Eine besondere Bedeutung besitzt ihre seit den späten 1970er-Jahren entwickelte Werkserie „Add Two Add One, Divide Two Divide One“. Die Begriffe des Hinzufügens und Teilens beziehen sich auf das ostasiatische Verständnis von Yin und Yang. Teilung und Verbindung, Gegensätzlichkeit und Einheit erscheinen darin nicht als Widersprüche, sondern als miteinander verbundene Vorgänge. In den Skulpturen wird dieses Prinzip unmittelbar erfahrbar: Einzelne Holzkörper stehen für sich und bilden zugleich ein größeres Ganzes.
Auch traditionelle koreanische Bauweisen beeinflussten ihre Arbeit. Die Verbindung von Holzelementen ohne Nägel, wie sie in der historischen Hanok-Architektur vorkommt, findet eine Entsprechung in ihren zusammengesetzten Skulpturen. Die übereinandergelagerten Formen entwickeln eine eigene Balance zwischen Schwere und Bewegung, Stabilität und Veränderung.
Die farbigen Skulpturen eröffnen eine weitere Dimension ihres Werkes. Leuchtendes Grün, Türkis, Rot und Blau überziehen die plastischen Formen. Während Kim Yun Shin in ihren früheren Arbeiten vorwiegend mit Holz arbeitete, verwendet sie für neuere Werke auch Aluminium. Die Skulptur „Tree Full of Songs 1984-11U1“ von 2025, ausgeführt in Acryl auf Aluminium, verbindet geometrische Muster, kontrastierende Farbflächen und übereinandergesetzte Formelemente. Die intensive Farbigkeit betont die räumliche Gliederung und verleiht der Skulptur eine beinahe malerische Wirkung. So entsteht eine eigenständige Verbindung von Malerei und Bildhauerei, die Kim Yun Shins jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Material, Form und Farbe fortführt.
In der Ausstellung „In the Continuum“ begegnen diese neueren Arbeiten den naturbelassenen Holzskulpturen früherer Jahrzehnte. Besonders die Gegenüberstellung von rauen, eingeschnittenen Oberflächen und intensiv bemalten Formen verdeutlicht die Entwicklung ihrer künstlerischen Sprache. Zugleich wird sichtbar, wie konsequent die Künstlerin an ihren grundlegenden Vorstellungen von Natur, Zeit und Veränderung festhält.
Nach rund vier Jahrzehnten in Argentinien kehrte Kim Yun Shin 2024 dauerhaft nach Südkorea zurück. Ihre Teilnahme an der 60. Biennale von Venedig 2024 machte ihr Werk einem breiteren internationalen Publikum zugänglich. Ausstellungen in New York und London folgten 2025. Im Jahr 2026 widmete ihr das Hoam Museum of Art eine umfangreiche Retrospektive. Auch die Aufnahme ihrer Werke in die Sammlungen des Guggenheim Museum und der Harvard Art Museums unterstreicht die wachsende internationale Aufmerksamkeit.