Mit der Berliner Dada-Bewegung erreicht Hausmanns Werk eine eruptive Verdichtung. Dada wird für ihn zur geistigen Haltung, nicht bloß zur ästhetischen Revolte. In Fotomontagen, Plakatgedichten, Assemblagen und Lautperformances sprengt er die Grenzen der Gattungen. „Dada ist mehr als Dada“ – dieser Satz wird zum inneren Motor eines Künstlers, der Kunst als Mittel gesellschaftlicher Bewusstseinsbildung verstand und sich gegen „alle Gewohnheiten, jeden Glauben und alle Vorrechte“ stellte.
Ab den frühen 1920er-Jahren richtet sich Hausmanns Interesse zunehmend auf Wahrnehmung und Synästhesie. Mit dem von ihm entwickelten „Optophon“ wollte er Bilder in Töne und Töne in Bilder übersetzen. Parallel formuliert er seine Theorie des „PRÉsentismus“, die sein Denken nachhaltig bestimmt. Der Künstler wird zum Erfinder, der Erfinder zum Künstler.
Ab 1927 wird die Fotografie zum zentralen Medium seines Schaffens. Hausmann, der sich nie als Fotograf verstanden wissen wollte, entwickelt ein Werk jenseits des Neuen Sehens. Ihn interessiert nicht die formale Konstruktion, sondern eine „neue Sicht auf die Welt“, in der Sehen als sinnlicher, historisch wandelbarer Vorgang begriffen wird. Seine Fotografien sollen das Auge erziehen und die Beziehung zwischen Mensch und Wirklichkeit erneuern.
Nach der Emigration 1933 und den Jahren des Exils findet Hausmann in Limoges zu einem späten Neubeginn. Fotogramme, Fotopiktogramme, Collagen und eine organische Abstraktion prägen das Spätwerk. In den letzten Jahren, fast erblindet, tastet er seine Collagen buchstäblich. Dada ist inzwischen Kunstgeschichte geworden, doch Hausmann beharrt bis zuletzt auf seiner geistigen Urheberschaft.
Die Berlinische Galerie stützt sich auf die weltweit bedeutendste Sammlung zur Berliner Dada-Bewegung sowie auf den von ihr betreuten Teilnachlass Hausmanns vor 1933. Das Musée d’art contemporain de la Haute-Vienne – Château de Rochechouart, Hüter des Spätwerks, ist Hauptleihgeber. Ergänzt wird die Schau durch Leihgaben unter anderem aus der Hamburger Kunsthalle, der Peggy Guggenheim Collection, den Staatlichen Museen zu Berlin, der Tate London und dem Museum of Modern Art.
Diese Ausstellung ist mehr als eine Retrospektive. Sie ist eine Einladung, Raoul Hausmann als das zu begreifen, was er war: ein kompromissloser Erneuerer, der die Kunst nicht beruhigen, sondern verändern wollte.
Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog im Hatje Cantz Verlag.