Yayoi Kusama – Porträt der japanischen Künstlerin vor ihren farbintensiven Kunstwerken, Foto: Yusuke Miyazaki
Yayoi Kusama – Porträt der japanischen Künstlerin vor ihren farbintensiven Kunstwerken, Foto: Yusuke Miyazaki – Mit freundlicher Genehmigung von: davidzwirner.com / David Zwirner

Was: Presse

Wann: 05.09.2026

Rot, Punkte, Netze, Spiegelungen – und mittendrin Yayoi Kusama, als wäre die Künstlerin selbst längst Teil jenes grenzenlosen Universums geworden, das sie ein Leben lang erschaffen hat. Mit ihrem Tod am 27. August 2026 im Alter von 97 Jahren verliert die Kunstwelt eine ihrer unverwechselbarsten Persönlichkeiten. Doch hinter den Kürbissen, den spektakulären Spiegelräumen und der leuchtend roten Perücke stand eine Künstlerin, die über Jahrzehnte an einer grundlegenden Frage arbeitete: Wo endet das eigene Ich – und wo beginnt die Unendlichkeit?

Die Welt in Punkten: Kusamas Blick scheint in diesem Porträt selbst Teil jener kreisenden Formen zu werden, die ihr Werk über Jahrzehnte bestimmten.

Für Kusama waren Punkte nie bloß Dekoration. Schon als Kind erlebte sie nach eigenen Schilderungen Halluzinationen, in denen Muster und Formen ihre Umgebung zu überwuchern schienen. Blumen konnten sich vervielfachen, Punkte einen ganzen Raum erfassen. Was sie als bedrängende Wahrnehmung erlebte, verwandelte sie in Kunst. Die Wiederholung wurde zu einer Möglichkeit, das Bedrohliche zu beherrschen – und zugleich das eigene Ich darin aufzulösen.

Cover of Infinity Net: The Autobiography of Yayoi Kusama, University of Chicago Press, 2012. © YAYOI KUSAMA
Cover of Infinity Net: The Autobiography of Yayoi Kusama, University of Chicago Press, 2012. © YAYOI KUSAMA – Mit freundlicher Genehmigung von: davidzwirner.com / David Zwirner

Wenn das Bild keinen Anfang und kein Ende mehr hat

Als Kusama 1957 Japan verließ und in die Vereinigten Staaten ging, fand diese Vorstellung zunächst auf der Leinwand ihre Form. In ihren „Infinity Nets“ setzte sie unzählige kleine Bögen und netzartige Strukturen nebeneinander. Es gibt keinen Mittelpunkt, keine einzelne große Geste, an der sich das Auge festhalten könnte. Das Muster könnte jenseits der Leinwand einfach weitergehen.

Damit stellte Kusama dem gestischen Pathos des damals dominierenden Abstrakten Expressionismus etwas beinahe Gegensätzliches entgegen: nicht die große expressive Bewegung des Künstlers, sondern die obsessive Wiederholung einer winzigen Form.

Der Blick sucht nach einem Anfang und findet keinen. Er folgt einem Bogen, dann dem nächsten, verliert sich in der Wiederholung. Irgendwann betrachtet man nicht mehr einzelne Zeichen – man blickt in eine Fläche, die größer zu werden scheint als das Bild selbst.

Gerade darin liegt eine der Konstanten ihres Werks: Das Einzelne verliert seine Grenze und wird Teil eines größeren Ganzen.

Yayoi Kusama, Aggregation: One Thousand Boats Show, 1963 – mit phallischen Stoffformen überzogenes Boot, © YAYOI KUSAMA
Yayoi Kusama, Aggregation: One Thousand Boats Show, 1963 – mit phallischen Stoffformen überzogenes Boot, © YAYOI KUSAMA – Mit freundlicher Genehmigung von: davidzwirner.com / David Zwirner

New York und die radikale Kusama

Schon wenige Jahre nach ihrer Ankunft befand sich Kusama mitten in der New Yorker Avantgarde. Eine Gruppenausstellung der Green Gallery von 1962 vereinte Werke von Künstlern, die die kommenden Jahrzehnte prägen sollten, darunter Andy Warhol und Robert Morris. Kusamas Beitrag fiel durch eine damals kaum übersehbare Provokation auf: Sie überzog ein Sofa mit zahllosen weichen, phallischen Stoffformen.

