Anna Park, Try Me, 2026 – House Rules bei Lehmann Maupin New York
Anna Park, Try Me, 2026 – House Rules bei Lehmann Maupin New York – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin

Wann: 10.09.2026 - 10.10.2026

Anna Park – House Rules: Wer bestimmt die Regeln des Spiels?

Was, wenn das Versprechen vom großen Gewinn längst bestimmt, wie wir unser Leben betrachten? In „House Rules“ verwandelt Anna Park die Räume von Lehmann Maupin in New York vom 10. September bis 10. Oktober 2026 in ein nervöses Spiel zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Verführung und Kontrollverlust. Spielkarten, Jahrmarkt, Arcade Games und Las Vegas tauchen in ihren Kohlearbeiten auf – doch Park interessiert nicht das Glücksspiel an sich. Sie fragt, was mit einer Gesellschaft geschieht, wenn Erfolg nur noch bedeutet: gewinnen.

Dabei beginnt alles erstaunlich harmlos. Brettspiele, Spielautomaten und Jahrmarktattraktionen begleiten viele Menschen seit ihrer Kindheit. Sie versprechen Vergnügen und folgen zugleich einer einfachen Ordnung: Einer gewinnt, ein anderer verliert. Park erkennt darin ein Modell, das weit über das Spiel hinausreicht. Das „winning big“, jenes Versprechen vom ganz großen Treffer, das sich mit Las Vegas verbindet, wird bei ihr zum Sinnbild für den amerikanischen Traum – und für eine Vorstellung von Erfolg, die immer weniger Raum für Zwischentöne lässt.

Das Haus gewinnt

Anna Park, House Rules, 2026 – Ausstellung bei Lehmann Maupin New York
Anna Park, House Rules, 2026 – Ausstellung bei Lehmann Maupin New York – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin
Schon der Titel „House Rules“ trägt diese Spannung in sich. Es sind die Regeln des Hauses. Wer mitspielen will, muss sie akzeptieren.

Park überträgt diesen Gedanken auf das wirkliche Leben. Wer entscheidet, wann jemand erfolgreich ist? Wer bestimmt, was gesellschaftliche Anerkennung bedeutet und wer dazugehört? Und wie frei sind unsere Entscheidungen noch, wenn wir die Regeln, nach denen wir uns beurteilen, längst verinnerlicht haben?

Vielleicht schaut Park deshalb so genau hin. 1996 im südkoreanischen Daegu geboren und im US-Bundesstaat Utah aufgewachsen, kannte sie früh die Position derjenigen, die zunächst von außen beobachtet.

Die Erfahrung, sich an der Peripherie zu befinden und dadurch Erwartungen, Geschlechterrollen und soziale Codes besonders bewusst wahrzunehmen, wirkt bis heute in ihrer Kunst fort. Park lebt und arbeitet inzwischen in Brooklyn.

Bilder, die keine Ruhe geben

Ihre Kohlearbeiten scheinen sich dem Betrachter zunächst anzubieten und entziehen sich ihm im nächsten Augenblick wieder. Gesichter treten aus dunklen Flächen hervor, Körper und Gegenstände werden erkennbar, Linien verdichten sich – und plötzlich beginnt alles wieder zu zerfallen.

Das ist kein Zufall. Park beginnt ihre Arbeiten mit einem improvisierten Setzen von Zeichen und entwickelt daraus Kompositionen, die zwischen Figuration und Abstraktion schweben. Die Kohle wird dabei nicht bloß zum Material, sondern zum Träger dieser Unsicherheit: Sie lässt sich verdichten und verwischen, kann tiefstes Schwarz erzeugen und im nächsten Moment nur noch als flüchtige Spur vorhanden sein.

Das Auge versucht unwillkürlich, Ordnung herzustellen. Wir suchen ein Gesicht, eine Geschichte, einen Ausgang. Und genau damit geraten wir selbst in Parks Spiel.

Bei Lucky You von 2026 wird bereits der Titel zur Verlockung.

Anna Park, Lucky You, 2026 – House Rules bei Lehmann Maupin New York
Anna Park, Lucky You, 2026 – House Rules bei Lehmann Maupin New York – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin
„Du Glücklicher“ – oder vielleicht: „Glück gehabt“. Doch das Werk schenkt dem Betrachter keine Gewissheit. Ein großer Pfeil scheint eine Richtung vorzugeben, während sich die übrige Bildwelt jeder eindeutigen Lesbarkeit widersetzt. Ausgerechnet dort, wo ein Zeichen Orientierung verspricht, beginnt die Unsicherheit.

Vielleicht ist Glück genau dieser kurze Augenblick, in dem wir glauben, die richtige Richtung erkannt zu haben. Der Pfeil zeigt irgendwohin. Wir folgen ihm mit den Augen. Doch Anna Park verrät uns nicht, ob dort tatsächlich etwas zu gewinnen ist.

