Roy Lichtenstein, Girl in Window (Study for World's Fair Mural), 1963 – Whitney Museum of American Art
Roy Lichtenstein, Girl in Window (Study for World's Fair Mural), 1963 – Whitney Museum of American Art – Mit freundlicher Genehmigung von: whitney.org / Whitney Museum

Wann: 11.10.2026 - 10.05.2027

Roy Lichtenstein: Like New – Wie Bilder übernommen, wiederholt und verändert werden

Roy Lichtenstein schuf einige der bekanntesten Bilder der Pop Art. Doch hinter den Rasterpunkten, kräftigen Konturen und Motiven aus Comics und Werbung beschäftigte ihn eine Frage, die heute beinahe aktueller erscheint als zu seiner Zeit: Was geschieht mit einem Bild, wenn es übernommen, wiederholt und verändert wird?

Und dann ist da dieses Lächeln, die verführerischen Lippen, das leuchtende Rot der Haare, die gelbe Bluse, die Arme überkreuzt auf der Fensterbank abgestützt – eine beinahe perfekte Pin-up-Schönheit. Doch für einen Augenblick scheint all die Theorie über Pop Art, Rasterpunkte und reproduzierte Bilder nebensächlich. Man schaut sie an und lächelt beinahe unwillkürlich zurück.

Das Whitney Museum of American Art in New York widmet dem amerikanischen Künstler vom 11. Oktober 2026 bis 10. Mai 2027 die große Ausstellung „Roy Lichtenstein: Like New“. Rund 130 Werke aus den frühen 1940er- bis in die 1990er-Jahre zeigen, dass Lichtensteins Beschäftigung mit der Welt der Bilder weit über jene Comicmotive hinausging, mit denen sein Name bis heute verbunden ist.

Lichtenstein interessierte sich für Bilder, die längst vorhanden waren. Comics, Werbung, Konsumgüter und kommerzielle Druckerzeugnisse gehörten zur alltäglichen Bilderwelt der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Er nahm ihre Sprache auf, isolierte Motive, vergrößerte sie und überführte sie in einen anderen Zusammenhang. Was dabei kühl, präzise und beinahe maschinell hergestellt erscheint, entstand jedoch sorgfältig von Hand.

Roy Lichtenstein, Brushstroke – Rasterpunkte und stilisierter Pinselstrich zwischen Malerei und Reproduktion
Roy Lichtenstein, Brushstroke – Rasterpunkte und stilisierter Pinselstrich zwischen Malerei und Reproduktion – Mit freundlicher Genehmigung von: whitney.org / Whitney Museum

Gerade in diesem Widerspruch liegt ein wesentlicher Reiz seines Werks. Lichtenstein übernahm die Ästhetik einer auf massenhafte Reproduktion ausgerichteten Bildwelt und machte daraus Malerei. Das einzelne Bild konnte kopiert, vergrößert, übersetzt und neu gerahmt werden. Es blieb erkennbar und wurde dennoch zu etwas anderem.

„Roy Lichtenstein: Like New“ verfolgt diesen Gedanken durch mehr als fünf Jahrzehnte. Malerei, Zeichnung, Collage, Druckgrafik, Skulptur und Film zeigen, wie intensiv sich Lichtenstein mit Vervielfältigung, Simulation und Bildkultur auseinandersetzte.

Zu sehen sind Schlüsselwerke wie „Look Mickey“ von 1961, „Girl with Ball“ von 1961, „Masterpiece“ von 1962, „Drowning Girl“ von 1963, „Happy Tears“ von 1964, „Little Big Painting“ von 1965, „Rouen Cathedral, Set III“ von 1968/69 und „Artist’s Studio ‚The Dance‘“ von 1974. Drei Wandarbeiten werden für die Ausstellung rekonstruiert, darunter eine fast 29 Meter lange Fassung des „Greene Street Mural“ von 1983.

Roy Lichtenstein Artist’s Studio The Dance 1974 – Lichtensteins Auseinandersetzung mit Henri Matisse
Roy Lichtenstein Artist’s Studio The Dance 1974 – Lichtensteins Auseinandersetzung mit Henri Matisse – Mit freundlicher Genehmigung von: whitney.org / Whitney Museum

Und da ist sie wieder, diese Sinnlichkeit, die uns schon bei „Girl in Window“ begegnet ist. Im Hintergrund tanzen nackte Körper, begleitet von Musik. Der nackte Rücken einer blonden Frau wendet sich dem Betrachter zu, ihre Hand hält die ihrer Gefährtin. Davor liegt der Alltag des Ateliers: Malutensilien, Zitronen, eine Tasse. Lichtenstein lässt Kunstgeschichte, Körper und gewöhnliche Dinge in einem einzigen Bild aufeinandertreffen.

Einen besonderen Blick zurück ermöglicht die erstmalige Wiedervereinigung sämtlicher Werke aus Lichtensteins erster Ausstellung mit Arbeiten im Pop-Stil in der Leo Castelli Gallery im Jahr 1962. Was damals einen entscheidenden Moment seiner Karriere markierte, wirkte weit über die Pop Art hinaus. Arbeiten von Louise Lawler, Richard Pettibone und Sturtevant verdeutlichen in der Ausstellung, wie Fragen nach Kopie, Aneignung und dem Weiterleben bereits existierender Bilder von nachfolgenden Künstlergenerationen weitergeführt wurden.

