Franz Marc, Die verzauberte Mühle, 1913, Öl auf Leinwand, 130,2 × 90,8 cm Arthur Jerome Eddy Memorial Collection, bpk / The Art Institute of Chicago / Art Resource, NY
Franz Marc, Die verzauberte Mühle, 1913, Öl auf Leinwand, 130,2 × 90,8 cm Arthur Jerome Eddy Memorial Collection, bpk / The Art Institute of Chicago / Art Resource, NY – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Wann: 12.09.2026 - 24.01.2027

Franz Marc – Die Suche nach einer besseren Welt: Farben, Tiere und die Sehnsucht nach Harmonie

Ein mächtiger Wasserfall durchzieht eine Landschaft aus leuchtendem Rot, tiefem Blau und kräftigem Grün. Auf der linken Bildseite steht ein rotes Mühlrad zwischen Häusern und architektonischen Formen, während rechts Bäume und Pflanzen eine lebendige Naturwelt entfalten. Besonders bemerkenswert sind die Vögel, die hinter den herabstürzenden Wassermassen sichtbar werden. Der Wasserfall erscheint hier nicht nur als verbindendes Element zwischen Natur und menschlicher Zivilisation, sondern zugleich wie ein schützender Schleier, hinter dem sich das Leben ungestört entfalten kann. Das tosende Wasser trennt und verbindet zugleich – und verleiht der Szene etwas Geheimnisvolles, beinahe Märchenhaftes.

Mit seinem 1913 entstandenen Gemälde Die verzauberte Mühle erschafft Franz Marc eine Welt, in der Natur und Zivilisation nicht zwangsläufig Gegensätze bilden, sondern Teil einer gemeinsamen Ordnung werden. Es ist weniger die Darstellung eines tatsächlichen Ortes als vielmehr die künstlerische Vision einer Welt, in der alles miteinander verbunden scheint.

Franz Marc (1880–1916) gehört zu den bedeutendsten Künstlern des deutschen Expressionismus. Seine blauen Pferde, leuchtenden Landschaften, schlafenden Füchse und Katzen sind weit mehr als Darstellungen der Tierwelt. Sie erzählen von seiner Suche nach Reinheit, Ursprünglichkeit und einer harmonischen Verbindung zwischen allen Lebewesen. Doch hinter der Schönheit seiner Bilder verbirgt sich auch eine tiefe Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Umbrüchen seiner Zeit, mit Industrialisierung, Entfremdung und den wachsenden politischen Spannungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen widmet dem Mitbegründer des Blauen Reiter vom 12. September 2026 bis 24. Januar 2027 im K20 in Düsseldorf die Ausstellung „Franz Marc. Die Suche nach einer besseren Welt“. Mehr als 120 Gemälde und Arbeiten auf Papier zeichnen seine künstlerische Entwicklung nach – von den frühen Tierdarstellungen über die leuchtenden Farbwelten bis hin zu den zunehmend abstrakten, von innerer Unruhe geprägten Kompositionen seiner letzten Schaffensjahre.

Es ist die erste umfassende Einzelausstellung zu Franz Marc in einem deutschen Museum seit über zwanzig Jahren. Sie eröffnet nicht nur einen neuen Blick auf einen der wichtigsten Wegbereiter der klassischen Moderne, sondern stellt zugleich eine Frage, die angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen Entwicklungen kaum aktueller sein könnte: Wie könnte eine bessere Welt aussehen – und was sind wir bereit, dafür zu tun?

Ein Künstler auf der Suche nach dem Wesen der Natur

Franz Marc, ca. 1913, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, Nürnberg Foto: Nikolaus Steglich, Starnberg
Franz Marc, ca. 1913, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, Nürnberg Foto: Nikolaus Steglich, Starnberg – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Franz Marc wurde am 8. Februar 1880 in München geboren. Nach seiner Ausbildung an der Münchner Kunstakademie beschäftigte er sich zunächst mit dem Naturalismus und dem Jugendstil. Reisen nach Paris führten ihn zur französischen Moderne, insbesondere zu den Werken Vincent van Goghs und Paul Gauguins.

Entscheidend wurde jedoch seine Hinwendung zur Tierwelt. Marc interessierte sich nicht allein für das äußere Erscheinungsbild eines Pferdes, eines Fuchses oder einer Katze. Er wollte deren inneres Wesen erfassen und eine Perspektive entwickeln, die den Menschen nicht länger zum Mittelpunkt der Schöpfung machte.

In seinen Gemälden erscheinen Tiere deshalb häufig als selbstverständlicher Bestandteil einer größeren natürlichen Ordnung. Ihre Körper folgen den Formen der Landschaft, ihre Farben verbinden sich mit Bäumen, Hügeln und Pflanzen. Die Grenzen zwischen Lebewesen und Umgebung beginnen sich aufzulösen.

