Gelb schießt über die Leinwand, Blau und Violett durchkreuzen einander, schwarze Linien schneiden in die Bewegung. Formen überlagern sich, verschwinden und werden von der nächsten malerischen Geste verdrängt. Das Bild scheint für einen Moment vollkommen abstrakt.
Und dann geschieht etwas.
Das Auge beginnt zu suchen. Oben formt sich aus den aufragenden Farbspitzen eine Krone. Darunter taucht ein Gesicht auf – Nase, Mund, ein Kopf. Links und rechts lassen sich Formen wie Dreizacke lesen, weiter unten scheinen sich Füße aus dem Farbgewirr zu lösen. Plötzlich steht da eine Gestalt, wo eben noch nichts als Farbe war.
Eine Linie wird zur Kontur. Eine Farbfläche bekommt Volumen. Aus dem scheinbaren Chaos tritt etwas hervor, das einen Augenblick zuvor noch nicht vorhanden war.
Der Wassermann erscheint.
Aber hat Adrian Szaal ihn gemalt – oder haben wir ihn gerade selbst gefunden?
Genau hier liegt eine der spannendsten Eigenschaften seiner gegenwärtigen Malerei. Szaal bezeichnet seine künstlerische Ausrichtung als „gegenständlichen abstrakten Expressionismus“. Figuren, konkrete Formen und Geschichten treten nicht sofort hervor, sondern entwickeln sich erst aus dem dichten Farbraum. Die Bildtitel werden dabei zu Wegweisern für das Auge.
Damit wird der Titel nicht zur bloßen Bezeichnung des Bildes.
Er wird zum Schlüssel.
Dabei führt uns Szaals Malerei zunächst in die Irre.
Denn was nach Spontaneität, Geschwindigkeit und beinahe eruptiver Entladung aussieht, entsteht keineswegs nur aus einem spontanen Malakt.
Sein Arbeitsprozess beginnt im Kopf.
Szaal visualisiert ein Werk mitunter über mehrere Tage. Noch vor dem ersten Farbauftrag entwickelt er eine Vorstellung des fertigen Bildes. Erst danach überträgt er diese mit seinen eigenen Techniken auf den Bildträger.
Plötzlich muss man die Farbexplosionen anders betrachten.
Was wie Kontrollverlust aussieht, ist möglicherweise das Ergebnis großer Kontrolle.
Spritzer, Schüttungen, Spachtelzüge und Linien dürfen wild erscheinen – und folgen dennoch einer zuvor entwickelten Vorstellung.
Szaal arbeitet hauptsächlich mit Acryl und verwendet unterschiedliche, teilweise selbst entwickelte Verfahren. Dazu gehören „Topic“, „Slides“, Mixed Material Paintings sowie seine „Free Colour“-Technik, bei der strukturelle Farbschüttungen und fluoreszierende Farben eine wichtige Rolle spielen. Mit „Light Painting“ überschreitet er zudem die klassische Leinwand und verbindet Licht, Fotografie und Malerei.
Die Technik ist dabei längst nicht mehr das eigentliche Ereignis.
Das Ereignis findet zwischen Bild und Betrachter statt.
Für Adrian Szaal ist die Galerie Szaal mehr als der Ort dieser Ausstellung. Er ist der Sohn der Galeristenfamilie Szaal und wuchs damit in unmittelbarer Nähe zur Kunst auf. Doch zwischen dem Aufwachsen mit Kunst und dem Finden einer eigenen künstlerischen Sprache liegt ein entscheidender Unterschied.
Szaal, 1986 in Wien geboren, arbeitet seit vielen Jahren als freischaffender Künstler. Nach einem zweijährigen Atelierstudium absolvierte er die Meisterklasse für Malerei bei Christian Ludwig Attersee.
Diese Verbindung ist interessant – aber gerade bei den heutigen Arbeiten vielleicht weniger wegen der Frage, was der Schüler von seinem Lehrer übernommen hat.
Viel spannender ist:
Was hat Adrian Szaal daraus gemacht?
Die Lust an Farbe, die expressive Geste und die Freiheit der Malerei sind geblieben. Doch Szaal scheint sie zunehmend für eine eigene Untersuchung zu benutzen: Wie wenig Gegenständlichkeit braucht ein Bild, damit unser Gehirn beginnt, Gegenstände darin zu erkennen?
Und wann wird aus Farbe eine Figur?