Dass die Ausstellung klassische Malerei, Fotografie und algorithmische Systeme nebeneinanderstellt, verhindert eine einfache Antwort. Denn auch das traditionelle Porträt war niemals eine neutrale Wiedergabe eines Menschen. Maler entschieden über Haltung, Licht und Inszenierung, Fotografen über Ausschnitt und Augenblick. Neu ist also nicht, dass ein Porträt konstruiert wird.
Neu ist das Ausmaß der Konstruktion.
Heute muss ein Gesicht nicht einmal mehr so existiert haben, wie wir es auf einem Bild sehen. Es kann optimiert, zusammengesetzt oder vollständig erzeugt werden. Damit verändert sich auch unsere Rolle als Betrachter. Wir müssen nicht mehr nur fragen: Was erzählt mir dieses Gesicht? Wir müssen zusätzlich fragen: Kann ich diesem Gesicht überhaupt noch vertrauen?
Und plötzlich führt Poor Traits weit über das klassische Porträt hinaus. Die Ausstellung handelt von einer Gegenwart, in der wir täglich Gesichter betrachten – auf Bildschirmen, in sozialen Netzwerken, in Nachrichten und zunehmend in KI-generierten Bildern – und gleichzeitig immer weniger selbstverständlich davon ausgehen können, dass das, was wir sehen, tatsächlich so existiert hat.
Die BBA Gallery eröffnet „Poor Traits“ am 9. September 2026 von 18 bis 21 Uhr anlässlich der Berlin Art Week. Die Ausstellung läuft bis 24. Oktober 2026 in der Köpenicker Straße 96 in Berlin-Mitte. Während der Berlin Art Week gelten zusätzliche Öffnungszeiten am 10. September von 12 bis 21 Uhr und am 13. September von 13 bis 17 Uhr.
Vielleicht ist deshalb ausgerechnet das fehlerhafte Gesicht das zeitgemäßeste Porträt unserer Gegenwart. Denn je perfekter Maschinen lernen, uns nachzuahmen, desto bedeutender werden jene kleinen menschlichen Spuren, die sich ihrer Perfektion entziehen.