Dustin Yellin, Goodnight Lamby, 2026 – Filmstill aus dem Animationsfilm im Palazzo Diedo Venedig
Dustin Yellin, Goodnight, Lamby, 2026, Filmstill © Courtesy of Primordial Soup – Mit freundlicher Genehmigung von: palazzodiamanti / Palazzo Diedo

Wann: 03.09.2026 - 13.09.2026

Im Palazzo Diedo in Venedig beginnt im September etwas zu leben, das Dustin Yellin bislang im Glas festgehalten hat: Mit „Goodnight, Lamby“ setzt der amerikanische Künstler seine gläsernen Bildwelten erstmals in Bewegung. Während der Film-Biennale verwandelt sich die Black Box des Palazzo Diedo damit in einen Ort zwischen Skulptur, Collage und Kino – und die Kunststadt Venedig wird zum Schauplatz eines Experiments, bei dem aus einem unbeweglichen Kunstwerk plötzlich eine erzählte Welt entsteht.

Was geschieht, wenn das „Frozen Cinema“ zu laufen beginnt?

Dustin Yellin hat seine skulpturale Arbeit selbst als eine Form von „frozen cinema“ bezeichnet. Der Ausdruck trifft einen entscheidenden Punkt seines Werks: Bilder, Fotografien und Collagefragmente werden in Glas eingeschlossen und übereinandergeschichtet, bis aus flachen Bildern räumliche Welten entstehen. Sie wirken, als hätte jemand einen Film angehalten und nicht nur einen einzelnen Augenblick, sondern gleich mehrere Ebenen seiner Geschichte konserviert.

Mit „Goodnight, Lamby“ kehrt Yellin dieses Prinzip nun erstmals um. Das Eingeschlossene beginnt sich zu bewegen. Figuren lösen sich aus den Schichten, Räume bekommen Zeit, und aus dem eingefrorenen Kino wird tatsächlich Film.

Doch hinter diesem technischen und künstlerischen Experiment steht keine Geschichte über Technologie. Im Mittelpunkt steht etwas wesentlich Einfacheres: ein Kind, das sein verlorenes Stofftier sucht.

Ein kleines Lamm in einer riesigen Welt

Inspiriert wurde der Film von Yellins dreijähriger Tochter Zia, die selbst die Hauptrolle übernimmt. Sie begibt sich in die gewaltige skulpturale Welt ihres Vaters und sucht dort nach ihrem verschwundenen Stofflamm Lamby. An ihrer Seite treten Paul Rudd und Chris Rock auf.

Damit verändert sich auch der Blick auf Yellins monumentale Bildwelten. Was aus der Distanz wie ein Kosmos aus unzähligen Fragmenten erscheint, wird plötzlich zum Raum einer sehr persönlichen Suche. Die Größe der Kunst trifft auf die kleine, vollkommen verständliche Sorge eines Kindes: Wo ist das, was mir vertraut ist?

Dustin Yellin, Goodnight Lamby, 2026 – Filmstill mit Zia, Licht und monumentaler Schattenwelt © Courtesy of Primordial Soup
Dustin Yellin, Goodnight Lamby, 2026 – Filmstill mit Zia, Licht und monumentaler Schattenwelt © Courtesy of Primordial Soup – Mit freundlicher Genehmigung von: palazzodiamanti / Palazzo Diedo

Vielleicht liegt darin der stillste Moment von „Goodnight, Lamby“: Eine riesige künstliche Welt wird durchquert, doch gesucht wird nichts Großes. Nur ein kleines Stofflamm. Zwischen Bildern, Erinnerungen und bewegten Fragmenten bleibt am Ende das elementare Bedürfnis, etwas Verlorenes wiederzufinden.

Warum Dustin Yellin dafür künstliche Intelligenz verwendet

Erst an diesem Punkt wird die Technik interessant. „Goodnight, Lamby“ verbindet generative künstliche Intelligenz mit einer Collage-Ästhetik und überträgt Yellins handgearbeitete Materialien – Collage, Fotografie und Glas – in eine bewegte filmische Welt.

Die KI ist damit nicht das eigentliche Thema des Films. Sie wird zum Werkzeug eines Künstlers, der eine Frage weiterverfolgt, die bereits in seinen Skulpturen angelegt war: Wie lassen sich einzelne Bilder so miteinander verbinden, dass daraus eine Welt entsteht?

