Louisa Gagliardi – In Plain Sight: Das Sichtbare und das Verborgene im FAMM Mougins
Manchmal genügt ein Blick durch ein Fenster, um eine Geschichte beginnen zu lassen. Ein Gesicht erscheint hinter einer Glasscheibe, eine Tür bleibt verschlossen, zwei Menschen befinden sich im selben Raum und scheinen dennoch unerreichbar füreinander. Die Schweizer Künstlerin Louisa Gagliardi verwandelt solche alltäglichen Situationen in rätselhafte Bildwelten, in denen Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremdheit, Sichtbarkeit und Verborgenheit untrennbar miteinander verbunden sind.
Vom 6. November 2026 bis zum 4. April 2027 widmet das FAMM – Femmes Artistes du Musée de Mougins der Künstlerin die Ausstellung „In Plain Sight“ im Centre d’Art de Mougins. Es ist ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Frankreich. Kuratiert von Simon de Pury und mitkuratiert von Leisa Paoli, vereint die Präsentation auf zwei Etagen 18 Werke aus den Jahren 2017 bis 2026, darunter neben Gemälden auch drei Skulpturen.
Der Ausstellungstitel beschreibt ein widersprüchliches Verhältnis: Etwas kann unmittelbar vor unseren Augen liegen und dennoch verborgen bleiben. Genau dieses Spannungsfeld überträgt Gagliardi auf ihre künstlerische Arbeit. Ihre Bilder erzählen von Begegnungen, von räumlicher und emotionaler Entfernung und von dem Versuch, in einer sich verändernden Welt Orientierung zu finden.
Zwischen digitaler Bildwelt und materieller Wirklichkeit
Louisa Gagliardi hat eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, in der das Vertraute seine Selbstverständlichkeit verliert und die Wirklichkeit zum Schauplatz unbegrenzter Vorstellungskraft wird.
Gagliardi erweitert diese Auseinandersetzung mit Materialität auch auf dreidimensionale Arbeiten. Bemalte Gegenstände und Möbelstücke überschreiten die Grenze zwischen Bild und Objekt und führen ihre künstlerischen Überlegungen in den tatsächlichen Raum.
Wer beobachtet hier eigentlich wen?
Eine besondere Rolle spielen Fenster, Türen, Korridore und Durchgänge. Sie verbinden Räume miteinander und trennen zugleich diejenigen, die sich darin aufhalten.
Gagliardis Figuren beobachten andere Menschen, ohne selbst gesehen zu werden. Doch ebenso häufig geraten sie unter einen fremden Blick. Ihre Bilder verweisen damit auf eine Gegenwart, in der digitale Vernetzung und ständige Sichtbarkeit keineswegs automatisch zu menschlicher Nähe führen.
Die vermeintliche Möglichkeit, jederzeit mit anderen verbunden zu sein, steht einer wachsenden Erfahrung von Isolation gegenüber.
Besonders eindringlich wird dieses Verhältnis in der Werkgruppe „Reunion“ aus dem Jahr 2025.
Die dargestellten Personen befinden sich in engen Durchgängen, hinter Fenstern oder in abgeschlossenen Innenräumen. Ihre Bewegungen scheinen angehalten, ihre Begegnungen auf unbestimmte Zeit verschoben.
Gerade diese Unsicherheit macht das Werk so eindringlich. Die Betrachter werden zu Zeugen einer Situation, deren Vorgeschichte und Ausgang sie nicht kennen.
Die Architektur wird dabei selbst zum Akteur. Fensterrahmen, Türen und Wände bestimmen, wie viel wir sehen dürfen. Sie schaffen Nähe und verweigern gleichzeitig den Zugang.
In anderen Arbeiten der Serie verändert sich unsere Position: Mal stehen wir den Figuren unmittelbar gegenüber, mal werden wir auf Distanz gehalten. Das Gefühl, einen Raum ungebeten zu betreten, begleitet uns durch die Ausstellung.
Vielleicht beginnt jede Begegnung mit der Entscheidung, ein Fenster zu öffnen. Doch wie oft bleiben wir auf unserer Seite stehen, obwohl uns nur ein kleiner Schritt vom anderen Menschen trennt?
Die verschlossene Verbindung: Visitors und Ruisseau
Die Verbindung von alltäglichen Situationen und unheimlichen Bildmomenten prägt Gagliardis künstlerische Erzählweise.
In „Visitors“ von 2024 begegnen wir zwei unterschiedlichen Innenräumen. Auf der linken Seite sitzt eine bekleidete Figur in einem wohnlichen Zimmer, auf der rechten eine unbekleidete Person am Rand einer marmornen Badewanne.
Beide Räume werden durch eine überdimensionierte Türkette miteinander verbunden.
Diese Kette ist das entscheidende Element der Komposition. Sie stellt eine Verbindung her und verhindert gleichzeitig, dass sich die Räume tatsächlich öffnen. Was normalerweise Sicherheit und Schutz verspricht, wird zum Sinnbild einer Beziehung, in der Nähe möglich scheint, aber nicht eingelöst wird.
