Erna Rosenstein, Die Verbrennung der Hexe, 1966  Zachęta – National Gallery of Art, Warsaw  The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein, Die Verbrennung der Hexe, 1966 Zachęta – National Gallery of Art, Warsaw The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

Wann: 03.07.2026 - 10.01.2027

Erna Rosenstein im Belvedere – Wenn Erinnerungen zu Bildern werden

Ein glühendes Rot, schreiende Gesichter und Körper, die sich in rätselhafte Formen verwandeln: Die Bilder von Erna Rosenstein lassen niemanden unberührt. Mit der Ausstellung „Erna Rosenstein. Jenseits der Stille“ zeigt das Untere Belvedere in Wien bis zum 10. Jänner 2027 eine Künstlerin, die für das Unaussprechliche eine eigene Bildsprache fand.

Warum malte Erna Rosenstein so?

1942 wurden ihre Eltern auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung ermordet. Rosenstein selbst überlebte verletzt und unter wechselnden Identitäten. Was sie erlebt hatte, ließ sie auch nach Kriegsende nicht los.

Doch wie malt man Erinnerungen, für die es keine Worte gibt?

Rosenstein suchte keine wirklichkeitsgetreue Darstellung des Geschehenen. Sie ließ Körper zerfallen, verwandelte Gesichter in rätselhafte Gestalten und schuf Bildwelten, in denen Vergangenheit, Traum und Gegenwart ineinanderfließen.

Ihre Malerei wurde zu einem Ort, an dem Erinnerungen weiterleben konnten, ohne dass sie diese immer wieder unmittelbar erzählen musste.

„Getto“, 1946 – Wenn die Erinnerung noch unmittelbar ist

 Erna Rosenstein, Ghetto, 1946  National Museum in Poznań Digital Photography Studio at the National Museum Poznań  The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein, Ghetto, 1946 National Museum in Poznań Digital Photography Studio at the National Museum Poznań The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

An einer Laterne hängt der schlaffe Körper eines Mannes, dahinter liegt ein weiterer Toter. In der Mitte schreit eine Frau vor Schmerz, während sie zwei leblose Kinder in ihren Armen hält. Rechts hebt eine weitere Frau verzweifelt die Hände zum Kopf. Ihr weit geöffneter Mund scheint einen Schrei auszustoßen, der das gesamte Bild durchdringt.

Links, hinter der Laterne, sitzt ein Mädchen mit gesenktem Kopf. Neben ihr liegen weitere leblose Körper. Rechts ist ein Kind zu erkennen, dessen Kopf vom Körper getrennt erscheint. Im Vordergrund liegt ein weiterer abgetrennter Kopf, dessen Mund blutrot gefärbt ist. Die Figuren sind von einer großen, blutroten Fläche umgeben.

Das 1946 entstandene Gemälde „Getto“ gehört zu Rosensteins frühen Arbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch sind die menschlichen Gestalten erkennbar, doch ihre Körper wirken verzerrt, ihre Gesichter von Schmerz gezeichnet. Rosenstein zeigt keine geordnete Szene, sondern eine Welt, in der Gewalt jede menschliche Sicherheit zerstört hat.

Vor diesem Bild bleibt der Blick an den beiden Kindern in den Armen der schreienden Mutter hängen. Man sucht nach einem Zeichen von Leben, nach einer Bewegung, nach jemandem, der helfen könnte. Doch die Stille der leblosen Körper und die verzweifelten Schreie der Überlebenden lassen keinen Trost zu. Es ist ein Bild, das nicht nur vom Tod erzählt, sondern auch von dem unermesslichen Schmerz derer, die zurückbleiben.

„Denkmäler“, 1955 – Was bleibt von einem Menschen?

 Erna Rosenstein, Denkmäler, 1955  National Museum in Warsaw  The Estate of Erna Rosenstein – courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein, Denkmäler, 1955 National Museum in Warsaw The Estate of Erna Rosenstein – courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

In „Denkmäler“ ragen drei Knochen aus einer unwirklichen Landschaft empor. Der linke endet in einem verzerrten menschlichen Kopf mit weit geöffnetem Mund, der mittlere in einer kleinen, abstrakten Gestalt. Der dritte Knochen schließt mit einer gelenkartigen Verdickung ab.

