Porträt des Kunstkritikers und Sammlers Walter Vitt (1936–2021) – Sammlung Konkrete Kunst, VAN HAM Auktion 2026 © Foto: Gerd Winner
Porträt des Kunstkritikers und Sammlers Walter Vitt (1936–2021) – Sammlung Konkrete Kunst, VAN HAM Auktion 2026 © Foto: Gerd Winner – Mit freundlicher Genehmigung von: vanham / VAN HAM Kunstauktionen

Was: Auktion

Wann: 12.11.2026

Vom 4. bis 12. November 2026 präsentiert VAN HAM Kunstauktionen in Köln die Online-Only-Sonderauktion „Konsequent für die Kunst – Konkrete Arbeiten der Sammlung Walter Vitt“. Rund 160 Werke der konstruktiven und konkreten Kunst aus der Sammlung des bedeutenden Kunstkritikers, Journalisten, Kurators und Sammlers Walter Vitt (1936–2021) kommen zum Aufruf. Zu den Höhepunkten zählen Arbeiten von Walter Dexel, Franz Wilhelm Seiwert, Karel Novosad, Richard Paul Lohse, Klaus Staudt und Enzo Maiolino. Die Auktion würdigt einen außergewöhnlichen Kunstvermittler, der sich über Jahrzehnte für die Wiederentdeckung vergessener Avantgarden und die öffentliche Wahrnehmung der Konkreten Kunst engagierte.

Walter Vitt – Kunst sammeln, erforschen und sichtbar machen

Walter Vitt gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Kunstkritik nach 1945. Geboren am 2. Oktober 1936 in Gera, studierte er Germanistik, Publizistik, Philosophie und Geschichte in Münster. Seine journalistische Laufbahn begann 1961 beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, dem er nahezu vier Jahrzehnte verbunden blieb.

Seine besondere Leidenschaft galt der konstruktiven und konkreten Kunst. Dabei verstand Vitt das Sammeln nicht allein als Erwerb von Kunstwerken, sondern als wissenschaftliche und kulturelle Aufgabe. Werke, Dokumente, Künstlergespräche und Archive bildeten für ihn ein zusammenhängendes Geflecht, aus dem sich kunsthistorische Entwicklungen rekonstruieren ließen.

1992 übergab er einen Teil seiner Sammlung als Leihgabe und Grundstein für das neu gegründete Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt. Dieser Schritt verdeutlicht seine Überzeugung, dass Kunst nicht ausschließlich privaten Sammlern vorbehalten bleiben, sondern einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein sollte.

Walter Dexel – Wiederentdeckung eines konstruktiven Avantgardisten

Walter Dexel (1890 – 1973) Ohne Titel | 1967 | Öl auf Leinwand | 31 x 44 cm Taxe: € 15.000 – 20.000
Walter Dexel (1890 – 1973) Ohne Titel | 1967 | Öl auf Leinwand | 31 x 44 cm Taxe: € 15.000 – 20.000 – Mit freundlicher Genehmigung von: vanham / VAN HAM Kunstauktionen

Eine zentrale Rolle in Walter Vitts kunsthistorischer Arbeit spielte Walter Dexel (1890–1973). Vitt begleitete den Künstler in dessen späteren Lebensjahren, setzte sich publizistisch für sein Werk ein und war an der Herausgabe seines Werkverzeichnisses beteiligt.

Zu den bedeutendsten Losen der Auktion gehört Dexels abstraktes Gemälde „Ohne Titel“ aus dem Jahr 1967. Die Komposition steht beispielhaft für seine konstruktive Bildsprache, in der geometrische Formen, klare Linien und bewusst gesetzte Farbflächen eine eigenständige Ordnung entwickeln.

Ebenfalls angeboten wird das sechsteilige Mappenwerk „Der späte Dexel 1965–1970“, das Walter Vitt als Verleger herausgab.

Taxe: € 1.000–1.500

Gerade solche Editionen waren für Vitt ein wesentliches Instrument, um Kunst erschwinglich zu machen und ihre Verbreitung über den engen Kreis etablierter Sammler hinaus zu fördern.

Die Kölner Progressiven – Kunst als gesellschaftliche Haltung

Walter Vitts Interesse galt nicht nur der formalen Entwicklung konstruktiver Kunst, sondern ebenso ihrer gesellschaftlichen und politischen Bedeutung.

