Kenny Scharf, Junglematic, 2023. Öl, Acryl und Siebdruckfarbe auf Leinwand, 213,4 × 213,4 cm. Sammlung Blanca und Borja Thyssen-Bornemisza. © Kenny Scharf.
Kenny Scharf, Junglematic, 2023. Öl, Acryl und Siebdruckfarbe auf Leinwand, 213,4 × 213,4 cm. Sammlung Blanca und Borja Thyssen-Bornemisza. © Kenny Scharf. – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseoThyssen / Museo Thyssen-Bornemisza Madrid

Wann: 29.09.2026 - 17.01.2027

Kenny Scharf im Thyssen-Bornemisza Madrid – Pop Surrealism zwischen Street-Art und Fantasie

Leuchtende Farben, fantastische Kreaturen und eine Bildwelt zwischen Popkultur, Surrealismus und urbaner Kunst: Das Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid widmet dem amerikanischen Künstler Kenny Scharf vom 29. September 2026 bis zum 17. Januar 2027 eine Ausstellung, die seine unverwechselbare künstlerische Handschrift in den Mittelpunkt stellt. Als Weggefährte von Jean-Michel Basquiat und Keith Haring prägte Scharf die New Yorker Kunstszene der 1980er-Jahre. Mit seinem selbst geprägten Begriff „Pop Surrealism“ beschreibt er eine eigenständige Bildsprache, in der Fantasie, Humor und die visuelle Kultur des Alltags aufeinandertreffen.

Kenny Scharf – Junglematic, 2023

Kenny Scharf, Junglematic, 2023. Sammlung Blanca und Borja Thyssen-Bornemisza. © Kenny Scharf.
Kenny Scharf, Junglematic, 2023. Sammlung Blanca und Borja Thyssen-Bornemisza. © Kenny Scharf. – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseoThyssen / Museo Thyssen-Bornemisza Madrid

Ein leuchtend roter Baum steht im Zentrum von „Junglematic“. Sein Stamm trägt ein beinahe strahlendes Gesicht, während sich die Wurzeln zu zwei tänzelnden Beinen verwandeln – als wäre der Baum gerade dabei, seine eigene fantastische Welt zu durchschreiten. Auf einem der roten Äste sitzt ein kleines, maus- oder rattenähnliches Wesen; gegenüber wächst eine Blume mit zwei herzförmigen Blättern, Augen und einem lächelnden Mund. Daneben scheint ein weiteres Blumenkind den Betrachter geradezu anzustrahlen.

Überall herrscht Bewegung. Zwei Schmetterlinge flattern links neben dem Baum, eine Libelle schwebt durch den hellgrünen Bildraum, darüber zieht ein langbeiniger Vogel vorbei. Ein weiterer Vogel mit gebogenem Schnabel gleitet zwischen den Ästen hindurch. Hoch oben im Geäst scheint sich ein affenartiges Wesen von Ast zu Ast zu schwingen. Von den roten Zweigen hängen zahlreiche kokonartige Gebilde, umgeben von bläulich schimmernden, beinahe wolkenartigen Formen.

Je länger der Blick durch das Gemälde wandert, desto stärker scheint diese Welt zum Leben zu erwachen. Tiere werden zu Pflanzen, Pflanzen bekommen Gesichter, Äste beginnen zu tanzen. Nichts bleibt eindeutig das, was es zunächst zu sein scheint. Scharf erschafft keinen stillen Dschungel, sondern ein fröhlich-chaotisches Biotop, in dem alles miteinander lebt, schaut, lächelt und sich bewegt. Genau darin liegt der Reiz von „Junglematic“: Man betrachtet das Bild nicht nur – man beginnt, seine Bewohner zu entdecken.

Kenny Scharf – Eine eigene Welt zwischen Pop-Art und Surrealismus

Kenny Scharf, 1958 in Los Angeles geboren, gehört zu den prägenden Persönlichkeiten jener New Yorker Kunstszene, die zu Beginn der 1980er-Jahre neue Wege zwischen Malerei, Street-Art, Performance und Popkultur eröffnete. Im Umfeld von Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Andy Warhol entwickelte er eine künstlerische Sprache, die sich bewusst über traditionelle Grenzen hinwegsetzte.

