Nizo Yamamoto – Wenn der Hintergrund die Hauptrolle übernimmt
Eine menschenleere Straße, ein Bahnübergang, darüber eine gewaltige weiße Wolke: In „Nizo Yamamoto – Meister der Anime-Szenografie“ holt die Tchoban Foundation in Berlin einen Künstler aus dem Hintergrund ins Zentrum, dessen Bilder Millionen Menschen kennen, ohne seinen Namen zu kennen. Vom 3. Oktober 2026 bis 10. Januar 2027 widmet das Museum für Architekturzeichnung Nizo Yamamoto (1953–2023) erstmals außerhalb Japans eine Ausstellung seines künstlerischen Schaffens.
Und vielleicht liegt genau darin das Faszinierende dieser Ausstellung: Yamamotos Kunst war dafür geschaffen, nicht aufzufallen.
Über mehr als vier Jahrzehnte arbeitete der japanische Art Director mit Regisseuren wie Isao Takahata, Hayao Miyazaki und Mamoru Hosoda. Seine Bildwelten wurden zu Schauplätzen von Das Schloss im Himmel, Die letzten Glühwürmchen, Prinzessin Mononoke oder Das Mädchen, das durch die Zeit sprang. Die Ausstellung zeigt Hintergrundzeichnungen, Imageboards und weiteres Produktionsmaterial und macht sichtbar, welchen Anteil Licht, Atmosphäre und räumliche Tiefe an der emotionalen Wirkung dieser Filme haben.
Eine Kunst, die verschwinden muss
Das klingt zunächst paradox. Ein Maler investiert enorme Präzision in einen Raum – und dieser Raum darf dem Zuschauer eigentlich gar nicht zu sehr auffallen.
Denn Hintergrundbilder im Animationsfilm existieren nicht als autonome Gemälde. Sie erscheinen manchmal nur für wenige Sekunden. Sie müssen eine Welt glaubwürdig machen, Orientierung geben und eine Stimmung erzeugen, dürfen dabei aber die Figuren und die Handlung nicht verdrängen. Genau in diesem Spannungsverhältnis erkennt die Ausstellung die besondere Qualität Yamamotos: Seine funktionalen Bilder besitzen zugleich eine eigenständige ästhetische Kraft.
Nimmt man ihnen nun die Figuren und die Bewegung des Films, geschieht etwas Erstaunliches.
Die vermeintlichen Hintergründe beginnen selbst zu erzählen.
Eine Straße wartet auf ihre Geschichte
Besonders deutlich wird das am „Bahnübergang“ von 2006 aus Das Mädchen, das durch die Zeit sprang.
Keine Figur ist zu sehen. Vor uns liegen Bahngleise, zwei gelbe Andreaskreuze und eine Straße, die beinahe senkrecht zwischen dicht aneinandergebauten Häusern den Hügel hinaufsteigt. Ganz oben scheint die Stadt unter einer monumentalen weißen Sommerwolke zu verschwinden.
Yamamoto baut diesen Raum so, dass das Auge gar nicht anders kann, als hineinzuwandern. Die Schienen bilden die erste horizontale Grenze. Dahinter beginnt die Straße, Fassaden und Stromleitungen verdichten die Perspektive, bis der Blick schließlich aus der Architektur hinaus in den Himmel geführt wird.
Das entspricht sehr genau Yamamotos eigener Vorstellung seiner Kunst: Er wollte den Blick des Betrachters auf natürliche Weise in die Tiefe des Bildes und damit in die Welt des Films hineinführen.
Und dennoch wirkt diese Stadt nicht spektakulär. Gerade darin liegt ihre Stärke. Yamamoto braucht keine futuristische Metropole, um eine filmische Welt entstehen zu lassen. Ein Bahnübergang, Häuser, Stromleitungen und eine Wolke genügen.
Wenn ein leerer Raum Erinnerung trägt
Ganz anders „Seitas Haus“ aus Die letzten Glühwürmchen von 1988.