David Hockney, Hotel Acatlán: Second Day, 1984–85, Lithografie in Farben, LA Modern Auctions
David Hockney, Hotel Acatlán: Second Day, 1984–85, Lithografie in Farben, LA Modern Auctions – Mit freundlicher Genehmigung von: lamodern.com / LA Modern Auctions

Was: Auktion

Wann: 10.09.2026

Prints & Multiples bei LA Modern Auctions: Wenn ein Blatt zum Experimentierfeld wird

Fast zwei Meter Farbe – und plötzlich verliert der Blick seinen festen Standpunkt: Mit David Hockneys „Hotel Acatlán: Second Day“ führt die Auktion „Prints & Multiples“ bei LA Modern Auctions in Los Angeles mitten hinein in eine Zeit, in der Künstler das gedruckte Blatt neu entdeckten. Nicht als bloße Wiederholung eines Originals, sondern als Experimentierfeld für Raum, Bewegung, Farbe und Wahrnehmung. Hockney, Roy Lichtenstein, Alex Katz, Robert Longo, Ellsworth Kelly, Frank Stella und Larry Bell stellen dabei immer wieder dieselbe große Frage: Wie viel Wirklichkeit braucht ein Bild – und wie viel entsteht erst in unserem Kopf?

David Hockney: Kann ein Bild mehrere Augenblicke zugleich zeigen?

Genau darum geht es in David Hockneys „Hotel Acatlán: Second Day“ von 1984–85. Hockney interessierte sich für die Grenzen der klassischen Zentralperspektive. Ein einziger, unbeweglicher Blickpunkt entsprach für ihn kaum der Art, wie Menschen tatsächlich sehen: Wir bewegen den Kopf, wandern mit den Augen, erinnern uns an Einzelheiten und setzen aus vielen Eindrücken einen Raum zusammen.

In seiner berühmten „Moving Focus“-Serie wird diese Idee zum Bild. Der Innenhof des mexikanischen Hotels ist deshalb weniger eine Ansicht als eine Erfahrung von Raum. Säulen, Bäume, Türen und Wege ziehen den Blick weiter. Perspektiven verschieben sich, Nähe und Ferne geraten in Bewegung.

Man steht nicht einfach vor diesem Hof. Man scheint durch ihn hindurchzugehen. Der Blick findet keinen Ort, an dem er dauerhaft zur Ruhe kommt – und gerade darin liegt die Freiheit des Bildes.

Die farbige Lithografie auf zwei Blättern erreicht eine Breite von rund 1,92 Metern. Angeboten wird Exemplar 18/98, gedruckt und herausgegeben von Tyler Graphics Ltd. Die Schätzung von 100.000 bis 150.000 US-Dollar macht Hockneys herausragende Stellung auch am internationalen Kunstmarkt sichtbar.

Roy Lichtenstein, Road Before the Forest, 1985, Lithografie, Holzschnitt und Siebdruck, LA Modern Auctions
Roy Lichtenstein, Road Before the Forest, 1985, Lithografie, Holzschnitt und Siebdruck, LA Modern Auctions – Mit freundlicher Genehmigung von: lamodern.com / LA Modern Auctions

Roy Lichtenstein: Was bleibt von einer Landschaft?

Bei Roy Lichtenstein wird der Blick anschließend geradezu auseinandergenommen. In Road Before the Forest von 1985 sind Straße, Wald und Horizont noch vorhanden – doch sie verwandeln sich in Linien, Flächen und visuelle Rhythmen.

Lichtenstein interessiert nicht die möglichst naturgetreue Wiedergabe einer Landschaft. Er macht vielmehr sichtbar, dass auch das scheinbar Vertraute bereits durch Bilder, Zeichen und Sehgewohnheiten geprägt ist. Die Natur wird zur bewusst konstruierten Bildsprache.

Dazu verbindet er Lithografie, Holzschnitt und Siebdruck. Die Technik ist hier nicht bloß Mittel zum Zweck: Unterschiedliche Druckverfahren treffen aufeinander, so wie sich im Bild unterschiedliche Ebenen der Wahrnehmung überlagern. Das angebotene Exemplar 12/60, gedruckt und herausgegeben von Gemini G.E.L. in Los Angeles, wird auf 60.000 bis 80.000 US-Dollar geschätzt.

