Die Collage hat diese Frage seit dem frühen 20. Jahrhundert immer wieder gestellt. Gefundene Bilder werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und in neue Beziehungen gebracht. Yellin erweitert dieses Prinzip räumlich. Seine Glasschichten besitzen Tiefe; das Auge wandert durch verschiedene Ebenen, obwohl das Werk selbst unbeweglich bleibt.
Im Film kommt nun eine weitere Dimension hinzu: Zeit.
Was vorher hinter Glas aufeinandertraf, kann sich begegnen, verschwinden und wieder auftauchen. Der Betrachter muss die Bewegung nicht länger im Kopf ergänzen – Yellin lässt sie tatsächlich stattfinden.
Von der Skulptur nach Cannes und Venedig
Produziert wurde der Kurzfilm von Darren Aronofsky und Justin A. Gonçalves über Primordial Soup. Bereits beim Festival de Cannes 2026 gehörte „Goodnight, Lamby“ zur offiziellen Auswahl. Nun gelangt der Film nach Venedig, wo er während der Biennale Cinema di Venezia in der Black Box des Palazzo Diedo gezeigt wird.
Die Vorführungen laufen vom 3. bis 6. September sowie vom 10. bis 13. September 2026 als Loop.
Der Ort könnte kaum passender sein. Palazzo Diedo, Sitz von Berggruen Arts & Culture, versteht sich als Raum für zeitgenössische künstlerische Produktion und Begegnung. Während draußen Venedig seit Jahrhunderten davon erzählt, wie Bilder, Architektur und Geschichte übereinanderliegen, entsteht im Inneren eine digitale Bildwelt, deren Ausgangspunkt ausgerechnet Glas ist – jenes Material, das mit der Kultur der Lagunenstadt selbst eng verbunden ist.
Wenn ein Bild nicht mehr stillhalten muss
„Goodnight, Lamby“ lässt sich deshalb nicht allein als Experiment mit generativer KI lesen. Interessanter ist die Bewegung, die dahintersteht: Ein Künstler nimmt eine Idee, die seine Skulpturen seit Jahren bestimmt, und führt sie konsequent weiter.
Aus Collage wird Raum.
Aus Raum wird Bewegung.
Und aus dem „Frozen Cinema“ wird Kino.
erade darin liegt die Stärke des Projekts. Yellin ersetzt seine handgearbeiteten Bildwelten nicht durch Technologie. Er gibt ihnen vielmehr etwas, das sie hinter Glas niemals besitzen konnten: vergehende Zeit.
So erzählt „Goodnight, Lamby“ weniger von der Zukunft künstlicher Intelligenz als von einem sehr alten Wunsch der Kunst – dem Wunsch, dass ein Bild irgendwann aufhört, stillzustehen.
Und vielleicht endet die Reise auch dort nicht. Zia steigt weiter hinauf, hinaus aus den vertrauten Bildern, als könnte Lamby irgendwo dort draußen warten – auf einem anderen Planeten, hinter dem nächsten Stern oder in einer weiteren Schicht von Yellins Bilderkosmos. Aus der Suche nach einem kleinen Stofflamm wird so ein modernes Märchen über das Verlieren, Suchen und Weitergehen. Wohin die Reise führt, bleibt offen. Vielleicht muss man manche Welten gar nicht zu Ende erzählen, damit sie in unserer Vorstellung weiterleben.