Dasselbe gilt für seine Blumenbilder. In „Herbstblumen (A)“ von 1931 verlieren Sonnenblumen, Dahlien und andere Blüten den Charakter eines dekorativen Stilllebens. Gelb stößt gegen Schwarz, Rot gegen Blau und Weiß. Die Blumen werden zu eigenständigen Farbpersönlichkeiten.
Noch unmittelbarer geschieht dies in den Aquarellen. Bei „Gelbe Sonnenblume, roter Mohn und Rudbeckien“ breiten sich Pigmente im feuchten Papier aus, Farbränder entstehen, andere Bereiche bleiben nahezu unberührt. Nolde kontrolliert das Aquarell und lässt ihm gleichzeitig seine Eigendynamik.
Hier schließt sich der Kreis der Ausstellung. Menschen, Blumen, Landschaften und Meer erscheinen zunächst als vollkommen unterschiedliche Motive. In Noldes Malerei verbindet sie jedoch eine gemeinsame Vorstellung: Das Sichtbare ist Ausgangspunkt, nicht Endpunkt.
Seebüll als Teil des Werkes
2026 besitzt für die Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde besondere Bedeutung. Vor 70 Jahren, am 13. April 1956, starb Emil Nolde. Seine Frau Ada war bereits 1946 gestorben. Mit dem Tod des Künstlers wurde das gemeinsame Testament wirksam und die Stiftung gegründet.
Das von Nolde entworfene Wohn- und Atelierhaus in Seebüll ist deshalb mehr als ein Ausstellungsort. Architektur, Garten, Landschaft und Kunst bilden dort einen Zusammenhang, der unmittelbar mit seinem Leben und Arbeiten verbunden ist. Die Stiftung bewahrt den umfangreichen Nachlass und macht in den jährlich wechselnden Ausstellungen unterschiedliche Aspekte seines Werkes sichtbar.
Zur Beschäftigung mit Nolde gehört heute zugleich die historische Einordnung seiner Biografie. Seine Nähe zum Nationalsozialismus und sein Antisemitismus sind durch die Forschung aufgearbeitet worden und widersprechen dem lange gepflegten Bild Noldes als ausschließlich verfolgtem Künstler. Dass zahlreiche seiner Werke im Nationalsozialismus als „entartet“ beschlagnahmt wurden und ihm zeitweise Einschränkungen seiner künstlerischen Tätigkeit auferlegt waren, ändert nichts an dieser politischen Haltung. Die heutige Auseinandersetzung mit Nolde muss beides nebeneinander sichtbar halten: die Bedeutung seines künstlerischen Werks und die problematischen Aspekte seiner Biografie.
70 Jahre nach seinem Tod stellt Seebüll damit keine einfache Rückschau auf einen der bekanntesten deutschen Expressionisten zusammen. Die Ausstellung fragt vielmehr, was seine Bilder über Beziehungen erzählen. Zwischen zwei Menschen. Zwischen einer Familie. Zwischen einer Figur und einer Landschaft. Zwischen einer Blume und der Farbe, aus der sie entsteht.
Am Ende führt dieser Weg zurück zum Anfang: zu zwei Menschen am Meer. Sie stehen dort dicht aneinander, während vor ihnen Wasser und Himmel ineinander übergehen. Vielleicht liegt gerade darin eine der stärksten Verbindungen innerhalb von Noldes Werk: Der Mensch bleibt Teil einer Welt, die größer ist als er selbst.