Das Museo Madre in Neapel verwandelt sich in ein pulsierendes Epizentrum der zeitgenössischen Kunst, wenn Tomaso Binga, alias Bianca Pucciarelli in Menna, ihre erste große monografische Ausstellung eröffnet – mit 94 Jahren. An den Rollstuhl gefesselt, aber voller Lebensfreude, tritt sie dem Publikum entgegen – „fröhlich und dynamisch wie ein Kind, tänzelnd wie eine Tänzerin“. Die Ausstellung trägt den Titel „Euforia“, ein Wort, das – ganz in Bingas Manier – alle Vokale enthält und „den Zustand der fleißigen, aber kontrollierten Freude der Künstlerin gut verkörpert“.„Mein männlicher Name“, sagt die 1931 in Salerno geborene Künstlerin, „spielt mit Ironie und Verdrängung; sie will das männliche Privileg, das im Bereich der Kunst herrscht, entlarven, es ist eine paradoxe Anfechtung eines Überbaus, den wir geerbt haben und den wir als Frauen zerstören wollen. In der Kunst sollten Geschlecht, Alter, Nationalität keine diskriminierenden Faktoren sein. Der Künstler ist weder ein Mann noch eine Frau, sondern eine PERSON“.
Bereits der Eintritt in die Ausstellung markiert eine poetische Geste: Der Besucher passiert transparente Plastikfolien mit Bingas Porträt – eine Einladung zur Passage durch ein Werk, das sich über sechs Jahrzehnte erstreckt. Die 120 gezeigten Arbeiten reichen von Keramiken aus den 1960er Jahren bis hin zu experimentellen Performances und Alphabet-Arbeiten der 1970er.
„Eher der visuellen Poesie als der Konzeptkunst verpflichtet“, wie sie im Interview mit Luca Lo Pinto erklärt, begegnet Binga jeder Form mit handwerklicher Präzision und politischer Tiefenschärfe. Polystyrol – kalt, leicht, industriell – wird unter ihren Händen zum poetischen Material. Werke wie „Oblò“ von 1972, heute Teil der Sammlung Madre, belegen diese Transformation von Alltag in Kunst.
Binga definiert Performance als „eine Art des Performens“, bei der Körper, Sprache und Zeichen miteinander verschmelzen. In der Installation führen rosa und rote Rohre durch die Räume – ein Parcours aus Passion, Blut und Geburt. Dazwischen: Videoperformances, Buchstaben als Körper, der Akt als Schrift.
„Ti scrivo solo di domenica“, erklärt sie, „ein Tag, der gewählt wurde, weil er der einzige der Woche ist, der mit einem A endet, wie die Frauennamen“. Diese Auseinandersetzung mit Sprache und Identität zieht sich durch das gesamte Werk, das von der Ausstellung aus Leihgaben und Archivmaterial getragen wird.
Am Ausgang der Schau erwartet die Besucher ein riesiger Tatzebao – ein Ort für Gedanken, Stimmen, Emotionen. „Ihr fehlt es wirklich an Selbstironie“, sagt sie über das Kunstsystem, und lächelt dabei verschmitzt – wie jemand, der mit 94 Jahren die Welt noch immer spielerisch herausfordert.