Erika Giovanna Klien, Kopf einer Tänzerin (Erwachen), 1923  Sammlung Pabst, Wien
Erika Giovanna Klien, Kopf einer Tänzerin (Erwachen), 1923 Sammlung Pabst, Wien – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

Wann: 18.09.2026 - 31.01.2027

Erika Giovanna Klien im Belvedere – Wenn Bilder in Bewegung geraten

Ein Gesicht, das sich in mehrere Gesichter verwandelt. Augen, die aus unterschiedlichen Richtungen blicken. Ein Körper, der sich in geometrische Formen aufzulösen scheint. Wer Erika Giovanna Kliens „Kopf einer Tänzerin (Erwachen)“ von 1923 betrachtet, sieht keinen gewöhnlichen Menschen. Man sieht Bewegung, obwohl das Bild vollkommen stillsteht.

Mit der Ausstellung „Erika Giovanna Klien. Alles ist Bewegung“ zeigt das Untere Belvedere in Wien vom 18. September 2026 bis zum 31. Jänner 2027 eine Künstlerin, die sich mit einer grundlegenden Frage beschäftigte: Wie lässt sich eine Welt malen, die niemals stillsteht?

Erika Giovanna Klien (1900–1957) gehörte zu den bedeutendsten Vertretern des Wiener Kinetismus. Doch ihre Kunst erschöpft sich nicht in der Darstellung von Geschwindigkeit. Sie versuchte, Bewegung selbst zu einer neuen Bildsprache zu machen.

„Kopf einer Tänzerin (Erwachen)“, 1923 – Ein Gesicht beginnt sich zu bewegen

Ein grünes Auge blickt nach links, ein anderes scheint sich gerade erst zu öffnen. Dazwischen verschieben sich Nase, Mund und Wangen. Die einzelnen Gesichtspartien sind in geometrische Flächen zerlegt, die sich überlagern und ineinander verschieben.

Wo beginnt das Gesicht? Wo endet es?

Klien zeigt die Tänzerin nicht aus einer einzigen Perspektive. Mehrere Ansichten scheinen gleichzeitig sichtbar zu werden. Das Gesicht verändert sich vor unseren Augen, als würden wir die Bewegung des Kopfes in aufeinanderfolgenden Augenblicken erleben.

Die grünen und türkisfarbenen Flächen werden von warmen Gelb- und Rottönen durchbrochen. Augen, Nase und Mund sind noch zu erkennen, doch sie gehören nicht mehr zu einem unbeweglichen Gesicht.

Vielleicht liegt gerade darin das Faszinierende dieses Bildes: Die Tänzerin muss sich nicht tatsächlich bewegen. Ihre Bewegung entsteht in unserer Wahrnehmung.

Klien hält keinen einzelnen Augenblick fest. Sie verbindet mehrere Augenblicke zu einem einzigen Bild.

„Kinetische Figur“, 1927 – Wenn ein Körper seine feste Form verliert

 Erika Giovanna Klien, Kinetische Figur, 1927
Erika Giovanna Klien, Kinetische Figur, 1927 – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

Vier Jahre später geht Klien noch einen Schritt weiter.

In ihrer „Kinetischen Figur“ überlagern sich Gesichter, Arme, Hände und Beine. Die Körper scheinen sich zu drehen, zu strecken und ineinanderzuschieben.

Ein Arm wird sichtbar, verschwindet hinter einer anderen Form und taucht an einer neuen Stelle wieder auf. Gesichter erscheinen mehrfach, als würden wir verschiedene Phasen einer Bewegung gleichzeitig betrachten.

Die warmen Orange- und Rosatöne verbinden sich mit blauen und violetten Flächen zu einem dichten Geflecht. Man sucht nach dem Anfang einer Bewegung und findet keinen. Kaum hat das Auge eine menschliche Gestalt erfasst, wird sie von einer anderen überlagert.

Hier wird deutlich, weshalb Klien die traditionelle Darstellung des menschlichen Körpers nicht mehr genügte. Ein Körper, der sich bewegt, verändert fortwährend seine Erscheinung.

