Christian A. Lang – Oszillation I, Kendra, Fotografie durch Ornamentglas, Poor Traits, BBA Gallery Berlin
Christian A. Lang – Oszillation I, Kendra, Fotografie durch Ornamentglas, Poor Traits, BBA Gallery Berlin – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Wann: 09.09.2026 - 24.10.2026

Was bleibt von einem Gesicht, wenn wir ihm nicht mehr glauben können? In der Ausstellung „Poor Traits“ in der BBA Gallery während der Berlin Art Week wird das Porträt zu einem unsicheren Ort – irgendwo zwischen menschlicher Verletzlichkeit, Malerei, Fotografie und einer digitalen Welt, die längst gelernt hat, Gesichter zu erfinden. Vom 9. September bis 24. Oktober 2026 treffen in Berlin neun künstlerische Positionen aufeinander, die eine scheinbar einfache Frage neu stellen: Was sehen wir eigentlich, wenn wir einen Menschen ansehen?

Schon der Titel spielt mit dieser Unsicherheit. Poor Traits klingt wie portraits, zerlegt das vertraute Wort jedoch beinahe unmerklich in etwas anderes: in Eigenschaften, Spuren, vielleicht sogar Unzulänglichkeiten. Und genau dort setzt die Ausstellung an. Denn während Filter Haut glätten, Algorithmen Gesichter berechnen und generative KI Menschen erscheinen lässt, die niemals existiert haben, wird das Unvollkommene plötzlich kostbar. Eine Falte, ein unsicherer Blick, eine Geste, die sich nicht kontrollieren lässt – all das kann wieder zu einem Zeichen von Wirklichkeit werden.

Ausstellungsansicht „Poor Traits“ in der BBA Gallery Berlin während der Berlin Art Week 2026
Ausstellungsansicht „Poor Traits“ in der BBA Gallery Berlin während der Berlin Art Week 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Das Gesicht als letzter unsicherer Beweis

BBA Gallery bringt dafür Jaroslav Drazil, Jens Juul, Mario Klingemann, Christian A. Lang, Anne Moses, Theresa Reiwer, Vishal Shah, Sylvie Wozniak und Sheung Yiu zusammen. Entscheidend ist weniger, dass sie auf unterschiedliche Weise mit dem Porträt arbeiten. Spannender ist, was zwischen ihren Arbeiten geschieht: Das Gesicht wandert von der Malerei zur Fotografie, vom menschlichen Blick in algorithmische Systeme – und mit jedem Schritt verändert sich unsere Vorstellung davon, was ein Bild über einen Menschen erzählen kann.

Bei Christian A. Lang beginnt das Misstrauen bereits vor dem Auslösen der Kamera. Für Oszillation I, Kendra fotografiert er das Porträt durch strukturiertes Ornamentglas. Das Glas löst die Konturen des Gesichts auf, lässt Haut und Züge beinahe malerisch erscheinen und macht aus einer Fotografie ein Bild, dessen Wirklichkeit plötzlich unsicher wird. Das Gesicht ist da – und entzieht sich uns trotzdem. Gerade darin berührt Lang den Kern von Poor Traits: Zwischen einem Menschen und seinem Abbild genügt bereits eine einzige Schicht, um aus vermeintlicher Gewissheit Zweifel werden zu lassen.

Jens Juul – Six Degrees of Copenhagen (05), 2012, Schwarz-Weiß-Porträt in der Ausstellung Poor Traits
Jens Juul – Six Degrees of Copenhagen (05), 2012, Schwarz-Weiß-Porträt in der Ausstellung Poor Traits – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Bei Jens Juul führt diese Suche zurück in die unmittelbare Begegnung zwischen Menschen. Der dänische Fotograf sucht in seiner dokumentarischen und Street Photography nicht nach der perfekten Oberfläche, sondern nach ungestellten Augenblicken. Ihn interessieren jene Momente, in denen hinter dem Alltäglichen etwas Persönliches sichtbar wird: Verletzlichkeit, Nähe, eine menschliche Verbindung, die sich nicht vollständig inszenieren lässt.

Sylvie Wozniak – 365, Porträtserie mit Gesichtern, Ausstellung Poor Traits, BBA Gallery Berlin
Sylvie Wozniak – 365, Porträtserie mit Gesichtern, Ausstellung Poor Traits, BBA Gallery Berlin – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Bei Sylvie Wozniak wird das Porträt zum täglichen Ritual. Für ihre Arbeit 365 hielt sie ein Jahr lang jeden Morgen Gesichter mit dem Smartphone fest und übertrug sie auf gleich große, kleine Papierformate. Tag für Tag, Gesicht für Gesicht entsteht aus dieser Wiederholung ein Rhythmus, den Wozniak selbst mit dem Atmen verbindet. Das Gesicht wird dabei zur unmittelbar sichtbaren Schnittstelle menschlicher Kommunikation, während Identität nicht als etwas Festgeschriebenes erscheint, sondern als eine Landschaft, die sich fortwährend verändert. 365 Gesichter werden so zu 365 Momenten des Hinsehens – und zu der leisen Frage, wie viel von einem Menschen überhaupt in seinem Gesicht bewahrt werden kann.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Schönheit eines Gesichts: nicht darin, dass es vollkommen ist, sondern darin, dass für einen Augenblick etwas durch seine Oberfläche hindurchscheint, das sich weder retuschieren noch berechnen lässt.