Wenn Farben eine eigene Sprache sprechen

Mit der Entwicklung seiner expressionistischen Malerei gewann die Farbe für Franz Marc eine zunehmend eigenständige Bedeutung. Blau verband er mit dem geistigen und männlichen Prinzip, Gelb mit dem weiblichen – mit Sanftheit, Heiterkeit und Sinnlichkeit. Rot hingegen verkörperte für ihn das Erdgebundene und Brutale. Diese Farbvorstellungen waren keine starren Regeln, sondern Teil seiner Suche nach einer neuen künstlerischen Ausdrucksform.

Franz Marc, Die kleinen gelben Pferde, 1911, Öl auf Leinwand, 66 × 104 cm‚ Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1957 Foto: © Staatsgalerie Stuttgart
Franz Marc, Die kleinen gelben Pferde, 1911, Öl auf Leinwand, 66 × 104 cm‚ Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1957 Foto: © Staatsgalerie Stuttgart – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

In seinem Gemälde Die kleinen gelben Pferde von 1911 fällt besonders die ungewöhnliche Gestaltung der Tierkörper auf. Ihre kräftig gerundeten Rücken und ausgeprägten Hüften erinnern beinahe an die üppigen weiblichen Körperformen in den Gemälden von Peter Paul Rubens. Marc vereinfacht die Anatomie der Pferde und verwandelt sie in ein Zusammenspiel weicher, kreis- und bogenförmiger Linien. Die Tiere wirken dadurch zugleich kraftvoll, sinnlich und von einer bemerkenswerten körperlichen Geschlossenheit.

Gerade in Verbindung mit der symbolischen Bedeutung der Farbe Gelb eröffnet sich eine reizvolle Betrachtung: Die drei Pferde verkörpern jene Sanftheit, Heiterkeit und Sinnlichkeit, die Franz Marc mit dieser Farbe verband. Ihre gesenkten Köpfe strahlen Ruhe und Vertrauen aus, während die ausgeprägten, beinahe rubenshaften Rundungen ihrer Rücken und Hüften eine bemerkenswerte körperliche Fülle entfalten. Farbe und Form scheinen hier dieselbe Empfindung auszudrücken.

Ob Marc bei der Gestaltung seiner Pferde tatsächlich an die Körperdarstellungen eines Peter Paul Rubens dachte, bleibt offen. Doch die formale Verwandtschaft ist bemerkenswert und eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf das Gemälde.

Die drei Pferde stehen dicht beieinander, ihre geschwungenen Körper nehmen den Rhythmus der umgebenden Landschaft auf. Rückenlinien, Hügel und Wolken verbinden sich zu einer harmonischen Einheit, in der die Grenzen zwischen Tier und Natur beinahe verschwinden. Marc zeigt keine naturgetreue Pferdestudie, sondern eine Vorstellung von Geborgenheit und Verbundenheit, die weit über das sichtbare Motiv hinausgeht.

Der Traum einer friedlichen Welt

In seinem Gemälde Der Traum von 1912 entwirft Franz Marc eine Welt, in der Mensch und Tier in einer beinahe paradiesischen Gemeinschaft zusammenleben. Im Mittelpunkt sitzt eine nackte Frau mit geschlossenen Augen, umgeben von Pferden, einem Löwen und weiteren Tieren. Die kräftigen Farben und geschwungenen Formen verbinden alle Lebewesen zu einer gemeinsamen, traumhaften Ordnung.

Franz Marc, Der Traum, 1912, Öl auf Leinwand, 100,5 × 135,5 cm, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid © Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid
Franz Marc, Der Traum, 1912, Öl auf Leinwand, 100,5 × 135,5 cm, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid © Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Besonders rätselhaft erscheint der gelbe Löwe auf der linken Bildseite. Sein geöffnetes Maul, die leicht zurückweichende Körperhaltung und der nach oben gebogene Schwanz lassen unterschiedliche Deutungen zu. Brüllt das Raubtier, oder ist es selbst erschrocken? Gerade dieser Gegensatz zwischen der angespannten Erscheinung des Löwen und der symbolischen Bedeutung der Farbe Gelb macht die Darstellung bemerkenswert. Denn Gelb verband Marc mit dem weiblichen Prinzip, mit Sanftheit, Heiterkeit und Sinnlichkeit. Doch ausgerechnet der Löwe scheint diese Harmonie infrage zu stellen. Selbst in dieser traumhaften Welt könnte sich hinter der vermeintlichen Friedlichkeit ein Moment der Unsicherheit verbergen.

Demgegenüber stehen die mächtigen blauen Pferde, deren Farbe in Marcs Symbolsprache mit dem männlichen und geistigen Prinzip verbunden ist. Ihre Körper wirken kraftvoll und zugleich ruhig. Sie umgeben die Frau, ohne sie zu bedrängen. Die geschlossenen Augen der zentralen Figur lassen an einen Traum oder einen Zustand tiefer innerer Versenkung denken. Während die Frau ganz in sich ruht, scheint der Löwe hellwach zu sein. Vielleicht ist gerade er derjenige, der nicht träumt.

