Historisches Stiegenhaus des Wiener Renn-Vereins im Palais Esterházy. © Michael Otto / atelier ottojelinek – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Wenn sich im Palais Esterházy des Wiener Renn-Vereins eine spätgotische Madonna, Josef Hoffmann, Pablo Picasso, Markus Prachensky und Erwin Wurm begegnen, liegen plötzlich mehr als fünf Jahrhunderte Kunstgeschichte nur wenige Schritte voneinander entfernt. Vom 1. bis 4. Oktober 2026 lädt die Vienna Highlights Art Fair zu einem konzentrierten Rundgang durch Kunst, Design und Kunsthandwerk ein – und macht die Kunstmesse Wien zu einer Entdeckungsreise, bei der nicht Chronologie, sondern das unmittelbare Nebeneinander der Epochen den Reiz bestimmt.
Historische Räume des Wiener Renn-Vereins im Palais Esterházy – Schauplatz der Vienna Highlights Art Fair 2026. © Michael Otto / atelier ottojelinek – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Der 1826 gegründete Wiener Renn-Verein wird bis heute als Club geführt. Seine Räume im Palais Esterházy an der Wallnerstraße verleihen der Messe eine Atmosphäre, die sich deutlich von einer klassischen Messehalle unterscheidet. Vergoldete Türen, Parkett und historische Salons bilden eine beinahe private Kulisse für Kunst und Design – manches Werk scheint hier weniger ausgestellt als für einige Tage zu Gast zu sein.
Niklaus Weckmann – „Museale Madonna“, Ulm um 1515, Lindenholz, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Maria erscheint mit weichen Gesichtszügen und braunem, unter einem Tuch hervortretendem Haar. Der goldene Mantel fällt in schweren Falten über ihren Körper. Behutsam hält sie das nackte Jesuskind mit seinen goldenen Locken im Arm, das eine Kugel in der Hand trägt.
Gerade in dieser Nähe liegt die stille Kraft der Darstellung. Trotz Gold, aufwendiger Fassung und beinahe lebensgroßer Erscheinung wirkt die Madonna nicht entrückt. Mutter und Kind sind einander körperlich nah, ihre Haltung vermittelt Schutz und Geborgenheit. Die tiefen Falten des Gewandes verleihen der Figur zugleich jene feierliche Präsenz, mit der die spätgotische Skulptur den Raum bis heute behauptet.
Pablo Picasso – „Guernica“, Offset-Lithographie auf Papier, 1956, Kolhammer & Mahringer Fine Arts – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Das Auge findet in „Guernica“ keinen Ort, an dem es zur Ruhe kommen kann. Körper sind verdreht, Münder zum Schrei geöffnet, Hände greifen ins Leere. Links hält eine Mutter ihr lebloses Kind im Arm, über ihr steht der Stier; in der Mitte bäumt sich das verwundete Pferd auf. Schwarz, Weiß und Grau nehmen der Szene jede Ablenkung durch Farbe – Schmerz, Angst und Zerstörung bestimmen den gesamten Bildraum.
Und doch ist es gerade die zersplitterte Ordnung, die das Bild zusammenhält. Figuren, Licht und scharfkantige Flächen scheinen ineinanderzubrechen, als hätte die Gewalt selbst die Formen erfasst. Picassos „Guernica“ erzählt nicht nur von einem historischen Ereignis: Das Bild verdichtet das Entsetzen des Krieges zu einer Darstellung menschlichen Leidens, deren Wirkung weit über das Jahr 1937 hinausreicht.
Kolhammer & Mahringer Fine Arts an Stand 9 spannt damit innerhalb weniger Schritte einen außergewöhnlich weiten kunsthistorischen Bogen: von der spätgotischen „Musealen Madonna“ des Niklaus Weckmann bis zu Pablo Picassos „Guernica“. Gerade dieser Kontrast erzählt viel über den Charakter der Messe – hier darf Kunstgeschichte ohne lange Wege große Sprünge machen.
