In The Green Cap (2025) begegnen uns Menschen, die einander räumlich nahe sind und doch in völlig unterschiedlichen Welten zu leben scheinen. Links eine junge, beinahe melancholisch wirkende Gestalt mit grüner Kappe, weißem Kragen und geblümtem Kleid. Ihr gesenkter Blick scheint nach innen gerichtet. In der Mitte ein weit zurückgelehnter Kopf mit geöffneten Augen, dessen Blick nach oben geht, als wäre er körperlich anwesend und gedanklich doch ganz woanders.
Dahinter drängen sich schwarz-weiße Gesichter: eine weiblich wirkende Gestalt mit weit geöffnetem Mund, daneben ein verzerrtes, männlich wirkendes Gesicht mit zusammengepressten Lippen. Ein Schrei, ein Ausdruck von Schmerz, Wut oder Angst? Salle lässt die Antwort offen. Die Gesichter scheinen unterschiedliche Gefühle auszudrücken, doch niemand reagiert auf den anderen.
Zwischen ihnen ragen die hellblauen Äste eines kahlen Baumes empor. Rechts schafft eine Vase mit weißen Narzissen vor beinahe schwarzem Hintergrund einen überraschenden Moment der Stille. Daneben ein junger Mann mit nacktem Oberkörper, dessen nachdenklicher Blick sich von den anderen Figuren abzuwenden scheint. Kräftige Farben, verzerrte Gesichter und zerfließende Formen treffen auf die stille Schönheit der Blumen.
Alle sind im selben Bild versammelt, und doch scheint niemand den anderen zu erreichen.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Wirkung dieser Malerei. In einer Welt, die uns täglich mit Bildern, Nachrichten und Eindrücken überflutet, verlieren nicht nur die Bilder ihren Zusammenhang. Manchmal geschieht das auch mit unseren Gedanken und Gefühlen. Alles ist gleichzeitig gegenwärtig, alles verlangt Aufmerksamkeit – und dennoch scheint vieles nur noch als Fragment in uns anzukommen.
David Salle macht diese Zerrissenheit sichtbar, ohne sie erklären oder auflösen zu wollen. Seine Figuren teilen denselben Raum, aber nicht unbedingt dieselbe Wirklichkeit. Zwischen den widersprüchlichen Bildwelten bleibt etwas zutiefst Menschliches spürbar: die Sehnsucht nach Ruhe, Nähe und einem Zusammenhang, der uns inmitten all dieser Eindrücke nicht verloren geht.
Von der Renaissance über Russland zur künstlichen Intelligenz
Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Bilder beschäftigt Salle seit Jahrzehnten. Schon lange bevor künstliche Intelligenz Teil seines Arbeitsprozesses wurde, verband er Motive, Stile und Epochen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die KI erweitert dieses Verfahren um eine neue Möglichkeit, Bilder zu zerlegen, zu verändern und neu zusammenzuführen.
Doch künstliche Intelligenz steht bei Salle nicht am Anfang einer neuen Bilderwelt. Sie wird Teil einer viel älteren Geschichte der Transformation.
Malerei wird Tapisserie, Tapisserie wird Malerei, Malerei wird Datensatz, Datensatz wird digitales Bild – und das digitale Bild wird wieder Malerei.
Bilder wurden schließlich schon immer kopiert, übersetzt und in andere Medien übertragen. Neu ist die Rolle einer Technologie, die selbst Bilder erzeugen kann. Entscheidend bleibt jedoch, was der Künstler aus diesem Material macht.
Salle versucht nicht, die Spuren der Technologie zu verbergen. Ebenso wenig überlässt er ihr das letzte Wort. Zwischen Algorithmus und Pinsel entsteht ein Wechselspiel: Die Maschine verändert Salles Bildwelt – und Salle verändert wiederum das, was die Maschine daraus gemacht hat.
Am Ende bleibt eine erstaunlich klassische Frage zurück: Was kann Malerei?
Vielleicht liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie sich immer wieder verändern kann, ohne ihre Geschichte zu verlieren. Renaissancemalerei, russische Tapisserien, Salles eigene Arbeiten der späten 1980er-Jahre und die Bildproduktion des 21. Jahrhunderts begegnen sich auf einer einzigen Leinwand.
Alles in der Malerei existiert in der Gegenwart.
Die kunsthistorische Vergangenheit wirkt im Bild weiter – selbst dann, wenn sie auf ihrem Weg dorthin durch eine künstliche Intelligenz gegangen ist.