Laura Knight, „Self Portrait“ (1913) mit Modell Ella Louise Naper, Öl auf Leinwand – Malerin im Atelier vor stehendem weiblichen Akt
Laura Knight mit Modell Ella Louise Naper (1913) – Ikone des weiblichen Blicks | © Estate of Dame Laura Knight DBE RA / Bridgeman Images – Mit freundlicher Genehmigung von: npg.org.uk / National Portrait Gallery London

Was: Presse

Wann: 03.03.2026

Laura Knight sprengte 1913 mit einem einzigen Atelierbild die Hierarchie des Sehens – eine Malerin, die sich selbst beim Akt des Malens eines nackten Modells zeigt und damit das männlich dominierte Kunstsystem frontal herausfordert.

In einer Zeit, in der Frauen an britischen Kunstakademien nicht einmal regulär nach dem nackten Modell arbeiten durften, malt sich Knight im Atelier vor der Staffelei. Vor ihr steht das Modell Ella Louise Naper, nackt, dem Betrachter den Rücken zugewandt. Knight selbst erscheint bekleidet, im Profil, den Blick fest auf das Modell gerichtet. Die Komposition ist klar, beinahe konfrontativ: Hier schaut keine Muse, hier schaut eine Künstlerin.

Das 1913 entstandene Werk „Self Portrait“ markiert einen Wendepunkt in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Nicht der weibliche Körper als Objekt steht im Zentrum, sondern der Akt des Malens selbst. Knight beansprucht den Raum des Ateliers, der bis dahin als männliche Domäne galt. Sie nimmt sich das Recht, zu beobachten, zu interpretieren, zu gestalten.

Laura Knight „Self Portrait“ 1913 mit Aktmodell im Atelier
Laura Knight „Self Portrait“ 1913 mit Aktmodell im Atelier – Mit freundlicher Genehmigung von: npg.org.uk / National Portrait Gallery London
Der Skandal lag nicht in der Nacktheit. Der Skandal lag im Blick.

Im Atelier steht Laura Knight links im Bild, im Profil, mit Palette und Pinsel vor der Staffelei. Sie trägt eine rote Jacke und einen dunklen Hut, ihr Blick ist konzentriert auf das Modell gerichtet. Rechts erhebt sich der nackte Körper von Ella Louise Naper auf einer Plattform, dem Betrachter den Rücken zugewandt, die Arme über den Kopf gehoben. Die helle Haut kontrastiert scharf mit der tiefroten Wand im Hintergrund. Zwischen beiden Figuren spannt sich ein klar strukturierter Raum, der das Verhältnis von Beobachtung und Darstellung sichtbar macht. Ein Spiegel verstärkt die Reflexion über den Akt des Malens selbst.

Über Jahrhunderte war der weibliche Akt Projektionsfläche männlicher Fantasie.

Mit Laura Knight verschiebt sich die Perspektive. Der weibliche Körper ist nicht länger passives Motiv, sondern Teil eines Dialogs zwischen zwei Frauen. Die Malerin kontrolliert die Szene, nicht der Betrachter. Das Bild reflektiert damit eine neue Selbstpositionierung der Künstlerin im modernen Kunstbetrieb.

Gleichzeitig ist das Gemälde formal streng komponiert. Die vertikale Figur des Modells, die rote Atelierwand, der Spiegel, der den Malprozess andeutet – all das schafft eine bewusst inszenierte Bildarchitektur. Knight zeigt nicht nur ein Modell, sie zeigt das Malen selbst als intellektuellen Akt.

Die kunsthistorische Bedeutung des Werkes reicht weit über das Jahr 1913 hinaus. Jahrzehnte später wurde Laura Knight zu einer der ersten Frauen, die als Vollmitglied in die Royal Academy aufgenommen wurden. Ihr Selbstporträt wirkt rückblickend wie eine programmatische Erklärung: Die Frau ist nicht Objekt der Kunstgeschichte, sie ist deren Autorin.

In der heutigen Diskussion um den „male gaze“ erscheint Knights Werk erstaunlich modern. Es ist ein frühes, selbstbewusstes Manifest gegen strukturelle Ausschlüsse im Kunstsystem. Der weibliche Blick wird hier nicht theoretisch verhandelt, sondern malerisch vollzogen.

Die National Portrait Gallery in London rückt das Bild erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit und zeigt, wie aktuell dieses Werk geblieben ist. „My inner self continues to say even today — go on, keep on trying something different.“ Dieses Zitat von Laura Knight wirkt wie ein Kommentar zu jenem mutigen Moment von 1913.

„Self Portrait“ ist kein stilles Atelierbild. Es ist eine Kampfansage – leise im Ton, radikal in der Geste.

Laura Knight hat nicht nur ein Modell gemalt. Sie hat die Hierarchie des Blicks neu definiert.

Tags: Laura Knight, Female Gaze, Moderne Kunst, Malerei, Kunstgeschichte, 20. Jahrhundert, Frauen in der Kunst, Royal Academy, Ella Louise Naper, Modelle

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