Um diese Veränderung sichtbar zu machen, musste sie auch die gewohnte Form des Körpers aufbrechen.

„Klessheimer Sendbote: Tango-Traum“, 1927 – Zwischen Wirklichkeit und Traum

Erika Giovanna Klien, Klessheimer Sendbote: Tango-Traum, Mai 1927 Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Wien
Erika Giovanna Klien, Klessheimer Sendbote: Tango-Traum, Mai 1927 Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst Wien – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

Eine ganz andere Seite ihrer Kunst zeigt Erika Giovanna Klien im „Klessheimer Sendboten: Tango-Traum“ von 1927. Die Zeichnung erzählt eine kleine Geschichte voller Bewegung, Fantasie und Lebensfreude.

Links oben kündigt ein Schneemann mit Zylinder den Wetterbericht an. Daneben lehnt eine Frau mit geschlossenen Augen, eine Zigarette im Mund, entspannt auf einer Liege. In ihrer erhobenen Hand hält sie einen langen Stab mit einer Blume, während über ihr ein kleiner Vogel auf einem Zweig sitzt.

Gleich daneben tanzt ein Paar Tango. Ihre Körper überlagern sich, Arme und Beine scheinen mehrere Bewegungen gleichzeitig auszuführen. Klien lässt den Tanz beinahe vor unseren Augen lebendig werden.

Im Hintergrund verdichten sich Häuserfassaden und geometrische Linien zu einer pulsierenden Großstadt. Die Szene erinnert an das Lebensgefühl der Goldenen Zwanzigerjahre, an Musik, Tanz und eine Welt voller neuer Eindrücke.

Doch im unteren Bildbereich wird es plötzlich still.

Eine Frau liegt ausgestreckt auf einer Couch. Ihre Augen sind geschlossen, eine Zigarette steckt in ihrem Mund, in der Hand hält sie einen Brief. Während über ihr das Leben pulsiert und ein Paar Tango tanzt, scheint sie in ihre eigene Gedankenwelt versunken zu sein.

Träumt sie von einem vergangenen Abend? Von einer Begegnung, die sie nicht vergessen kann? Oder hat der Brief in ihrer Hand ihre Fantasie auf eine Reise geschickt?

Klien lässt diese Fragen offen. Sie verbindet die Bewegung des Tanzes mit der Stille eines träumenden Menschen und schafft eine Szene, in der Wirklichkeit und Vorstellung ineinanderfließen.

Vielleicht ist der Tango, den wir sehen, gar kein Tanz, der gerade stattfindet. Vielleicht ist er nur der Traum einer Frau, die mit geschlossenen Augen auf ihrer Couch liegt.

„Lokomotive“, 1925 – Die Geschwindigkeit der modernen Welt

Erika Giovanna Klien, Lokomotive, 1925 Yale University Art Gallery, Gift of the Estate of Katherine S. Dreier
Erika Giovanna Klien, Lokomotive, 1925 Yale University Art Gallery, Gift of the Estate of Katherine S. Dreier – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

Nicht nur Menschen, auch Maschinen faszinierten Klien.

In ihrer „Lokomotive“ von 1925 überlagern sich Räder, Achsen, Kolben und geometrische Formen. Die einzelnen Bestandteile einer Maschine sind erkennbar, doch sie fügen sich nicht zu einer gewöhnlichen Ansicht einer Lokomotive zusammen.

Die Räder scheinen sich zu drehen, während sich die technischen Bauteile in unterschiedliche Richtungen verschieben.

Man sieht keine Lokomotive, die durch eine Landschaft fährt. Stattdessen scheint man unmittelbar in das Innere ihrer Bewegung zu blicken.

Klien interessiert sich nicht allein dafür, wie eine Maschine aussieht, sondern dafür, wie ihre Teile zusammenwirken.

Was beim menschlichen Körper durch Gesten und Haltungen sichtbar wurde, verwandelt sich hier in ein Zusammenspiel von Kreisen, Linien und mechanischen Formen.