Besonders intensiv beschäftigte er sich mit den Kölner Progressiven, einer Künstlergruppe, die bereits in den 1920er-Jahren eine geometrisch organisierte Bildsprache mit gesellschaftlicher Analyse und politischem Engagement verband.

Franz Wilhelm Seiwert (1894 – 1933) Proletarier | 1922 | Linoldruck auf Transparentpapier | 16 x 20 cm Taxe: € 2.000 – 3.000
Franz Wilhelm Seiwert (1894 – 1933) Proletarier | 1922 | Linoldruck auf Transparentpapier | 16 x 20 cm Taxe: € 2.000 – 3.000 – Mit freundlicher Genehmigung von: vanham / VAN HAM Kunstauktionen

1975 veröffentlichte Vitt seine grundlegende Untersuchung „Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert – Die Progressiven“. Darin rekonstruierte er historische Zusammenhänge und persönliche Netzwerke einer lange wenig beachteten Strömung der Kölner Moderne.

Ein charakteristisches Werk dieser Bewegung ist Franz Wilhelm Seiwerts „Proletarier“ von 1922.

Das Werk verdeutlicht, wie eng künstlerische Gestaltung und gesellschaftliche Überzeugung innerhalb der Kölner Progressiven miteinander verbunden waren.

Internationale Konkrete Kunst – Von Osteuropa bis Italien

Walter Vitts Engagement reichte weit über Deutschland hinaus. Insbesondere die osteuropäische Konkrete Kunst nahm in seiner Forschungs- und Vermittlungsarbeit einen wichtigen Platz ein.

Er verfasste zahlreiche Katalog- und Ausstellungstexte über Künstler wie Attila Kovács, Zdeněk Sýkora und Tibor Gáyor und trug dazu bei, deren Arbeiten in Deutschland stärker bekannt zu machen.

Karel Novosad (1944 – 2008) Ohne Titel | 1973 | Acryl auf Leinwand | 70 x 70 cm Taxe: € 5.000 – 7.000
Karel Novosad (1944 – 2008) Ohne Titel | 1973 | Acryl auf Leinwand | 70 x 70 cm Taxe: € 5.000 – 7.000 – Mit freundlicher Genehmigung von: vanham / VAN HAM Kunstauktionen

Ein Höhepunkt dieses Sammlungsbereichs ist eine Arbeit von Karel Novosad aus dem Jahr 1973. Auf dunklem Grund entfaltet sich ein filigranes Geflecht farbiger Linien, das geometrische Präzision mit einer überraschenden räumlichen Wirkung verbindet.

Darüber hinaus umfasst die Auktion Werke bedeutender internationaler Vertreter der Konkreten Kunst, darunter Max Bill, Jean Leppien, Günther Fruhtrunk und Richard Paul Lohse.

Richard Paul Lohse – Farbe als System

Richard Paul Lohse (1902 – 1988) 15 systematische Farbreihen mit 5 gleichen horizontalen Rhythmen | 1971-72 | Siebdruck auf Kunststoff | 85 x 85 cm Taxe: € 1.000 – 1.500
Richard Paul Lohse (1902 – 1988) 15 systematische Farbreihen mit 5 gleichen horizontalen Rhythmen | 1971-72 | Siebdruck auf Kunststoff | 85 x 85 cm Taxe: € 1.000 – 1.500 – Mit freundlicher Genehmigung von: vanham / VAN HAM Kunstauktionen

Der Schweizer Künstler Richard Paul Lohse (1902–1988) zählt zu den wichtigsten Vertretern einer systematisch aufgebauten Farbmalerei.

Seine Kompositionen beruhen auf präzise entwickelten Ordnungsprinzipien. Farbe wird dabei nicht als dekoratives Element eingesetzt, sondern bildet gemeinsam mit Rhythmus, Wiederholung und geometrischer Struktur das eigentliche Thema des Bildes.

Die Arbeit veranschaulicht, wie aus einer rationalen Ordnung ein vielschichtiges Zusammenspiel leuchtender Farben entsteht.

