Anfang der 1940er-Jahre fand ein weiteres Werk Calders Eingang in O’Keeffes unmittelbare Lebenswelt. Sie erwarb sein schwarzes Mobile „Untitled“ von 1942, das in ihrem Haus in Abiquiú, New Mexico, hing. Dort wurde es Teil jener sorgfältig gestalteten Umgebung, in der O’Keeffe lebte und arbeitete, und erscheint auf zahlreichen Fotografien der Künstlerin.
Ein Foto aus dem Jahr 1976 zeigt Calder und O’Keeffe bei einem Dinner zu Ehren Calders im Whitney Museum of American Art in New York. Beide stehen einander unmittelbar gegenüber, ihre Köpfe beinahe aneinander, offensichtlich vertraut miteinander. Eine weitere Aufnahme zeigt einen Teil von O’Keeffes Wohnraum in Abiquiú im April 1980. Über dem Kamin schwebt Calders Mobile.
Zwischen diesen beiden Fotografien wird vielleicht die persönlichste Ebene der Ausstellung sichtbar: Das Werk des anderen war nicht nur Gegenstand künstlerischer Bewunderung. Es war Teil des eigenen Lebens.
Wiedererkennen statt Beeinflussung
Obwohl Calder und O’Keeffe zu den prägenden Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gehören, sind die Resonanzen zwischen ihren künstlerischen Praktiken bislang weitgehend unerforscht geblieben. „Calder | O’Keeffe“ stellt deshalb nicht einfach zwei berühmte Namen nebeneinander. Durch sorgfältig ausgewählte Werkpaare und archivalisches Material versucht die Ausstellung, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer revolutionären Zugänge zu Abstraktion, Bewegung und Natur sichtbar zu machen.
Dabei wäre es zu einfach, eine direkte Linie gegenseitiger Beeinflussung ziehen zu wollen. Viel spannender ist ein anderes Wort: Wiedererkennen.
O’Keeffe erkannte etwas aus ihrer eigenen Bildwelt in Calders Formen. Und betrachtet man ihre Arbeiten nebeneinander, beginnen plötzlich Dinge miteinander zu korrespondieren, die zunächst weit voneinander entfernt erscheinen: ein Loch in einem Knochen und eine Öffnung in einer Skulptur, eine Blüte und eine bronzene Verzweigung, ein Mobile und der Himmel über New Mexico.
Beide Künstler suchten nach Formen für Kräfte und Erfahrungen, die sich nicht unmittelbar greifen lassen.
Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Nähe.
Ein neuer Ort beginnt mit einer Begegnung