Kim Yun Shin, Tree Full of Songs 1984-11U1, 2025 – farbige Aluminiumskulptur mit geometrischen Mustern in Grün, Türkis, Rot und Violett, Lehmann Maupin Seoul
Kim Yun Shin, Tree Full of Songs 1984-11U1, 2025 – farbige Aluminiumskulptur mit geometrischen Mustern in Grün, Türkis, Rot und Violett, Lehmann Maupin Seoul – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin

Wann: 05.11.2026 - 24.12.2026

Die südkoreanische Künstlerin Kim Yun Shin gehört zu den Pionierinnen der modernen koreanischen Bildhauerei. Seit mehr als sechs Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis zwischen Natur, Material und menschlichem Eingriff. Ihre Skulpturen entstehen aus dem Zusammenspiel von gewachsenen Holzstrukturen, kraftvollen Einschnitten und geometrischen Formen. Vom 5. November bis 24. Dezember 2026 präsentiert die Galerie Lehmann Maupin in Seoul unter dem Titel „In the Continuum“ historische und neue Arbeiten der Künstlerin. Die Ausstellung erstreckt sich über zwei Etagen und verbindet Holzskulpturen, Gemälde und farbig gefasste plastische Werke.

Kim Yun Shin wurde 1935 in Wonsan, im heutigen Nordkorea, geboren. Sie studierte an der Hongik University in Seoul und setzte ihre künstlerische Ausbildung von 1964 bis 1969 an der École nationale supérieure des Beaux-Arts in Paris fort. Dort beschäftigte sie sich mit Bildhauerei und Lithografie. Nach ihrer Rückkehr nach Korea lehrte sie an verschiedenen Hochschulen und beteiligte sich 1974 an der Gründung der Korean Sculptress Association, die sich für die Sichtbarkeit und Förderung von Bildhauerinnen einsetzte.

Eine entscheidende Veränderung brachte ihre Übersiedlung nach Argentinien im Jahr 1984. Die Vielfalt und Beschaffenheit der südamerikanischen Hölzer eröffneten ihr neue Möglichkeiten der plastischen Gestaltung. In Buenos Aires entwickelte sie über Jahrzehnte eine eigenständige Formensprache, die natürliche Materialien mit architektonischen Strukturen und philosophischen Vorstellungen verbindet. Auch Aufenthalte in Mexiko und Brasilien erweiterten ihren künstlerischen Horizont.

Das Holz bildet das Zentrum ihres bildhauerischen Schaffens. Mit der Kettensäge bearbeitet Kim Yun Shin massive Baumstämme, öffnet ihre gewachsenen Strukturen und fügt einzelne Segmente zu vertikalen Kompositionen zusammen. Tiefe Kerben, schräge Einschnitte und unregelmäßige Oberflächen bleiben sichtbar. Die Spuren der Bearbeitung werden nicht geglättet oder verborgen, sondern bestimmen den Charakter der Skulpturen. Dabei entstehen Formen, die zugleich an archaische Figuren, architektonische Elemente und natürlich gewachsene Körper erinnern.

Kim Yun Shin, Add Two Add One Divide Two Divide One 1996-538, 1996. Algarrobo-Holz, 137 × 30 × 30 cm. Ausstellung „In the Continuum“, Lehmann Maupin, Seoul, 2026.
Kim Yun Shin, Add Two Add One Divide Two Divide One 1996-538, 1996. Algarrobo-Holz, 137 × 30 × 30 cm. Ausstellung „In the Continuum“, Lehmann Maupin, Seoul, 2026. – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin

Eine besondere Bedeutung besitzt ihre seit den späten 1970er-Jahren entwickelte Werkserie „Add Two Add One, Divide Two Divide One“. Die Begriffe des Hinzufügens und Teilens beziehen sich auf das ostasiatische Verständnis von Yin und Yang. Teilung und Verbindung, Gegensätzlichkeit und Einheit erscheinen darin nicht als Widersprüche, sondern als miteinander verbundene Vorgänge. In den Skulpturen wird dieses Prinzip unmittelbar erfahrbar: Einzelne Holzkörper stehen für sich und bilden zugleich ein größeres Ganzes.

Auch traditionelle koreanische Bauweisen beeinflussten ihre Arbeit. Die Verbindung von Holzelementen ohne Nägel, wie sie in der historischen Hanok-Architektur vorkommt, findet eine Entsprechung in ihren zusammengesetzten Skulpturen. Die übereinandergelagerten Formen entwickeln eine eigene Balance zwischen Schwere und Bewegung, Stabilität und Veränderung.

Die farbigen Skulpturen eröffnen eine weitere Dimension ihres Werkes. Leuchtendes Grün, Türkis, Rot und Blau überziehen die plastischen Formen. Während Kim Yun Shin in ihren früheren Arbeiten vorwiegend mit Holz arbeitete, verwendet sie für neuere Werke auch Aluminium. Die Skulptur „Tree Full of Songs 1984-11U1“ von 2025, ausgeführt in Acryl auf Aluminium, verbindet geometrische Muster, kontrastierende Farbflächen und übereinandergesetzte Formelemente. Die intensive Farbigkeit betont die räumliche Gliederung und verleiht der Skulptur eine beinahe malerische Wirkung. So entsteht eine eigenständige Verbindung von Malerei und Bildhauerei, die Kim Yun Shins jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Material, Form und Farbe fortführt.

In der Ausstellung „In the Continuum“ begegnen diese neueren Arbeiten den naturbelassenen Holzskulpturen früherer Jahrzehnte. Besonders die Gegenüberstellung von rauen, eingeschnittenen Oberflächen und intensiv bemalten Formen verdeutlicht die Entwicklung ihrer künstlerischen Sprache. Zugleich wird sichtbar, wie konsequent die Künstlerin an ihren grundlegenden Vorstellungen von Natur, Zeit und Veränderung festhält.

Nach rund vier Jahrzehnten in Argentinien kehrte Kim Yun Shin 2024 dauerhaft nach Südkorea zurück. Ihre Teilnahme an der 60. Biennale von Venedig 2024 machte ihr Werk einem breiteren internationalen Publikum zugänglich. Ausstellungen in New York und London folgten 2025. Im Jahr 2026 widmete ihr das Hoam Museum of Art eine umfangreiche Retrospektive. Auch die Aufnahme ihrer Werke in die Sammlungen des Guggenheim Museum und der Harvard Art Museums unterstreicht die wachsende internationale Aufmerksamkeit.

Kim Yun Shin in ihrem Atelier in Seoul, umgeben von geschnitzten Holzskulpturen, farbigen Gemälden und Arbeitsmaterialien – Ausstellung In the Continuum, Lehmann Maupin 2026
Kim Yun Shin in ihrem Atelier in Seoul, umgeben von geschnitzten Holzskulpturen, farbigen Gemälden und Arbeitsmaterialien – Ausstellung In the Continuum, Lehmann Maupin 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: lehmannmaupin.com / Lehmann Maupin

Mit „In the Continuum“ richtet Lehmann Maupin den Blick auf eine Künstlerin, deren Schaffen von geografischen Veränderungen und kulturellen Begegnungen geprägt wurde, ohne seine innere Kontinuität zu verlieren. Zwischen den naturbelassenen Holzskulpturen und den leuchtend bemalten Arbeiten entfaltet sich eine künstlerische Vorstellung, in der Natur und menschliche Gestaltung nicht getrennt voneinander bestehen, sondern einander fortwährend ergänzen.

Tags: Kim Yun Shin, Skulpturen, Koreanische Kunst, Bildhauerkunst, Zeitgenössische Kunst

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