Doch Poor Traits bleibt nicht bei dieser Vorstellung des Porträts stehen. Denn was geschieht mit unserer Identität, sobald zwischen Mensch und Bild eine Maschine tritt?

Wenn der Algorithmus mit in den Spiegel schaut

Theresa Reiwer – digital konstruiertes Porträt mit netzartigen Strukturen in der Ausstellung Poor Traits
Theresa Reiwer – digital konstruiertes Porträt mit netzartigen Strukturen in der Ausstellung Poor Traits – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Bei Theresa Reiwer wird die Frage nach dem Menschlichen an ein Gesicht gestellt, das digital konstruiert ist und dennoch merkwürdig vertraut erscheint. Statt nach makelloser Perfektion zu streben, bewahrt Reiwer kleine Unregelmäßigkeiten, die dem digitalen Wesen etwas Belebtes verleihen. Mit der Zeit durchziehen netz- und wurzelartige Strukturen das Porträt und werden beinahe Teil seines Körpers. Identität erscheint hier nicht länger als etwas, das einem Einzelnen allein gehört, sondern als etwas, das erst durch Beziehungen entsteht. Damit stellt Reiwer zugleich eine größere Frage: Warum stellen wir uns Intelligenz und Handlungsfähigkeit so selbstverständlich in menschlicher Gestalt vor, während die komplexen biologischen Netzwerke der Natur leicht aus unserem Blick geraten?

Vishal Shah – Legends, verfremdetes Porträt über Identität und öffentliche Persona, Poor Traits
Vishal Shah – Legends, verfremdetes Porträt über Identität und öffentliche Persona, Poor Traits – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Bei Vishal Shah wird das Gesicht zur instabilen Oberfläche zwischen privater Identität und öffentlichem Bild. In Legends versammelt er die Geburtsnamen kultureller Ikonen, die ihre privaten Namen zugunsten jener Identitäten aufgaben, unter denen sie berühmt wurden. Alphabetisch geordnet und auf 52 Titelkarten präsentiert, werden diese Namen zu einem Rätsel über die Konstruktion von Berühmtheit. Was bleibt vom ursprünglichen Menschen, wenn aus ihm eine öffentliche Figur wird? Shah zeigt Identität nicht als feste Größe, sondern als etwas, das verpackt, umgeschrieben und schließlich zu einem beinahe unsterblichen öffentlichen Avatar werden kann.

Genau hier bekommt der Ausstellungstitel seine zweite Schärfe. Die vermeintlich „armen“ oder fehlerhaften Züge sind vielleicht gar kein Defizit. Sie könnten das sein, was dem menschlichen Gesicht gegenüber seiner digitalen Kopie bleibt: Widerspruch, Zufall, Verletzlichkeit.

Neun Künstler – und kein verlässlicher Spiegel

Ausstellungsansicht Poor Traits mit zeitgenössischen Porträts
Ausstellungsansicht Poor Traits mit zeitgenössischen Porträts – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Dass die Ausstellung klassische Malerei, Fotografie und algorithmische Systeme nebeneinanderstellt, verhindert eine einfache Antwort. Denn auch das traditionelle Porträt war niemals eine neutrale Wiedergabe eines Menschen. Maler entschieden über Haltung, Licht und Inszenierung, Fotografen über Ausschnitt und Augenblick. Neu ist also nicht, dass ein Porträt konstruiert wird.

Neu ist das Ausmaß der Konstruktion.

Heute muss ein Gesicht nicht einmal mehr so existiert haben, wie wir es auf einem Bild sehen. Es kann optimiert, zusammengesetzt oder vollständig erzeugt werden. Damit verändert sich auch unsere Rolle als Betrachter. Wir müssen nicht mehr nur fragen: Was erzählt mir dieses Gesicht? Wir müssen zusätzlich fragen: Kann ich diesem Gesicht überhaupt noch vertrauen?

Und plötzlich führt Poor Traits weit über das klassische Porträt hinaus. Die Ausstellung handelt von einer Gegenwart, in der wir täglich Gesichter betrachten – auf Bildschirmen, in sozialen Netzwerken, in Nachrichten und zunehmend in KI-generierten Bildern – und gleichzeitig immer weniger selbstverständlich davon ausgehen können, dass das, was wir sehen, tatsächlich so existiert hat.

Die BBA Gallery eröffnet „Poor Traits“ am 9. September 2026 von 18 bis 21 Uhr anlässlich der Berlin Art Week. Die Ausstellung läuft bis 24. Oktober 2026 in der Köpenicker Straße 96 in Berlin-Mitte. Während der Berlin Art Week gelten zusätzliche Öffnungszeiten am 10. September von 12 bis 21 Uhr und am 13. September von 13 bis 17 Uhr.

Vielleicht ist deshalb ausgerechnet das fehlerhafte Gesicht das zeitgemäßeste Porträt unserer Gegenwart. Denn je perfekter Maschinen lernen, uns nachzuahmen, desto bedeutender werden jene kleinen menschlichen Spuren, die sich ihrer Perfektion entziehen.

Tags: Porträtkunst, Zeitgenössische Kunst, Künstliche Intelligenz, Digitale Kunst, Digitalen Kunst, Fotografie, Malerei, Street Photography, Christian A. Lang, Jens Juul, Sylvie Wozniak, Theresa Reiwer, Vishal Shah

Dienstag – Samstag
12:00 – 18:00 Uhr