Versuch es noch einmal

Noch unmittelbarer wird dieses Prinzip in Try Me. Eine weibliche Figur tritt aus einer unruhigen Welt hervor, eingerahmt von den Zeichen einer Spielkarte. Unten stehen jene beiden Worte, die gleichzeitig Einladung und Herausforderung sein können: „Try Me“.

Anna Park, Try Me, 2026 – House Rules bei Lehmann Maupin New York
Anna Park, Try Me, 2026 – House Rules bei Lehmann Maupin New York – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin
Park spielt hier mit einer Mechanik, die jeder kennt. Noch einmal versuchen. Noch eine Runde. Vielleicht klappt es diesmal.

„Try me.“ Versuch es. Zunächst klingt es verführerisch, beinahe spielerisch. Doch je länger man hinsieht, desto weniger sicher wird, wer hier eigentlich wen herausfordert. Das Bild uns – oder wir das Glück?

Darin liegt die Stärke von Parks Bildwelt. Sie übernimmt die Sprache der Unterhaltung, der Spiele und der populären Kultur, aber sie nimmt ihnen ihre Unschuld. Hinter dem Vergnügen erscheint der Erwartungsdruck, hinter der Chance das Risiko und hinter dem Wunsch zu gewinnen die Möglichkeit des Scheiterns.

Wenn die Welt auseinanderbricht

Formal verstärkt Park dieses Gefühl durch eine Bildsprache, in der nichts vollkommen stabil bleibt. Die Galerie verweist auf die Energie der Graphic Novel und die radikale Fragmentierung des Kubismus. Tatsächlich scheinen in Parks Arbeiten unterschiedliche Momente gleichzeitig stattzufinden. Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder, Formen überlagern einander, Bewegungen scheinen sich zu beschleunigen.

Wie schnell etwas, das selbstverständlich und dauerhaft erscheint, seinen Platz verändern kann, zeigt sich derzeit auch außerhalb von Parks Bildern. In Deutschland verlassen Werke, die über Jahre als Dauerleihgaben in Museen zu sehen waren, ihren vertrauten öffentlichen Raum und kehren auf den Kunstmarkt zurück. Eine ganz andere Geschichte – und doch berührt sie dieselbe Frage nach Beständigkeit, Veränderung und dem, was wir für sicher gehalten haben. → Wenn Kunst das Museum verlässt: Lempertz versteigert die Sammlung des Kulturkreises

Doch diese Zersplitterung ist mehr als ein Stilmittel. Sie passt zu einer Gegenwart, die Park als überbelichtet und ihrer selbst permanent bewusst begreift: eine Welt voller Bilder, Reize und Erwartungen, in der der Einzelne ständig beobachten kann, wie andere leben, aussehen und scheinbar gewinnen.

Das Schwarz-Weiß ihrer Arbeiten verschärft diesen Eindruck. Nichts lenkt durch Farbe ab. Kohle bleibt körperlich, schmutzig und verletzlich. Jede Verwischung erinnert daran, dass das Bild aus Berührungen entstanden ist. Wo die Formen verschwimmen, bleibt die Spur ihrer Entstehung sichtbar.

Anna Park in ihrem Atelier in Brooklyn – Künstlerin der Ausstellung House Rules 2026
Anna Park in ihrem Atelier in Brooklyn – Künstlerin der Ausstellung House Rules 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin

Der Blick von außen

Damit kehrt House Rules zu einer Erfahrung zurück, die Parks Werk seit Langem prägt: dem Beobachten.

Wer am Rand steht, sieht manchmal deutlicher, nach welchen Regeln sich die anderen bewegen. Aus dieser Perspektive entwickelt Park ihre Szenen von innerem Konflikt, Scham, Sehnsucht, Wachstum und Vergänglichkeit. Amerikanische Archetypen und Bilder der Populärkultur werden dabei nicht zur nostalgischen Kulisse, sondern zu Zeichen einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern unablässig erzählt, was Erfolg sein soll.

Und vielleicht ist deshalb ausgerechnet der Titel „House Rules“ die stärkste Pointe der Ausstellung. Denn Anna Park erzählt nicht nur von Spielen, Las Vegas oder dem Wunsch nach dem großen Gewinn. Sie macht sichtbar, wie selbstverständlich wir Regeln akzeptieren, die andere längst für uns aufgestellt haben.

Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob wir gewinnen können, als eine andere: Wer hat eigentlich entschieden, welches Spiel wir spielen?

Tags: Anna Park, Zeitgenössische Kunst, Zeichnung, amerikanischer Künstler, Gegenwartskunst, Kohlezeichnungen

Anna Park – House Rules
Lehmann Maupin
501 West 24th Street, New York, NY 10011
10. September – 10. Oktober 2026
Dienstag–Samstag, 10:00–18:00 Uhr