Jörg Immendorff, Für alle Lieben in der Welt, 1966, Kunstmuseum Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz, Karlsruhe © Nachlass Jörg Immendorff
Jörg Immendorff, Für alle Lieben in der Welt, 1966, Kunstmuseum Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz, Karlsruhe © Nachlass Jörg Immendorff – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Wann: 25.09.2026 - 10.01.2027

Plötzlich steht im Kunstpalast Düsseldorf eine Frage im Raum, der man kaum ausweichen kann: Wozu braucht eine Gesellschaft eigentlich Künstler? Jörg Immendorff stellte sie sein Leben lang – laut, politisch, widersprüchlich und mit einer Malerei, die sich niemals damit zufriedengeben wollte, einfach nur schön zu sein. Vom 25. September 2026 bis 10. Januar 2027 führt die erste umfassende Düsseldorfer Retrospektive mit rund 120 Werken durch die Gedankenwelt eines Künstlers, für den Malerei immer auch Einmischung bedeutete.

Wer Immendorff verstehen möchte, muss deshalb nicht zuerst auf Farben, Formate oder kunsthistorische Kategorien schauen. Man muss verstehen, was ihn umtrieb. In den 1960er-Jahren begann er in einer Bundesrepublik zu arbeiten, in der die Vergangenheit noch unmittelbar spürbar war und eine junge Generation die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zunehmend infrage stellte. Immendorff wollte nicht akzeptieren, dass der Künstler außerhalb dieser Wirklichkeit stehen sollte.

Die entscheidende Frage lautete für ihn: Was kann Kunst tun?

Schon „Für alle Lieben in der Welt“ von 1966 führt mitten in diese Suche. Immendorff bricht hier bewusst mit dem damals vorherrschenden Elitismus der Kunstwelt. Die kindlich-naive, plakative Bildsprache ist kein Rückzug aus der Wirklichkeit, sondern Programm: Kunst soll verständlich werden, sich aus ihrem abgeschlossenen Raum lösen und zum Werkzeug gesellschaftlicher Veränderung werden.

Jörg Immendorff, Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?, 1973, Acryl auf Leinwand, 2-teilig, je 130 × 210 cm, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff
Jörg Immendorff, Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?, 1973, Acryl auf Leinwand, 2-teilig, je 130 × 210 cm, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Wenige Jahre später wird daraus eine offene Aufforderung. „Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?“ heißt ein Werk von 1973. Immendorff stellt darin Atelier und Straße einander gegenüber: auf der einen Seite der Künstler in seiner abgeschlossenen Kunstwelt, auf der anderen die politischen und gesellschaftlichen Konflikte seiner Gegenwart. Der Satz trifft den Kern seines damaligen Denkens. Kunst besitzt für ihn keine gesellschaftliche Neutralität. Wer malt, muss sich fragen, auf welcher Seite er steht, wen er erreicht und welche Verantwortung mit dem eigenen Tun verbunden ist.

Vielleicht beginnt genau hier der eigentliche Dialog mit Immendorff. Nicht vor der Frage, ob einem ein Bild gefällt, sondern in jenem kurzen Moment, in dem seine Frage plötzlich die Richtung wechselt. Wo stehst du selbst – und was erwartest du eigentlich von Kunst?

Jörg Immendorff, Café Deutschland I, 1978, Öl auf Leinwand, 282 × 330 cm, Museum Ludwig, Köln, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff
Jörg Immendorff, Café Deutschland I, 1978, Öl auf Leinwand, 282 × 330 cm, Museum Ludwig, Köln, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Seine bekannteste Antwort darauf findet Immendorff Ende der 1970er-Jahre in „Café Deutschland“. Ausgangspunkt ist nicht allein die deutsche Teilung, sondern auch eine persönliche Erfahrung. 1976 begegnet Immendorff dem in der DDR lebenden A. R. Penck. Aus der Begegnung entwickelt sich eine Künstlerfreundschaft über die Grenze hinweg – und für Immendorff bekommt die politische Teilung Deutschlands plötzlich ein menschliches Gegenüber.

Kunst darf keine Grenzen kennen.

In „Café Deutschland“ von 1978 verwandelt er diese Erfahrung in einen imaginären Raum, in dem sich begegnen kann, was politisch getrennt ist. Ost und West, Geschichte und Gegenwart, Künstler, politische Figuren und gesellschaftliche Symbole geraten miteinander in Bewegung. Das Café ist deshalb weit mehr als ein Schauplatz. Es wird zur Metapher für Immendorffs Sehnsucht nach einem vereinten Deutschland – und für die Vorstellung, dass Kunst Grenzen zumindest dort überwinden kann, wo die politische Wirklichkeit sie noch errichtet.