Alex Katz, The Red Band, 1979, Farbserigrafie, LA Modern Auctions
Alex Katz, The Red Band, 1979, Farbserigrafie, LA Modern Auctions – Mit freundlicher Genehmigung von: lamodern.com / LA Modern Auctions

Alex Katz: Die Macht eines Augenblicks

Bei Alex Katz genügt ein Gesicht, ein Hut und ein rotes Band. The Red Band von 1979 verrät uns kaum etwas über die dargestellte Frau. Es gibt keine Handlung, keine ausgearbeitete Umgebung und keinen psychologischen Schlüssel, der ihr Geheimnis auflösen würde.

Katz interessiert vielmehr jener flüchtige Moment, in dem ein Mensch durch Haltung, Blick und Erscheinung plötzlich vollkommen präsent wird. Die großen, ruhigen Farbflächen besitzen die Direktheit von Werbung und Film – doch Katz verweigert die dazugehörige Geschichte. Wir sehen die Frau und wissen doch nicht, wer sie ist.

Gerade diese Spannung zwischen Nähe und Distanz gehört zu den besonderen Qualitäten seiner Kunst. Die großformatige Farbserigrafie ist Exemplar 17/60 und wird auf 20.000 bis 35.000 US-Dollar geschätzt.

Robert Longo, Gretchen aus Men in the Cities, 1984, Lithografie, LA Modern Auctions
Robert Longo, Gretchen aus Men in the Cities, 1984, Lithografie, LA Modern Auctions – Mit freundlicher Genehmigung von: lamodern.com / LA Modern Auctions

Robert Longo: Tanz oder Kontrollverlust?

Dann kippt die Stimmung.

In Robert Longos „Gretchen“ von 1984 scheint der Körper von einer unsichtbaren Kraft erfasst. Ist es Tanz? Ekstase? Ein Sturz? Oder der Versuch, etwas abzuwehren?

Longo lässt die Antwort bewusst offen. Seine Figuren aus der berühmten Serie „Men in the Cities“ tragen die Eleganz der urbanen Welt der 1980er-Jahre – und zugleich deren Nervosität. Der Körper wird zum Schauplatz einer Spannung zwischen Selbstbeherrschung und Kontrollverlust. Das Gesicht verschwindet hinter dem Haar; die Geste übernimmt die Erzählung.

Vor dem nahezu leeren Grund bleibt nichts, was von dieser Bewegung ablenkt. Gerade deshalb besitzt sie eine eigentümliche Zeitlosigkeit: Ein Sekundenbruchteil wird eingefroren und dauert plötzlich für immer.

Die großformatige Lithografie ist ein Working Proof außerhalb der regulären Auflage von 38 Exemplaren und wird auf 40.000 bis 60.000 US-Dollar geschätzt.

Ellsworth Kelly, Colored Paper Image II Dark Green Curves, 1976, LA Modern Auctions
Ellsworth Kelly, Colored Paper Image II Dark Green Curves, 1976, LA Modern Auctions – Mit freundlicher Genehmigung von: lamodern.com / LA Modern Auctions

Ellsworth Kelly: Wenn Farbe selbst zum Gegenstand wird

Nach Longos körperlicher Spannung tritt mit Ellsworth Kellys „Colored Paper Image II (Dark Green Curves)“ von 1976 beinahe Stille ein.

Zwei dunkelgrüne Formen nähern sich einander. Mehr braucht Kelly nicht.

Denn seine Kunst fragt nicht danach, was eine Form darstellen könnte. Entscheidend ist, was Form und Farbe mit unserer Wahrnehmung machen. Wo endet die eine Fläche? Wo beginnt die andere? Berühren sich die beiden Formen – oder entsteht zwischen ihnen erst durch unseren Blick ein Raum?

Besonders konsequent ist deshalb das Material. Die Farbe wurde nicht einfach auf einen Bildträger aufgetragen: Das Werk besteht aus gefärbtem und gepresstem Papierbrei. Farbe und Material werden eins.

Nur 17 Exemplare entstanden. Das angebotene Blatt trägt die Nummer 15/17 und wird auf 20.000 bis 30.000 US-Dollar geschätzt.

Frank Stella, Bonne Bay aus der Newfoundland-Serie, 1971, Lithografie und Siebdruck, LA Modern Auctions
Frank Stella, Bonne Bay aus der Newfoundland-Serie, 1971, Lithografie und Siebdruck, LA Modern Auctions – Mit freundlicher Genehmigung von: lamodern.com / LA Modern Auctions

Frank Stella: Wenn Geometrie ihre Ruhe verliert

Frank Stellas „Bonne Bay“ von 1971 führt diese Auseinandersetzung mit Form und Fläche weiter – allerdings mit völlig anderer Energie.

