David Salle, Yellow Shawl (2025–2026) – figurative Malerei mit Frauenfiguren, weißem Kleid und gelbem Schal aus der Ausstellung The Venice Paintings bei Thaddaeus Ropac Paris Pantin.
David Salle, Yellow Shawl, 2025-2026 Oil, acrylic, Flashe and charcoal on archival UV print on linen, 152.4 × 195.6 cm – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Paris Pantin

Wann: 21.10.2026 - 23.12.2026

David Salle: Wenn die KI zur Kunstschule geht

David Salle bringt in „The Venice Paintings“ Malerei und künstliche Intelligenz auf ungewöhnliche Weise zusammen. Bei Thaddaeus Ropac in Paris wird die Maschine weder zum Künstler noch zum Ersatz für den Maler. Sie zerlegt, verschiebt und rekonstruiert – bevor Salle das Bild mit dem Pinsel wieder an sich nimmt.

„One way to subvert a hegemonic technology is to co-opt it.“ Mit diesem Gedanken eröffnet David Salle eine Ausstellung, die eine der gegenwärtig meistdiskutierten Fragen der Kunst berührt: Was geschieht mit der Malerei, wenn künstliche Intelligenz Teil ihres Entstehungsprozesses wird?

Für Salle geht es nicht darum, Mensch und Maschine gegeneinander auszuspielen. Er eignet sich die Technologie an.

In „The Venice Paintings“ bei Thaddaeus Ropac Paris Pantin treffen künstliche Intelligenz und Ölmalerei aufeinander – zwei Verfahren, zwischen deren Entstehung Jahrhunderte liegen. Die Arbeiten waren zuvor während der 61. Biennale von Venedig in der Palazzo Cini Gallery zu sehen.

Ein Bild reist durch die Jahrhunderte

Der Weg dieser Bilder beginnt lange vor der künstlichen Intelligenz.

Ausgangspunkt sind Salles „Tapestry Paintings“ von 1989–91. Sie beziehen sich auf italienische Gemälde des 16. und 17. Jahrhunderts, die russische Weber im 18. Jahrhundert in Wolle und Seide übertragen hatten. Salle verwandelte diese Tapisserien seinerseits wieder in Malerei.

Mehr als drei Jahrzehnte später setzt er diese Wanderung der Bilder fort.

Seit 2022 arbeitet Salle mit einem KI-Modell, das vor allem mit seinem eigenen Œuvre trainiert wurde. Er nutzt es nicht, um seine künstlerischen Entscheidungen abzugeben, sondern um seine vertraute Bildsprache infrage zu stellen.

Oder, wie er selbst formuliert: „To get outside of myself.“

Für „The Venice Paintings“ ließ Salle das Modell auf seine früheren „Tapestry Paintings“ reagieren. Die KI zerlegt die Kompositionen, verschiebt ihre Bestandteile und fügt sie zu neuen, beinahe surrealen Bildwelten zusammen. Diese Ergebnisse werden auf Leinwand gedruckt.

Dort beginnt Salles Arbeit erneut.

Der Pinsel gegen den Pixel

Gedruckte Pixel treffen auf Ölfarbe, algorithmisch erzeugte Strukturen auf die unmittelbare Spur der Hand.

David Salle, Dots, 2025. Oil, acrylic, Flashe and charcoal on archival UV print on linen, 86.4 × 109.2 cm.
David Salle, Dots, 2025. Oil, acrylic, Flashe and charcoal on archival UV print on linen, 86.4 × 109.2 cm. – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Paris Pantin

Gerade in Dots (2025) wird dieses Zusammenspiel sichtbar. Eine Frau im leuchtend roten, weiß gepunkteten Kleid beherrscht die Bildfläche. Ihr Kopf bleibt außerhalb des Bildausschnitts, während sich hinter ihr gezeichnete Figuren, gelbe Farbspuren und ein beinahe schwebendes Arrangement aus Tassen und Schalen überlagern.

Was zunächst wie eine vertraute Szene erscheint, entzieht sich jeder eindeutigen Erzählung. Die Figur wirkt körperlich präsent und bleibt zugleich anonym. Unterschiedliche Bildsprachen treffen aufeinander, ohne sich zu einer geschlossenen Wirklichkeit zusammenzufügen.

Das Bild zeigt nicht nur, was künstliche Intelligenz verändern kann. Es zeigt vor allem, was Salle mit diesen Veränderungen macht.

Dafür findet der Künstler ein bemerkenswertes Bild: Er habe, sinngemäß, die Maschine zur Kunstschule geschickt. Nicht der Maler soll lernen, wie die Maschine Bilder produziert. Vielmehr wird die Maschine mit den Erfahrungen und Möglichkeiten der Malerei konfrontiert.

Wer führt hier eigentlich wen?

