oriental Art aus ’s-Hertogenbosch und wird anlässlich der DC Open eröffnet.

Dabei geht es nicht darum, vermeintliche Ähnlichkeiten zwischen weit voneinander entfernten Kulturen zu konstruieren. Vielmehr begegnen sich Werke, deren Entstehungszeiten, Funktionen und kulturelle Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten. Gerade diese Distanz macht ihren Dialog interessant.

Ute Eggeling, Floris Vanderven und Michael Beck bei der Ausstellungsvorbereitung. Vase,** **Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.), China, Keramik, Höhe 40,5 cm  Chun Kwang Young, Aggregation 98-S68A, 1998 Mischtechnik mit koreanischem Maulbeerpapier, im Künstlerrahmen, 71,3 × 71,3 cm
Ute Eggeling, Floris Vanderven und Michael Beck bei der Ausstellungsvorbereitung. Vase,** **Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.), China, Keramik, Höhe 40,5 cm Chun Kwang Young, Aggregation 98-S68A, 1998 Mischtechnik mit koreanischem Maulbeerpapier, im Künstlerrahmen, 71,3 × 71,3 cm – Mit freundlicher Genehmigung von: beck-eggeling.de / Galerie Beck & Eggeling

Eine chinesische Amphore der frühen Han-Dynastie, entstanden zwischen 206 v. Chr. und 9 n. Chr., steht einem unbetitelten Gemälde von Raimund Girke aus dem Jahr 1971 gegenüber. Die Amphore trägt die Spuren ihres Alters; ihre Form ist aus einer jahrhundertealten Tradition hervorgegangen. Bei Girke dagegen wird Weiß zum eigentlichen Ereignis des Bildes. Farbe zieht sich zurück, Nuancen treten hervor.

Was zunächst wie ein Gegensatz erscheint, führt den Blick auf etwas Gemeinsames: Beide Werke verlangen Aufmerksamkeit für geringste Veränderungen. Kontur, Oberfläche, Licht und Material gewinnen eine Bedeutung, die sich erst im längeren Betrachten erschließt.

Das Nichts, das das Ganze ist

Einen Schlüssel zur Ausstellung liefert Antonio Calderara. Er beschrieb seine künstlerische Suche mit den Worten: „Ich möchte das Nichts malen, das das Ganze ist, das Schweigen, das Licht, Maß, Ordnung, Harmonie. Das Unendliche.“

In seinem 1975 entstandenen Werk „Spazio luce“ scheint das Licht selbst zum Gegenstand der Malerei zu werden. Formen und Farben verlieren alles Laute und Gestische. Was bleibt, ist ein fein austariertes Verhältnis von Fläche, Raum und Helligkeit.

Raimund Girke, Weissmodulation, 1971, Öl auf Leinwand, 155 × 130,5 cm
Raimund Girke, Weissmodulation, 1971, Öl auf Leinwand, 155 × 130,5 cm – Mit freundlicher Genehmigung von: beck-eggeling.de / Galerie Beck & Eggeling
Auch bei Robert Ryman und Raimund Girke ist Weiß keineswegs die Abwesenheit von Farbe. Es wird vielmehr zu einem Feld unzähliger Abstufungen. Oberfläche, Material und einfallendes Licht verändern die Wahrnehmung und machen sichtbar, wie viel innerhalb scheinbarer Reduktion geschehen kann.

Piero Manzoni ging mit seinen Achromes noch einen Schritt weiter und verzichtete bewusst auf Farbe als traditionelles Ausdrucksmittel. Das Werk sollte nicht mehr Träger einer gemalten Erzählung sein; Material und Oberfläche erhielten eine eigene Präsenz.

Wenn die Oberfläche zu sprechen beginnt

Bei Heinz Mack, Hermann Goepfert, Walter Leblanc, Hal Busse, Dadamaino oder Turi Simeti werden Licht, Struktur und Oberfläche zu entscheidenden Gestaltungsmitteln.

Heinz Mack, Dynamische Struktur, 1958 – Silence
Hal Busse, o.T. (Flächenrelief weiß), 1957 – Silence bei Beck & Eggeling Düsseldorf
Heinz Mack, Dynamische Struktur, 1958 – Silence • Hal Busse, o.T. (Flächenrelief weiß), 1957 – Silence bei Beck & Eggeling Düsseldorf – Mit freundlicher Genehmigung von: beck-eggeling.de / Galerie Beck & Eggeling

Macks „Dynamische Struktur“ von 1958 gehört zu den frühen Arbeiten der Ausstellung. Wiederholung und Rhythmus erzeugen Bewegung, ohne dass sich tatsächlich etwas bewegt. Das Licht verändert die Wahrnehmung der Oberfläche – ein Prinzip, das in unterschiedlicher Form auch bei anderen Positionen der Ausstellung wiederkehrt.

Genau hier öffnet sich der Blick auf die historischen chinesischen Objekte.