„Brooklyn Bridge“, 1931 – Wenn eine Brücke ihre feste Gestalt verliert

 Erika Giovanna Klien, Brooklyn Bridge, 1931  Yale University Art Gallery, Gift of the Estate of Katherine S. Dreier
Erika Giovanna Klien, Brooklyn Bridge, 1931 Yale University Art Gallery, Gift of the Estate of Katherine S. Dreier – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

1929 übersiedelte Erika Giovanna Klien nach New York. Dort begegnete sie einer Großstadt, deren Architektur, Verkehr und technische Dynamik neue Eindrücke boten.

In ihrer „Brooklyn Bridge“ von 1931 verwandelt sie eines der bekanntesten Bauwerke New Yorks in ein beinahe abstraktes Geflecht.

Stahlträger, Brückenpfeiler und gespannte Seile überschneiden sich. Die Linien laufen in unterschiedliche Richtungen, während sich die architektonischen Formen gegenseitig durchdringen.

Der Blick findet keinen festen Standpunkt.

Die Brücke scheint sich aufzurichten, auseinanderzufalten und gleichzeitig in die Tiefe zu bewegen.

Dabei ist eine Brücke eigentlich ein Sinnbild für Stabilität. Sie wurde gebaut, um Lasten zu tragen und Menschen sicher von einem Ufer zum anderen zu bringen.

Klien zeigt jedoch keine ruhende Konstruktion. Sie macht die Kräfte sichtbar, die wir beim gewöhnlichen Betrachten eines Bauwerks kaum wahrnehmen: Spannung, Richtung, räumliche Tiefe und das Zusammenspiel seiner einzelnen Bestandteile.

Gerade diese Zeichnung zeigt, wie weit Klien ihre Vorstellung von Bewegung entwickelt hatte. Selbst eine unbewegliche Architektur wird in ihrer zeichnerischen Darstellung zu einem dynamischen Erlebnis.

„Diving Bird“, 1939 – Wenn Bewegung leicht wird

 Erika Giovanna Klien, Diving Bird, 1939  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Erika Giovanna Klien, Diving Bird, 1939 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere

Acht Jahre nach der „Brooklyn Bridge“ begegnen wir einer anderen Bildsprache.

Ein Vogel breitet seine Flügel aus. Sein Körper ist aus feinen, sich überlagernden Flächen aufgebaut. Die Flügel erscheinen mehrfach unterteilt, als würden wir verschiedene Phasen ihres Schlags gleichzeitig sehen.

Doch anders als in den frühen Arbeiten drängen sich die Formen nicht mehr dicht aneinander.

Die Farbigkeit ist zurückhaltend. Helle Grau-, Beige- und Brauntöne bestimmen das Bild. Der Hintergrund bleibt weitgehend leer.

Während die „Kinetische Figur“ von 1927 beinahe vor Bewegung zu bersten scheint, wirkt dieser Vogel ruhig und leicht. Man könnte meinen, er würde lautlos durch die Luft gleiten.

Klien hat ihre frühere Vorstellung von Bewegung nicht aufgegeben. Auch hier überlagern sich einzelne Formen, auch hier werden unterschiedliche Bewegungsphasen in einem einzigen Bild zusammengeführt.

Doch die Bewegung erscheint nicht mehr als dichtes, beinahe unüberschaubares Geschehen. Sie ist zu einem fein abgestimmten Rhythmus geworden.

Vielleicht liegt gerade in diesem Gegensatz eine interessante Entwicklung ihres Werks: Was früher durch die Vielzahl der Formen sichtbar wurde, kann nun auch durch ihre Reduktion entstehen.

Eine Künstlerin zwischen Bewegung, Großstadt und Fantasie

Erika Giovanna Klien wurde 1900 geboren und studierte an der Wiener Kunstgewerbeschule. Dort entwickelte sich in den frühen 1920er-Jahren der Wiener Kinetismus, der die Bewegung und den Rhythmus der sichtbaren Welt in den Mittelpunkt stellte.

1929 ging Klien nach New York, wo sie als Kunstpädagogin arbeitete. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit beschäftigte sie sich weiterhin mit Theater, Tanz und der schöpferischen Ausdruckskraft von Kindern.

Ihre Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich Bewegung wahrgenommen werden kann: als Tanz eines Menschen, als Rotation einer Maschine, als räumliche Spannung einer Brücke oder als Flügelschlag eines Vogels.

