Alexander Calder und Georgia O’Keeffe bei einem gemeinsamen Treffen sowie Calders Mobile in O’Keeffes Haus in Abiquiú, New Mexico
Alexander Calder und Georgia O’Keeffe bei einem gemeinsamen Treffen sowie Calders Mobile in O’Keeffes Haus in Abiquiú, New Mexico – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Wann: 03.10.2026 - 24.01.2027

Calder und O’Keeffe in Palo Alto – Eine Freundschaft zwischen Bewegung und Natur

Was sah Georgia O’Keeffe in den Skulpturen Alexander Calders? Etwas, das sie aus ihrem eigenen Werk kannte: die Öffnungen ihrer Knochenbilder. In Palo Alto widmet Hauser & Wirth erstmals eine Ausstellung der Freundschaft und den künstlerischen Verwandtschaften zweier Künstler, die die amerikanische Moderne auf völlig unterschiedlichen Wegen geprägt haben.

Seit dem 3. Oktober 2026 ist „Calder | O’Keeffe“ am neuen Standort von Hauser & Wirth in Palo Alto zu sehen. Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit der Calder Foundation und auf Grundlage von Recherchen unter Mitwirkung des Georgia O’Keeffe Museum. Gemälde, Skulpturen, Schmuck und archivalische Materialien eröffnen einen Dialog, in dem nicht die offensichtliche Ähnlichkeit interessiert, sondern das Verbindende hinter den Unterschieden: Abstraktion, Bewegung und jene Kräfte, die die natürliche Welt formen. 

Alexander Calder, Little Yellow Panel, 1936, in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto
Georgia O’Keeffe, Jonquils No. 2, 1936, gelbe Blüten in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto
Alexander Calder, Little Yellow Panel, 1936, in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto • Georgia O’Keeffe, Jonquils No. 2, 1936, gelbe Blüten in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Zwei Wege zur Form

Alexander Calder und Georgia O’Keeffe entwickelten unverwechselbare künstlerische Sprachen. O’Keeffe verdichtete Landschaften und organische Formen des amerikanischen Südwestens zu Kompositionen von großer Klarheit und Intensität. Calder wiederum verwandelte Schwerkraft, Luftströmungen und Bewegung in Bestandteile seiner Kunst.

Was beide verbindet, liegt damit weniger im Motiv als in ihrer Vorstellung von Form. Sie versuchten, etwas sichtbar zu machen, das sich nicht ohne Weiteres abbilden lässt. Gemeinsam betrachtet, so zeigt die Ausstellung, offenbart sich eine geteilte Beschäftigung mit der Erweiterung des Raumes und seinen Möglichkeiten.

Die Gegenüberstellung von Calders „Little Yellow Panel“ und O’Keeffes „Jonquils No. 2“, beide 1936 entstanden, führt unmittelbar in diesen Dialog. Calder konstruiert aus Holz, Blech, Draht, Schnur und Farbe ein Werk, das über die Fläche hinaus in den realen Raum greift. Seine beweglichen Elemente reagieren auf Luftströmungen: Das rote Quadrat und die weiße organische Form verändern ihre Beziehung zueinander – aus dem scheinbar gemalten Bild wird ein Bild in Bewegung.

O’Keeffe geht im selben Jahr einen ganz anderen Weg. Nach einer schweren persönlichen Krise und einer längeren Phase, in der sie kaum künstlerisch arbeiten konnte, hatte sie zur Malerei zurückgefunden. In „Jonquils No. 2“ rückt sie die Narzissen so nah an den Betrachter, dass Blüten und Blätter beinahe ihre Gegenständlichkeit verlieren. Vielleicht muss man diese leuchtenden Blüten gar nicht zum Symbol eines Neubeginns erklären. Es genügt, ihre Entstehungszeit zu kennen: 1936 füllt O’Keeffe die Leinwand wieder mit Gelb, Licht und Leben.

Zwei Werke aus demselben Jahr – und zwei vollkommen unterschiedliche Wege, Bewegung, Natur und Leben in eine eigene künstlerische Sprache zu übersetzen.

Zwei Werke aus demselben Jahr – und zwei vollkommen unterschiedliche Wege, Natur in eine eigene künstlerische Sprache zu übersetzen.

Alexander Calder, The Flower, 1944, Bronzeskulptur in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto
Georgia O’Keeffe, Pelvis with the Moon – New Mexico, 1943, Knochenform vor blauem Himmel und Mond in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto
Alexander Calder, The Flower, 1944, Bronzeskulptur in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto • Georgia O’Keeffe, Pelvis with the Moon – New Mexico, 1943, Knochenform vor blauem Himmel und Mond in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Wenn ein Knochen zum Raum wird

Noch deutlicher tritt diese Nähe in der Begegnung von Calders „The Flower“ von 1944 und O’Keeffes „Pelvis with the Moon – New Mexico“ von 1943 hervor.