Während sich in New York neue künstlerische Ausdrucksformen entwickelten, verwandelte Scharf die Bildwelten des Alltags in ein eigenständiges Universum. Comicfiguren, fantastische Wesen und leuchtende Farbkompositionen begegnen einander in seinen Arbeiten und lassen vertraute Motive in überraschenden Zusammenhängen erscheinen.

Seine Bilder sind bevölkert von Kreaturen, die zugleich verspielt, rätselhaft und bisweilen fremdartig wirken. Geschwungene Linien, intensive Farbkontraste und organische Formen verleihen ihnen eine beinahe unerschöpfliche Beweglichkeit. Zwischen den einzelnen Bildelementen entstehen visuelle Beziehungen, die sich einer eindeutigen Erzählung entziehen und den Betrachter dazu einladen, immer neue Details zu entdecken.

Scharf selbst prägte für seine künstlerische Handschrift den Begriff „Pop Surrealism“. Darin verbinden sich die Bildsprache der Pop-Art, surrealistische Fantasie und die visuelle Energie der urbanen Kultur zu einer Ausdrucksform, in der die Grenzen zwischen vertrauter Wirklichkeit und fantastischer Vorstellung verschwimmen.

Von der New Yorker Kunstszene zur internationalen Gegenwartskunst

 Kenny Scharf JUNGLA JUGOSA!, 2026 Oil, acrylic and silkscreen ink on canvas, 274,3 x 365,8 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech
Kenny Scharf JUNGLA JUGOSA!, 2026 Oil, acrylic and silkscreen ink on canvas, 274,3 x 365,8 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseoThyssen / Museo Thyssen-Bornemisza Madrid

Die künstlerische Entwicklung Kenny Scharfs ist eng mit dem New Yorker East Village verbunden. In den 1980er-Jahren entwickelte sich das Viertel zu einem wichtigen Schauplatz einer jungen Kunstszene, die neue Möglichkeiten jenseits etablierter Ausstellungsräume und künstlerischer Hierarchien erkundete.

Scharf bewegte sich in diesem Umfeld zwischen unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen. Seine Arbeiten beschränkten sich nicht auf die klassische Leinwand. Malerei, Skulptur, Installationen, Wandbilder, Performance und Mode wurden zu Ausdrucksformen einer künstlerischen Haltung, die Kunst als lebendigen Bestandteil des Alltags begreift.

Die Verbindung unterschiedlicher Medien und die bewusste Auseinandersetzung mit populären Bildwelten stehen dabei im Einklang mit wesentlichen Ideen der Pop-Art. Zugleich entwickelte Scharf eine eigene Formensprache, deren fantastische Figuren und surrealistische Kompositionen weit über die unmittelbaren Einflüsse dieser Bewegung hinausreichen.

Seine Werke befinden sich heute in bedeutenden Museumssammlungen, unter anderem in den Vereinigten Staaten, Brasilien, Deutschland, den Niederlanden und Japan.

Wenn Fantasie zur eigenen Wirklichkeit wird

Was Kenny Scharfs Kunst besonders auszeichnet, ist die Verbindung scheinbar gegensätzlicher Bildwelten. Seine Arbeiten wirken auf den ersten Blick heiter und verspielt, doch hinter den leuchtenden Farben und fantastischen Figuren eröffnet sich eine vielschichtige künstlerische Welt.

Organische Formen verwandeln sich in eigenartige Wesen, vertraute Bildmotive erhalten unerwartete Eigenschaften, und die Grenzen zwischen Natur, Fantasie und künstlich geschaffenen Welten beginnen zu verschwimmen.

Besonders deutlich wird dies in „JUNGLA JUGOSA!“ (2026). In dem großformatigen Gemälde entfaltet Scharf eine üppige, von fantastischen Kreaturen bevölkerte Bildwelt, in der sich pflanzliche Strukturen, geschwungene Linien und leuchtende Farbflächen miteinander verbinden. Die einzelnen Formen scheinen ineinander überzugehen und lassen eine lebendige Welt entstehen, die sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht.

Die Figuren entwickeln innerhalb der Komposition ein Eigenleben, das dem Betrachter Raum für persönliche Assoziationen lässt. In dieser Verbindung von visueller Unmittelbarkeit und surrealistischer Vorstellungskraft liegt ein wesentlicher Reiz von Scharfs künstlerischem Schaffen.