Die Ausstellung im Unteren Belvedere macht sichtbar, welche Themen Klien über Jahrzehnte hinweg beschäftigten und wie sie diese immer wieder neu interpretierte.

Alles ist Bewegung – Auch unser Blick auf die Welt

Vielleicht sind es gerade die frühen Arbeiten Erika Giovanna Kliens, die uns heute besonders unmittelbar ansprechen.

Ihre Tänzerinnen, die ineinander verschlungenen Körper und die sich auflösenden Maschinen besitzen eine Energie, der man sich nur schwer entziehen kann.

Doch wer ihre späteren Arbeiten betrachtet, entdeckt eine andere Möglichkeit, Bewegung darzustellen.

Ein Vogel braucht keine Vielzahl ineinander verschlungener Körper, um uns das Gefühl des Fliegens zu vermitteln. Manchmal genügen wenige Linien und fein abgestimmte Flächen.

Klien zeigt uns damit, dass Bewegung nicht nur dort existiert, wo etwas schnell, laut oder unruhig erscheint. Sie kann ebenso in einem scheinbar stillen Augenblick verborgen liegen.

Vielleicht ist das die eigentliche Entdeckung dieser Ausstellung: Nicht die Bilder bewegen sich. Es ist unser Blick, den Erika Giovanna Klien in Bewegung versetzt.

Eine Künstlerin zwischen Bewegung, Großstadt und Fantasie

 Porträt Erika Giovanna Klien, 1925/26  © Sammlung Pabst
Porträt Erika Giovanna Klien, 1925/26 © Sammlung Pabst – Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere / Unteres Belvedere
Erika Giovanna Klien wurde 1900 geboren und studierte an der Wiener Kunstgewerbeschule. Dort entwickelte sich in den frühen 1920er-Jahren der Wiener Kinetismus, der die Bewegung und den Rhythmus der sichtbaren Welt in den Mittelpunkt stellte.

1929 ging Klien nach New York, wo sie als Kunstpädagogin arbeitete. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit beschäftigte sie sich weiterhin mit Theater, Tanz und der schöpferischen Ausdruckskraft von Kindern.

Ihre Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich Bewegung wahrgenommen werden kann: als Tanz eines Menschen, als Rotation einer Maschine, als räumliche Spannung einer Brücke oder als Flügelschlag eines Vogels.

Die Ausstellung im Unteren Belvedere macht sichtbar, welche Themen Klien über Jahrzehnte hinweg beschäftigten und wie sie diese immer wieder neu interpretierte.

Alles ist Bewegung – Auch unser Blick auf die Welt

Vielleicht sind es gerade die frühen Arbeiten Erika Giovanna Kliens, die uns heute besonders unmittelbar ansprechen.

Ihre Tänzerinnen, die ineinander verschlungenen Körper und die sich auflösenden Maschinen besitzen eine Energie, der man sich nur schwer entziehen kann.

Doch wer ihre späteren Arbeiten betrachtet, entdeckt eine andere Möglichkeit, Bewegung darzustellen.

Ein Vogel braucht keine Vielzahl ineinander verschlungener Körper, um uns das Gefühl des Fliegens zu vermitteln. Manchmal genügen wenige Linien und fein abgestimmte Flächen.

Klien zeigt uns damit, dass Bewegung nicht nur dort existiert, wo etwas schnell, laut oder unruhig erscheint. Sie kann ebenso in einem scheinbar stillen Augenblick verborgen liegen.

Vielleicht ist das die eigentliche Entdeckung dieser Ausstellung: Nicht die Bilder bewegen sich. Es ist unser Blick, den Erika Giovanna Klien in Bewegung versetzt.

Und vielleicht finden wir uns selbst in ihrem „Tango-Traum“ wieder – mitten in der Gegenwart, während wir mit geschlossenen Augen von unserem eigenen Tango-Traum träumen.

Tags: Erika Giovanna Klien, Kinetismus, Moderne Kunst, 20er Jahre, Zeichnungen

Täglich von 10 bis 18 Uhr.