Jörg Immendorff, Naht, 1981, Öl auf Leinwand, 180 x 400 cm, Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Kunstpalast, Düsseldorf – LVR-ZMB – Stefan Arendt, © Nachlass Jörg Immendorff
Jörg Immendorff, Naht, 1981, Öl auf Leinwand, 180 x 400 cm, Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Kunstpalast, Düsseldorf – LVR-ZMB – Stefan Arendt, © Nachlass Jörg Immendorff – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Und dann liegt da „Naht“.

Das 1981 entstandene Werk trägt seine Aussage bereits im Titel. Der verletzte deutsche Adler macht aus der politischen Teilung eine körperliche Wunde. Eine Naht verbindet, was getrennt wurde. Doch jede Naht bleibt zugleich sichtbare Erinnerung daran, dass es zuvor eine Verletzung gegeben hat. Im Zusammenhang mit Immendorffs Beschäftigung mit Deutschland bekommt dieses einfache Wort eine enorme Kraft: Einheit bedeutet nicht, dass die Spuren der Trennung verschwinden.

Immendorff selbst blieb dabei alles andere als widerspruchsfrei. Aus dem politisch engagierten jungen Künstler wurde ein international bekannter Maler, der öffentlich das Bild des „Malerfürsten“ kultivierte. Ruhm, Selbstinszenierung und ein kontroverser Lebensstil standen zunehmend neben jenem Künstler, der einst die gesellschaftliche Verantwortung seiner Kollegen eingefordert hatte.

Jörg Immendorff, Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund, 1985, Öl auf Leinwand, 330 × 285 cm, Sammlung Hans Grothe, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff
Jörg Immendorff, Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund, 1985, Öl auf Leinwand, 330 × 285 cm, Sammlung Hans Grothe, Foto: Farbanalyse, © Nachlass Jörg Immendorff – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Gerade deshalb ist der Titel „Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund“ von 1985 so aufschlussreich. Immendorffs Gegner sitzt nicht nur außerhalb des Ateliers. Er steckt im Künstler selbst. Zweifel, Widerspruch und Selbstkritik werden zum notwendigen Teil des Schaffens.

Die Düsseldorfer Ausstellung führt diese Entwicklung bis zu den letzten Werken weiter, die in Immendorffs Atelier entstanden. Großformatige Gemäldeserien, Holz- und Bronzeskulpturen, Zeichnungen und bislang nicht gezeigtes Archivmaterial machen sichtbar, wie hartnäckig er dieselbe Grundfrage immer wieder neu stellte.

Dass diese Retrospektive ausgerechnet in Düsseldorf stattfindet, besitzt deshalb besonderes Gewicht. Hier studierte Immendorff an der Kunstakademie, hier arbeitete und lehrte er über Jahrzehnte. Und dennoch hat es bis 2026 gedauert, bis die Stadt sein Werk erstmals in einer umfassenden Retrospektive zusammenführt.

John McIver, Porträt Jörg Immendorff in Auckland, Neuseeland, 1987, Atelier Immendorff, Foto: E H McCormick Research Library, Auckland Art Gallery Toi o Tōmaki, © John McIver © Nachlass Jörg Immendorff
John McIver, Porträt Jörg Immendorff in Auckland, Neuseeland, 1987, Atelier Immendorff, Foto: E H McCormick Research Library, Auckland Art Gallery Toi o Tōmaki, © John McIver © Nachlass Jörg Immendorff – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Am Ende bleibt weniger das Bild des berühmten deutschen „Malerfürsten“ als eine erstaunlich aktuelle Frage zurück. „Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?“ Immendorff richtete sie 1973 an die Künstler seiner Zeit. Im Kunstpalast Düsseldorf wird deutlich, dass sie längst größer geworden ist: Welche Verantwortung besitzt Kunst gegenüber ihrer Gegenwart – und was geschieht, wenn sie aufhört, diese Frage zu stellen?

Kunst darf keine Grenzen kennen.

Tags: Jörg Immendorff, Retrospektive, Malerei, Deutsche Kunst, Nachkriegskunst, Zeitgenössische Kunst, 20. Jahrhundert Kunst

Di-So 11–18 Uhr, Do 11-21 Uhr