Ferdinand Brütt: Spaziergang im Garten der Villa in Kronberg im Taunus, 1918 Sammlung GIERSCH, Frankfurt a. M. © Sammlung GIERSCH, Foto: Uwe Dettmar • Ausstellungsansicht Solastalgie Unknown Fields: Rare Earthenware, 2015, Foto: Jens Gerber – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseumGiersch / Museum Giersch
Im Zentrum steht ein Gefühl, das schwer zu fassen ist und doch viele Menschen begleitet. Der Begriff der Solastalgie, geprägt 2005 vom australischen Philosophen Glenn Albrecht, beschreibt „das Gefühl einer schmerzlichen Sehnsucht nach einer verschwindenden, als Heimat begriffenen Landschaft im Angesicht des Klimawandels“. In diesem Wort verbinden sich Trauer und Trost, Verlust und Zuwendung, Wehmut und der Versuch, dennoch eine Beziehung zur Umwelt aufrechtzuerhalten. Genau diese Ambivalenz bildet das emotionale Rückgrat der Ausstellung.
Ausstellungsansicht Solastalgie Ei Arakawa-Nash: Harsh Citation, Harsh Pastoral, Harsh Münster (Gustave Courbet), 2017, Privatbesitz © Ei Arakawa-Nash, Foto: Jens Gerber • Ausstellungsansicht Solastalgie Marcus Maeder: Spreepark Multispezies Bau, 2023/2024, Installation © Marcus Maeder, Foto: Jens Gerber – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseumGiersch / Museum Giersch
Präsentiert wird die Schau im Museum Giersch der Goethe-Universität, das mit dieser Ausstellung gleich doppelt feiert: 25 Jahre Museumsgeschichte und zehn Jahre Zugehörigkeit zur Goethe-Universität. Historische Landschaftsgemälde aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert aus der Sammlung GIERSCH bilden den Ausgangspunkt. Sie zeigen Landschaften als Orte der Ordnung, der Projektion und der Sehnsucht – Bilder einer Welt, die vermeintlich stabil war. Diese Werke werden jedoch nicht nostalgisch ausgestellt, sondern bewusst mit aktuellen Forschungsperspektiven der Universität verknüpft.
Jakob Nussbaum: Garten des Künstlers im Schnee, 1927 Sammlung GIERSCH, Frankfurt a. M. © Sammlung GIERSCH, Foto: Uwe Dettmar • Ilana Halperin: Field Diary (Digne) 26, 2022 © Courtesy of the artist and Patricia Fleming Gallery – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseumGiersch / Museum Giersch
In einen spannungsvollen Dialog treten die historischen Arbeiten mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen, die Landschaft nicht mehr als Kulisse begreifen, sondern als verletzlichen, umkämpften Raum. Die Themen reichen von der Umnutzung urbaner Brachflächen über die Umweltzerstörung durch den Abbau seltener Erden bis hin zu sehr persönlichen Begegnungen mit Landschaft. Es geht um Nähe, Verantwortung und das Sich-in-Beziehung-Setzen zu einer Umwelt, die nicht mehr selbstverständlich ist.
Die Ausstellung ist als Spaziergang gedacht – nicht als lineare Erzählung, sondern als offener Weg. Die Besucher wählen ihre eigene Route durch die Räume, wechseln zwischen historischen Bildern und zeitgenössischen Arbeiten und werden immer wieder mit der realen Landschaft konfrontiert: dem Blick aus den Fenstern auf den Main, auf Stadt und Garten. Innen und Außen, Vergangenheit und Gegenwart, Bild und Wirklichkeit überlagern sich dabei auf stille Weise.
Alfred Nathaniel Oppenheim: Sommerlicher Garten mit Pavillon, 1910 © Sammlung GIERSCH, Frankfurt a. M. Foto: Uwe Dettmar • Ausstellungsansicht Solastalgie Asad Raza: Root sequence. Mother tongue, 2017, Foto: Jens Gerber – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseumGiersch / Museum Giersch
Auch jenseits der Ausstellungsräume setzt das Museum ein Zeichen. Mit dem sogenannten Zukunftsticket wird eine nachhaltige Anreise belohnt. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Fahrrad oder zu Fuß kommt, erhält ermäßigten Eintritt. Es ist eine kleine Geste, die den Gedanken der Ausstellung in den Alltag verlängert – und daran erinnert, dass jede Beziehung zur Landschaft auch im eigenen Handeln beginnt.
SOLASTALGIE ist keine Ausstellung der schnellen Antworten. Sie lädt ein zum Verweilen, zum Nachdenken und zum bewussten Sehen. In einer Zeit, in der Landschaften verschwinden, fragt sie nicht nur, was verloren geht, sondern auch, wie wir mit diesem Verlust leben – und vielleicht neu hinschauen lernen.
Anton Burger: Felsiger Taunuswinkel im Sommer mit Personenstaffage, 1862 © Sammlung GIERSCH, Frankfurt a. M. Foto: Uwe Dettmar – Mit freundlicher Genehmigung von: MuseumGiersch / Museum Giersch
Am Ende stellt sich unweigerlich eine unbequeme Frage: Ist die Realität selbst der Skandal? Giuseppe Veneziano formuliert es klar: „Wenn eines meiner Werke für Aufsehen sorgt, dann ist es vielleicht die Realität selbst, die skandalös ist.“ Genau hier berührt sich seine Aussage mit dem inneren Kern dieser Ausstellung. Die Realität ist längst da, sichtbar in Landschaften, die sich auflösen, vergiftet werden oder still verschwinden. Doch sie wird weichgezeichnet, sprachlich entschärft, so lange verpackt, bis sie niemanden mehr wirklich beunruhigt. Gerade jetzt wirkt solche Kunst skandalös – nicht weil sie provozieren will, sondern weil sie den Schleier zerreißt und uns zwingt hinzusehen.