Die Figuren bleiben in ihren jeweiligen Welten gefangen. Zwischen ihnen entsteht eine Spannung, die weniger von einer sichtbaren Handlung als von der Unmöglichkeit einer Begegnung lebt.
Auch in „Ruisseau“ von 2017 erscheinen zwei Menschen in einer ungewöhnlichen Konstellation. Ihre Gesichter werden von überdimensionierten Türgriffen überlagert. Durchscheinende Gestalten scheinen sich zwischen den Figuren zu bewegen.
Manchmal sind wir einem Menschen näher, als es die Entfernung vermuten lässt, und manchmal trennen uns Welten, obwohl wir im selben Raum sitzen. Welche Verbindungen halten uns zusammen – und welche hindern uns daran, wirklich aufeinander zuzugehen?
Die Türklinken wirken wie Bestandteile einer unsichtbaren Architektur, die den Zugang zueinander erschwert.
Die beiden Personen sind einander nahe und zugleich voneinander getrennt. Zwischen ihnen entsteht ein räumlicher und emotionaler Zwischenzustand, in dem sich die Frage nach einer möglichen Verbindung nicht eindeutig beantworten lässt.
Gerade die Transparenz der dargestellten Körper verstärkt diesen Eindruck. Sie scheinen anwesend zu sein und sich im selben Augenblick aufzulösen.
Dass diese Spannung zwischen menschlicher Nähe und emotionaler Distanz kein zufälliges Motiv ihrer Bildwelten ist, verdeutlichte Louisa Gagliardi bereits im Februar 2025 in einem Interview mit Studio International. Darin sprach die Künstlerin über Einsamkeit, Angst und Entfremdung in einer zunehmend hypervernetzten digitalen Welt. Ihre Figuren befinden sich häufig im selben Raum, ohne wirklich miteinander in Kontakt zu treten. Sie scheinen sich nach Begegnung zu sehnen und zugleich davor zurückzuschrecken. Diese Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis nach Abstand zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durch Gagliardis Werk.
Eine Türklinke verspricht, dass sich etwas öffnen lässt. Doch nicht jede verschlossene Tür ist tatsächlich versperrt. Manchmal fehlt uns nur der Mut, die Hand auszustrecken.
Intimität, Abwesenheit und der Augenblick davor
Eine unmittelbar menschliche Dimension erhält Gagliardis Werk dort, wo sie Situationen scheinbarer Intimität zeigt.
In „Revealing“ von 2022 befinden sich zwei Menschen in einem Schlafzimmer. Ein Mann sitzt am Rand eines zerwühlten Bettes, während eine Frau mit dem Rücken zum Betrachter steht.
Beide heben ihre Oberbekleidung an. Doch ihre Körper scheinen an entscheidenden Stellen zu verschwinden. Wo man eine körperliche Enthüllung erwarten würde, entstehen durchscheinende, beinahe körperlose Flächen.
Die angekündigte Offenbarung findet nicht statt.
Stattdessen hält Gagliardi einen Augenblick fest, der zwischen Erwartung und möglicher Begegnung schwebt. Die Figuren sind räumlich nahe beieinander, doch ihre Beziehung bleibt unbestimmt.
Die kühle, grünlich schimmernde Farbigkeit und die ungewöhnlich glatten Oberflächen verleihen der Szene eine beinahe voyeuristische Atmosphäre.
Obwohl sich beide Personen im selben Zimmer befinden, bleibt ihre Beziehung zueinander rätselhaft. Gerade diese Unsicherheit zwischen Intimität, Vertrautheit und Entfremdung macht das Werk zu einem eindrucksvollen Beispiel für Gagliardis Bildsprache.
Die Ausstellung stellt diesem Moment der möglichen Begegnung auch die Erfahrung menschlicher Abwesenheit gegenüber.
In „Undressed“ von 2023 liegt Kleidung auf einer Matratze. Menschen sind nicht zu sehen, doch ihre Spuren scheinen noch gegenwärtig.
Die Szene lässt an einen Raum denken, den jemand gerade verlassen hat. Was zuvor geschehen ist, bleibt ebenso ungewiss wie die Frage, ob die Person zurückkehren wird.
Gagliardi interessiert sich weniger für die eindeutige Darstellung eines Ereignisses als für die Augenblicke davor und danach.
Ihre Bilder sind keine abgeschlossenen Geschichten. Sie eröffnen Möglichkeiten, die sich in der Vorstellung der Betrachtenden weiterentwickeln.
Sich einem anderen Menschen zu zeigen, bedeutet nicht immer, sich ihm wirklich zu öffnen. Was geben wir von uns preis, und was bewahren wir selbst vor jenen Menschen, die uns am nächsten stehen?
Warten auf eine andere Wirklichkeit
Die obere Etage der Ausstellung erinnert an einen geschäftlichen Wartebereich. Nach den engen Korridoren und abgeschlossenen Innenräumen der „Reunion“-Serie öffnet sich damit eine andere Form des Übergangsraums.