Vor dem leuchtend roten Himmel wirken sie wie Überreste einer vergangenen Welt. Sind es Denkmäler für Menschen, die nicht mehr da sind? Oder Gestalten, deren Stimmen noch immer gehört werden wollen?

Rosenstein gibt keine eindeutige Antwort. Doch gerade darin liegt die Kraft des Gemäldes: Die menschliche Figur ist zu einem Zeichen geworden, das die Erinnerung an etwas Verlorenes bewahrt.

„Die Verbrennung der Hexe“, 1966 – Eine Welt in Flammen

Ein intensives Rot beherrscht die Leinwand. Organische Formen verschlingen sich, dunkle Linien durchziehen das Bild, und eine große blaugraue Fläche öffnet sich zwischen den rätselhaften Gebilden.

Wo ist die Hexe? Wer wird hier verbrannt?

Rosenstein lässt die Antwort offen. Der Titel weckt Vorstellungen von Verfolgung und Gewalt, doch die Gestalten entziehen sich einer eindeutigen Deutung.

Man sucht nach einem Gesicht, nach einem Körper, nach einem Menschen. Doch alles scheint sich in Farbe und Bewegung aufzulösen. Was bleibt, ist das Gefühl, dass hier etwas geschieht, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

Jenseits der Stille – Die Freiheit der Fantasie

 Erna Rosenstein, Jenseits der Stille, 1962  National Museum in Warsaw  The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein, Jenseits der Stille, 1962 National Museum in Warsaw The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

Rosensteins Bilder erzählen jedoch nicht ausschließlich von Verlust und Schmerz. Auch Humor, spielerische Verwandlungen und die Freude am Experimentieren gehören zu ihrem Werk.

Sie malte fantastische Landschaften, verwandelte alltägliche Gegenstände in ungewöhnliche Wesen und ließ aus scheinbar bedeutungslosen Dingen neue Welten entstehen.

Die Ausstellung im Unteren Belvedere versammelt rund 80 Gemälde, Zeichnungen und Assemblagen aus mehr als sechs Jahrzehnten.

Sie zeigt eine Künstlerin, die ihre Erinnerungen nicht hinter sich lassen konnte, ihnen aber immer wieder neue Formen gab.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft ihrer Kunst: Erna Rosenstein zeigt nicht nur, was ein Mensch verlieren kann, sondern auch, was seine Vorstellungskraft trotz allem zu bewahren vermag.

Ein Blick in die Vergangenheit, der uns heute etwas zu sagen hat

 Erna Rosenstein  Foto: Tadeusz Rolke, Agencja Gazeta  The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein Foto: Tadeusz Rolke, Agencja Gazeta The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere
Erna Rosenstein malte „Getto“ 1946, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Was sie auf der Leinwand festhielt, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte. Doch wer heute vor diesem Gemälde steht, blickt nicht nur auf eine längst vergangene Zeit.

Auch in unserer Gegenwart verlieren Menschen durch Krieg, Verfolgung und Gewalt ihr Leben. Kinder werden aus ihrer Kindheit gerissen, Familien auseinandergerissen, Mütter trauern um ihre Söhne und Töchter. Die Orte und Umstände mögen andere sein, doch das menschliche Leid ist geblieben.

Gerade deshalb sollte uns diese Ausstellung zu denken geben. Sie erinnert daran, wohin Hass, Ausgrenzung und die Entmenschlichung anderer führen können. Was wir heute als Geschichte betrachten, darf uns nicht gleichgültig werden, wenn sich vergleichbares Leid vor unseren Augen erneut ereignet.

Vielleicht liegt darin die tiefste Bedeutung von Rosensteins Kunst: Ihre Bilder bewahren nicht nur die Erinnerung an jene, die ihr Leben verloren haben. Sie fordern uns auf, auch heute hinzusehen, wo Menschen leiden, und nicht zu vergessen, dass hinter jedem Opfer ein Mensch steht, dessen Leben ebenso wertvoll ist wie unser eigenes.

Tags: Nachkriegskunst, Erna Rosenstein, Malerei, Surrealismus, Zeitgenössische Kunst

Täglich von 10 bis 18 Uhr.