Karin Pliem, Morphogenetic Fields, 2025, Öl auf Leinwand, 130 × 150 cm. Foto: Fahrid Sabha
Karin Pliem, Morphogenetic Fields, 2025, Öl auf Leinwand, 130 × 150 cm. Foto: Fahrid Sabha – Mit freundlicher Genehmigung von: LucasGehrmann /

Wann: 09.09.2026 - 13.09.2026

Zeitensprünge und Raumrochaden – Karin Pliem & Maria Pavlova bei der Parallel Vienna 2026

Was, wenn die Welt, die wir sehen, nur eine von vielen möglichen Wirklichkeiten ist? Bei der Parallel Vienna 2026 öffnen Karin Pliem und Maria Pavlova mit Leaps in Time and Space | Zeitensprünge Raumrochaden einen Raum, in dem Gewissheiten ins Wanken geraten. Im Otto Wagner Areal in [Wien] begegnen sich zwei malerische Positionen, die weniger danach fragen, wie unsere Welt aussieht, als danach, woran wir uns in ihr überhaupt noch orientieren können. Vom 9. bis 13. September 2026 wird Pavillon 7, Raum 015, zu einem kleinen Gedankenraum mitten im Getriebe der Kunstmesse.

Wenn Wirklichkeit ihre festen Konturen verliert

Unsere Vorstellung von Wirklichkeit beruht auf einer stillen Übereinkunft: Die Dinge sind dort, wo wir sie sehen, Vergangenheit liegt hinter uns, Zukunft vor uns – und das eigene Ich lässt sich von seiner Umgebung unterscheiden. Genau diese Sicherheit stellen Pliem und Pavlova zur Disposition.

Kurator Lucas Gehrmann setzt die gemeinsame Präsentation deshalb in einen ungewöhnlich weiten gedanklichen Horizont. Er verweist auf die Viele-Welten-Theorie der Quantenphysik und auf das Phänomen der Verschränkung: auf eine Welt, in der Beziehungen zwischen Dingen unsere vertraute Vorstellung voneinander unabhängiger Objekte herausfordern. Daneben steht Rupert Sheldrakes umstrittene Vorstellung eines „morphogenetischen Feldes“, eines unsichtbaren Zusammenhangs, in dem sich Transformationsprozesse niederschlagen.

Für die Ausstellung ist weniger entscheidend, ob man diesen Theorien folgt. Spannender ist die Frage, die daraus entsteht: Wo endet das Einzelne – und wo beginnt das Ganze?

Karin Pliem – Malerei als lebendiges Geflecht

Bei Karin Pliem scheint diese Frage unmittelbar in die Malerei hineinzuwachsen. In Morphogenetic Fields von 2025 verdichten sich Pflanzenformen, organische Strukturen und Farbe zu einem Gefüge, das dem Auge kaum einen festen Halt lässt. Man sucht nach einem Mittelpunkt – und verliert ihn wieder.

Gerade darin liegt die Kraft dieser Malerei. Natur erscheint nicht als geordnetes Gegenüber des Menschen, sondern als System permanenter Beziehungen. Eine Form berührt die nächste, etwas wächst, verwandelt sich, verschwindet beinahe und taucht an anderer Stelle wieder auf. Das Einzelne behauptet seine Schönheit und bleibt doch Teil eines größeren Zusammenhangs.

Man steht davor und versucht zunächst, Ordnung zu schaffen. Doch irgendwann gibt das Auge diesen Wunsch auf. Es beginnt zu wandern – von Blüte zu Blüte, von Farbe zu Farbe, immer tiefer hinein. Vielleicht liegt genau dort der Moment, in dem aus Betrachten ein Sich-Verlieren wird.

Der Titel Morphogenetic Fields führt zurück zu jenem Gedanken eines unsichtbaren Feldes, den Gehrmann für die Ausstellung aufgreift. Pliem braucht dafür jedoch keine wissenschaftliche Beweisführung. Ihre Malerei übersetzt die Vorstellung in eine sinnliche Erfahrung: Alles scheint mit allem verbunden.