Dustin Yellin, Goodnight Lamby, 2026 – surreale Collagelandschaft mit Wasserfall © Courtesy of Primordial Soup
Dustin Yellin, Goodnight Lamby, 2026 – surreale Collagelandschaft mit Wasserfall © Courtesy of Primordial Soup – Mit freundlicher Genehmigung von: palazzodiamanti / Palazzo Diedo

Die Collage hat diese Frage seit dem frühen 20. Jahrhundert immer wieder gestellt. Gefundene Bilder werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und in neue Beziehungen gebracht. Yellin erweitert dieses Prinzip räumlich. Seine Glasschichten besitzen Tiefe; das Auge wandert durch verschiedene Ebenen, obwohl das Werk selbst unbeweglich bleibt.

Im Film kommt nun eine weitere Dimension hinzu: Zeit.

Was vorher hinter Glas aufeinandertraf, kann sich begegnen, verschwinden und wieder auftauchen. Der Betrachter muss die Bewegung nicht länger im Kopf ergänzen – Yellin lässt sie tatsächlich stattfinden.

Von der Skulptur nach Cannes und Venedig

Produziert wurde der Kurzfilm von Darren Aronofsky und Justin A. Gonçalves über Primordial Soup. Bereits beim Festival de Cannes 2026 gehörte „Goodnight, Lamby“ zur offiziellen Auswahl. Nun gelangt der Film nach Venedig, wo er während der Biennale Cinema di Venezia in der Black Box des Palazzo Diedo gezeigt wird.

Die Vorführungen laufen vom 3. bis 6. September sowie vom 10. bis 13. September 2026 als Loop.

Der Ort könnte kaum passender sein. Palazzo Diedo, Sitz von Berggruen Arts & Culture, versteht sich als Raum für zeitgenössische künstlerische Produktion und Begegnung. Während draußen Venedig seit Jahrhunderten davon erzählt, wie Bilder, Architektur und Geschichte übereinanderliegen, entsteht im Inneren eine digitale Bildwelt, deren Ausgangspunkt ausgerechnet Glas ist – jenes Material, das mit der Kultur der Lagunenstadt selbst eng verbunden ist.

Wenn ein Bild nicht mehr stillhalten muss

„Goodnight, Lamby“ lässt sich deshalb nicht allein als Experiment mit generativer KI lesen. Interessanter ist die Bewegung, die dahintersteht: Ein Künstler nimmt eine Idee, die seine Skulpturen seit Jahren bestimmt, und führt sie konsequent weiter.

Aus Collage wird Raum.
Aus Raum wird Bewegung.
Und aus dem „Frozen Cinema“ wird Kino.

erade darin liegt die Stärke des Projekts. Yellin ersetzt seine handgearbeiteten Bildwelten nicht durch Technologie. Er gibt ihnen vielmehr etwas, das sie hinter Glas niemals besitzen konnten: vergehende Zeit.

So erzählt „Goodnight, Lamby“ weniger von der Zukunft künstlicher Intelligenz als von einem sehr alten Wunsch der Kunst – dem Wunsch, dass ein Bild irgendwann aufhört, stillzustehen.

Und vielleicht endet die Reise auch dort nicht. Zia steigt weiter hinauf, hinaus aus den vertrauten Bildern, als könnte Lamby irgendwo dort draußen warten – auf einem anderen Planeten, hinter dem nächsten Stern oder in einer weiteren Schicht von Yellins Bilderkosmos. Aus der Suche nach einem kleinen Stofflamm wird so ein modernes Märchen über das Verlieren, Suchen und Weitergehen. Wohin die Reise führt, bleibt offen. Vielleicht muss man manche Welten gar nicht zu Ende erzählen, damit sie in unserer Vorstellung weiterleben.

ustin Yellin, Goodnight Lamby, 2026 – Zia in einer Rakete im Animationsfilm © Courtesy of Primordial Soup
ustin Yellin, Goodnight Lamby, 2026 – Zia in einer Rakete im Animationsfilm © Courtesy of Primordial Soup – Mit freundlicher Genehmigung von: palazzodiamanti / Palazzo Diedo
Tags: Dustin Yellin, Künstliche Intelligenz, Animationsfilme, Filmkunst, Collagen, Glaskunst, Zeitgenössische Kunst

Ausstellungsinformationen

Dustin Yellin – Goodnight, Lamby
Screening
3.–6. September 2026
10.–13. September 2026
on loop

Donnerstag–Sonntag, 10–19 Uhr