The New City – Ingenius-Baukasten, Ingenius Technische- und Handels-GmbH, Österreich, 1924 bis vermutlich 1929 © Sammlung Claus Krieger
The New City – Ingenius-Baukasten, Ingenius Technische- und Handels-GmbH, Österreich, 1924 bis vermutlich 1929 © Sammlung Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien

Wann: 07.10.2026 - 14.03.2027

Ein Kind öffnet vor hundert Jahren eine Schachtel und findet darin nicht die Vergangenheit, sondern seine Vorstellung von der Stadt der Zukunft. Genau hier beginnt die Ausstellung „ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990. Die große Mitspielausstellung“, die das MAK in Wien ab 7. Oktober 2026 zeigt. Rund 70 historische Architekturbaukästen erzählen nicht nur davon, womit Kinder einst spielten. Sie erzählen davon, wie Erwachsene sich die Welt von morgen vorstellten – und welche Zukunft sie ihren Kindern zum Nachbauen in die Hände legten.

Wenn die Großstadt ins Kinderzimmer kommt

1924 heißt diese Zukunft „The New City“. Der österreichische Ingenius-Baukasten verspricht keine romantischen Burgen und keine verträumten Landhäuser.

The New City – Ingenius-Baukasten, Ingenius Technische- und Handels-GmbH, Österreich, 1924 bis vermutlich 1929 © Sammlung Claus Krieger
The New City – Ingenius-Baukasten, Ingenius Technische- und Handels-GmbH, Österreich, 1924 bis vermutlich 1929 © Sammlung Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Auf seiner Schachtel wächst eine Metropole empor: Hochhäuser stehen dicht an dicht, Straßenschluchten öffnen sich zwischen monumentalen Fassaden, und ein gewaltiger roter Torbogen verkündet selbstbewusst den Namen einer neuen Welt.

Der Baukasten wurde vom Architekten Wilhelm Kreis gemeinsam mit Carl August Jüngst entwickelt. Bemerkenswert ist dabei nicht nur seine Architektur. Laut Hersteller sollte sich das System sogar zur Gestaltung von Filmkulissen eignen und damit eine Alternative zu aufwendigen Filmbauten bieten.

Plötzlich verschwimmt die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit. Das Kind wird zum Architekten, Stadtplaner und Regisseur seiner eigenen Moderne.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Zauber dieser alten Schachtel: Noch ist nichts gebaut, nichts entschieden. Die Stadt existiert nur als Möglichkeit. Ein Stein kommt zum anderen – und für einen Augenblick scheint eine ganze Zukunft in zwei Kinderhände zu passen.

Architektur erzählt immer auch von ihrer Zeit

Genau hier wird die Ausstellung im MAK größer als eine Geschichte historischen Spielzeugs. Baukästen waren kleine Seismografen ihrer Epoche. Was draußen gebaut, diskutiert, bewundert oder bekämpft wurde, fand erstaunlich schnell seinen Weg ins Kinderzimmer.

Steinbaukasten Bauhütte, Fuchs & Beug, Deutschland (Bayern), 1920er und 1950er Jahre © Sammlung Claus Krieger
Steinbaukasten Bauhütte, Fuchs & Beug, Deutschland (Bayern), 1920er und 1950er Jahre © Sammlung Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien

Die frühen Anker-Steinbaukästen brachten die ornamentreiche Architektur der Gründerzeit auf den Spieltisch. In den 1920er Jahren hielt die Moderne Einzug. Der Ingenius-Kasten von 1924 entwirft bereits jene monumentale Großstadt, deren Faszination und Bedrohlichkeit wenige Jahre später Fritz Langs Film „Metropolis“ von 1927 prägen sollte. Die Ausstellung spricht vom Motiv des „Molochs Großstadt“, das Ingenius vorwegnimmt.

