Orangerie in Hasses Park in Bremen-Oberneuland mit historischer Glasfassade
Orangerie in Hasses Park in Bremen-Oberneuland mit historischer Glasfassade Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz/Wágner – Mit freundlicher Genehmigung von: denkmalschutz / Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Wann: 06.10.2026

Wie ein Segelschiff unter Glas: Die erstaunliche Orangerie in Hasses Park

Was aussieht wie die Takelage eines alten Segelschiffs, verbirgt sich seit mehr als zwei Jahrhunderten unter dem Dach einer Orangerie in Bremen. Dicke Seile laufen über mächtige Holzwellen, Zahnräder greifen ineinander, Rollen und Gegengewichte setzen eine Konstruktion in Bewegung, mit der sich Fenster und Verschattungen bedienen lassen. Nun wird die historische Glasfassade der Orangerie in Hasses Park weiter restauriert – und damit nicht nur einer der bemerkenswertesten historischen Gartenbauten Norddeutschlands bewahrt, sondern auch eine einzigartige Mechanik, die davon erzählt, mit welchem Erfindungsgeist Menschen einst versuchten, den Süden in den Norden zu holen.

Die Geschichte führt zurück in eine Zeit, in der eine Orange noch etwas Exotisches war. Das Gewächshaus des ehemaligen Landguts Hasse in Bremen-Oberneuland stammt aus einer Ausbauphase um 1800; seine Entstehung wird zwischen 1790 und 1810 vermutet. Genauere dendrochronologische Untersuchungen stehen noch aus. Möglicherweise entstand der Bau zunächst als barockes Pomeranzenhaus – ein Winterquartier für jene Pflanzen, deren Früchte nach Ferne, Wärme und gesellschaftlichem Status schmeckten.

Pomeranzen, also Bitterorangen, und Limonen konnten den norddeutschen Winter nicht im Freien überstehen. Wer es sich leisten konnte, ließ deshalb eigene Gewächshäuser errichten. Die Orangerie war Nutzbau und Statussymbol zugleich: ein Stück kontrollierter Süden hinter Glas.

Wenn Architektur sich bewegt

Mit der Maschinerie in der Orangerie des Landguts Hasse in Bremen-Oberneuland können die Schrägverglasungen und die zugehörigen hölzernen Verschattungen mit geringem Aufwand hochgezogen und herabgelassen werden (Foto: Marie-Luise Preiss/Deutsche Stiftung Denkmalschutz)
Mit der Maschinerie in der Orangerie des Landguts Hasse in Bremen-Oberneuland können die Schrägverglasungen und die zugehörigen hölzernen Verschattungen mit geringem Aufwand hochgezogen und herabgelassen werden (Foto: Marie-Luise Preiss/Deutsche Stiftung Denkmalschutz) – Mit freundlicher Genehmigung von: denkmalschutz / Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Von außen wirkt die Orangerie beinahe bescheiden. Ein lang gestreckter Fachwerkbau, ein großes Ziegeldach und zur Sonne hin eine weitgehend verglaste Fassade. Doch ihre eigentliche Besonderheit verbirgt sich unter dem Dach.

Dort beginnt die Architektur sich zu bewegen.

Eine aufwendige Konstruktion aus Seilen, Rollen und Gegengewichten ermöglicht es, Dachflächenfenster unter die Dachflächen zu schieben. Auch die Beschattung lässt sich vom Dachboden aus bedienen. Die historische Technik ist bis heute funktionsfähig erhalten. Mit ihren Seilen, Wellen und mechanischen Verbindungen erinnert sie tatsächlich eher an die Takelage eines Schiffes als an ein Gewächshaus – und gilt in dieser Form als einzigartig.

Vielleicht ist es gerade das Knarren eines Seils, das diesem Haus seine Geschichte zurückgibt. Zwei Jahrhunderte später liegen die alten Wellen noch immer unter dem Dach. Holz, Eisen und Seile erzählen davon, wie viel menschlicher Einfallsreichtum nötig war, um ein wenig südliche Wärme durch einen norddeutschen Winter zu retten.

Damit wird verständlich, weshalb die Restaurierung der Orangerie weit mehr bedeutet als den Austausch beschädigter Fensterscheiben. Hier hängen Architektur und Technik unmittelbar zusammen. Licht musste hinein, Wärme möglichst darin bleiben, im Sommer musste gelüftet und beschattet werden. Das Gebäude selbst war ein Instrument zur Regulierung von Sonne, Luft und Temperatur.

Ein Haus, das weiterlebt

Die Orangerie gehört zum ehemaligen Landgut Hasse. Seine Geschichte reicht weit zurück: 1788 übernahm Engelbert Wichelhausen den Besitz, 1819 ging er an die Familie Iken. Nach einer späteren Teilung des Grundstücks entstand 1896 das zweistöckige Landhaus nach Plänen des Architekten Eduard Gildemeister für den Kaufmann Carl Otto Hasse. Nach ihm wurden Landsitz und Landschaftspark benannt.

Heute ist dieser Ort keineswegs erstarrte Vergangenheit. Die Tobias-Schule nutzt das Haupthaus für Unterricht und Verwaltung, auch das historische Gewächshaus ist in den Schulbetrieb eingebunden. Im Gartenunterricht begegnen junge Menschen dort historischer Gartenkultur und traditionellem Handwerk.

Gerade darin liegt ein besonderer Reiz dieses Denkmals: Ein Gebäude, das einst exotische Pflanzen durch den Winter brachte, vermittelt heute Wissen darüber, wie Menschen vor mehr als zwei Jahrhunderten bauten, gärtnerten und technische Probleme lösten.

80.000 Euro für die nächste Etappe

Doch mehr als zwei Jahrhunderte hinterlassen Spuren. Nachdem bereits Teile der Schrägverglasung instand gesetzt werden konnten, wurden weitere erhebliche Schäden an der stehenden Verglasung und an der rückwärtigen westlichen Giebelseite sichtbar. Geschädigte Holzkonstruktionen müssen repariert, mit Leinölanstrichen geschützt und anschließend denkmalgerecht neu verglast werden.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützt deshalb die nächste Restaurierungsetappe mit 80.000 Euro. Seit 2019 begleitet sie die schrittweise Instandsetzung der historischen Verglasung. Mit der inzwischen vierten Förderung summiert sich die Unterstützung auf knapp 188.000 Euro.

Doch Zahlen erklären nur, was getan wird. Die alte Mechanik unter dem Dach erklärt, warum es getan wird.

Denn Denkmalschutz bewahrt nicht einfach alte Mauern und Fenster. Er bewahrt auch das Wissen, das in ihnen steckt: über Materialien und Handwerk, über gesellschaftliche Vorstellungen, über technische Erfindungen und darüber, wie Menschen ihre Umwelt an ihre Wünsche anzupassen versuchten.

Vielleicht zeigt gerade diese alte Mechanik, worum es beim Denkmalschutz eigentlich geht: nicht die Vergangenheit unter Glas zu stellen, sondern dafür zu sorgen, dass wir noch verstehen können, wie sie funktioniert hat.

Tags: Orangerie, Baudenkmal, denkmalschutz, Historische Gärten, Technik, Restaurierung, Denkmalpflege, Kulturerbe, Mechanik

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