Nizo Yamamoto, Bahnübergang, 2006, aus Das Mädchen, das durch die Zeit sprang, 44,9 × 29,8 cm © 2006 TOKIKAKE Film Partners
Nizo Yamamoto, Bahnübergang, 2006, aus Das Mädchen, das durch die Zeit sprang, 44,9 × 29,8 cm © 2006 TOKIKAKE Film Partners – Mit freundlicher Genehmigung von: TchobanFoundation / Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung

Wann: 03.10.2026 - 10.01.2027

Nizo Yamamoto – Wenn der Hintergrund die Hauptrolle übernimmt

Eine menschenleere Straße, ein Bahnübergang, darüber eine gewaltige weiße Wolke: In „Nizo Yamamoto – Meister der Anime-Szenografie“ holt die Tchoban Foundation in Berlin einen Künstler aus dem Hintergrund ins Zentrum, dessen Bilder Millionen Menschen kennen, ohne seinen Namen zu kennen. Vom 3. Oktober 2026 bis 10. Januar 2027 widmet das Museum für Architekturzeichnung Nizo Yamamoto (1953–2023) erstmals außerhalb Japans eine Ausstellung seines künstlerischen Schaffens. 

Und vielleicht liegt genau darin das Faszinierende dieser Ausstellung: Yamamotos Kunst war dafür geschaffen, nicht aufzufallen.

Über mehr als vier Jahrzehnte arbeitete der japanische Art Director mit Regisseuren wie Isao Takahata, Hayao Miyazaki und Mamoru Hosoda. Seine Bildwelten wurden zu Schauplätzen von Das Schloss im Himmel, Die letzten Glühwürmchen, Prinzessin Mononoke oder Das Mädchen, das durch die Zeit sprang. Die Ausstellung zeigt Hintergrundzeichnungen, Imageboards und weiteres Produktionsmaterial und macht sichtbar, welchen Anteil Licht, Atmosphäre und räumliche Tiefe an der emotionalen Wirkung dieser Filme haben.

Eine Kunst, die verschwinden muss

Das klingt zunächst paradox. Ein Maler investiert enorme Präzision in einen Raum – und dieser Raum darf dem Zuschauer eigentlich gar nicht zu sehr auffallen.

Denn Hintergrundbilder im Animationsfilm existieren nicht als autonome Gemälde. Sie erscheinen manchmal nur für wenige Sekunden. Sie müssen eine Welt glaubwürdig machen, Orientierung geben und eine Stimmung erzeugen, dürfen dabei aber die Figuren und die Handlung nicht verdrängen. Genau in diesem Spannungsverhältnis erkennt die Ausstellung die besondere Qualität Yamamotos: Seine funktionalen Bilder besitzen zugleich eine eigenständige ästhetische Kraft. 

Nimmt man ihnen nun die Figuren und die Bewegung des Films, geschieht etwas Erstaunliches.

Die vermeintlichen Hintergründe beginnen selbst zu erzählen.

Eine Straße wartet auf ihre Geschichte

Besonders deutlich wird das am „Bahnübergang“ von 2006 aus Das Mädchen, das durch die Zeit sprang.

Keine Figur ist zu sehen. Vor uns liegen Bahngleise, zwei gelbe Andreaskreuze und eine Straße, die beinahe senkrecht zwischen dicht aneinandergebauten Häusern den Hügel hinaufsteigt. Ganz oben scheint die Stadt unter einer monumentalen weißen Sommerwolke zu verschwinden.

Yamamoto baut diesen Raum so, dass das Auge gar nicht anders kann, als hineinzuwandern. Die Schienen bilden die erste horizontale Grenze. Dahinter beginnt die Straße, Fassaden und Stromleitungen verdichten die Perspektive, bis der Blick schließlich aus der Architektur hinaus in den Himmel geführt wird.

Das entspricht sehr genau Yamamotos eigener Vorstellung seiner Kunst: Er wollte den Blick des Betrachters auf natürliche Weise in die Tiefe des Bildes und damit in die Welt des Films hineinführen. 