Bâtiss-Baukasten No. 3, Firma Bâtiss, Frankreich, 1930er–1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger
Chateaux & Chaumières No 1, Établissements Garnier Frères S.A.R.L., Frankreich 1930er–1940er Jahre © Claus Krieger
Bâtiss-Baukasten No. 3, Firma Bâtiss, Frankreich, 1930er–1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger • Chateaux & Chaumières No 1, Établissements Garnier Frères S.A.R.L., Frankreich 1930er–1940er Jahre © Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien

Doch Architektur bedeutete im Kinderzimmer nicht nur, fertige Häuser nachzubauen. Auch die Art des Bauens erzählte von ihrer Zeit. Beim französischen Bâtiss-Baukasten No. 3 der 1930er und 1940er Jahre werden Holzbausteine mit langen Metallstäben verbunden. Schon der unfertige Bau legt offen, was ein fertiges Haus gewöhnlich verbirgt: Konstruktion, Verbindung und Halt. Wer hier bauen wollte, musste verstehen, wie die Teile zusammengehörten.

Fast wie eine Gegenwelt wirkt „Chateaux & Chaumières No 1“ aus derselben Zeit. Aus Holz entsteht ein kleines Haus mit rotem Dach und farbig bedruckten Innenräumen – Architektur wird plötzlich wohnlich, vertraut und beinahe erzählerisch.

Gerade dieser Gegensatz führt zu einer überraschenden Frage der Ausstellung: Wie frei durfte ein Kind seine eigene Welt eigentlich bauen? Viele historische Systeme waren ohne komplizierte Anleitungen kaum zu beherrschen. Spielen bedeutete deshalb auch Konzentration, Geduld und das Befolgen von Regeln. Der Baukasten bereitete Kinder damit vielleicht auf etwas vor, das weit über das Kinderzimmer hinausging: Eine Welt zu gestalten heißt auch, verstehen zu lernen, wie sie zusammenhält.

American Skyline-Baukasten, Elgo Plastics Inc., USA, 1950er–1960er Jahre © Sammlung Claus Krieger
American Skyline-Baukasten, Elgo Plastics Inc., USA, 1950er–1960er Jahre © Sammlung Claus Krieger
American Skyline-Baukasten, Elgo Plastics Inc., USA, 1950er–1960er Jahre © Sammlung Claus Krieger • American Skyline-Baukasten, Elgo Plastics Inc., USA, 1950er–1960er Jahre © Sammlung Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg verändert sich die gebaute Zukunft erneut. Mit American Skyline wachsen aus Kunststoff die Wolkenkratzer amerikanischer Metropolen. Statt massiver Mauern ermöglicht ein Skelettsystem jene vertikale Architektur, die zum Sinnbild wirtschaftlicher Dynamik und urbaner Modernität geworden war. Die Zukunft wächst nun nach oben.

Plaspi – Der kleine Großblock-Baumeister, VEB Gothaer Kunststoffverarbeitung, DE (Thüringen), ca. 1980 © Sammlung Claus Krieger
Plaspi – Der kleine Großblock-Baumeister, VEB Gothaer Kunststoffverarbeitung, DE (Thüringen), ca. 1980 © Sammlung Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien

Auch die DDR gibt Kindern ihre gebaute Gegenwart in die Hand. Beim „Kleinen Großblock-Baumeister“ lassen sich um 1980 Plattenbauten zusammensetzen. Was zunächst wie harmloses Spielzeug erscheint, erzählt zugleich von Industrialisierung, Wohnungsbau und der politischen Vorstellung, Architektur durch Standardisierung für eine ganze Gesellschaft verfügbar zu machen.

Kleine Architekten einer Erwachsenenwelt

Doch für wen waren diese Kästen eigentlich gedacht?

Historische Verpackungen zeigen Kinder häufig erstaunlich konzentriert. Bauen erscheint nicht als beiläufiger Zeitvertreib. Die komplizierten Anleitungen verlangten Geduld, räumliches Denken und Disziplin. Kinder wurden als „kleine Baumeister“ und „kleine Architekten“ angesprochen – beinahe wie Erwachsene im Kleinformat.

Auch darin spiegelt sich Gesellschaftsgeschichte. Mädchen tauchen auf den Verpackungen lange überwiegend als Zuschauerinnen auf. Erst ab den 1960er Jahren beginnt sich dieses Bild langsam zu verändern.

