Candida Höfer, Universitätsbibliothek Innsbruck I, 2004 – Fotografie des historischen Lesesaals der Universitätsbibliothek Innsbruck mit Bücherregalen und langen Tischreihen.
Candida Höfer, Universitätsbibliothek Innsbruck I, 2004 – Fotografie des historischen Lesesaals der Universitätsbibliothek Innsbruck mit Bücherregalen und langen Tischreihen. – Mit freundlicher Genehmigung von: GrisebachBerlin / Grisebach Auktionen Berlin

Was: Auktion

Wann: 11.10.2026

Berlin, Oktober 2026. Auf den ersten Blick sind es Fotografien, die bei Grisebach einen neuen Besitzer suchen. Doch wer länger hinsieht, entdeckt etwas anderes: eine Zeitreise.

Vom 2. bis 11. Oktober 2026 versammelt die Online-Auktion „Photography Online Only“ bei Grisebach klassische Fotografie und zeitgenössische Positionen. Henri Cartier-Bresson trifft auf Candida Höfer, Bruce Davidson auf Ara Güler, Andreas Feininger auf Sally Mann. Jimi Hendrix, Iggy Pop, Mick Jagger, Dustin Hoffman, Dolly Parton und Georg Baselitz tauchen vor den Kameras verschiedener Fotografen auf. Vintage-Abzüge stehen neben späteren Prints und zeitgenössischen Arbeiten.

Man könnte diese Auktion chronologisch betrachten. Man könnte 1937 beginnen und sich langsam der Gegenwart nähern. Doch vielleicht erzählt die Fotografie ihre Geschichte besser in die andere Richtung.

Also beginnen wir hier und heute – und gehen zurück.

Innsbruck, 2004.

Candida Höfers „Universitätsbibliothek Innsbruck I“ führt an einen Ort, an dem zunächst etwas Entscheidendes fehlt: der Mensch. Die Fotografin, deren Werk wie kaum ein anderes mit menschenleeren öffentlichen Innenräumen verbunden ist, richtet ihren Blick auf die Bibliothek. Ordnung, Architektur, Licht und Raum übernehmen jene Rolle, die anderswo Menschen spielen.

Gerade diese Abwesenheit verändert unseren Blick. Eine Bibliothek ist für Menschen gebaut, Bücher werden für Menschen gesammelt, Tische und Stühle warten auf ihre Benutzung – und dennoch genügt der leere Raum, um von ihnen zu erzählen.

Vielleicht können also auch Orte Erinnerungen bewahren.

Bei Grisebach ist die 2004 entstandene Arbeit mit 15.000 bis 20.000 Euro geschätzt.

Wir gehen weiter zurück.

Divriği, Sivas, 1970.

Ara Güler, Miners at Divriği, Sivas, 1970 – Schwarzweißfotografie türkischer Bergarbeiter
Ara Güler, Miners at Divriği, Sivas, 1970 – Schwarzweißfotografie türkischer Bergarbeiter – Mit freundlicher Genehmigung von: GrisebachBerlin / Grisebach Auktionen Berlin

Nun sind die Menschen wieder da.

Ara Güler richtet seine Kamera auf Bergarbeiter im türkischen Divriği. Hier geht es nicht um die sorgfältige Ordnung eines öffentlichen Raumes, sondern um Arbeit, Körper und Lebenswirklichkeit. Die Fotografie bewahrt einen Moment, der für die Menschen vor der Kamera keine Geschichte war. Es war ihre Gegenwart.

Genau darin liegt eine der eigentümlichen Kräfte der Fotografie. Im Augenblick der Aufnahme weiß niemand, welche Bedeutung ein Bild Jahrzehnte später besitzen wird. Der Fotograf hält einen Bruchteil einer Sekunde fest – erst die Zeit macht daraus Erinnerung.

Gülers „Miners at Divriği, Sivas“ von 1970 wird bei Grisebach mit 2.000 bis 3.000 Euro aufgerufen.

Drei Jahre weiter zurück.

London, 25. August 1967.

Terence Donovan, Jimi Hendrix, London, 1967 – Porträt des Musikers Jimi Hendrix
Terence Donovan, Jimi Hendrix, London, 1967 – Porträt des Musikers Jimi Hendrix – Mit freundlicher Genehmigung von: GrisebachBerlin / Grisebach Auktionen Berlin

Jimi Hendrix sitzt vor Terence Donovans Kamera.

Heute ist es beinahe unmöglich, dieses Porträt anzusehen, ohne all das mitzusehen, was danach kam. Hendrix ist längst eine Ikone des 20. Jahrhunderts. Seine Musik, seine Auftritte, seine Kleidung und seine Erscheinung gehören zum kollektiven Bildgedächtnis einer Epoche.

Doch Donovans Kamera kannte diese Zukunft nicht.

Vor ihr saß kein Denkmal und keine historische Figur. Dort saß ein 24-jähriger Musiker mitten in seiner eigenen Gegenwart. Gerade unser heutiges Wissen verändert deshalb das Bild. Wir betrachten denselben Menschen – aber wir können ihn nicht mehr mit den Augen des Jahres 1967 sehen.

Vielleicht verändert die Zeit nicht die Fotografie. Vielleicht verändert sie uns, die sie betrachten.

Der bei Grisebach angebotene posthume C-Print wurde 2020 unter Aufsicht des Terence Donovan Archive hergestellt und ist mit 2.000 bis 3.000 Euro geschätzt.

Noch acht Jahre zurück.

Brooklyn, 1959.