Rechteckige Ordnungen werden von Bögen durchquert, Farben stoßen aufeinander, Linien scheinen sich gegenseitig aus ihren Bahnen zu drängen. Die Geometrie ist noch vorhanden, aber sie beginnt ihre Ruhe zu verlieren.

Die Arbeit aus der „Newfoundland“-Serie gehört in jene Phase, in der Stella die radikale Strenge seiner frühen Werke zunehmend öffnete. Form sollte nicht länger nur Ordnung herstellen. Sie konnte Bewegung erzeugen, Spannung aufbauen und den Blick durch das Bild treiben.

Die fast 1,80 Meter breite Kombination aus Lithografie und Siebdruck wird auf 20.000 bis 30.000 US-Dollar geschätzt.

Larry Bell, Ten works, Barcelona Suite Portfolio California, 1989, LA Modern Auctions
Larry Bell, Ten works, Barcelona Suite Portfolio California, 1989, LA Modern Auctions – Mit freundlicher Genehmigung von: lamodern.com / LA Modern Auctions

Larry Bell: Am Ende bleibt das Licht

Und dann wird die Erzählung beinahe immateriell.

In Larry Bells zehn Arbeiten von 1989 lösen sich die festen Formen zunehmend in Farbräume, Übergänge und Überlagerungen auf. Bell beschäftigt seit Jahrzehnten eine Frage, die zunächst einfach klingt und doch kaum endgültig zu beantworten ist: Was geschieht mit einer Oberfläche, wenn Licht auf sie trifft?

Diese Suche verbindet sein grafisches Werk mit seiner bekannten Beschäftigung mit Glas, Transparenz und Reflexion. Auch auf Papier scheint Farbe weniger fest zu liegen als vielmehr aufzutauchen und wieder zu verschwinden.

Die zehn Farbradierungen und Farblithografien wurden bei Polígrafa in Barcelona gedruckt. Mit einer Schätzung von 3.000 bis 5.000 US-Dollar markieren sie zugleich das andere Ende der preislichen Spannweite dieser Auktion.

Sieben Positionen – und eine Auktion voller Perspektiven

Die sieben ausgewählten Werke zeigen, wie unterschiedlich Künstler das Sehen selbst zum Gegenstand ihrer Arbeit machen. Hockney bewegt den Blick. Lichtenstein zerlegt die Landschaft. Katz hält einen Augenblick fest. Longo bringt den Körper aus dem Gleichgewicht. Kelly lässt Farbe zum Material werden. Stella setzt die Geometrie in Bewegung. Und bei Bell scheint sich die Fläche schließlich beinahe in Licht aufzulösen.

Doch damit ist die Geschichte dieser Auktion längst nicht erzählt. Sam Francis, Salvador Dalí, Rufino Tamayo, Georgia O’Keeffe, Helen Frankenthaler, Robert Rauschenberg, Josef Albers, James Rosenquist, Mel Ramos und Keith Haring erweitern das Spektrum um ganz unterschiedliche Kapitel der Kunst des 20. Jahrhunderts; hinzu kommt eine Arbeit nach Alberto Giacometti.

Gerade diese Spannweite macht „Prints & Multiples“ bemerkenswert. Abstraktion begegnet Pop Art, geometrische Strenge trifft auf expressive Farbe, Figur auf Fläche und europäische Moderne auf amerikanische Nachkriegskunst. Was all diese Positionen verbindet, ist die Erkenntnis, dass Druckgrafik nie nur die Kunst war, ein Bild zu vervielfältigen. Für einige der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts wurde sie zu einem Labor des Sehens – zu einem Ort, an dem immer wieder neu ausgehandelt wurde, wie wir die Welt wahrnehmen.

Tags: Malerei, Pop Art, Zeitgenössische Kunst, Gegenwartskunst, Nachkriegskunst, David Hockney, Roy Lichtenstein, Alex Katz, Robert Longo, Ellsworth Kelly, Frank Stella, Larry Bell, Druckgrafik, Lithografien, Siebdruck, Kunstmarkt

Montag – Freitag: 9:00–17:00 Uhr
Samstag – Sonntag: geschlossen