Kenny Scharf im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza

Mit der Ausstellung in Madrid widmet sich das Museo Nacional Thyssen-Bornemisza einem Künstler, dessen Werk die Grenzen zwischen traditioneller Malerei, populärer Bildkultur und zeitgenössischer urbaner Kunst immer wieder neu auslotet.

Die Präsentation ist Teil des Ausstellungsprogramms rund um die Sammlung von Blanca und Borja Thyssen-Bornemisza und wird in den Postpop-Sälen des Museums gezeigt.

Die für die Ausstellung veröffentlichten Werke aus den Jahren 2023 bis 2026 geben einen Einblick in Scharfs aktuelle Malerei. Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich der Künstler seine fantastische Bildwelt gestaltet: Während manche Kompositionen von intensiven Farbkontrasten und dicht miteinander verschlungenen Formen geprägt sind, entfalten andere ihre Wirkung durch eine zurückhaltendere Farbigkeit und beinahe monochrome Bildräume.

 Kenny Scharf DARKSOUTH, 2025 Oil, acrylic and spray paint on linen, 91,4 x 121,9 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf Courtesy of the artist and Almine Rech
Kenny Scharf DARKSOUTH, 2025 Oil, acrylic and spray paint on linen, 91,4 x 121,9 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf Courtesy of the artist and Almine Rech – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseoThyssen / Museo Thyssen-Bornemisza Madrid

Kenny Scharf – DARKSOUTH, 2025

Die Zukunft ist dunkel geworden. Kenny Scharf wurde 1958 in Los Angeles geboren und wuchs im Kalifornien der 1960er-Jahre auf – in einer Epoche, in der das „Space Age“ von Raumfahrt, technologischem Fortschritt und der Vorstellung einer immer moderneren Zukunft geprägt war. Auch die Populärkultur übersetzte diese Euphorie in Bilder. Zu Scharfs frühen Inspirationsquellen gehörte „The Jetsons“, jene Zeichentrickwelt, die das Leben der Zukunft mit Robotern, fliegenden Fahrzeugen und automatisierter Technik imaginierte.

In „DARKSOUTH“ scheint dieses Zukunftsversprechen seine Unbeschwertheit verloren zu haben. Hier glänzt die Zukunft nicht mehr. Sie ist schwarz, kalt und fragmentiert. Scharf baut seine Welt aus geometrischen Grundformen auf: Dreiecke, Quadrate und Rechtecke werden zu maschinenartigen Wesen, zu Köpfen, Körpern, Antennen und rätselhaften technischen Konstruktionen. Rechteckige Augen blicken aus kantigen Gesichtern, Münder öffnen sich, lange Körper ragen wie Sendemasten in die Dunkelheit.

Am unteren Bildrand beginnt eine unwirtliche, beinahe außerirdische Landschaft. Wellen- und flammenartige Formen ziehen sich über den Boden, dazwischen öffnen sich große, kraterartige Vertiefungen. Die Szenerie erinnert an eine Mondlandschaft, die noch nicht geordnet und kaum bewohnt erscheint. Die Maschinenwesen stehen vereinzelt in diesem Raum, als wären sie gerade erst angekommen – oder als wären sie das Einzige, was von einer Zivilisation übrig geblieben ist.

Doch hinter dieser scheinbar verlassenen Maschinenwelt beginnt der Hintergrund zu sprechen. Zwischen Schwarz, Grau und kaltem Blau tauchen Fragmente gedruckter Texte auf. Wörter und Satzreste überlagern sich, verschwinden hinter den geometrischen Figuren und werden an anderer Stelle wieder sichtbar. Besonders auffällig ist die fragmentierte Textspur „was out of … control sys…“. Der vollständige Satz bleibt dem Betrachter verborgen, doch gerade die Worte „out of control“ – „außer Kontrolle“ – treten deutlich aus der Dunkelheit hervor.

Plötzlich verändert sich die Wirkung des Bildes. Die technische Welt erscheint nicht mehr nur fremd und unbewohnt, sondern lässt sich als eine Welt lesen, deren Ordnung ins Wanken geraten ist. Die Maschinen stehen noch, Antennen ragen in den schwarzen Raum, geometrische Körper scheinen weiter zu funktionieren – doch die Sprache im Hintergrund erzählt von Kontrollverlust.