Die beiden Arbeiten entstanden 1943 und 1944 – in Jahren, in denen Europa vom Krieg verwüstet wurde und auch das Leben in den USA längst von ihm geprägt war. Calder bekam dessen Folgen sogar im Atelier zu spüren: Metall wurde knapp, er begann verstärkt mit Holz zu arbeiten. O’Keeffe wiederum zog es immer wieder aus New York in die Weite New Mexicos. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund wirken die beiden Werke umso bemerkenswerter. Calder formt 1944 aus dunkler Bronze etwas, das trotz seiner Schwere zu wachsen scheint. O’Keeffe richtet ein Jahr zuvor den Blick durch einen ausgebleichten Knochen auf den Mond und den grenzenlosen Himmel.

Calders dunkle Bronzeskulptur wächst wie ein eigenwilliges organisches Wesen in den Raum. Spitzen, Verzweigungen und Öffnungen lassen an Pflanze, Tier oder Knochen denken, ohne sich auf eine eindeutige Gestalt festlegen zu lassen. O’Keeffe wiederum macht einen Beckenknochen zur monumentalen Bildarchitektur. Seine Öffnungen geben den Blick auf den blauen Himmel und den Mond von New Mexico frei.

Hier wird aus Materie Leere und aus Leere Form.

Gerade diese Öffnungen führen erstaunlich direkt von einem Werk zum anderen. O’Keeffe bemerkte selbst, dass sie in Calders Formen ihre eigenen „pelvis bone holes“ wiedererkannte. Es ist ein bemerkenswerter Moment künstlerischen Wiedererkennens: Eine Malerin betrachtet die Skulptur eines Freundes und entdeckt darin etwas, das längst Bestandteil ihrer eigenen Bildwelt geworden war.

Die Gegenüberstellung zeigt damit mehr als eine formale Ähnlichkeit. Calder und O’Keeffe näherten sich von verschiedenen Seiten derselben Frage: Was geschieht, wenn nicht die Masse, sondern die Öffnung, der Zwischenraum und das, was hindurchscheint, zum eigentlichen Träger einer Form werden?

Alexander Calder, Black Stabile, 1941, schwarze abstrakte Skulptur in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto
Georgia O’Keeffe, Black Spot No. 2, 1919, abstrakte Komposition in Blau, Grün, Schwarz und Weiß in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto
Alexander Calder, Black Stabile, 1941, schwarze abstrakte Skulptur in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto • Georgia O’Keeffe, Black Spot No. 2, 1919, abstrakte Komposition in Blau, Grün, Schwarz und Weiß in der Ausstellung Calder | O’Keeffe bei Hauser & Wirth Palo Alto – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Schwarz, Raum und Bewegung

Auch Calders „Black Stabile“ von 1941 und O’Keeffes „Black Spot. No. 2“ von 1919 lassen sich aus dieser Perspektive miteinander lesen. Mehr als zwei Jahrzehnte liegen zwischen ihnen – und dennoch scheint sich eine Formensprache über die Zeit hinweg zu begegnen.

O’Keeffe malte „Black Spot. No. 2“ in einer entscheidenden Phase ihres Lebens. 1918 hatte sie ihre Lehrtätigkeit in Texas aufgegeben und war nach New York gezogen, wo Alfred Stieglitz ihre Arbeit förderte und ihr neue künstlerische Möglichkeiten eröffnete. In dieser Zeit beschäftigte sie sich bereits intensiv mit ungegenständlichen Formen. In „Black Spot. No. 2“ schiebt sich ein dunkler, kantiger Körper durch weich fließende Felder aus Blau, Grün und hellem Gelb. Das Schwarz wirkt nicht wie ein Gegenstand, sondern wie eine Kraft, die den umgebenden Farbraum verändert.

Mehr als zwanzig Jahre später trägt Calder das Schwarz tatsächlich in den Raum. Sein „Black Stabile“ besteht aus schwerem Metall und wirkt dennoch erstaunlich leicht. Öffnungen durchbrechen die schwarzen Flächen, geschwungene Konturen und eine weit nach oben strebende Spitze lassen den Blick durch und um die Skulptur wandern. Anders als seine Mobiles bewegt sich das Werk nicht – die Bewegung entsteht im Auge des Betrachters.

Bei O’Keeffe wird die Fläche zum Raum. Bei Calder wird der Raum Teil der Form.

Gerade deshalb funktioniert die Gegenüberstellung so gut: Das Schwarz definiert in beiden Arbeiten nicht einfach eine Farbe. Es setzt Grenzen, schafft Kontraste und macht zugleich das sichtbar, was es umgibt. Zwischen einem Gemälde von 1919 und einer Skulptur von 1941 entsteht so eine Verbindung, die keiner gemeinsamen Entstehungszeit bedarf.

Alexander Calder und Georgia O’Keeffe bei einem Dinner zu Ehren Calders, Whitney Museum of American Art, New York, 1976. Foto: Abner Symons © 2026 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York
Alexander Calder und Georgia O’Keeffe bei einem Dinner zu Ehren Calders, Whitney Museum of American Art, New York, 1976. Foto: Abner Symons © 2026 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth
Dieser Dialog ist keine ausschließlich aus heutiger Perspektive konstruierte kunsthistorische Begegnung. Calder und O’Keeffe waren miteinander befreundet.