Und dennoch wirkt diese Stadt nicht spektakulär. Gerade darin liegt ihre Stärke. Yamamoto braucht keine futuristische Metropole, um eine filmische Welt entstehen zu lassen. Ein Bahnübergang, Häuser, Stromleitungen und eine Wolke genügen.

Wenn ein leerer Raum Erinnerung trägt

Ganz anders „Seitas Haus“ aus Die letzten Glühwürmchen von 1988.

Nizo Yamamoto, Seitas Haus, 1988, aus Die letzten Glühwürmchen, 25,7 × 36,4 cm © Akiyuki Nosaka/Shinchosha, 1988
Nizo Yamamoto, Seitas Haus, 1988, aus Die letzten Glühwürmchen, 25,7 × 36,4 cm © Akiyuki Nosaka/Shinchosha, 1988 – Mit freundlicher Genehmigung von: TchobanFoundation / Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung

Der Blick fällt in einen traditionellen japanischen Innenraum. Schiebetüren, Holzbalken, ein niedriger Tisch, Schränke und wenige Gegenstände bestimmen das Bild. Niemand ist da.

Und trotzdem fühlt sich dieser Raum nicht leer an.

Yamamoto erzählt hier über Spuren menschlichen Lebens. Ein Gefäß, ein Bild, Möbel, die Ordnung der Räume – alles deutet auf Menschen hin, ohne dass sie erscheinen müssen. Architektur wird zum Gedächtnis.

Gerade bei Die letzten Glühwürmchen bekommt diese Stille eine besondere emotionale Dimension. Yamamoto muss das Drama nicht illustrieren. Der Raum selbst kann Geborgenheit vermitteln – und damit zugleich die Vorstellung dessen hervorrufen, was verloren gehen kann.

Licht kann einen Raum erzählen

Nizo Yamamoto, Die Bahn, 1988, 18,0 × 25,3 cm, © Akiyuki Nosaka/Shinchosha, 1988
Nizo Yamamoto, Die Bahn, 1988, 18,0 × 25,3 cm, © Akiyuki Nosaka/Shinchosha, 1988 – Mit freundlicher Genehmigung von: TchobanFoundation / Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung

Noch radikaler wird Yamamotos Methode in „Die Bahn“, ebenfalls für Die letzten Glühwürmchen.

Ein fast leerer Eisenbahnwagen. Dunkle Rot- und Brauntöne. Halteschlaufen hängen von der Decke. Am Ende des Wagens explodiert das Licht geradezu durch die geöffnete Tür.

Hier braucht Yamamoto kaum Details.

Die Perspektive des Wagens führt direkt auf diese helle Öffnung zu. Das Licht beschreibt nicht einfach eine Tageszeit; es verändert den gesamten emotionalen Zustand des Raumes. Wärme und Bedrohung, Nähe und Ferne liegen plötzlich nebeneinander.

Das ist Szenografie mit malerischen Mitteln.

Und es erklärt, weshalb die Ausstellung Yamamoto nicht lediglich als Zeichner von Filmkulissen präsentiert. Seine Räume definieren Schauplätze, tragen aber gleichzeitig wesentlich zur emotionalen Wirkung der Filme bei. 

Dann verschwindet die Architektur

Nizo Yamamoto, Wald des Hirschgottes (5), 1997, aus Prinzessin Mononoke, 32,4 × 47,3 cm © 1997 Hayao Miyazaki/Studio Ghibli, ND
Nizo Yamamoto, Wald des Hirschgottes (5), 1997, aus Prinzessin Mononoke, 32,4 × 47,3 cm © 1997 Hayao Miyazaki/Studio Ghibli, ND – Mit freundlicher Genehmigung von: TchobanFoundation / Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung

Und plötzlich sind wir in Prinzessin Mononoke.

Mit dem „Wald des Hirschgottes“ verändert sich Yamamotos Welt vollkommen. Häuser, Straßen und Schienen verschwinden. Doch sein eigentliches Thema bleibt: Raum.

