Fast zum Reinbeißen: Beim Blick auf das leuchtend pinke Bildobjekt von Ivan De Menis drängt sich für einen Moment eine ganz andere Assoziation auf. Die helle, beinahe cremig wirkende Vorderseite erinnert an die Topfenschicht eines Kuchens, während sich an der Seite eine kräftig pinke, durchscheinende Schicht wie eine glänzende Himbeer-Gelee-Glasur darüberlegt. Plötzlich möchte man wissen, was sich darunter verbirgt. Und genau hier führt die kulinarische Ähnlichkeit zurück zu „Inverso“: Wie beim Anschnitt eines Kuchens offenbart erst die Seite den Aufbau. Bei De Menis werden dort Farbschichten, Übergänge und Spuren des Entstehungsprozesses sichtbar. Was zunächst beinahe köstlich aussieht, erzählt letztlich von Material, Tiefe und der Zeit, die Schicht für Schicht im Werk eingeschlossen wurde.
Dieser Gegensatz zieht sich durch „Inverso“. Mattschwarze Oberflächen begegnen leuchtenden Pop- und Fluofarben, kleine Bildobjekte stehen neben großen Formaten, skulpturale Quader greifen in den Raum. Sie sind keine bloße Ergänzung. Sie führen weiter, was in den Bildern bereits angelegt ist: Tiefe wird sichtbar. Die Ausstellung entwickelt sich so zu einem Wechselspiel zwischen Fläche und Volumen, Oberfläche und Seite, Farbe und Raum.
Und hinter dieser ausgesprochen zeitgenössischen Materialität klingt eine wesentlich ältere italienische Geschichte an. Die schrittweise aufgetragenen Ton-in-Ton-Farben und übereinanderliegenden Lasuren erinnern an die venezianische Schule, in der das Kolorit und der modellierende Umgang mit Licht und Schatten eine zentrale Rolle spielten. Bei De Menis begegnet diese Tradition dem Kunstharz und damit einem Material unserer Zeit.
Das Licht vollendet schließlich, was Farbe und Material begonnen haben. Es trifft auf die Oberflächen, wird gespiegelt, gebrochen und verändert die Leuchtkraft der Farben. Dadurch sind diese Werke nicht vollkommen statisch. Mit der eigenen Bewegung durch den Raum verändert sich auch ihre Wirkung. Man muss an ihnen vorbeigehen, um sie ganz zu sehen.
Vielleicht erklärt genau das den Titel am besten. „Inverso“ bedeutet nicht nur, etwas umzudrehen. Es bedeutet, das Verborgene sichtbar zu machen. Die Vorderseite verliert ihre Alleinherrschaft, der Rand wird zum Bild, die Schichtung erzählt von der Entstehung – und die Zeit, die normalerweise verschwindet, bekommt einen Körper.
Die Ausstellung „Ivan De Menis – Inverso“ in der Galerie Maximilian Hutz in Hard wurde bis 12. September 2026 verlängert. Geöffnet ist Donnerstag und Freitag von 16 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung.
Am Ende bleibt deshalb weniger eine einzelne Farbe im Gedächtnis als eine ungewöhnliche Vorstellung: Vielleicht kann Kunst die Zeit nicht anhalten – aber Ivan De Menis zeigt, dass sie ihr eine Form geben kann.