Heute hat diese Auseinandersetzung eine neue Dimension bekommen. Bilder werden ausgeschnitten, gefiltert, kopiert, erneut gepostet und innerhalb weniger Augenblicke in völlig neue Zusammenhänge versetzt. Lichtenstein konnte die digitale Bilderflut unserer Gegenwart nicht kennen. Aber er hatte lange zuvor erkannt, dass ein Bild nicht unverändert bleibt, wenn es sich durch die Welt bewegt.

Ein Künstler verändert seine eigene Sprache

Gianfranco Gorgoni, Porträt von Roy Lichtenstein, 1973, gedruckt 1980 – Whitney Museum of American Art
Gianfranco Gorgoni, Porträt von Roy Lichtenstein, 1973, gedruckt 1980 – Whitney Museum of American Art – Mit freundlicher Genehmigung von: whitney.org / Whitney Museum
Doch nicht nur die Bilder wurden bei Lichtenstein übernommen und verändert. Auch seine eigene Bildsprache blieb nicht stehen.

Das zeigt eine zweite Ausstellung im Whitney besonders eindrücklich. „Roy Lichtenstein: 1997“, die parallel zu „Like New“ zu sehen ist, richtet den Blick auf das letzte Lebensjahr des Künstlers. Mit 73 Jahren arbeitete Lichtenstein weiterhin an neuen Projekten, darunter zwei Wandbilder, großformatige Skulpturen und eine neue Serie von Druckgrafiken. Studien, Modelle und teilweise unvollendete Arbeiten lassen einen Künstler erkennen, der bis zuletzt experimentierte und sich für neue Technologien und deren Einfluss auf die Entstehung von Bildern interessierte.

Auch seine Farben begannen sich zu verändern. Über Jahrzehnte hatten Primärfarben und kräftige schwarze Konturen seine Arbeiten geprägt. In seinem Spätwerk kamen Mintgrün und Türkis, Koralle und Cyan hinzu. Zugleich begann Lichtenstein, auf die schweren schwarzen Umrisslinien teilweise zu verzichten.

Das Whitney erkennt darin Bilder, die auf die Ästhetik des gerade entstehenden digitalen Zeitalters reagierten. Dennoch brach Lichtenstein nicht mit seiner Vergangenheit: Eigene Motive wie Pyramiden und Pinselstriche tauchten erneut auf, ebenso seine Auseinandersetzung mit Künstlern wie Leonardo da Vinci und Henri Matisse.

Wie weit seine Arbeit zu diesem Zeitpunkt reichte, zeigt ein Projekt fernab von New York. Für die Padre-Pio-Pilgerkirche in San Giovanni Rotondo in Italien entstand 1997 die Studie „Chapel of the Eucharist Mural (Study)“. Der Architekt Renzo Piano hatte Lichtenstein eingeladen, ein Wandbild für die von ihm entworfene Kirche zu schaffen. Es ergibt sich eine bemerkenswerte Verbindung: Piano ist zugleich der Architekt des heutigen Whitney Museum in Manhattan, in dem diese späten Arbeiten Lichtensteins nun gezeigt werden.

Fast gleichzeitig beschäftigte Lichtenstein ein vollkommen anderer Ort. Für das Bellagio Hotel in Las Vegas entstanden Studien für zwei geplante Wandbilder in der Lobby. In „Bellagio Hotel Mural: Still Life with Reclining Nude (Study)“ experimentierte er mit farbigen Konturen und einer Verflachung der Perspektive des Innenraums.

Roy Lichtenstein, Bellagio Hotel Mural: Interior with Painting of Reclining Nude (Study), 1997, Whitney Museum New York
Roy Lichtenstein, Bellagio Hotel Mural: Interior with Painting of Reclining Nude (Study), 1997, Whitney Museum New York – Mit freundlicher Genehmigung von: whitney.org / Whitney Museum

Und wieder begegnen uns die roten, verführerischen Lippen. Doch diesmal ist die Stimmung eine andere. Eine Frau liegt auf der Couch, den Blick abgewandt, nachdenklich, vielleicht träumend. Vor ihr ein Tisch mit zwei Stühlen, ein aufgeschlagenes Buch und Blumen in einer Vase. Ist sie allein – oder vermisst sie jene Gefährtin, mit der wir sie zuvor noch tanzen sahen? Lichtenstein gibt darauf keine Antwort. Aber für einen Moment scheint zwischen all den Linien, Rasterpunkten und leuchtenden Farben eine kleine Geschichte entstanden zu sein.

Kirche und Hotel, Leonardo und Comic, Handarbeit und die Ästhetik des beginnenden digitalen Zeitalters – scheinbar weit voneinander entfernte Welten fanden in Lichtensteins Arbeit nebeneinander Platz.

Im September 1997 starb Roy Lichtenstein unerwartet. Einige seiner Projekte blieben unvollendet oder existieren nur als Skizzen und Modelle, andere wurden erst nach seinem Tod ausgeführt oder fertiggestellt.

Vielleicht lässt sich gerade an diesen letzten Arbeiten erkennen, was „Like New“ über sein gesamtes Werk erzählt. Lichtenstein wiederholte Bilder nicht einfach. Er beobachtete, was mit ihnen geschieht, wenn sie übernommen, wiederholt und verändert werden. Und bis zuletzt war er bereit, auch seine eigene Bildsprache zu verändern.

Tags: Roy Lichtenstein, Malerei, Pop Art, Masterpiece, Meisterwerke, Renzo Piano Architektur, Louise Lawler, Richard Pettibone, amerikanische Kunst

Montag, Mittwoch, Donnerstag, Samstag und Sonntag: 10:30 – 18:00 Uhr
Freitag: 10:30 – 22:00 Uhr
Dienstag: geschlossen

Letzter Einlass meist etwa 30 Minuten vor Schließung.