Shiro Takatani – Ausstellungsansicht mit einer sitzenden Person vor einer monumentalen Wolkenprojektion in „Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time“, Taipei Fine Arts Museum 2026.
Shiro Takatani – Ausstellungsansicht mit einer sitzenden Person vor einer monumentalen Wolkenprojektion in „Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time“, Taipei Fine Arts Museum 2026. – Mit freundlicher Genehmigung von: gov.taipei / Taipei Fine Arts Museum

Wann: 31.10.2026 - 14.03.2027

Ryuichi Sakamoto – Wenn Klänge sichtbar werden und die Zeit zu sprechen beginnt

Taipei Fine Arts Museum | 31. Oktober 2026 – 14. März 2027

Kann man einen Klang sehen? Kann man die Zeit hören? Und was geschieht, wenn Musik nicht mehr nur aus Tönen besteht, sondern aus Licht, Wasser, Bildern und jenen flüchtigen Augenblicken, die wir gewöhnlich übersehen?

Manchmal braucht es keine Antworten. Es genügt, die Sinne zu öffnen.

Mit der großen Retrospektive „Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time“ widmet das Taipei Fine Arts Museum einem der außergewöhnlichsten Künstler unserer Zeit eine Ausstellung, die weit über die Grenzen der Musik hinausführt.

Ryuichi Sakamoto (1952–2023) war Komponist, Pianist, Musikproduzent und ein unermüdlicher Entdecker jener unsichtbaren Verbindungen, die unsere Welt zusammenhalten. Für ihn war Musik niemals ausschließlich das, was aus einem Instrument erklang. Sie konnte im Rauschen des Wassers liegen, in elektromagnetischen Wellen, im Schweigen eines Raumes oder in der Bewegung des Lichts.

Die von Sachiko Namba kuratierte Ausstellung vereint sieben großformatige Installationen mit insgesamt neun Werken sowie seltene Archivmaterialien seiner Oper LIFE aus dem Jahr 1999.

Von der Musik zur Kunst des Wahrnehmens

Bereits 1978 schrieb Sakamoto als Mitbegründer des Yellow Magic Orchestra Musikgeschichte. Gemeinsam mit Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi verband er elektronische Klänge mit experimentellen musikalischen Ausdrucksformen.

Später erlangte er durch seine Filmmusik internationale Anerkennung und wurde unter anderem mit einem Oscar, einem Grammy und zwei Golden Globes ausgezeichnet.

Doch Sakamoto begnügte sich nicht damit, Musik zu komponieren. Seit den 1990er-Jahren beschäftigte er sich zunehmend mit Bildern und digitalen Technologien. Ab dem Jahr 2000 entstanden verstärkt Installationen, in denen Klang, Raum und visuelle Wahrnehmung miteinander verschmolzen.

Seine künstlerische Neugier führte ihn zu einer grundlegenden Frage: Was hören wir eigentlich, wenn wir beginnen, wirklich zuzuhören?

Wenn eine Stadt ihre unsichtbare Stimme erhält

Gleich zu Beginn der Ausstellung begegnen die Besucher einer bemerkenswerten Arbeit.

Sensing Streams 2026 – invisible, inaudible (Taipei version), basierend auf einer Zusammenarbeit mit dem japanischen Künstler Daito Manabe, verwandelt elektromagnetische Wellen aus der Umgebung des Museums in hörbare und sichtbare Erscheinungen.

Was dem menschlichen Auge verborgen bleibt und dem Ohr normalerweise entgeht, wird plötzlich wahrnehmbar.

Die Stadt erhält gewissermaßen eine zweite Stimme. Eine, die immer vorhanden war, der wir jedoch bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Zwischen Traum, Erinnerung und Vergänglichkeit

In Zusammenarbeit mit dem deutschen Künstler und Musiker Carsten Nicolai entstanden Werke, in denen sich abstrakte Bilder, elektronische Klänge und Klaviermusik zu ungewöhnlichen Erfahrungsräumen verbinden.

PHOSPHENES bewegt sich zwischen Traum und Wirklichkeit. In ENDO EXO treffen Bilder von Tierskeletten und Präparaten auf eine langsam fließende Klaviermelodie. Leben und Tod, Körper und Wahrnehmung geraten in einen stillen Dialog.

Eine andere Form der Grenzüberschreitung eröffnet die Zusammenarbeit mit dem thailändischen Filmemacher Apichatpong Weerasethakul.

In async–first light verbinden sich Musik, poetische Bilder und gesprochene Texte. Daneben zeigt der Stummfilm Durmiente die Schauspielerin Tilda Swinton beim allmählichen Einschlafen.

Es sind jene schwer fassbaren Augenblicke zwischen Wachsein und Traum, Erinnerung und Gegenwart, denen Sakamoto eine eigene künstlerische Sprache verlieh.