Salle verschiebt damit die übliche Debatte über künstliche Intelligenz. Ihn interessiert weniger, ob Maschinen menschliche Kreativität ersetzen könnten, als die Frage, was geschieht, wenn ein Künstler die Technologie bewusst in

David Salle, The Green Cap, 2025. Oil, acrylic, Flashe and charcoal on archival UV print on linen, 152.4 × 195.6 cm
David Salle, The Green Cap, 2025. Oil, acrylic, Flashe and charcoal on archival UV print on linen, 152.4 × 195.6 cm – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Paris Pantin

In The Green Cap (2025) begegnen uns Menschen, die einander räumlich nahe sind und doch in völlig unterschiedlichen Welten zu leben scheinen. Links eine junge, beinahe melancholisch wirkende Gestalt mit grüner Kappe, weißem Kragen und geblümtem Kleid. Ihr gesenkter Blick scheint nach innen gerichtet. In der Mitte ein weit zurückgelehnter Kopf mit geöffneten Augen, dessen Blick nach oben geht, als wäre er körperlich anwesend und gedanklich doch ganz woanders.

Dahinter drängen sich schwarz-weiße Gesichter: eine weiblich wirkende Gestalt mit weit geöffnetem Mund, daneben ein verzerrtes, männlich wirkendes Gesicht mit zusammengepressten Lippen. Ein Schrei, ein Ausdruck von Schmerz, Wut oder Angst? Salle lässt die Antwort offen. Die Gesichter scheinen unterschiedliche Gefühle auszudrücken, doch niemand reagiert auf den anderen.

Zwischen ihnen ragen die hellblauen Äste eines kahlen Baumes empor. Rechts schafft eine Vase mit weißen Narzissen vor beinahe schwarzem Hintergrund einen überraschenden Moment der Stille. Daneben ein junger Mann mit nacktem Oberkörper, dessen nachdenklicher Blick sich von den anderen Figuren abzuwenden scheint. Kräftige Farben, verzerrte Gesichter und zerfließende Formen treffen auf die stille Schönheit der Blumen.

Alle sind im selben Bild versammelt, und doch scheint niemand den anderen zu erreichen.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Wirkung dieser Malerei. In einer Welt, die uns täglich mit Bildern, Nachrichten und Eindrücken überflutet, verlieren nicht nur die Bilder ihren Zusammenhang. Manchmal geschieht das auch mit unseren Gedanken und Gefühlen. Alles ist gleichzeitig gegenwärtig, alles verlangt Aufmerksamkeit – und dennoch scheint vieles nur noch als Fragment in uns anzukommen.

David Salle macht diese Zerrissenheit sichtbar, ohne sie erklären oder auflösen zu wollen. Seine Figuren teilen denselben Raum, aber nicht unbedingt dieselbe Wirklichkeit. Zwischen den widersprüchlichen Bildwelten bleibt etwas zutiefst Menschliches spürbar: die Sehnsucht nach Ruhe, Nähe und einem Zusammenhang, der uns inmitten all dieser Eindrücke nicht verloren geht.

Von der Renaissance über Russland zur künstlichen Intelligenz

Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Bilder beschäftigt Salle seit Jahrzehnten. Schon lange bevor künstliche Intelligenz Teil seines Arbeitsprozesses wurde, verband er Motive, Stile und Epochen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die KI erweitert dieses Verfahren um eine neue Möglichkeit, Bilder zu zerlegen, zu verändern und neu zusammenzuführen.

Doch künstliche Intelligenz steht bei Salle nicht am Anfang einer neuen Bilderwelt. Sie wird Teil einer viel älteren Geschichte der Transformation.

Malerei wird Tapisserie, Tapisserie wird Malerei, Malerei wird Datensatz, Datensatz wird digitales Bild – und das digitale Bild wird wieder Malerei.

Bilder wurden schließlich schon immer kopiert, übersetzt und in andere Medien übertragen. Neu ist die Rolle einer Technologie, die selbst Bilder erzeugen kann. Entscheidend bleibt jedoch, was der Künstler aus diesem Material macht.

Salle versucht nicht, die Spuren der Technologie zu verbergen. Ebenso wenig überlässt er ihr das letzte Wort. Zwischen Algorithmus und Pinsel entsteht ein Wechselspiel: Die Maschine verändert Salles Bildwelt – und Salle verändert wiederum das, was die Maschine daraus gemacht hat.

Am Ende bleibt eine erstaunlich klassische Frage zurück: Was kann Malerei?

Vielleicht liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie sich immer wieder verändern kann, ohne ihre Geschichte zu verlieren. Renaissancemalerei, russische Tapisserien, Salles eigene Arbeiten der späten 1980er-Jahre und die Bildproduktion des 21. Jahrhunderts begegnen sich auf einer einzigen Leinwand.

Alles in der Malerei existiert in der Gegenwart.

Die kunsthistorische Vergangenheit wirkt im Bild weiter – selbst dann, wenn sie auf ihrem Weg dorthin durch eine künstliche Intelligenz gegangen ist.

David Salle in seinem Atelier – der US-amerikanische Künstler sitzt an einem Arbeitstisch mit Zeichnungen, Bildvorlagen und Stiften. Foto: Costas Picadas.
David Salle in seinem Atelier – der US-amerikanische Künstler sitzt an einem Arbeitstisch mit Zeichnungen, Bildvorlagen und Stiften. Foto: Costas Picadas. – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Paris Pantin
Tags: David Salle, Künstliche Intelligenz, Zeitgenössische Kunst, Malerei, Biennale di Venezia, Gegenwartskunst, Postmoderne Kunst

Dienstag bis Samstag, 10:00–19:00 Uhr
Sonntag und Montag geschlossen.

Thaddaeus Ropac Paris Pantin
69 Avenue du Général Leclerc
93500 Pantin, Frankreich