Klaus Staudt und Enzo Maiolino – Zwei weitere Positionen

Klaus Staudt (*1932) Ikone (6 Helligkeitsstufen, Vertauschung der drei Stellungen | 1980 | Holz, Plexiglas | 40 x 77 x 5 cm Taxe: € 1.800 – 2.400
Enzo Maiolino (1926 – 2016) Transparenza 79/2 | 1998 | Öl auf Leinwand | 60 x 70 cm Taxe: € 500 – 700
Klaus Staudt (*1932) Ikone (6 Helligkeitsstufen, Vertauschung der drei Stellungen | 1980 | Holz, Plexiglas | 40 x 77 x 5 cm Taxe: € 1.800 – 2.400 • Enzo Maiolino (1926 – 2016) Transparenza 79/2 | 1998 | Öl auf Leinwand | 60 x 70 cm Taxe: € 500 – 700 – Mit freundlicher Genehmigung von: vanham / VAN HAM Kunstauktionen

Mit Klaus Staudt und Enzo Maiolino vereint die Sammlung zwei Künstler, deren Werke unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten der Konkreten Kunst verdeutlichen.

Klaus Staudt untersucht in seinen reliefartigen Arbeiten das Zusammenspiel von Licht, Raum, Struktur und Wahrnehmung. Seine Skulptur „Ikone“ aus dem Jahr 1980 zeigt, wie durch gestaffelte Elemente und differenzierte Helligkeitswerte eine räumliche Wirkung entsteht.

Auch der italienische Künstler Enzo Maiolino (1926–2016) gehörte zu jenen Positionen, für die sich Walter Vitt mit besonderer Überzeugung einsetzte. Durch Publikationen und ein Werkverzeichnis unterstützte er die kunsthistorische Wahrnehmung seines Schaffens.

Ein Kunstkritiker zwischen Forschung und Öffentlichkeit

Walter Vitt verstand Kunstkritik als Vermittlungsarbeit. Wissenschaftliche Genauigkeit und eine allgemein verständliche Sprache waren für ihn keine Gegensätze, sondern gehörten untrennbar zusammen.

Von 1989 bis 2008 war er Präsident der deutschen Sektion des internationalen Kunstkritikerverbandes AICA. In dieser Funktion setzte er sich für die Anerkennung kunstkritischer Arbeit und die Würdigung herausragender Ausstellungen ein.

1993 gründete er die Reihe „Kunstkritik“, in der er sich auch mit der Frage auseinandersetzte, wie über Kunst geschrieben und gesprochen werden sollte.

Sein Engagement erstreckte sich darüber hinaus auf die öffentliche Erinnerungskultur. 2001 initiierte er in Köln ein Bodendenkmal zur Erinnerung an die nationalsozialistische Bücherverbrennung.

Für seine kulturellen Verdienste erhielt Walter Vitt 1999 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 2000 den Rudolf-Jahns-Preis. 2008 wurde er zum Ehrenmitglied der AICA ernannt.

Eine Sammlung als kunsthistorisches Vermächtnis

Die Sonderauktion bei VAN HAM bietet nicht nur die Gelegenheit, Werke bedeutender Vertreter der Konkreten Kunst zu erwerben. Sie eröffnet zugleich einen Einblick in das Lebenswerk eines Mannes, der Kunstgeschichte nicht lediglich dokumentierte, sondern aktiv an ihrer Vermittlung und Bewahrung mitwirkte.

Walter Vitt setzte sich für Künstler ein, deren Bedeutung lange unterschätzt wurde. Er erforschte ihre Werke, rekonstruierte historische Zusammenhänge, organisierte Ausstellungen und machte Kunst durch Editionen und Publikationen einer größeren Öffentlichkeit zugänglich.

Seine Sammlung ist deshalb weit mehr als die Zusammenstellung persönlicher Vorlieben. Sie dokumentiert eine lebenslange Auseinandersetzung mit der konstruktiven und konkreten Kunst – von den gesellschaftlich engagierten Avantgarden der 1920er-Jahre bis zu den internationalen Positionen der Nachkriegszeit.

Sein Leitgedanke bleibt über seinen Tod hinaus aktuell:

„Kunst und Kultur müssen sichtbar werden, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.“

— Walter Vitt

Mit der Sonderauktion bei VAN HAM werden rund 160 Werke aus der Sammlung Walter Vitt einem neuen Sammlerkreis zugänglich. Was bleibt, ist das kunsthistorische Vermächtnis eines Mannes, der sein Leben der Erforschung, Vermittlung und Bewahrung der Konkreten Kunst widmete.

Tags: Walter Vitt, Konkrete Kunst, konkret-konstruktiven Kunst, Malerei, Walter Dexel, Franz Wilhelm Seiwert, Karel Novosad, Richard Paul Lohse, Klaus Staudt, Enzo Maiolino, Max Bill, Kunstsammlung

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