Mauritius Herrgesell / Anton Herrgesell – Speisezimmer, Wien um 1910, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Mit der Wiener Moderne verändert sich der Blick vom Kunstwerk zum gestalteten Lebensraum. Galerie bel etage präsentiert eine Kaminuhr nach einem Entwurf Josef Hoffmanns von 1903, ausgeführt von der Wiener Werkstätte. Acht Alabastersäulen tragen den kleinen architektonischen Aufbau aus gehämmertem und patiniertem Kupfer – fast ein Tempel für die Zeit. Ein um 1910 von Mauritius Herrgesell entworfenes und von Anton Herrgesell ausgeführtes Speisezimmer führt diesen Gedanken weiter: Möbel werden Teil einer gemeinsamen Raumidee.
Karl Hagenauer – Tischlampe mit Pferdemotiv, Entwurf 1927, Werkstätte Hagenauer, Vienna Highlights Art Fair 2026 • Josef Hoffmann – Kaminuhr, 1903, Wiener Werkstätte, Galerie bel etage, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Auch die Tischlampe von Karl Hagenauer, 1927 für die Werkstätte Hagenauer entworfen und bei Galerie Susanne Bauer zu sehen, bewegt sich spielerisch zwischen Gebrauchsgegenstand und Skulptur. Ein tänzelndes Pferd trägt den schwarzen Lampenschirm – und ausgerechnet in den Räumen des Wiener Renn-Vereins erhält das Motiv einen charmanten zweiten Zusammenhang. Am selben Stand führt C. L. Attersees „Tropfenschmied“ von 2000 in eine völlig andere Welt. Blau, Orange, Grün und helle Farbtöne begegnen freien Formen und schwarzen Linien – ein Sprung von österreichischem Design der Zwischenkriegszeit in eine expressive, spielerische Malerei.
Markus Prachensky – Ohne Titel, 1994, Gouache auf Büttenpapier, 55,7 × 77 cm, Galerie Sylvia Kovacek, Stand 7, Vienna Highlights Art Fair 2026 • C. L. Attersee „Tropfenschmied“, 2000, Acryl auf Leinwand, Galerie Susanne Bauer, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Dann beginnt die Farbe endgültig zu sprechen. Markus Prachenskys Gouache von 1994 bei Galerie Sylvia Kovacek lässt Rot über das Büttenpapier schlagen, laufen und spritzen. Große weiße Flächen bleiben offen, während dunkle Partien Widerstand setzen – die Geste des Malens scheint im fertigen Werk noch gegenwärtig.
Franz Grabmayr – „Wasserbild“, 1981, Öl auf Leinwand, Suppan Fine Arts, Vienna Highlights Art Fair 2026 • Dénesh Ghyczy – „Open Window“, 2024, farbige Fensterstruktur und vegetabile Formen, Suppan Fine Arts, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Bei Suppan Fine Arts zeigt sich, wie weit Malerei auseinanderliegen und dennoch miteinander korrespondieren kann. In Franz Grabmayrs „Wasserbild“ von 1981 wird Farbe beinahe zu Materie: Schwere Ölschichten türmen sich auf der Leinwand, Landschaft und Wasser lösen sich im Malprozess auf. Dénesh Ghyczys „Open Window“ von 2024 öffnet dagegen ein farbiges Geflecht aus Fensterflächen, Spiegelungen und vegetabilen Formen. Die Architektur gibt Ordnung vor, doch Innen und Außen beginnen ineinanderzufließen.
Eduard Angeli – „Ein schöner Abend“, 2026, atmosphärische Landschaft mit rosafarbenen Lichtspuren, Galerie Maier, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Leiser wird es bei Galerie Maier. Eduard Angelis „Ein schöner Abend“ von 2026 reduziert die Landschaft auf Horizont, Himmel und rosafarbene Spuren, die wie flüchtige Zeichen durch die Weite ziehen. Daneben bekommt die menschliche Figur bei Lois Anvidalfarei eine ganz andere Schwere: In „Crux Cordis III“ greifen Hände über einen Kopf, verdecken das Gesicht, schützen oder bedrängen es. Die raue Bronze lässt offen, ob wir Rückzug, Verletzlichkeit oder innere Spannung beobachten.