Ein Blick in die private Welt des Künstlers

Zakkubalan – Neo Sora und Albert Tholen bei einer nächtlichen Aufnahme, Künstlerduo der Ryuichi-Sakamoto-Ausstellung im Taipei Fine Arts Museum 2026.
Zakkubalan – Neo Sora und Albert Tholen bei einer nächtlichen Aufnahme, Künstlerduo der Ryuichi-Sakamoto-Ausstellung im Taipei Fine Arts Museum 2026. – Mit freundlicher Genehmigung von: gov.taipei / Taipei Fine Arts Museum

Mit async–volume eröffnet das Künstlerduo Zakkubalan, bestehend aus Neo Sora und Albert Tholen, einen beinahe intimen Zugang zu Sakamotos Leben.

Auf 24 kleinen Bildschirmen erscheinen Aufnahmen aus seinem New Yorker Alltag: sein Studio, sein Wohnzimmer, der Garten und jene vertrauten Räume, in denen seine Musik entstand.

Keine monumentale Inszenierung eines weltberühmten Komponisten, sondern Einblicke in die Umgebung eines Menschen, der selbst im Alltäglichen nach neuen Klängen und Bedeutungen suchte.

Wasser, Licht und die Poesie der Zeit

Besonders eindrucksvoll erscheint die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem japanischen Künstler und Theaterregisseur Shiro Takatani.

In water state 1 werden meteorologische Satellitendaten und Niederschlagsinformationen in eine Installation übersetzt, in der Wassertropfen in ein Becken fallen.

Ryuichi Sakamoto + Shiro Takatani, water state 1, 2013. Installation view of the exhibition "Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time" at the Taipei Fine Arts Museum, 2026 © 2026 KAB Inc.
Ryuichi Sakamoto + Shiro Takatani, water state 1, 2013. Installation view of the exhibition "Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time" at the Taipei Fine Arts Museum, 2026 © 2026 KAB Inc. – Mit freundlicher Genehmigung von: gov.taipei / Taipei Fine Arts Museum

Ein scheinbar einfacher Vorgang wird zum Sinnbild natürlicher Kreisläufe und der unaufhörlichen Veränderung unserer Umwelt.

Die Installation async–immersion wiederum entfaltet auf einer 18 Meter langen LED-Wand eine Welt aus Licht, Bildern und Klängen. Alltägliche Gegenstände aus Sakamotos Studio erscheinen, verändern sich und verschwinden wieder.

Takatani vollendete diese Arbeit nach Sakamotos Tod. Sie zählt zu den letzten gemeinsamen künstlerischen Projekten der beiden.

Hier wird die Vergänglichkeit nicht erklärt. Sie wird erfahrbar.

LIFE – ein künstlerisches Vermächtnis

Einen besonderen Schwerpunkt bildet LIFE–fluid, invisible, inaudible..., eine Installation, die 2007 aus der künstlerischen Weiterentwicklung von Sakamotos Oper LIFE von 1999 hervorging.

Wasser, Nebel, Licht und Schatten verbinden sich mit elektronisch erzeugten Klanglandschaften. Die Arbeit beschäftigt sich mit Krieg, Technologie, menschlicher Zivilisation und der Zukunft unseres Planeten.

Ergänzt wird sie durch seltene Dokumente aus der Entstehungszeit der Oper: handschriftliche Notizen, Partituren, Manuskripte, Tonbänder, Videos und historische Fotografien von Mikiya Takimoto.

Viele dieser Materialien werden erstmals öffentlich präsentiert.

Damit eröffnet die Ausstellung nicht nur einen Einblick in das künstlerische Werk Sakamotos, sondern auch in die Gedankenwelt eines Menschen, der sich unablässig mit den großen Fragen unserer Existenz auseinandersetzte.

Die Zeit lässt sich nicht festhalten

Ryuichi Sakamoto verstand Musik als eine Kunst, die nur in der Zeit existieren kann.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Schönheit seines Schaffens.

Ein Ton erklingt und vergeht. Ein Wassertropfen berührt die Oberfläche und verschwindet. Ein Lichtstrahl wandert durch den Raum. Ein Augenblick wird zur Erinnerung.

Nichts davon lässt sich dauerhaft festhalten.

Und doch bleibt etwas zurück.

Mit „seeing sound, hearing time“ lädt das Taipei Fine Arts Museum dazu ein, die Welt für einen Moment anders wahrzunehmen. Nicht schneller, nicht lauter und nicht spektakulärer, sondern aufmerksamer.

Vielleicht entdecken wir dabei, dass die Welt niemals wirklich still ist.

Ryuichi Sakamoto vor einem verwitterten Klavier, Schwarz-Weiß-Porträt des japanischen Komponisten, fotografiert von Neo Sora. Ryuichi Sakamoto (1952–2023). Photo by Neo Sora © 2020 KAB Inc.
Ryuichi Sakamoto vor einem verwitterten Klavier, Schwarz-Weiß-Porträt des japanischen Komponisten, fotografiert von Neo Sora. Ryuichi Sakamoto (1952–2023). Photo by Neo Sora © 2020 KAB Inc. – Mit freundlicher Genehmigung von: gov.taipei / Taipei Fine Arts Museum

Wir haben nur verlernt, ihr zuzuhören.

Tags: Ryuichi Sakamoto, KlangKunst, Medienkunst, Installationskunst, Zeitgenössische Kunst

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