So erzählen die Schachteln nebenbei davon, wem man zutraute, die Welt zu bauen – und wem zunächst nur erlaubt wurde, dabei zuzusehen.

900 Hersteller und eine beinahe vergessene Welt

Spranger-Baukasten, C. Gustav Spranger, Baukastenfabrik Klingenthal i. Sa., Deutschland (Sachsen), ca. 1930
Spranger-Baukasten, C. Gustav Spranger, Baukastenfabrik Klingenthal i. Sa., Deutschland (Sachsen), ca. 1930 – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Heute scheint der Name Lego nahezu selbstverständlich mit dem Bauen im Kinderzimmer verbunden. Vor hundert Jahren war diese Welt erheblich vielfältiger. Allein im deutschen Sprachraum produzierten zwischen 1880 und 1960 rund 900 Firmen eigene Bausysteme.

Gebaut wurde aus Holz, Metall und künstlichem Ziegelstein, aber auch aus heute fast vergessenen Materialien wie Galalith, dem sogenannten „Milchstein“, und sogar aus Gummi und Kautschuk. Hinter dieser erstaunlichen Vielfalt steht auch die Leidenschaft eines Sammlers: Ausgangspunkt der Ausstellung ist die rund 150 Objekte umfassende Privatsammlung des Grafikers Claus Krieger.

Das MAK stellt diese Geschichte jedoch nicht hinter Glas still. An acht Spielstationen lassen sich historische Konstruktionsprinzipien selbst ausprobieren; für einige Systeme wurden wertvolle Originalbausteine vergrößert nachgebildet. Eine 3,2 Meter hohe Kathedrale aus mehr als 4000 Filzbausteinen macht schließlich körperlich erfahrbar, was diese Ausstellung von Anfang an erzählt: Architektur beginnt mit einer Idee – verstehen lässt sie sich manchmal erst, wenn man selbst zu bauen beginnt.
Minibrix-Baukasten, Premo Rubber Co. Ltd., England, 1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger
Minibrix-Baukasten, Premo Rubber Co. Ltd., England, 1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien

Die Zukunft beginnt mit dem ersten Stein

„ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990“ ist deshalb weit mehr als eine nostalgische Reise in die Spielzeugwelt vergangener Generationen. Die Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums, kuratiert von Oliver Elser und nun im MAK zu sehen, führt vor Augen, wie früh Vorstellungen von Stadt, Gesellschaft und Fortschritt weitergegeben wurden.

Denn wer einem Kind einen Baukasten schenkt, schenkt ihm niemals nur Steine. Er gibt ihm Regeln und Möglichkeiten – und damit auch eine Vorstellung davon, wie die Welt von morgen aussehen könnte.

Vielleicht liegt gerade darin die überraschend aktuelle Botschaft dieser hundert Jahre alten Baukästen: Bevor wir Städte bauen, müssen wir uns vorstellen können, in welcher Welt wir leben wollen.

Les Bois de Megève, Jeu de Constructions, Frankreich, ca. 1930 © Sammlung Claus Krieger
Les Bois de Megève, Jeu de Constructions, Frankreich, ca. 1930 © Sammlung Claus Krieger – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien

ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990. Die große Mitspielausstellung
Eine Ausstellung des DAM – Deutsches Architekturmuseum
MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien
7. Oktober 2026 bis 14. März 2027
Gastkurator: Oliver Elser

Die Fakten zu Sammlung, rund 70 ausgestellten Baukästen, etwa 900 Herstellern, Materialien und Mitspielstationen stammen aus den MAK-Unterlagen. Die kulturhistorische Linie – Gründerzeit, Moderne, Ingenius und die Darstellung der Kinder – entwickelt das MAK ausdrücklich als Schwerpunkt der Ausstellung. Die Angaben zu American Skyline, DDR-Großblockbau und der Kathedrale beruhen auf der Auswahl besonderer Baukästen in der Presseinformation.

Tags: Architektur, Angewandte Kunst, Spielzeug, Baukasten, Moderne Kunst, Kinder, Architektur, Stadt, Gesellschaft und Kunst

Di 10–21 Uhr, Mi bis So 10–18 Uhr