Maria Pavlova, Rabbit does not care about Greek Tragedy, 2025, Acryl auf Leinwand, 80 × 110 cm (c) maria-pavlova.com
Maria Pavlova, Rabbit does not care about Greek Tragedy, 2025, Acryl auf Leinwand, 80 × 110 cm (c) maria-pavlova.com – Mit freundlicher Genehmigung von: LucasGehrmann / Karin Pliem & Maria Pavlova – Parallel Vienna 2026

Maria Pavlova – und plötzlich wird die Welt zur Bühne

Bei Maria Pavlova kippt die Perspektive. In Rabbit does not care about Greek Tragedy von 2025 scheint die Welt selbst zur Bühne geworden zu sein. Architektur, Figuren, Licht und Dunkelheit stehen nebeneinander wie Fragmente einer Handlung, deren Anfang wir verpasst haben – und deren Ende offenbleibt.

Pavlova erzählt keine Geschichte, die sich einfach entschlüsseln ließe. Menschen erscheinen klein gegenüber den Räumen, die sie umgeben. Eine beleuchtete Szene liegt wie ein Bild im Bild in der Dunkelheit. Nähe und Ferne, Innen und Außen geraten durcheinander. Der Betrachter sieht zu – und weiß zugleich nicht recht, von welchem Standpunkt aus.

Und dann dieser Titel: Rabbit does not care about Greek Tragedy.

Das Kaninchen kümmert sich nicht um die griechische Tragödie.

Plötzlich bekommt die ganze Szene einen leisen, beinahe absurden Humor. Was für den Menschen Drama, Schicksal und existenzielle Bedeutung besitzt, kann aus einer anderen Perspektive vollkommen bedeutungslos sein. Vielleicht ist Wirklichkeit eben niemals nur das, was geschieht. Sie hängt auch davon ab, wer hinsieht.

Zwei Malereien, ein gemeinsamer Raum

Genau hier treffen sich Pliem und Pavlova.

Die eine lässt Grenzen in einem organischen Kosmos verschwimmen, die andere verschiebt Räume, Maßstäbe und Wahrnehmung. Beide erschaffen jene imaginären „(Welt)Bühnen“, von denen Gehrmann spricht. Das einzelne Ich steht darin nicht selbstverständlich im Mittelpunkt. Es wird erst durch seine Beziehung zu allem sichtbar, was es umgibt.

So gewinnt auch der Titel „Leaps in Time and Space | Zeitensprünge Raumrochaden“ seine Bedeutung. Zeit und Raum sind hier keine stabilen Koordinaten mehr. Sie werden verschoben, ineinandergeschoben und malerisch neu zusammengesetzt.

Gerade auf einer Kunstmesse ist das bemerkenswert. Wo der Blick gewöhnlich schnell von Werk zu Werk, von Raum zu Raum und von Position zu Position wandert, verlangen Pliem und Pavlova etwas anderes: Zeit.

Vielleicht liegt darin die schönste Einladung dieses kleinen Raumes auf der Parallel Vienna. Für einige Minuten nicht danach zu fragen, was ein Bild darstellt oder welchen Platz es im Kunstbetrieb einnimmt. Sondern stehen zu bleiben und sich auf eine viel ältere Frage einzulassen:

Wo stehen wir selbst in einer Welt, in der nichts für sich allein zu existieren scheint?

Tags: Karin Pliem, Malerei, Lucas Gehrmann, Maria Pavlova, Zeitgenössische Kunst, Österreichische Künstler

Karin Pliem & Maria Pavlova
Leaps in Time and Space | Zeitensprünge Raumrochaden
Kurator: Lucas Gehrmann

Parallel Vienna 2026
Otto Wagner Areal
Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien
Pavillon 7, EG, Raum 015
9.–13. September 2026

Donnerstag und Freitag: 13:00–20:00 Uhr
Samstag und Sonntag: 11:00–20:00 Uhr