Aus diesen „Accumulations“ entwickelte sie eine Kunst, die sich immer weiter in den realen Raum ausbreitete. Schuhe, Möbel, Kleidungsstücke oder ein Boot wurden von wiederkehrenden Formen überwuchert. In „Aggregation: One Thousand Boats Show“ von 1963 genügte schließlich auch das einzelne Objekt nicht mehr: Die Wiederholung eroberte seine Umgebung.

Kusamas Kunst begann damit genau das zu tun, was ihre Punkte später weltberühmt machen sollte: Sie überschritt die Grenze des Kunstwerks.

Yayoi Kusama 1968 bei einer Performance mit bemalten Körpern in New York – Foto: Keystone Features/Getty Images, © YAYOI KUSAMA
Yayoi Kusama 1968 bei einer Performance mit bemalten Körpern in New York – Foto: Keystone Features/Getty Images, © YAYOI KUSAMA – Mit freundlicher Genehmigung von: davidzwirner.com / David Zwirner

Der Körper wird Teil des Bildes

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre verließ Kusama zunehmend Atelier und Galerie. Mit Performances, Happenings und Körperaktionen trug sie ihre Kunst in den öffentlichen Raum New Yorks. Bei ihren Happenings wurden nackte Körper mit Punkten bemalt; die Muster wanderten von der Leinwand auf die Haut. Kunst, Körper und Umgebung sollten nicht länger getrennte Welten bleiben.

Diese Idee bezeichnete Kusama als „Self-Obliteration“ – die Auslöschung oder Auflösung des Selbst.

Darin steckt ein Schlüssel zu ihrem gesamten Werk. Wenn derselbe Punkt auf einem Menschen, einem Möbelstück, einer Wand und dem Boden erscheint, verliert die gewohnte Ordnung ihre Bedeutung. Der Mensch steht nicht länger im Mittelpunkt. Er wird zu einem Element unter vielen.

Yayoi Kusama, Infinity Mirror Room – Phalli’s Field, 1965 – Spiegelinstallation mit endlos wiederholten gepunkteten Formen, © YAYOI KUSAMA
Yayoi Kusama, Infinity Mirror Room – Phalli’s Field, 1965 – Spiegelinstallation mit endlos wiederholten gepunkteten Formen, © YAYOI KUSAMA – Mit freundlicher Genehmigung von: davidzwirner.com / David Zwirner

Die Unendlichkeit bekommt einen Raum

Was auf den frühen Leinwänden begonnen hatte, erhielt in Kusamas Spiegelinstallationen eine geradezu körperliche Dimension. Bereits 1965 entstand „Infinity Mirror Room – Phalli’s Field“. Spiegel vervielfachten Formen, Raum und Betrachter scheinbar ohne Ende.

Jahrzehnte später sollten gerade die Infinity Mirror Rooms zu den berühmtesten Installationen der Gegenwartskunst werden. Doch ihre Wirkung lässt sich nicht auf das spektakuläre Fotomotiv reduzieren, zu dem sie im Zeitalter sozialer Medien teilweise geworden sind.

Wer einen solchen Raum betritt, erlebt Kusamas ursprüngliche Idee unmittelbar: Der eigene Körper erscheint unzählige Male und wird gleichzeitig immer unbedeutender. Der Spiegel bestätigt das Ich – und löst es im selben Moment auf.

Yayoi Kusama, Great Gigantic Pumpkin, 2017, Matsumoto City Museum of Art, Japan. Foto: Tomohiro Ohsumi/Getty Images. © YAYOI KUSAMA
Yayoi Kusama, Great Gigantic Pumpkin, 2017, Matsumoto City Museum of Art, Japan. Foto: Tomohiro Ohsumi/Getty Images. © YAYOI KUSAMA – Mit freundlicher Genehmigung von: davidzwirner.com / David Zwirner

Von der Avantgardistin zur globalen Ikone

Kusamas Karriere verlief keineswegs geradlinig. 1973 kehrte sie nach Japan zurück. Der internationale Ruhm ihrer New Yorker Jahre war zunächst verblasst. Seit 1977 lebte sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio und arbeitete von dort aus weiter in ihrem nahegelegenen Atelier.