Chinesische Bronzevase aus der Zeit der Streitenden Reiche – Silence bei Beck & Eggeling
Chinesische Bronzevase aus der Zeit der Streitenden Reiche – Silence bei Beck & Eggeling – Mit freundlicher Genehmigung von: beck-eggeling.de / Galerie Beck & Eggeling

Eine chinesische Bronzevase aus der Zeit der Streitenden Reiche (475–221 v. Chr.) folgt vollkommen anderen Vorstellungen von Funktion und Bedeutung als die europäische Nachkriegskunst. Und dennoch richtet auch sie die Aufmerksamkeit auf Proportion, Material und Oberfläche. Jahrhunderte der Geschichte haben ihre Spuren hinterlassen und sind Teil ihrer heutigen Erscheinung.

Wer die Oberfläche der Bronzevase länger betrachtet, kann darin beinahe eine Landschaft entdecken. Grünliche, rötliche und erdige Spuren ziehen sich über den dunklen Grund wie Landmassen, Küsten oder Meere auf einer alten Karte. Natürlich zeigt die Patina keine wirkliche Weltkarte – und doch scheint die Zeit selbst eine Landschaft auf die Bronze gezeichnet zu haben. Bei einem Objekt, das vor mehr als zweitausend Jahren entstand, erhält dieser Eindruck eine beinahe poetische Dimension.

Die Ausstellung versucht deshalb nicht, aus einer antiken chinesischen Vase nachträglich ein minimalistisches Kunstwerk zu machen. Interessanter ist die umgekehrte Frage: Was verändert sich an unserem Blick auf moderne Kunst, wenn neben ihr plötzlich ein Objekt steht, das mehr als zwei Jahrtausende älter ist?

Von China und Korea nach Düsseldorf

Dass dieser Dialog nicht allein zwischen Europa und dem historischen China stattfindet, zeigt eine weitere Begegnung.

Eine chinesische Keramikvase aus der Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.) trifft auf Chun Kwang Youngs „Aggregation 98-S68A“ aus dem Jahr 1998. Der koreanische Künstler arbeitet mit koreanischem Maulbeerpapier, das er zu zahllosen kleinen Elementen formt und zu reliefartigen Oberflächen verdichtet.

Vase der Han-Dynastie, China – Silence
 Chun Kwang Young, Aggregation 98-S68A, 1998 – Silence
Vase der Han-Dynastie, China – Silence • Chun Kwang Young, Aggregation 98-S68A, 1998 – Silence – Mit freundlicher Genehmigung von: beck-eggeling.de / Galerie Beck & Eggeling

Zwischen der ruhigen, geschlossenen Form der chinesischen Vase und Chuns beinahe vibrierender Materiallandschaft liegen wiederum Jahrhunderte und vollkommen unterschiedliche künstlerische Traditionen. Doch nebeneinander betrachtet beginnen Material und Oberfläche aufeinander zu reagieren.

Es sind gerade solche Begegnungen, die „Silence“ von einer klassischen Gruppenausstellung unterscheiden.

Die Kunst des Weglassens

Stille bedeutet in dieser Ausstellung nicht bloß Ruhe. Sie entsteht dort, wo etwas zurückgenommen wird und dadurch anderes deutlicher hervortritt.

Das verbindet sehr unterschiedliche Positionen. Wiederholung kann ebenso zu Konzentration führen wie Leere; eine monochrome Fläche ebenso wie die Patina einer jahrhundertealten Bronze. Manchmal ist es das Material, manchmal das Licht und manchmal lediglich der Raum zwischen zwei Dingen, der die Wahrnehmung verändert.

Neben Calderara, Girke, Mack, Manzoni und Ryman versammelt „Silence“ Arbeiten von Pablo Atchugarry, Hermann Bartels, Hal Busse, Chun Kwang Young, Dadamaino, Herman de Vries, Hermann Goepfert, Gotthard Graubner, Gerhard Hoehme, Tschang-Yeul Kim, Stefan Kürten, Walter Leblanc, Fausto Melotti, Milan Mölzer, Morio Nishimura, Ursula Schulz-Dornburg, Turi Simeti und Paul Van Hoeydonck.

Ihnen begegnen antike chinesische Bronzen und Keramiken.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Stärke der Ausstellung. „Silence“ versucht nicht, zweitausend Jahre Kunstgeschichte auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Stattdessen lässt sie Dinge nebeneinander bestehen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben müssen.

Und plötzlich wird aus dem Abstand zwischen ihnen ein Raum für Entdeckungen.

Tags: Bronze, Keramik, Malerei, Orientalist, Raimund Girke, Zeitgenössische Kunst, Moderne Kunst, Heinz Mack, Hal Busse, Bronzekunst, Chun Kwang Young, Antike Kunst, Chinesischen Kunst, Keramik

Silence

Beck & Eggeling International Fine Art
Bilker Straße 5 / Bilker Straße 4–6
40213 Düsseldorf

5. September bis 21. November 2026

In Kooperation mit Vanderven Oriental Art, ’s-Hertogenbosch, Niederlande

Sonderöffnungszeiten DC Open:
Freitag, 4. September: 18–21 Uhr
Samstag, 5. September: 13–19 Uhr
Sonntag, 6. September: 13–17 Uhr