Erhaltene Fotografien dokumentieren ihre Vertrautheit, Postkarten Calders deuten auf einen über viele Jahre gepflegten Austausch hin. Und ihre Verbindung hinterließ sehr persönliche Spuren.

Ende der 1930er-Jahre fertigte Calder für O’Keeffe eine Messingbrosche aus den Initialen ihres Nachnamens. O’Keeffe trug sie vertikal, sodass das „K“ vom „O“ herabhing. Dadurch verwandelte sich das eigentlich lesbare Monogramm beinahe in eine abstrakte organische Form – eine kleine Arbeit, in der sich etwas von der Formensprache beider Künstler zu treffen scheint.

Anfang der 1940er-Jahre fand ein weiteres Werk Calders Eingang in O’Keeffes unmittelbare Lebenswelt. Sie erwarb sein schwarzes Mobile „Untitled“ von 1942, das in ihrem Haus in Abiquiú, New Mexico, hing. Dort wurde es Teil jener sorgfältig gestalteten Umgebung, in der O’Keeffe lebte und arbeitete, und erscheint auf zahlreichen Fotografien der Künstlerin. 

Ein Foto aus dem Jahr 1976 zeigt Calder und O’Keeffe bei einem Dinner zu Ehren Calders im Whitney Museum of American Art in New York. Beide stehen einander unmittelbar gegenüber, ihre Köpfe beinahe aneinander, offensichtlich vertraut miteinander. Eine weitere Aufnahme zeigt einen Teil von O’Keeffes Wohnraum in Abiquiú im April 1980. Über dem Kamin schwebt Calders Mobile.

Zwischen diesen beiden Fotografien wird vielleicht die persönlichste Ebene der Ausstellung sichtbar: Das Werk des anderen war nicht nur Gegenstand künstlerischer Bewunderung. Es war Teil des eigenen Lebens.

Wiedererkennen statt Beeinflussung

Obwohl Calder und O’Keeffe zu den prägenden Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gehören, sind die Resonanzen zwischen ihren künstlerischen Praktiken bislang weitgehend unerforscht geblieben. „Calder | O’Keeffe“ stellt deshalb nicht einfach zwei berühmte Namen nebeneinander. Durch sorgfältig ausgewählte Werkpaare und archivalisches Material versucht die Ausstellung, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer revolutionären Zugänge zu Abstraktion, Bewegung und Natur sichtbar zu machen. 

Dabei wäre es zu einfach, eine direkte Linie gegenseitiger Beeinflussung ziehen zu wollen. Viel spannender ist ein anderes Wort: Wiedererkennen.

O’Keeffe erkannte etwas aus ihrer eigenen Bildwelt in Calders Formen. Und betrachtet man ihre Arbeiten nebeneinander, beginnen plötzlich Dinge miteinander zu korrespondieren, die zunächst weit voneinander entfernt erscheinen: ein Loch in einem Knochen und eine Öffnung in einer Skulptur, eine Blüte und eine bronzene Verzweigung, ein Mobile und der Himmel über New Mexico.

Beide Künstler suchten nach Formen für Kräfte und Erfahrungen, die sich nicht unmittelbar greifen lassen.

Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Nähe.

Ein neuer Ort beginnt mit einer Begegnung

Bookshop im neuen Standort von Hauser & Wirth Palo Alto anlässlich der Ausstellung Calder | O’Keeffe 2026
Bookshop im neuen Standort von Hauser & Wirth Palo Alto anlässlich der Ausstellung Calder | O’Keeffe 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

„Calder | O’Keeffe“ markiert zugleich den Beginn eines neuen Kapitels für Hauser & Wirth. Mit der am 3. Oktober 2026 eröffneten Ausstellung wurde der neue Standort der Galerie in Palo Alto eingeweiht. Er befindet sich in einem rund hundert Jahre alten ehemaligen Postgebäude an der Hamilton Avenue im Zentrum der Stadt, unweit der Stanford University. Rund 2.600 Quadratfuß Ausstellungsfläche und ein Bookshop werden künftig durch Gespräche, Veranstaltungen und Bildungsprogramme ergänzt.

Dass dieser neue Ort ausgerechnet mit Calder und O’Keeffe beginnt, erscheint passend. Nicht mit einer einzelnen Position, sondern mit einer Begegnung; nicht mit dem Versuch, Unterschiede aufzulösen, sondern mit der Frage, was zwischen beiden sichtbar werden kann.

Alexander Calder und Georgia O’Keeffe gingen ihre eigenen Wege. Doch manchmal genügt der Blick auf das Werk eines anderen, um darin etwas vom eigenen wiederzuerkennen.

Tags: Alexander Calder, Malerei, Skulpturen, Georgia O’Keeffe, amerikanische Kunst, Abstraktion, Mobile

Dienstag–Samstag, 10:00–18:00 Uhr

Sonntag und Montag geschlossen.