Luiza Furtado: Materialität als lebendige Erinnerung im Zeitalter des Anthropozän
In der vibrierenden Kunstszene Wiens tritt die brasilianische Künstlerin Luiza Furtado, geboren 1999 in Florianópolis, als eine der spannendsten Stimmen einer jungen Generation hervor, die das Verhältnis zwischen Körper, Material und Umwelt neu verhandelt. Nach ihrem Abschluss in Industrial Design in Rio de Janeiro zog sie nach Österreich, um an der Akademie der Bildenden Künste Wien zu studieren – ein Schritt, der ihre Praxis zwischen Performance und Multimedia entscheidend geprägt hat. Heute bewegt sich Furtado an den Schnittstellen von Ökologie, Technologie und Erinnerung, und versteht das Material als eine Art Sensorium des Anthropozän.
“I work as a performer and multimedia artist researching materiality, within its ecological reverberances in the Anthropocene. I am interested in the friction between past and present. While focusing on topics of hybridity in late stage capitalism, to trace connections between biopolitical control and industrial dynamics.”
Ihre Arbeit beginnt stets mit dem Akt des Sammelns. Furtado errichtet ein persönliches Archiv aus Fragmenten des urbanen Lebens – Industrieprodukte, die durch Gebrauch, Abnutzung und Zeit verwandelt wurden. Textilien, Metall, Plastik: Fundstücke aus Recyclingzentren, Flohmärkten oder aus der Hand jener, die ihr im Alltag begegnen. Diese Materialien tragen Geschichten in sich, Spuren eines industriellen Zeitalters, dessen Rhythmus unsere Körper längst verinnerlicht haben. Für die Künstlerin ist jede Oberfläche ein Einstiegspunkt in ein Geflecht von Fragen.
“The construction of my work beggins with a practice of arquiving urban materials. Which are second hand fragments - that were industrially produced - such as; textiles, metal and plastic. Sourcing them from comercial spaces like recycling centers, often, flea markets or organically collecting from people in my community and interrupted areas around the city.”
Ihr Hintergrund im Industriedesign schärft den Blick für die verborgenen Mechanismen dieser Oberflächen. Jede Faser, jede Metallkante wird zu einem historischen Dokument, das Hinweise auf Produktionsketten, Maschinen und ökologische Spuren trägt.
“My background as an industrial designer influences my approach with material. Every surface that comes into the work triggers questioning. And, each question takes form as a line in my research web. Knotting, through tensioned layers (in which circumstances was this element built? what were the machines involved? how will it be absorbed by the soil?).”
Furtado orientiert sich an den Schriften von Donna Haraway und Bruno Latour, deren Überlegungen zu Cyborgismus und Klimakrise entscheidende Impulse für ihr Denken liefern. In diesem theoretischen Rahmen betrachtet sie natürliche und synthetische Substanzen als Träger lebendiger Erinnerung, als eine Art Haut, die der Mensch künstlich erweitert hat.
“Influenced by Haraway's writings on cyborgism and Latour’s contextualization of climate crisis emergence. I reflect on (natural/synthetic) surfaces as repositories of living memory, and delve into their prosthetic quality as extensions of the human body.”
In ihren Performances verschmelzen Körper, Material und Bewegung zu einer fluiden Choreografie. Weiche Skulpturen, textile Konstruktionen und hybride Kostüme werden zu instrumentalen Erweiterungen, die die Grenzen zwischen Menschlichem und Industriellem auflösen.
“In performances, I combine soft sculpture and fluid costume with embodied movement as tools to blurr these boundaries.”
Furtados künstlerische Forschung erweist sich als sensibler Seismograf einer Zeit, in der ökologische Brüche, technische Abhängigkeiten und soziale Vernetzungen untrennbar miteinander verwoben sind. Ihre Praxis wirkt wie ein poetisches Gegenmodell zur Kälte industrieller Systeme: ein Netz aus Geschichten, Gesten und Materialien, das die globale Gegenwart durch die intime Nähe des Berührens erfahrbar macht.