Titel (Raoul Hausmann und Hannah Höch auf der Ersten Internationalen Dada-Messe), 1920, Repro: © Berlinische Galerie/Anja Elisabeth Witte
Titel (Raoul Hausmann und Hannah Höch auf der Ersten Internationalen Dada-Messe), 1920, Repro: © Berlinische Galerie/Anja Elisabeth Witte – Mit freundlicher Genehmigung von: berlinischegalerie / Berlinische Galerie

Wann: 18.11.2025 - 16.03.2026

Raoul Hausmann (1886–1971) zählt zu den radikalsten und zugleich visionärsten Figuren der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Zeitlebens arbeitete er gegen Konventionen, gegen Gewissheiten, gegen das Beharren auf dem Bekannten. Sein erklärtes Ziel war es, das Überlieferte zu überwinden und stets „das Morgen“ zu verwirklichen. Diese Haltung machte ihn zu einem der ersten genuin multimedialen Künstler der Moderne. Als Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung und selbsternannter „Dadasoph“ entwickelte er Ausdrucksformen, die Kunst, Denken und Wahrnehmung bis heute prägen.

Hausmanns Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Bildender Kunst, Fotografie, Literatur, Philosophie und Technik. Er gilt als Miterfinder der Collage, experimentierte mit synästhetischen Apparaturen, verfasste theoretische und literarische Texte, erforschte in performativen Darbietungen das Verhältnis von Körper, Klang und Raum und verband in der Fotografie das Sehen mit dem Haptischen. Getragen von einer nahezu unerschöpflichen Wandlungsfähigkeit entstand ein Werk von außergewöhnlicher Eigenständigkeit und innerer Konsequenz.

Raoul Hausmann, Frontales Porträt, 1946, Sammlung Bank Austria, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Repro: © Alistair Fuller
Raoul Hausmann, Kutschenbauch dichtet, 1920, Musée d‘art moderne et contemporain Saint-Étienne Métropole, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Repro: © Musée d’art moderne et contemporain de Saint-Etienne Métropole/Yves Bresson
Raoul Hausmann, Frontales Porträt, 1946, Sammlung Bank Austria, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Repro: © Alistair Fuller • Raoul Hausmann, Kutschenbauch dichtet, 1920, Musée d‘art moderne et contemporain Saint-Étienne Métropole, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Repro: © Musée d’art moderne et contemporain de Saint-Etienne Métropole/Yves Bresson – Mit freundlicher Genehmigung von: berlinischegalerie / Berlinische Galerie

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums widmet die Berlinische Galerie diesem radikalen Innovator eine umfassende Retrospektive. Unter dem Titel „Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada.“ werden vom 8. November 2025 bis 16. März 2026 über 200 Exponate gezeigt. Erstmals wird das künstlerische Œuvre Hausmanns in seiner ganzen Bandbreite erfahrbar gemacht – von frühen expressionistischen Arbeiten über ikonische Dada-Werke bis hin zu seinem lange vernachlässigten Spätwerk aus dem französischen Exil.

Die chronologisch aufgebaute Ausstellung entfaltet sich auf rund 600 Quadratmetern und führt durch alle zentralen Lebens- und Schaffensphasen. Den Auftakt bilden die Jahre des Frühwerks, geprägt vom Expressionismus, von der Nähe zu Erich Heckel, Ludwig Meidner und den Ausstellungen der Galerie Der Sturm. In dieser Zeit entstehen auch die intensiven Porträts von Hannah Höch, mit der Hausmann eine konfliktreiche, künstlerisch produktive Beziehung verband. Rückblickend bezeichnete er diese Phase als seinen „ganz persönlichen Kubismus“.

 Elasticum, 1920, Galerie Berinson, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: © Galerie Berinson, Berlin
Raoul Hausmann, Ohne Titel (Hannah Höch), um 1916, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Repro: © Gudrun de Maddalena
Elasticum, 1920, Galerie Berinson, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: © Galerie Berinson, Berlin • Raoul Hausmann, Ohne Titel (Hannah Höch), um 1916, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Repro: © Gudrun de Maddalena – Mit freundlicher Genehmigung von: berlinischegalerie / Berlinische Galerie

Mit der Berliner Dada-Bewegung erreicht Hausmanns Werk eine eruptive Verdichtung. Dada wird für ihn zur geistigen Haltung, nicht bloß zur ästhetischen Revolte. In Fotomontagen, Plakatgedichten, Assemblagen und Lautperformances sprengt er die Grenzen der Gattungen. „Dada ist mehr als Dada“ – dieser Satz wird zum inneren Motor eines Künstlers, der Kunst als Mittel gesellschaftlicher Bewusstseinsbildung verstand und sich gegen „alle Gewohnheiten, jeden Glauben und alle Vorrechte“ stellte.

Ab den frühen 1920er-Jahren richtet sich Hausmanns Interesse zunehmend auf Wahrnehmung und Synästhesie. Mit dem von ihm entwickelten „Optophon“ wollte er Bilder in Töne und Töne in Bilder übersetzen. Parallel formuliert er seine Theorie des „PRÉsentismus“, die sein Denken nachhaltig bestimmt. Der Künstler wird zum Erfinder, der Erfinder zum Künstler.

Ab 1927 wird die Fotografie zum zentralen Medium seines Schaffens. Hausmann, der sich nie als Fotograf verstanden wissen wollte, entwickelt ein Werk jenseits des Neuen Sehens. Ihn interessiert nicht die formale Konstruktion, sondern eine „neue Sicht auf die Welt“, in der Sehen als sinnlicher, historisch wandelbarer Vorgang begriffen wird. Seine Fotografien sollen das Auge erziehen und die Beziehung zwischen Mensch und Wirklichkeit erneuern.

Nach der Emigration 1933 und den Jahren des Exils findet Hausmann in Limoges zu einem späten Neubeginn. Fotogramme, Fotopiktogramme, Collagen und eine organische Abstraktion prägen das Spätwerk. In den letzten Jahren, fast erblindet, tastet er seine Collagen buchstäblich. Dada ist inzwischen Kunstgeschichte geworden, doch Hausmann beharrt bis zuletzt auf seiner geistigen Urheberschaft.

Die Berlinische Galerie stützt sich auf die weltweit bedeutendste Sammlung zur Berliner Dada-Bewegung sowie auf den von ihr betreuten Teilnachlass Hausmanns vor 1933. Das Musée d’art contemporain de la Haute-Vienne – Château de Rochechouart, Hüter des Spätwerks, ist Hauptleihgeber. Ergänzt wird die Schau durch Leihgaben unter anderem aus der Hamburger Kunsthalle, der Peggy Guggenheim Collection, den Staatlichen Museen zu Berlin, der Tate London und dem Museum of Modern Art.

Diese Ausstellung ist mehr als eine Retrospektive. Sie ist eine Einladung, Raoul Hausmann als das zu begreifen, was er war: ein kompromissloser Erneuerer, der die Kunst nicht beruhigen, sondern verändern wollte.

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog im Hatje Cantz Verlag.

Tags: Raoul Hausmann, Malerei, Collagen, Dadaismus, Moderne Kunst, Fotomontage, Fotografie

Mi – Mo 10 – 18 Uhr

Dienstags geschlossen