Nur wird dieser Raum jetzt von der Natur gebaut.

Gewaltige Baumstämme stehen wie Säulen im Wasser. Moos bedeckt Wurzeln und Steine. Zwischen den Stämmen öffnet sich eine blaugrüne Tiefe, in der sich die Grenzen zwischen realer Landschaft und mythischem Ort aufzulösen beginnen.

Das Entscheidende ist wiederum das Licht.

Es beschreibt nicht nur Oberflächen, sondern organisiert den Raum. In einer weiteren Fassung des Waldes schneiden helle Lichtbahnen diagonal durch das Dunkel zwischen den Stämmen. Aus Vegetation entsteht beinahe eine Architektur.

Beim „Pfad der drei Geister (2)“ rückt Yamamoto noch näher an den Waldboden heran. Moose, Farne und Pflanzen überwuchern mächtige Wurzeln. Der menschliche Maßstab verschwindet. Was normalerweise unter unseren Füßen liegt, wird plötzlich zu einer eigenen Landschaft.

Nizo Yamamoto, Speisesaal in der Tataraba, 1997, aus Prinzessin Mononoke, 27,0 × 38,2 cm © 1997 Hayao Miyazaki/Studio Ghibli, ND
Nizo Yamamoto, Speisesaal in der Tataraba, 1997, aus Prinzessin Mononoke, 27,0 × 38,2 cm © 1997 Hayao Miyazaki/Studio Ghibli, ND – Mit freundlicher Genehmigung von: TchobanFoundation / Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung

Die Welt vor den Figuren

Vielleicht versteht man vor diesen Originalen erst, was Yamamoto tatsächlich geschaffen hat.

Er malte nicht einfach Orte, an denen eine Handlung stattfinden konnte. Er bestimmte, wie sich diese Orte anfühlen sollten, bevor überhaupt eine Figur den Raum betrat.

Eine Straße kann nach Sommer aussehen. Ein verlassenes Zimmer kann Erinnerung tragen. Ein Eisenbahnwagen kann durch Licht eine Vorahnung erzeugen. Und ein Wald kann so tief und geheimnisvoll werden, dass man bereit ist zu glauben, darin könnten tatsächlich Geister leben.

Yamamotos besondere Feinheit beschreibt auch die Ausstellung: Seine Arbeiten sind detailreich, ohne überladen zu wirken. Ihre Wirkung entsteht weniger aus starken Kontrasten als aus subtilen Abstufungen, atmosphärischer Klarheit und ruhiger Tiefe. 

Damit schließt die Tchoban Foundation zugleich an eine längere Beschäftigung mit der Architektur japanischer Animationsfilme an. Bereits 2016 zeigte das Museum mit Anime-Architektur Stadträume aus Ghost in the Shell und Patlabor. 2022 folgte AKIRA – Die Architektur von Neo Tokyo, bei der erstmals weltweit originale Hintergrundbilder aus AKIRA präsentiert wurden. 

Kuratiert wird die aktuelle Ausstellung von Stefan Riekeles; begleitend erscheint eine Publikation.

Doch bei Yamamoto führt der Weg noch einmal woanders hin. Herausgelöst aus dem Film müssen seine Bilder plötzlich niemandem mehr dienen. Keine Figur läuft durch die Straße. Niemand sitzt im Zimmer. Kein Zug fährt ab. Kein Waldgeist muss erscheinen.

Der Hintergrund ist allein geblieben – und genau in diesem Moment erkennen wir, dass er die ganze Zeit eine Hauptrolle gespielt hat.

Tags: Nizo Yamamoto, Anime, Prinzessin Mononoke, Japanische Kunst, Animationsfilme, Animation

Tchoban Foundation – Museum für Architekturzeichnung, Berlin
3. Oktober 2026 – 10. Januar 2027
Montag–Freitag 14–19 Uhr, Samstag–Sonntag 13–17 Uhr