Wolfgang Lettl, Babel 1978 (Ausschnitt)
Wolfgang Lettl, Babel 1978 (Ausschnitt) – Mit freundlicher Genehmigung von: lettlmuseum / Lettl Museum Augsburg

Wann: 29.11.2025 - 15.11.2026

LETTL-Museum für surreale Kunst – Augsburg: Eine Reise hinter die Gesichter

In Augsburg bereitet das LETTL-Museum für surreale Kunst eine Sonderausstellung vor, die ab dem 29. November 2025 bis 15. November 2026 zu sehen sein wird – ein Projekt, das jene leisen inneren Räume berührt, in denen Kunst und Selbstwahrnehmung ineinandergreifen.

Im Zentrum stehen 16 surreale Bilder aus Lettls Schaffen der Jahre 1969 bis 2001. Ihnen zur Seite treten 12 Fototafeln von Schülerinnen und Schülern der Benedikt-von-Nursia-Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung. Ausgehend vom Thema „Wer bin ich?“ modellierten sie Köpfe aus Papiermaché, bemalten sie und hielten ihre Gedanken dazu fest – ein stiller Dialog zwischen innerer Wahrheit und künstlerischer Form.

„Hinter jedem Gesicht steckt mehr als man auf den ersten Blick erkennen kann. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse, die ihn als Persönlichkeit prägen.“ Dieser Satz trägt den Kern der Ausstellung wie ein Fundament. Er öffnet den Blick für die Tiefenschichten, die im Alltag allzu rasch übersehen werden. Die Ausstellung ruft dazu auf, jenes Verstehen zu üben, das Zeit, Nähe und Wertschätzung verlangt.

Impression aus der Sonderausstellung
Impression aus der Sonderausstellung – Mit freundlicher Genehmigung von: lettlmuseum / Lettl Museum Augsburg

Die Kuratorinnen und Kuratoren betonen die erstaunliche Klarheit dieser jungen Stimmen: „Es erstaunt, zu welch differenzierten und reflektierten Aussagen zu ihrer Lebenssituation Jugendliche fähig sind, die oftmals von ihren Mitbürgern am Rand unserer Gesellschaft gesehen werden.“ Diese Worte wirken wie ein leiser Appell, die Wahrnehmung zu schärfen – nicht nur für die Kunst, sondern für den Menschen selbst.

Besonders eindrucksvoll ist die Rückbindung an den Ursprung des Begriffs Porträt. „Porträt kommt vom lateinischen protrahere – hervorziehen, ans Licht bringen – also das nicht Sichtbare sichtbar machen.“ In dieser Definition findet die Ausstellung ihre poetische Mission. Portraits sollen mehr zeigen als das Offensichtliche. „Sie sollen etwas über das Wesen der Person aussagen, sie sollen ein ‚Spiegel der Seele‘ in die innere Welt des Menschen sein.“

Ausstellungsplakat „Mehr als ein Gesicht“ zeigt elegante Figur im Anzug mit gefaltetem Papierkopf mehrerer Gesichter auf Stuhl.
Diese fiese Maske erinnert mich an meine fiese Seite.
Ausstellungsplakat „Mehr als ein Gesicht“ zeigt elegante Figur im Anzug mit gefaltetem Papierkopf mehrerer Gesichter auf Stuhl. • Diese fiese Maske erinnert mich an meine fiese Seite. – Mit freundlicher Genehmigung von: lettlmuseum / Lettl Museum Augsburg

„Diese fiese Maske erinnert mich an meine fiese Seite, die ich früher gegenüber anderen Mitmenschen hatte. Ich wollte es nicht verstehen und habe mich durch die Gesellschaft geprügelt.

Die Narben auf der Maske erinnern auch an meine Wunden, die ich nach jeder Schlägerei abends mit nach Hause getragen habe.

Ich habe meiner Mutter leider sehr oft das Herz gebrochen, genauso wie das Gesetz, bis ich älter wurde und es langsam in den Griff bekam und diese böse Seite aus meinem Leben gestoppt habe.

Inzwischen mache ich eine Ausbildung als Metallbearbeiter und habe meine richtige Schiene fürs Leben gefunden.

Diese Worte, roh, ungefiltert und von kraftvoller Ehrlichkeit, führen wie ein Schlaglicht direkt in die innere Welt des jungen Autors. Sie zeigen, wie Porträtkunst den Weg zu einer Wahrheit öffnen kann, die sonst unerzählt bliebe.

 

Wolfgang Le􏰀l, Rundschreiben (1997)
Wolfgang Le􏰀l, Rundschreiben (1997) – Mit freundlicher Genehmigung von: lettlmuseum / Lettl Museum Augsburg

„Richtige Selbstporträts gibt es von mir eigentlich überhaupt nicht, denn das verbreitete Bedürfnis, sich in den Anblick der eigenen Visage zu vertiefen, ist bei mir nur schwach entwickelt und wird anlässlich der täglichen Rasur vollauf befriedigt. Kämmen kann ich mich auswendig, einfach von vorn nach hinten.

Auch auf die Idee, etwas über mich zu schreiben, wäre ich nie gekommen, aber in meinem Club ist es der Brauch, dass jeder immer wieder mal einen kurzen Vortrag zum Besten gibt. Als ich wieder einmal dran war, entschloss ich mich, weil mir nichts anderes einfallen wollte, für die übliche Verlegenheitslösung „Eigenbericht“ und ließ mir sagen, dessen Sinn sei, darzulegen, „wie man der geworden ist, der man ist“.

Eigentlich hätte ich hier sofort passen müssen, denn um der Frage nachzugehen, wie ich der geworden bin, der ich bin, müsste ich erst wissen, wer ich denn bin, damit ich nicht am Ende darzulegen versuche, wie ich einer geworden sei, der ich gar nicht bin, sondern irrtümlicherweise annehme zu sein.“ 
(Wolfgang Lettl)

Damit erhält die Ausstellung eine zusätzliche Dimension: der erfahrene Künstler und die jungen Stimmen bewegen sich im gleichen Spannungsfeld von Identität, Suche und Selbsterkenntnis. Sie legen offen, was jenseits der sichtbaren Formen liegt – jenes Unbewusste, das im Surrealismus seinen natürlichen Resonanzraum findet.

Eine Ausstellung, die das Gesicht und das Dahinter gleichermaßen ans Licht bringt.

Tags: Wolfgang Lettl, Surrealismus, Malerei, Papiermaché, Charakterköpfe