Ein entscheidender Moment ihrer internationalen Wiederentdeckung kam 1993, als sie Japan bei der Biennale von Venedig vertrat. Nun begegnete eine neue Generation jener Bildwelt aus Punkten, Wiederholung und Unendlichkeit, die Kusama Jahrzehnte zuvor entwickelt hatte.

Es begann gewissermaßen ihre zweite Karriere: Aus der radikalen Avantgardistin der 1960er-Jahre wurde eine globale Kunstikone. Kürbisse mit Punktmustern, monumentale Skulpturen und Infinity Rooms machten ihre Bildsprache auf der ganzen Welt erkennbar.

Mit ihrem späten Weltruhm wuchs auch ihre Bedeutung am internationalen Kunstmarkt; ihre Arbeiten zählen heute zu den begehrten Positionen der zeitgenössischen Kunst.

Das Paradoxe daran: Eine Künstlerin, deren Werk von der Auflösung des Selbst handelt, wurde selbst zu einer unverwechselbaren Erscheinung.

Die Welt in Punkten

Vielleicht versteht man Kusama deshalb am besten, wenn man einen ihrer Punkte nicht als Ornament betrachtet, sondern als kleinste Einheit ihrer Vorstellung von der Welt.

Ein Punkt allein besitzt eine Grenze. Tausende Punkte lassen diese Grenze verschwinden. Sie wandern über Leinwände und Körper, über Kürbisse, Möbel, Wände und Böden. In Spiegeln vervielfachen sie sich schließlich bis ins scheinbar Unendliche.

Auch Kusama selbst wurde immer stärker Teil dieser Bildwelt. Die rote Perücke, die gemusterten Kleider, die inszenierten Porträts: Am Ende schien die Trennung zwischen Künstlerin und Kunst kaum noch zu existieren.

Als ihr Tod bekannt wurde, würdigten internationale Medien und Wegbegleiter eine außergewöhnliche Karriere. David Zwirner, der Kusama international vertrat, versammelte Nachrufe und Essays unter dem Titel „The World Remembers Yayoi Kusama“ – von der New York Times über Financial Times, Le Monde und The Guardian bis zur South China Morning Post.

Blake Gopnik beschrieb in der New York Times eine Besonderheit ihres Lebens: Kusama habe zwei sehr unterschiedliche Momente des Ruhms erlebt, fast so, als sei sie zwei verschiedene Künstlerinnen gewesen.

Vielleicht liegt gerade darin der Schlüssel zu ihrer außergewöhnlichen Karriere. Die junge Avantgardistin, die in New York Leinwände mit endlosen Netzen bedeckte, und die weltberühmte Künstlerin, deren Spiegelräume Jahrzehnte später Millionen Menschen anzogen, verfolgten letztlich dieselbe Idee.

Yayoi Kusama im Alter von etwa zehn Jahren mit großen Dahlien, um 1939, © YAYOI KUSAMA
Yayoi Kusama im Alter von etwa zehn Jahren mit großen Dahlien, um 1939, © YAYOI KUSAMA – Mit freundlicher Genehmigung von: davidzwirner.com / David Zwirner

Yayoi Kusama wollte das Ich in der Unendlichkeit verschwinden lassen – und schuf gerade dadurch eine der unverwechselbarsten künstlerischen Welten unserer Zeit.

Tags: Yayoi Kusama, Zeitgenössische Kunst, Avantgarde, Pop Art, Biennale di Venezia, Malerei, Installation, Performance Kunst, Kunstgeschichte, Kunstmarkt, Nachruf Kunst

Die aktuellen Öffnungszeiten der jeweiligen Museen und Ausstellungen mit Werken von Yayoi Kusama entnehmen Sie bitte den Webseiten der jeweiligen Institutionen.