Die Maison La Roche und die Maison Jeanneret entstanden als benachbarte Wohnhäuser mit unterschiedlichen Bestimmungen. Das eine wurde für Raoul La Roche entworfen, einen Schweizer Bankier und leidenschaftlichen Kunstsammler, das andere für den Bruder Le Corbusiers und dessen Familie. Gerade diese unterschiedlichen Lebenswelten machen die beiden Häuser zu bemerkenswerten Zeugnissen einer Architektur, die zwischen privatem Rückzugsort und künstlerischem Anspruch neue Wege suchte.
Raoul La Roche war nicht nur Auftraggeber, sondern auch Sammler moderner Kunst. Sein Haus sollte deshalb mehr sein als ein gewöhnlicher Wohnsitz. Es musste Raum für Kunstwerke schaffen und zugleich eine Architektur verwirklichen, in der die Bewegung des Betrachters, die Abfolge der Räume und das einfallende Licht zu wesentlichen Gestaltungsmitteln wurden. Das Wohnen und das Betrachten von Kunst rückten damit in eine ungewöhnlich enge Beziehung.
Le Corbusier und Pierre Jeanneret entwickelten Innenräume, in denen die Organisation des Raumes, die Auswahl der Möbel und die dekorative Gestaltung einer gemeinsamen Idee folgten. Die puristische Formensprache dieser Jahre suchte Klarheit und Ordnung. An die Stelle historischer Stilzitate trat eine Architektur, deren Wirkung aus Proportionen, räumlichen Beziehungen und dem bewussten Zusammenspiel ihrer Elemente entstand.
Die Ausstellung macht diese Überlegungen anhand zeitgenössischer Fotografien sichtbar. Besonders aufschlussreich sind die Aufnahmen von Charles Gérard aus dem Jahr 1925 und Fred Boissonnas aus dem Jahr 1926, die im Auftrag Le Corbusiers entstanden. Sie zeigen nicht nur die ursprüngliche Gestaltung der Innenräume, sondern vermitteln auch, wie der Architekt seine eigenen Werke fotografisch festhalten und präsentieren ließ.
Damit erhalten die Fotografien eine doppelte Bedeutung. Einerseits sind sie historische Dokumente einer Wohnkultur, die sich bewusst von überlieferten Vorstellungen entfernte. Andererseits zeigen sie, wie Architektur durch die Wahl des Blickwinkels, durch Licht und Bildkomposition vermittelt wird. Die Fotografie wird selbst zum Instrument einer modernen Bildsprache.
Gerade darin liegt ein besonderer Reiz dieser Präsentation. Die Räume erscheinen nicht allein als bauliche Konstruktionen, sondern als sorgfältig durchdachte Lebenswelten. Möbel, Wände, Durchgänge und Lichtöffnungen stehen in einem Verhältnis zueinander, das den Alltag ebenso betrifft wie die ästhetische Wahrnehmung.
Die Ausstellung in der Maison La Roche in Paris führt damit zu einer Frage zurück, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat: Wie viel Gestaltung braucht das Wohnen, und wann wird ein Wohnraum selbst zu einem Kunstwerk?
Fast ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung eröffnen die historischen Fotografien einen Blick auf den Moment, in dem die moderne Architektur begann, nicht nur das Erscheinungsbild von Gebäuden, sondern auch die Vorstellungen vom Leben in ihnen zu verändern.