Erik Tannhäuser (*1974, Altenburg) ist ein zeitgenössischer deutscher Künstler und Bildhauer, der für sozialkritische Skulpturen und Installationen im öffentlichen Raum bekannt ist. Seine Arbeiten thematisieren Menschenrechte, Gewalt und gesellschaftliche Verantwortung und entstehen bewusst außerhalb klassischer Kunsträume.
Werke wie „Menschenrechtsturm“ und „Fountain against Torture“ verbinden künstlerische Praxis mit politischer Intervention. Damit positioniert sich Erik Tannhäuser als Künstler, der Kunst nicht als Objekt, sondern als gesellschaftlich wirksame Handlung versteht.
Erik Tannhäuser (*1974, Altenburg) ist ein deutscher Künstler und Bildhauer, dessen Arbeit sich konsequent außerhalb klassischer Kunsträume positioniert. Seine künstlerische Praxis umfasst Skulpturen und Installationen im öffentlichen Raum, die sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzen. Nach seinem Studium an der Hochschule der Künste Berlin sowie der Alanus Hochschule in Alfter schloss er als Master of Fine Arts mit der Note 1,1 ab.
Seine künstlerische Haltung wurde weniger durch einzelne Vorbilder als durch prägende Erfahrungen geformt. Zwei Pole sind dabei zentral: die Natur und die politische Realität seiner Kindheit. Die Natur, mit ihrer stetigen Wandelbarkeit und Prozesshaftigkeit, beeinflusst bis heute sein Verständnis von Form, Zeit und Transformation. Gleichzeitig wuchs Tannhäuser in der DDR auf, in einem Dorf, das durch die Präsenz des russischen Militärs geprägt war. Der politische Umbruch der späten 1980er-Jahre – die Grenzöffnung und der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik – hinterließ einen nachhaltigen Eindruck von Instabilität, Systemwandel und gesellschaftlicher Neuordnung.
Der Menschenrechtsturm, Österreich Tournee 2017
Eine weitere wesentliche intellektuelle Prägung erfuhr Erik Tannhäuser durch die Schriften der Frankfurter Schule, insbesondere durch Theodor W. Adorno und dessen gemeinsam mit Max Horkheimer entwickelten Begriff der „Kulturindustrie“. Die darin formulierte Kritik an der Kommerzialisierung von Kunst und dem Verlust kritischer Autonomie bildet einen zentralen Bezugspunkt seiner Arbeit. Für Erik Tannhäuser bedeutet dies, künstlerische Praxis bewusst aus institutionellen Kontexten herauszulösen.
Seine Arbeiten entstehen daher gezielt außerhalb des sogenannten „White Cube“. Mit Projekten wie Anhänger der Kunst bringt Erik Tannhäuser Kunst in urbane Randzonen und soziale Brennpunkte, insbesondere in Berlin – an Orte, an denen sie weder erwartet noch institutionell verankert ist. Seine politischen Skulpturen im öffentlichen Raum entfalten ihre Wirkung häufig erst durch ihre mediale Rezeption: Fotografien seiner Werke werden in journalistischen Kontexten verwendet, etwa in Berichten über Folter, Menschenrechte oder Waffenhandel. Diese Arbeitsweise zeigt sich auch in zentralen Werkgruppen und Skulpturen.
Zu den zentralen Arbeiten zählen „Menschenrechtsturm“, „Fountain against Torture“, „Unsere Waffen töten“ und dem „Waffenthron“. Der etwa sechs Meter hohe „Menschenrechtsturm“ gehört zu den markantesten Beispielen seiner interaktiven Arbeitsweise. Die Installation verbindet figürliche Skulptur, symbolische Ordnung und einen durch das Publikum aktivierbaren Schriftzug zu den Menschenrechten. Das Werk steht exemplarisch für eine Kunst, die ethische Begriffe nicht illustriert, sondern in eine erfahrbare Handlung übersetzt.
Auch „Fountain against Torture“, der sogenannte „Brunnen gegen Folter“, gehört in diesen Zusammenhang. Die Skulptur thematisiert die Gewalt des Waterboardings und führt eine Bildsprache vor, die bewusst verstört, ohne in bloße Effektrhetorik abzugleiten. Tannhäuser arbeitet hier mit einer Form der Sichtbarmachung, die auf politische Realität verweist und die Distanz zwischen Nachricht, Körper und Verantwortung aufhebt. Ähnlich operieren Werke wie „Unsere Waffen töten“ oder der „Waffenthron“, die Mechanismen militärischer Gewalt, die Bildpolitik von Macht und die Zirkulation von Waffen in symbolisch verdichtete Formen übertragen.
Diese Mehrschichtigkeit – das physische Werk, seine fotografische Reproduktion und die Einbettung in mediale Diskurse – verweist auf konzeptuelle Ansätze, wie sie etwa in One and Three Chairs (1965) formuliert wurden. Analog dazu untersucht Erik Tannhäuser die unterschiedlichen Erscheinungsformen und Bedeutungsebenen von Kunst im Spannungsfeld zwischen Objekt, Abbild und Kontext.
Zwischen der Kritik der Frankfurter Schule an der Kommerzialisierung von Kunst und konzeptuellen Ansätzen, die das Verhältnis von Objekt, Abbild und Kontext als gleichwertige Bedeutungsebenen begreifen, verortet Erik Tannhäuser seine künstlerische Praxis.
Unsere Waffen töten, 26. Februar 2013, Bundeskanzleramt Berlin • Fountain against Torture, Goethe Platz Bremen, 2015 • Die 7 goldenen Nasen der deutschen Rüstungsexporte, 26 Februar 2016
Aus dieser Haltung ergibt sich eine bewusste Distanz zum Kunstmarkt: Die Werke von Erik Tannhäuser sind weder in Museen noch in Galerien präsent und werden nicht über kommerzielle Strukturen vertrieben. Stattdessen sind sie an politische Orte und gesellschaftliche Konfliktzonen gebunden oder existieren als visuelle Referenzen innerhalb öffentlicher Diskurse.
Im Zentrum des Schaffens von Erik Tannhäuser steht somit eine Kunst, die sich nicht als Ware versteht, sondern als Eingriff in gesellschaftliche Realität – ortsgebunden, kontextabhängig und untrennbar mit den Bedingungen ihrer Wahrnehmung verbunden. Ihre Bedeutung entsteht im Zusammenspiel von Ort, Bild und gesellschaftlichem Kontext.
Zitat: „Meine Kunst entsteht nicht für den White Cube, sondern für die Wirklichkeit. Sie gehört an politische Orte, in soziale Brennpunkte und in die Räume öffentlicher Auseinandersetzung. Das Werk selbst ist dabei nur ein Teil – ebenso wichtig ist seine Abbildung und der Kontext, in dem es wahrgenommen wird. Kunst darf keine Ware sein, sondern muss eingreifen, irritieren und bestehende Verhältnisse sichtbar machen.“