In Sicilia (2024–2026) erscheint ein Mann mit Baseballkappe vor einem zurückhaltend blaugrauen Hintergrund. Sein Gesicht liegt teilweise im Schatten. Die Augen bleiben verborgen, während die untere Gesichtshälfte deutlich hervortritt.
Die Baseballkappe, ein vertrautes Zeichen unserer Gegenwart, wird hier zum Mittel der Anonymisierung. Der Mann könnte uns auf der Straße begegnen, doch im Bild bleibt er ein Fremder.
Bards Umgang mit Licht und Dunkelheit erinnert an die Tradition des Chiaroscuro, jener Hell-Dunkel-Malerei, die seit der Renaissance und insbesondere im Barock zur dramatischen Inszenierung von Figuren eingesetzt wurde. Doch bei Bard ist die Dunkelheit weit mehr als ein Mittel zur Erzeugung dramatischer Kontraste. Sie bildet den Ausgangspunkt seiner Malerei.
François Bard entwickelt seine Figuren aus der Dunkelheit heraus. Auf einem dunklen Malgrund setzt er zunehmend hellere Farbschichten, bis Gesichter, Hände und Körper allmählich sichtbar werden. Das Licht scheint die Gestalten nicht nur zu beleuchten, sondern sie überhaupt erst entstehen zu lassen. Was im Schatten verborgen bleibt, ist dabei ebenso bedeutend wie das Sichtbare.
Während das Licht in der klassischen Malerei häufig eine Handlung verdeutlicht oder einen entscheidenden Moment hervorhebt, verstärkt es bei Bard die Ungewissheit. Seine Figuren treten aus dem Dunkel hervor, ohne ihre Identität vollständig preiszugeben.
Die sichtbaren Farbschichten und die stellenweise aufgelösten Konturen verleihen den Gemälden eine zusätzliche zeitliche Dimension. Es entsteht der Eindruck, als würden Erinnerungen auftauchen, verblassen und sich immer wieder neu zusammensetzen. So wird das Licht selbst zum Ausdruck jener flüchtigen Grenze zwischen Erinnerung und Vergessen, an der Bards Figuren ihre geheimnisvolle Präsenz entfalten.
François Bard – Zwischen klassischer Malerei und moderner Bildwelt
François Bard wurde 1959 in Frankreich geboren. Er studierte an der École nationale supérieure des Beaux-Arts in Paris und war von 1988 bis 1990 Stipendiat der Casa de Velázquez. 1990 erhielt er den Prix Belmondo.
Seine Malerei verbindet die Tradition der europäischen figurativen Kunst mit einer zeitgenössischen Bildsprache, die auch von Fotografie und Film geprägt ist.
Die dramatische Lichtführung erinnert an die großen Meister des 16. und 17. Jahrhunderts. Gleichzeitig verweisen die alltäglichen Kleidungsstücke, die angeschnittenen Gesichter und die ungewöhnlichen Perspektiven auf eine Gegenwart, in der Menschen und Bilder allgegenwärtig sind, ihre Geschichten jedoch häufig verborgen bleiben.
In dieser Spannung zwischen klassischer Maltradition und moderner Wahrnehmung entwickelt Bard eine unverwechselbare künstlerische Handschrift.
Un soleil immense – Eine Ausstellung über das Unsichtbare
Mit „Un soleil immense“ präsentiert die Opera Gallery Paris eine Auswahl jüngerer Arbeiten, in denen François Bard seine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Vergänglichkeit und der menschlichen Existenz fortsetzt.
Seine Bilder verlangen keine kunsthistorischen Vorkenntnisse. Sie beginnen mit vertrauten Motiven und führen den Betrachter zu Fragen, die weit über das Sichtbare hinausreichen.
Vielleicht liegt darin die besondere Aktualität seiner Malerei: In einer Zeit, in der Bilder in unendlicher Geschwindigkeit entstehen und wieder verschwinden, hält Bard einzelne Augenblicke fest und gibt ihnen ihre Bedeutung zurück.
Seine Kunst erinnert daran, dass ein Bild nicht alles zeigen muss, um uns etwas über das menschliche Leben zu erzählen.