Von der Avantgardistin zur globalen Ikone
Kusamas Karriere verlief keineswegs geradlinig. 1973 kehrte sie nach Japan zurück. Der internationale Ruhm ihrer New Yorker Jahre war zunächst verblasst. Seit 1977 lebte sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio und arbeitete von dort aus weiter in ihrem nahegelegenen Atelier.
Ein entscheidender Moment ihrer internationalen Wiederentdeckung kam 1993, als sie Japan bei der Biennale von Venedig vertrat. Nun begegnete eine neue Generation jener Bildwelt aus Punkten, Wiederholung und Unendlichkeit, die Kusama Jahrzehnte zuvor entwickelt hatte.
Es begann gewissermaßen ihre zweite Karriere: Aus der radikalen Avantgardistin der 1960er-Jahre wurde eine globale Kunstikone. Kürbisse mit Punktmustern, monumentale Skulpturen und Infinity Rooms machten ihre Bildsprache auf der ganzen Welt erkennbar.
Mit ihrem späten Weltruhm wuchs auch ihre Bedeutung am internationalen Kunstmarkt; ihre Arbeiten zählen heute zu den begehrten Positionen der zeitgenössischen Kunst.
Das Paradoxe daran: Eine Künstlerin, deren Werk von der Auflösung des Selbst handelt, wurde selbst zu einer unverwechselbaren Erscheinung.
Die Welt in Punkten
Vielleicht versteht man Kusama deshalb am besten, wenn man einen ihrer Punkte nicht als Ornament betrachtet, sondern als kleinste Einheit ihrer Vorstellung von der Welt.
Ein Punkt allein besitzt eine Grenze. Tausende Punkte lassen diese Grenze verschwinden. Sie wandern über Leinwände und Körper, über Kürbisse, Möbel, Wände und Böden. In Spiegeln vervielfachen sie sich schließlich bis ins scheinbar Unendliche.
Auch Kusama selbst wurde immer stärker Teil dieser Bildwelt. Die rote Perücke, die gemusterten Kleider, die inszenierten Porträts: Am Ende schien die Trennung zwischen Künstlerin und Kunst kaum noch zu existieren.
Als ihr Tod bekannt wurde, würdigten internationale Medien und Wegbegleiter eine außergewöhnliche Karriere. David Zwirner, der Kusama international vertrat, versammelte Nachrufe und Essays unter dem Titel „The World Remembers Yayoi Kusama“ – von der New York Times über Financial Times, Le Monde und The Guardian bis zur South China Morning Post.
Blake Gopnik beschrieb in der New York Times eine Besonderheit ihres Lebens: Kusama habe zwei sehr unterschiedliche Momente des Ruhms erlebt, fast so, als sei sie zwei verschiedene Künstlerinnen gewesen.
Vielleicht liegt gerade darin der Schlüssel zu ihrer außergewöhnlichen Karriere. Die junge Avantgardistin, die in New York Leinwände mit endlosen Netzen bedeckte, und die weltberühmte Künstlerin, deren Spiegelräume Jahrzehnte später Millionen Menschen anzogen, verfolgten letztlich dieselbe Idee.