Ein Teich aus grün gefärbtem Wasser liegt vor dem Altar. Während das Wasser langsam verdunstet und Salz zurückbleibt, wächst an seinen Rändern echtes Gras weiter. In der Namen-Jesu-Kirche in Bonn macht Ulrika Eller-Rüter aus einem der ältesten Symbole der Menschheit ein Kunstwerk über Zeit, Vergänglichkeit und Erneuerung.
Vom 18. September bis 5. November 2026 zeigt die Namen-Jesu-Kirche in Bonn die Ausstellung „Gezeiten“ der Künstlerin Ulrika Eller-Rüter. Installationen, Salz- und Farbobjekte sowie großformatige Papierarbeiten treten dabei in einen unmittelbaren Dialog mit dem barocken Kirchenraum.
Im Zentrum steht Wasser. Nicht nur als Material, sondern als etwas, das sich fortwährend verändert.
Ein Teich vor dem Altar
Direkt vor dem Altar entsteht ein von lebendigem Grün umgebener Teich. Sein Wasser ist grün gefärbt – doch dieser Zustand ist nur vorübergehend.
Im Laufe der Ausstellung verdunstet das Wasser. Zurück bleibt grünes, auskristallisiertes Salz. Gleichzeitig wächst das Gras am Rand des Beckens weiter.
Damit trägt die Installation ihre eigene Veränderung bereits in sich: Während etwas verschwindet, entsteht an anderer Stelle neues Leben.
Zeit wird hier nicht dargestellt. Sie arbeitet am Kunstwerk mit.
Ebbe und Flut folgen demselben Prinzip. Wasser kommt und geht, steigt und fällt, zieht sich zurück und kehrt wieder. Für Eller-Rüter ist dieser Rhythmus ein „ewiger Pendelschlag“, der unabhängig von Grenzen und Kulturen den gesamten Globus umfasst.
Zwischen Weihwasser und grünem Wasser
In einer Kirche erhält dieses Motiv eine zusätzliche Bedeutung.
Wer die Namen-Jesu-Kirche betritt, begegnet zunächst dem Weihwasser – einem Wasser, das durch die christliche Tradition eine rituelle Bedeutung erhalten hat. Weiter vorne, im Bereich des Altars, steht ihm Eller-Rüters grünes Wasserbecken gegenüber.
Zwischen beiden entsteht eine gedankliche Achse.
Wasser gehört schließlich nicht nur zum Christentum. In unterschiedlichsten Religionen und Kulturen steht es für Reinigung und Geburt, für Leben und Erneuerung, zugleich aber auch für Gefahr, Vergänglichkeit und Tod.
Auch die Farbe Grün öffnet diesen Gedanken über den christlichen Kirchenraum hinaus. Sie kann für Hoffnung und neues Leben stehen, wird mit Natur und Wachstum verbunden und besitzt zugleich in verschiedenen religiösen Traditionen eine eigene symbolische Bedeutung.
So wird der Teich vor dem Altar nicht zum religiösen Zeichen einer einzelnen Glaubenswelt. Vielmehr entsteht ein Raum, in dem sich unterschiedliche Vorstellungen von Leben, Zeit und Vergänglichkeit begegnen können.
Das Wasser malt mit
Auch in den Seitenschiffen der Kirche bleibt Wasser ein aktiver Bestandteil der Arbeiten.
Großformatige Papierbahnen, mit Tusche getränkt und mit verschiedenen Substraten versetzt, greifen die Vertikale der Architektur mit ihren Säulen und Fenstern auf. Flüssigkeit, Pigmente und Papier reagieren miteinander und bestimmen den Entstehungsprozess der Arbeiten.
Die Künstlerin kontrolliert diesen Prozess also nicht vollständig.
Das Wasser hinterlässt Spuren, verändert Pigmente und Oberflächen und wird selbst zum bildgebenden Element. Was auf dem Papier erscheint, ist damit auch das Ergebnis von Zeit, Bewegung und physikalischen Prozessen.
Jeder Tropfen trägt eine Geschichte
Ulrika Eller-Rüter beschäftigt sich seit 2019 intensiv mit Wasser. Auf ihren Reisen sammelt sie Proben aus Flüssen, Meeren, Brunnen und anderen Gewässern, archiviert sie und untersucht sie unter dem Mikroskop.
Dabei interessiert sie nicht allein die chemische oder biologische Beschaffenheit.
Unter dem Mikroskop werden aus einzelnen Tropfen beinahe Landschaften: Strukturen, Ablagerungen, Partikel und Formen werden sichtbar, die mit bloßem Auge verborgen bleiben.
Für Eller-Rüter besitzt jedes Gewässer dadurch eine eigene „Physiognomie“, eine Art unverwechselbare Signatur.
Diese mikroskopischen Beobachtungen fließen in ihre multidisziplinäre Arbeit zwischen Malerei, Installation, Performance und kunstbasierter Forschung ein. Naturwissenschaftliche Verfahren werden dabei nicht zum Selbstzweck, sondern zu einem Werkzeug, um über die Fragilität menschlicher Existenz nachzudenken.
Gezeiten im Kirchenraum
„Wasser ist für alle Religionen ein Sinnbild für die Dynamik von Leben, aber auch für Sterben“, beschreibt Michael Kehren, Pfarrer der Namen-Jesu-Kirche, den Ausgangspunkt des Projekts.
Gerade der Kirchenraum verstärkt diese Spannung.
Zeitlichkeit und Ewigkeit gehören seit Jahrhunderten zu seinen zentralen Vorstellungen. Eller-Rüter setzt ihnen keinen statischen Gegenstand entgegen, sondern ein Kunstwerk, das sich während der Ausstellung sichtbar verändert.
Am ersten Ausstellungstag wird der Teich ein anderer sein als Wochen später.
Wasser wird verschwunden sein. Salz wird sich gebildet haben. Gras wird gewachsen sein.
Und vielleicht liegt genau darin das stärkste Bild von „Gezeiten“: Nicht das Wasser allein ist das Kunstwerk, sondern auch das, was sein Verschwinden zurücklässt.