Bruce Davidson, Brooklyn Gang, 1959 – Schwarzweißfotografie Jugendlicher in Brooklyn, New York
Bruce Davidson, Brooklyn Gang, 1959 – Schwarzweißfotografie Jugendlicher in Brooklyn, New York – Mit freundlicher Genehmigung von: GrisebachBerlin / Grisebach Auktionen Berlin

Bruce Davidson ist 25 Jahre alt, als er sich einer Gruppe New Yorker Jugendlicher nähert, die sich „The Jokers“ nennt. Er beobachtet sie nicht nur aus der Distanz. Über Monate verbringt er Zeit mit ihnen, begleitet ihren Alltag und gewinnt ihr Vertrauen. Aus dieser Nähe entsteht die Serie „Brooklyn Gang“. Das Metropolitan Museum of Art beschreibt, wie Davidson damit hinter das öffentliche Bild der gefürchteten Jugendgang blickte und neben demonstrativer Härte auch ihre Verletzlichkeit sichtbar machte.

Plötzlich verändert sich auf unserer Zeitreise erneut die Rolle des Fotografen.

Er steht nicht mehr nur vor einem Menschen oder einem Raum. Er wird zum Begleiter. Nähe braucht Zeit – und diese Zeit steckt in den Bildern, obwohl eine Fotografie selbst nur einen Augenblick zeigt.

Die Jugendlichen rauchen, reden, fahren nach Coney Island, hängen miteinander herum. Für sie ist es Sommer. Für uns ist es Amerika im Jahr 1959.

Das bei Grisebach angebotene Blatt aus der Serie „Brooklyn Gang“ ist mit 1.000 bis 1.500 Euro geschätzt.

Und unsere Reise geht weiter.

London, 12. Mai 1937.

Henri Cartier-Bresson, Couronnement du roi George VI, London, 1937 – Zuschauer bei der Krönung von König George VI.
Henri Cartier-Bresson, Couronnement du roi George VI, London, 1937 – Zuschauer bei der Krönung von König George VI. – Mit freundlicher Genehmigung von: GrisebachBerlin / Grisebach Auktionen Berlin

Hunderttausende Menschen sind auf den Straßen. George VI. wird zum König gekrönt. Es ist eines der großen medialen Ereignisse der Zwischenkriegszeit. Fotografen warten auf den Monarchen, auf die Kutsche, auf die königliche Familie.

Henri Cartier-Bresson dreht sich um.

Seine Kamera sucht nicht den König. Sie sucht diejenigen, die gekommen sind, um ihn zu sehen.

Menschen drängen sich an den Straßen, recken ihre Hälse, suchen erhöhte Standpunkte und versuchen, einen Blick auf das Ereignis zu erhaschen. Cartier-Bresson war damals für die französische Zeitung „Ce Soir“ vor Ort. Während andere Reporter das königliche Ereignis selbst festhalten wollten, interessierte ihn die Menge der Zuschauer. Seine Fotografien erschienen später auch unter dem bezeichnenden Titel „Ceux qui regardaient…“ – jene, die zusahen.

Und plötzlich sind wir beim Kern unserer Reise angekommen.

Denn eine Fotografie zeigt niemals einfach nur, was geschehen ist.

Sie zeigt auch, wohin jemand geblickt hat.

Cartier-Bresson hätte George VI. fotografieren können. Stattdessen machte er die Zuschauer zu den Protagonisten eines historischen Ereignisses. Der König befindet sich außerhalb des Bildes – und gerade dadurch erzählt die Fotografie etwas über seine Gegenwart, das ein offizielles Krönungsbild kaum erzählen könnte.

Fast neunzig Jahre später betrachten wir nicht den Monarchen.

Wir betrachten Menschen, die ihn betrachten.

Das bei Grisebach angebotene „Couronnement du roi George VI, Londres“ von 1937 ist mit 7.000 bis 9.000 Euro geschätzt.

Und damit endet unsere Reise durch die Zeit.

Oder vielleicht beginnt sie erst jetzt.

 

Berlin, Oktober 2026.

Wir stehen wieder am Ausgangspunkt. Bei Grisebach liegen Fotografien aus unterschiedlichen Jahrzehnten nebeneinander. Cartier-Bressons London von 1937, Davidsons Brooklyn von 1959, Donovans Hendrix von 1967, Gülers Bergarbeiter von 1970 und Höfers Innsbrucker Bibliothek von 2004 haben historisch nichts miteinander zu tun.

Und doch verbindet sie etwas.

Jeder dieser Fotografen hat entschieden, einen bestimmten Augenblick festzuhalten. Einmal war es ein Mensch, einmal eine Gruppe Jugendlicher, einmal ein Arbeitsleben, einmal ein menschenleerer Raum, einmal eine Menschenmenge am Rand eines historischen Ereignisses.

Der Augenblick selbst ist längst verschwunden.

Die Menschen gingen weiter. Orte veränderten sich. Generationen kamen und verschwanden. Aus Gegenwart wurde Vergangenheit und aus manchen Fotografien wurden Bilder, an denen wir heute unsere Vorstellung dieser Vergangenheit festmachen.

Vom 2. bis 11. Oktober 2026 werden einige dieser festgehaltenen Augenblicke bei Grisebach erneut Teil der Gegenwart. Während der Auktion können die Arbeiten montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr in der Fasanenstraße 27 in Berlin besichtigt werden.

Danach werden manche von ihnen an neuen Wänden hängen, in andere Sammlungen wandern und von anderen Menschen betrachtet werden.

Verkauft werden Fotografien. Was sie festhalten, lässt sich nicht besitzen.

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Während der Dauer der Auktion können alle Werke von Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr, in der Fasanenstr. 27 in Berlin besichtigt werden.