In „Out of blue“ von 2025 erscheint die monumentale Front eines Flugzeugs unmittelbar vor unseren Augen.
Die silbrig schimmernde Oberfläche reflektiert Himmel und Umgebung. Unterhalb der Flugzeugnase scheint eine Straße oder Startbahn in die Tiefe zu führen. Die Dimensionen geraten aus dem Gleichgewicht, während die Grenze zwischen technischem Objekt, Landschaft und Spiegelung zunehmend verschwimmt.
Das Flugzeug wirkt gleichzeitig startbereit und vollkommen unbeweglich.
Es verkörpert die Möglichkeit des Aufbruchs, bleibt jedoch in einem Zustand des Wartens gefangen.
Wie bereits die Fenster und Türen in anderen Arbeiten Gagliardis wird auch das Flugzeug zum Sinnbild eines Übergangs, dessen Ausgang ungewiss ist.
Die spiegelnden Oberflächen verstärken dabei den Eindruck einer Wirklichkeit, die sich nicht eindeutig festlegen lässt. Was wir sehen, könnte ebenso gut eine Erinnerung, eine digitale Simulation oder die Vorstellung eines bevorstehenden Ereignisses sein.
Manchmal liegt zwischen zwei Menschen ein ganzer Ozean. Wir denken an jemanden, den wir lange nicht gesehen haben, und sagen uns, dass noch Zeit bleibt. Doch vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, wie weit der Weg ist, sondern wie lange wir noch warten wollen, ihn anzutreten.
Eine Gegenwart zwischen Nähe und Einsamkeit
Gagliardis Werke aus unterschiedlichen Schaffensjahren verdeutlichen die Kontinuität ihres Interesses an räumlichen, psychologischen und gesellschaftlichen Spannungen.
Ihre Bilder verbinden menschliche Nähe mit unerwarteten Hindernissen. Ein Türgriff wird zum Symbol einer unterbrochenen Kommunikation, eine Kette verbindet zwei Räume, während sie deren Öffnung verhindert. Ein Fenster erlaubt den Blick auf einen Menschen, ohne uns Zugang zu seiner Welt zu gewähren.
Die Figuren sind sichtbar und bleiben dennoch unerreichbar.
Darin liegt auch eine zeitgenössische Dimension ihrer Kunst. In einer Welt, die von digitaler Kommunikation, Bildern und permanenter Erreichbarkeit geprägt ist, stellt Gagliardi die Frage, was menschliche Verbindung tatsächlich bedeutet.
Sie liefert keine unmittelbaren Kommentare zu gesellschaftlichen oder technologischen Entwicklungen. Vielmehr eröffnet sie unterschiedliche Perspektiven auf eine Gegenwart, deren Widersprüche sich kaum vollständig überblicken lassen.
Ihre Werke fordern uns auf, genauer hinzusehen, vermeintlich vertraute Situationen neu zu betrachten und die eigenen Erwartungen zu hinterfragen.
In Plain Sight – das Geheimnis des Offensichtlichen
Mit „In Plain Sight“ entwickelt das FAMM eine Ausstellung, die Gagliardis künstlerische Fragestellungen in einen vielschichtigen Zusammenhang stellt.
Die Besucher bewegen sich durch Räume, in denen Beobachtung und Verbergen, Anwesenheit und Abwesenheit, Intimität und Isolation immer wieder neue Beziehungen eingehen.
Was zunächst wie eine alltägliche Szene erscheint, verwandelt sich bei näherer Betrachtung in ein rätselhaftes Geschehen.
Ein Mensch schaut durch ein Fenster. Zwei Personen befinden sich in benachbarten Räumen. Ein Flugzeug wartet auf seinen Aufbruch.
Die Bilder zeigen uns etwas, das wir zu kennen glauben. Doch je länger wir sie betrachten, desto deutlicher wird, dass sich ihre Bedeutung nicht auf eine einzige Erklärung reduzieren lässt.
Das Unheimliche entsteht nicht durch die Darstellung eines konkreten Ereignisses, sondern durch die Unsicherheit über dessen Bedeutung.
Ein kleiner Zufall kann weitreichende Folgen haben. Entscheidungen erscheinen kontrollierbar, während ihre Auswirkungen im Ungewissen bleiben. So entwickelt Gagliardi eine eigene Dramaturgie zwischen Erwartung, Sehnsucht und dem Verlust vermeintlicher Sicherheit.
Das Sichtbare ist bei ihr niemals die ganze Geschichte.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft dieser Ausstellung: Sie erinnert uns daran, dass wir vieles unmittelbar vor Augen haben können, ohne es wirklich zu erkennen.
Und dass manchmal ein einziger Blick genügt, um eine Welt voller unbeantworteter Fragen zu öffnen.
Täglich geöffnet
21. Oktober – 20. Juni: 10:00–18:00 Uhr
21. Juni – 20. Oktober: 10:00–19:00 Uhr
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