Vor dem Hintergrund jener futuristischen Bildwelten, die Scharf seit seiner Jugend begleiteten, lässt sich „DARKSOUTH“ damit wie die dunkle Kehrseite eines einst glänzenden Zukunftsversprechens lesen. Die Maschinen sind da, die Technologie ist da, die Zukunft ist da – aber die Utopie ist verschwunden.

Und dennoch bleibt diese Welt unverkennbar Kenny Scharf. Selbst Maschinen, geometrische Körper und technische Konstruktionen bekommen Augen, Münder und Persönlichkeiten. Nur lächelt die Zukunft nicht mehr so unbeschwert.

 Kenny Scharf SPHERIKZ, 2025 Óleo sobre lino, 182,9 x 152,4 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech
 Kenny Scharf INFO MATION, 2024 Oil, acrylic, silkscreen ink & spray paint on linen, 228,6 x 177,8 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech
Kenny Scharf SPHERIKZ, 2025 Óleo sobre lino, 182,9 x 152,4 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech • Kenny Scharf INFO MATION, 2024 Oil, acrylic, silkscreen ink & spray paint on linen, 228,6 x 177,8 cm. Courtesy of the artist and Almine Rech. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseoThyssen / Museo Thyssen-Bornemisza Madrid

Einen anderen Zugang eröffnen Arbeiten wie „SPHERIKZ“ (2025) und „INFO MATION“ (2024). Hier entfalten geschwungene Linien, intensive Farbkontraste und ineinandergreifende Formen eine dynamische Bildwelt, in der sich organische Strukturen und fantastische Figuren miteinander verbinden.

 Kenny Scharf PORANGES!, 2023 Spray paint on linen, 177,8 cm diameter. Valeriola Private Collection. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech
Kenny Scharf PORANGES!, 2023 Spray paint on linen, 177,8 cm diameter. Valeriola Private Collection. © Kenny Scharf. Courtesy of the artist and Almine Rech – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseoThyssen / Museo Thyssen-Bornemisza Madrid

Auch das kreisrunde Gemälde „PORANGES!“ (2023) verdeutlicht Scharfs spielerischen Umgang mit Form und Farbe. Das ungewöhnliche Bildformat verstärkt die Wirkung der verschlungenen, farbintensiven Komposition und lässt die dargestellten Formen über die Grenzen einer traditionellen rechteckigen Leinwand hinausdenken.

Die ausgestellten Arbeiten machen deutlich, dass Scharfs künstlerische Sprache nicht allein von ihren farbenfrohen Figuren lebt. Ebenso wichtig sind die räumliche Organisation seiner Kompositionen, die Beziehungen zwischen den einzelnen Formen und sein experimenteller Umgang mit unterschiedlichen malerischen Techniken.

Damit eröffnet die Ausstellung einen Einblick in eine künstlerische Position, die ihre Wurzeln in der New Yorker Kunstszene der 1980er-Jahre hat und ihre unverwechselbare Bildsprache bis heute weiterentwickelt.

Kenny Scharf: When Worlds Collide – Einblicke in das Leben des Künstlers

Bereits am 27. September 2026, zwei Tage vor dem offiziellen Ausstellungsbeginn, präsentiert das Museo Nacional Thyssen-Bornemisza den Dokumentarfilm „Kenny Scharf: When Worlds Collide“ erstmals in Spanien.

Der Film wurde von Scharfs Tochter Malia Scharf gemeinsam mit Max Basch inszeniert und zeichnet den persönlichen und künstlerischen Lebensweg des Künstlers nach.

Ausgehend von seinen Anfängen in New York in den 1970er-Jahren führt die Dokumentation durch jene Zeit, in der Scharf zu einer der prägenden Persönlichkeiten der urbanen Kunstszene der 1980er-Jahre wurde.

Die Filmvorführung am 27. September um 19:30 Uhr wird von einer Präsentation durch die Regisseurin begleitet.

 

Vielleicht zeigt „DARKSOUTH“ deshalb gar keine ferne Zukunft. Vielleicht zeigt es Scharfs Blick auf eine Gegenwart, in der die Zukunft längst angekommen ist – und die Frage, ob wir sie noch unter Kontrolle haben.

Tags: Kenny Scharf, Pop Art, Surrealismus, Street Art, Zeitgenössische Kunst, Gegenwartskunst

Montag: 12:00–16:00 Uhr (freier Eintritt)

Dienstag bis Freitag und Sonntag: 10:00–19:00 Uhr

Samstag: 10:00–21:00 Uhr