Mehr als 150 Werke, ein radikaler Angriff auf die Malerei – und eine Biografie, deren Abgründe sich nicht vom Künstler trennen lassen: Mit der großen Otto-Muehl-Ausstellung wagt das WIENER AKTIONISMUS MUSEUM im Herbst 2026 eine Begegnung, die unbequem werden muss.
Was geschieht, wenn einem Künstler das Bild nicht mehr genügt? Für Otto Muehl führte diese Frage Anfang der 1960er Jahre von der Malerei zur Zerstörung des Tafelbildes und schließlich mitten hinein in den Wiener Aktionismus. Farbe wurde Material, der Körper zum Bildträger, die Handlung selbst zum Werk. In sechs Kapiteln folgt die Ausstellung diesem Weg anhand von Gemälden, Objekten, Filmen und Druckgrafiken.
Muehl wollte die Grenzen der bürgerlichen Nachkriegsgesellschaft nicht vorsichtig verschieben, sondern sprengen. Seine frühen Arbeiten sind deshalb weniger Abbilder einer Welt als Angriffe auf ihre Ordnung. In den Aktionen der 1960er Jahre verschwindet schließlich auch die sichere Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter.
Vor diesen Arbeiten steht man nicht einfach. Sie drängen über ihre Grenzen hinaus – körperlich, aggressiv, manchmal verstörend. Sie wollten nicht gefallen. Sie wollten eine Reaktion erzwingen.
Einen weiteren Schwerpunkt bilden Muehls Politikerporträts – von Ho Chi Minh und Konrad Adenauer über Charles de Gaulle und Mao Tse-tung bis zu Prinz Charles. Hinter den bekannten Gesichtern erscheint dabei immer auch die Frage nach Macht, Autorität und der öffentlichen Inszenierung politischer Wirklichkeit.
Wo die Utopie in Macht umschlägt
Mit der Gründung der Kommune beginnt der schwierigste Teil dieser Geschichte. Was als radikale Alternative zu Familie, Privateigentum und traditionellen gesellschaftlichen Strukturen gedacht war, entwickelte am Friedrichshof eigene Hierarchien und Abhängigkeiten.
Die Ausstellung verschweigt diesen Bruch nicht: 1991 wurde Otto Muehl unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs von Unmündigen und Minderjährigen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Damit stellt sich zwangsläufig eine bis heute aktuelle Frage: Wie betrachten wir das Werk eines Künstlers, wenn seine propagierte Befreiung im eigenen Lebensumfeld in Machtmissbrauch umschlägt?
Die Rückkehr zur Malerei
Aus den beiden Jahrzehnten der Kommune konzentriert sich die Ausstellung auf zwei Werkgruppen. Anfang der 1980er Jahre kehrte Muehl zur Malerei zurück und setzte sich mit dem Neo-Expressionismus der Neuen Wilden auseinander. In späteren Arbeiten wird die Geste ruhiger, die Linie gewinnt an Bedeutung.
Besonders eindringlich erscheint dabei die Parndorfer Heide. Ihre Weite und Ruhe stehen einer aus den Fugen geratenen Welt gegenüber. Landschaft wird zum Gegenbild – zur Suche nach einer Stabilität, die längst brüchig geworden ist.
So erzählt die Ausstellung nicht nur von einem zentralen Protagonisten des Wiener Aktionismus. Sie führt mitten hinein in den Widerspruch zwischen künstlerischer Befreiung und persönlicher Grenzüberschreitung, gesellschaftlicher Utopie und Machtmissbrauch.
Otto Muehl heute auszustellen bedeutet deshalb nicht, diese Widersprüche aufzulösen – sondern sie sichtbar zu machen und dem Betrachter zuzumuten.