Ivan De Menis, „Inverso“, Galerie Maximilian Hutz, Hard. Foto: Günter König
Ivan De Menis, „Inverso“, Galerie Maximilian Hutz, Hard. Foto: Günter König – Mit freundlicher Genehmigung von: MaximilianHutz / Galerie Maximilian Hutz

Wann: 30.07.2026 - 12.09.2026

Plötzlich wird der Rand zum eigentlichen Bild: In „Inverso“ in der Galerie Maximilian Hutz in Hard dreht Ivan De Menis die Malerei um und macht sichtbar, was gewöhnlich verborgen bleibt.

Auf den ersten Blick verführen die Farben. Gelb scheint aus sich selbst heraus zu leuchten, Pink glüht vor der weißen Wand, Grün und Rot werden zu kleinen Körpern im Raum. Doch wer den Arbeiten von Ivan De Menis folgt, merkt schnell: Die eigentliche Geschichte beginnt dort, wo man bei einem Bild normalerweise nicht hinsieht – an seinen Seiten.

Genau darin liegt der Gedanke von „Inverso“. Der nahe Treviso lebende italienische Künstler widersetzt sich der gewohnten Ordnung des Sehens. Nicht allein die Oberfläche soll den Blick bestimmen. De Menis kehrt vielmehr seinen eigenen Schaffensprozess um:

„Ich zerlegte und zerbrach Arbeiten, um sie dann wieder zusammenzusetzen.“

Aus diesem Vorgang entsteht mehr als ein formales Experiment. Das Umkehren wird zum künstlerischen Prinzip. Was gewöhnlich verborgen bleibt, tritt hervor; was als Rand erscheint, wird zum Zentrum.

Ivan De Menis, „Inverso“, Ausstellungsansicht, Galerie Maximilian Hutz, Hard. Foto: Günter König
Ivan De Menis, „Inverso“, Ausstellungsansicht, Galerie Maximilian Hutz, Hard. Foto: Günter König – Mit freundlicher Genehmigung von: MaximilianHutz / Galerie Maximilian Hutz

Verändert man vor einem seiner Bildobjekte den Blickwinkel, öffnet sich deshalb eine zweite Ebene. An den Seiten werden Schichtungen, Farbverläufe und Schlieren sichtbar. Sie legen den Entstehungsprozess frei wie ein offenes Tagebuch. Hier erzählt das Werk nicht von einem dargestellten Ereignis, sondern von seiner eigenen Entstehung – und von der Zeit, die darin vergangen ist.

Denn Zeit gehört zum Material dieser Arbeiten. Ton-in-Ton-Farben werden schrittweise aufgetragen, Lasuren überlagern sich, Kunstharz muss aushärten, bevor der Prozess weitergehen kann. Schicht für Schicht gewinnt das Bild Tiefe und beginnt, sich von der klassischen Fläche zu lösen. Malerei nähert sich dem Objekt, das Objekt der Skulptur.

Vielleicht liegt gerade darin die stille Kraft dieser Arbeiten. Man sieht eine leuchtende Oberfläche – und blickt zugleich auf Zeit, die vergangen ist. Jede Schicht bewahrt einen Moment. Unter dem Harz scheint er noch da zu sein, obwohl er längst vorüber ist.

Damit bekommt das Kunstharz eine Bedeutung, die weit über seine optische Wirkung hinausgeht. Es wird bei De Menis zum Speicher der Zeit. Jeder neue Auftrag macht deren Vergehen sichtbar und bewahrt zugleich das bereits Entstandene. De Menis beschreibt diesen scheinbaren Widerspruch selbst:

„Ich liebe den Gedanken, dass das Kunstharz an der Oberfläche zu einer Art Kuppel wird, die sich schützend über die Zeit legt.“

Ivan De Menis, „Inverso“, Ausstellungsansicht mit Bildobjekten, Galerie Maximilian Hutz, Hard. Foto: Günter König
Ivan De Menis, „Inverso“, Ausstellungsansicht mit Bildobjekten, Galerie Maximilian Hutz, Hard. Foto: Günter König – Mit freundlicher Genehmigung von: MaximilianHutz / Galerie Maximilian Hutz

Fast zum Reinbeißen: Beim Blick auf das leuchtend pinke Bildobjekt von Ivan De Menis drängt sich für einen Moment eine ganz andere Assoziation auf. Die helle, beinahe cremig wirkende Vorderseite erinnert an die Topfenschicht eines Kuchens, während sich an der Seite eine kräftig pinke, durchscheinende Schicht wie eine glänzende Himbeer-Gelee-Glasur darüberlegt. Plötzlich möchte man wissen, was sich darunter verbirgt. Und genau hier führt die kulinarische Ähnlichkeit zurück zu „Inverso“: Wie beim Anschnitt eines Kuchens offenbart erst die Seite den Aufbau. Bei De Menis werden dort Farbschichten, Übergänge und Spuren des Entstehungsprozesses sichtbar. Was zunächst beinahe köstlich aussieht, erzählt letztlich von Material, Tiefe und der Zeit, die Schicht für Schicht im Werk eingeschlossen wurde.

Dieser Gegensatz zieht sich durch „Inverso“. Mattschwarze Oberflächen begegnen leuchtenden Pop- und Fluofarben, kleine Bildobjekte stehen neben großen Formaten, skulpturale Quader greifen in den Raum. Sie sind keine bloße Ergänzung. Sie führen weiter, was in den Bildern bereits angelegt ist: Tiefe wird sichtbar. Die Ausstellung entwickelt sich so zu einem Wechselspiel zwischen Fläche und Volumen, Oberfläche und Seite, Farbe und Raum.

Und hinter dieser ausgesprochen zeitgenössischen Materialität klingt eine wesentlich ältere italienische Geschichte an. Die schrittweise aufgetragenen Ton-in-Ton-Farben und übereinanderliegenden Lasuren erinnern an die venezianische Schule, in der das Kolorit und der modellierende Umgang mit Licht und Schatten eine zentrale Rolle spielten. Bei De Menis begegnet diese Tradition dem Kunstharz und damit einem Material unserer Zeit.

Das Licht vollendet schließlich, was Farbe und Material begonnen haben. Es trifft auf die Oberflächen, wird gespiegelt, gebrochen und verändert die Leuchtkraft der Farben. Dadurch sind diese Werke nicht vollkommen statisch. Mit der eigenen Bewegung durch den Raum verändert sich auch ihre Wirkung. Man muss an ihnen vorbeigehen, um sie ganz zu sehen.

Vielleicht erklärt genau das den Titel am besten. „Inverso“ bedeutet nicht nur, etwas umzudrehen. Es bedeutet, das Verborgene sichtbar zu machen. Die Vorderseite verliert ihre Alleinherrschaft, der Rand wird zum Bild, die Schichtung erzählt von der Entstehung – und die Zeit, die normalerweise verschwindet, bekommt einen Körper.

Die Ausstellung „Ivan De Menis – Inverso“ in der Galerie Maximilian Hutz in Hard wurde bis 12. September 2026 verlängert. Geöffnet ist Donnerstag und Freitag von 16 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Am Ende bleibt deshalb weniger eine einzelne Farbe im Gedächtnis als eine ungewöhnliche Vorstellung: Vielleicht kann Kunst die Zeit nicht anhalten – aber Ivan De Menis zeigt, dass sie ihr eine Form geben kann.

Tags: Ivan De Menis, Zeitgenössische Kunst, italienische Kunst, Kunstharz, Malerei, Skulpturen, Gegenwartskunst

Do–Fr 16 bis 18 Uhr I Sa 10 bis 12 Uhr und nach Vereinbarung