Acht Jahre nach der „Brooklyn Bridge“ begegnen wir einer anderen Bildsprache.
Ein Vogel breitet seine Flügel aus. Sein Körper ist aus feinen, sich überlagernden Flächen aufgebaut. Die Flügel erscheinen mehrfach unterteilt, als würden wir verschiedene Phasen ihres Schlags gleichzeitig sehen.
Doch anders als in den frühen Arbeiten drängen sich die Formen nicht mehr dicht aneinander.
Die Farbigkeit ist zurückhaltend. Helle Grau-, Beige- und Brauntöne bestimmen das Bild. Der Hintergrund bleibt weitgehend leer.
Während die „Kinetische Figur“ von 1927 beinahe vor Bewegung zu bersten scheint, wirkt dieser Vogel ruhig und leicht. Man könnte meinen, er würde lautlos durch die Luft gleiten.
Klien hat ihre frühere Vorstellung von Bewegung nicht aufgegeben. Auch hier überlagern sich einzelne Formen, auch hier werden unterschiedliche Bewegungsphasen in einem einzigen Bild zusammengeführt.
Doch die Bewegung erscheint nicht mehr als dichtes, beinahe unüberschaubares Geschehen. Sie ist zu einem fein abgestimmten Rhythmus geworden.
Vielleicht liegt gerade in diesem Gegensatz eine interessante Entwicklung ihres Werks: Was früher durch die Vielzahl der Formen sichtbar wurde, kann nun auch durch ihre Reduktion entstehen.
Eine Künstlerin zwischen Bewegung, Großstadt und Fantasie
Erika Giovanna Klien wurde 1900 geboren und studierte an der Wiener Kunstgewerbeschule. Dort entwickelte sich in den frühen 1920er-Jahren der Wiener Kinetismus, der die Bewegung und den Rhythmus der sichtbaren Welt in den Mittelpunkt stellte.
1929 ging Klien nach New York, wo sie als Kunstpädagogin arbeitete. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit beschäftigte sie sich weiterhin mit Theater, Tanz und der schöpferischen Ausdruckskraft von Kindern.
Ihre Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich Bewegung wahrgenommen werden kann: als Tanz eines Menschen, als Rotation einer Maschine, als räumliche Spannung einer Brücke oder als Flügelschlag eines Vogels.
Die Ausstellung im Unteren Belvedere macht sichtbar, welche Themen Klien über Jahrzehnte hinweg beschäftigten und wie sie diese immer wieder neu interpretierte.
Alles ist Bewegung – Auch unser Blick auf die Welt
Vielleicht sind es gerade die frühen Arbeiten Erika Giovanna Kliens, die uns heute besonders unmittelbar ansprechen.
Ihre Tänzerinnen, die ineinander verschlungenen Körper und die sich auflösenden Maschinen besitzen eine Energie, der man sich nur schwer entziehen kann.
Doch wer ihre späteren Arbeiten betrachtet, entdeckt eine andere Möglichkeit, Bewegung darzustellen.
Ein Vogel braucht keine Vielzahl ineinander verschlungener Körper, um uns das Gefühl des Fliegens zu vermitteln. Manchmal genügen wenige Linien und fein abgestimmte Flächen.
Klien zeigt uns damit, dass Bewegung nicht nur dort existiert, wo etwas schnell, laut oder unruhig erscheint. Sie kann ebenso in einem scheinbar stillen Augenblick verborgen liegen.
Vielleicht ist das die eigentliche Entdeckung dieser Ausstellung: Nicht die Bilder bewegen sich. Es ist unser Blick, den Erika Giovanna Klien in Bewegung versetzt.
Eine Künstlerin zwischen Bewegung, Großstadt und Fantasie