Lois Anvidalfarei – „Crux Cordis III“, 2025, Bronze, Hände umschließen einen menschlichen Kopf, Galerie Maier, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Vielleicht sind es gerade diese stilleren Begegnungen, die auf einer Kunstmesse länger bleiben. Ein Blick, eine Oberfläche, eine Geste – und für einen Moment tritt der Markt in den Hintergrund. Vor Anvidalfareis verborgenem Gesicht muss nichts erklärt werden. Man bleibt stehen, weil die Hände etwas erzählen, das sich nicht vollständig in Worte übersetzen lässt.
Erwin Wurm – „Double Doubt“, 2024, sandgestrahlte Aluminiumskulptur, Kunsthandel Freller, Vienna Highlights Art Fair 2026 • Kiki Kogelnik – „Round Penny Head“, farbige Glasskulptur, Kunsthandel Freller, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Wie unterschiedlich Gegenwartsskulptur sein kann, zeigt wenig später Erwin Wurms „Double Doubt“ von 2024 bei Kunsthandel Freller. Ein bekleideter Körper steht aufrecht, doch dort, wo ein Kopf sein müsste, ragen zwei Beine empor. Das anatomisch Unmögliche erscheint für einen Augenblick vollkommen selbstverständlich – bis der zweite Blick die Ordnung kippen lässt. Am selben Stand erweitert Kiki Kogelniks „Round Penny Head“ aus Glas das Spiel mit Körper, Material und dreidimensionaler Form.
Hubert Hanghofer – „abilos“, 2018, polierte Bronze, Kunsthaus Wiesinger, Vienna Highlights Art Fair 2026 • Manfred Bockelmann – Serie „Sterben der Blätter“, rotes Blatt mit Schatten, Kunsthaus Wiesinger, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Einen ganz anderen Umgang mit Oberfläche bietet Kunsthaus Wiesinger. Hubert Hanghofers polierte Bronze „abilos“ von 2018 nimmt Licht und Umgebung in ihre geschwungenen Flächen auf. Daneben erzählt Manfred Bockelmanns „Sterben der Blätter“ von Vergänglichkeit: Ein einzelnes rotes Blatt liegt vor weißem Grund, bereits gezeichnet vom Vergehen und begleitet von seinem dunklen Schatten.
Oskar Mulley – „Bergbauernhof“, alpine Gebirgslandschaft mit Bauernhof, Kunsthandel Moskat, Vienna Highlights Art Fair 2026 • Karl Korab – „Ohne Titel“, abstrakte Landschaft mit intensiv roten Farbfeldern, Kunsthandel Moskat, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Dass Landschaft auf dieser Messe ebenfalls viele Sprachen kennt, zeigen Oskar Mulley und Karl Korab bei Kunsthandel Moskat. Wo Mulley 1938 Brücke, Haus und Natur zu einer atmosphärischen Landschaft verdichtet, lässt Korab Landschaft in Farbfelder und kleine zeichenhafte Formen übergehen. Dazwischen überrascht Jessica Woods „Los Angeles“ von 1981 mit einer jungen Frau im roten Kleid und einer rätselhaft offenen Erzählung.
Karl Korab – „Ohne Titel“, abstrakte Landschaft mit intensiv roten Farbfeldern, Kunsthandel Moskat, Vienna Highlights Art Fair 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: artport / art-port.cc
Vom spätgotischen Lindenholz über Wiener Werkstätte, Malerei und Grafik bis zu Glas, Keramik und zeitgenössischer Bronze entfaltet die Vienna Highlights Art Fair 2026 ihren Charakter gerade im Wechsel der Zeiten und Materialien. Das Palais Esterházy wird dabei nicht bloß zum Veranstaltungsort, sondern zur Bühne eines konzentrierten Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vom 1. bis 4. Oktober 2026 bietet die Vienna Highlights Art Fair damit einen Wiener Messerundgang, bei dem internationale Kunstgeschichte und österreichische Positionen auf bemerkenswert engem Raum zusammentreffen.