Auch die Architektur auf der linken Bildseite fügt sich in diese farbenprächtige Landschaft ein. Natur, Tiere und menschliche Zivilisation erscheinen nicht als unvereinbare Gegensätze. Vielmehr entsteht eine Vorstellung von Zusammengehörigkeit, in der unterschiedliche Lebewesen ihren Platz finden. Doch die angespannte Haltung des Löwen lässt diese Harmonie weniger selbstverständlich erscheinen, als es der erste Blick vermuten lässt.

Eine besondere persönliche Bedeutung besitzt das Gemälde durch seine Verbindung zu Wassily Kandinsky. Franz Marc schenkte das Meisterwerk Der Traum kurz nach seiner Fertigstellung, Ende 1912 beziehungsweise Anfang 1913, seinem engen Freund und künstlerischen Weggefährten Wassily Kandinsky, mit dem er die Redaktionsgemeinschaft des Blauen Reiter gegründet hatte. Damit wurde das Gemälde auch zu einem Zeugnis jener Künstlerfreundschaft, die den Aufbruch der europäischen Moderne entscheidend mitprägte.

Der Traum zeigt keine Wirklichkeit, wie wir sie kennen. Vielmehr eröffnet das Gemälde eine Vorstellung von einem friedlichen Zusammenleben, ohne alle Widersprüche aufzulösen. Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Faszination: Selbst in einer erträumten Welt bleiben Fragen nach Angst, Vertrauen und dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur bestehen.

Könnte eine Welt existieren, in der Mensch und Natur ohne Angst, Gewalt und gegenseitige Bedrohung miteinander leben?

Franz Marc, Fuchs (Blauschwarzer Fuchs), 1911, Öl auf Leinwand, 50 × 63,5 cm‚ Von der Heydt-Museum Wuppertal Foto: Medienzentrum Wuppertal
Franz Marc, Fuchs (Blauschwarzer Fuchs), 1911, Öl auf Leinwand, 50 × 63,5 cm‚ Von der Heydt-Museum Wuppertal Foto: Medienzentrum Wuppertal – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Im Gemälde Fuchs (Blauschwarzer Fuchs) von 1911 liegt das Tier zusammengerollt in einer Landschaft aus intensiven Grün-, Gelb- und Rottönen. Seine dunkle Gestalt fügt sich beinahe nahtlos in die geschwungenen Formen der Umgebung ein.

Ähnlich innig wirkt das Kinderbild (Katze hinter einem Baum) von 1910/11. Der mächtige blaue Baumstamm teilt die Komposition, während sich dahinter eine orangefarbene Katze zusammenrollt. Das Motiv erscheint einfach und unmittelbar, doch die ungewöhnliche Farbgebung verwandelt die Szene in eine eigenständige Bildwelt.

Franz Marc, Kinderbild (Katze hinter einem Baum), 1910/11, Öl auf Leinwand, 70,2 × 50 cm, Privatsammlung © 2014 Christie’s Images Limited
Franz Marc, Katzen, Rot und Weiß, 1912, Öl auf Platte, 52 × 35 cm, Privatsammlung © 2025 Christie’s Images Limited
Franz Marc, Kinderbild (Katze hinter einem Baum), 1910/11, Öl auf Leinwand, 70,2 × 50 cm, Privatsammlung © 2014 Christie’s Images Limited • Franz Marc, Katzen, Rot und Weiß, 1912, Öl auf Platte, 52 × 35 cm, Privatsammlung © 2025 Christie’s Images Limited – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

In Katzen, Rot und Weiß von 1912 verdichtet Marc diese Verbindung von Tierkörper, Farbe und Bewegung. Die beiden Katzen scheinen einander Schutz zu geben. Ihre Formen füllen nahezu die gesamte Bildfläche und schaffen eine Atmosphäre von Nähe und stiller Vertrautheit.

Die drei Gemälde machen deutlich, wie Marc aus alltäglichen Tierbeobachtungen Bilder von großer emotionaler und künstlerischer Intensität entwickelte.

Die verzauberte Mühle – Natur in Bewegung

Mit Die verzauberte Mühle erreicht Franz Marc 1913 eine neue Stufe seiner künstlerischen Entwicklung. Das Gemälde, das bereits den Auftakt unseres Beitrags bildet, zeigt, wie weit er sich inzwischen von einer traditionellen Wiedergabe der Natur entfernt hat.

Die einzelnen Motive sind noch erkennbar, doch ihre Formen werden zunehmend von einem übergeordneten Rhythmus bestimmt. Farbe und Bewegung verbinden die Landschaft zu einer Einheit, in der sich Gegenständlichkeit und Abstraktion begegnen.

Gerade dieser Übergang macht das Werk so faszinierend. Marc sucht nicht mehr nur nach dem inneren Wesen einzelner Tiere oder Landschaften. Er versucht, die Kräfte sichtbar zu machen, die alles Lebendige miteinander verbinden.

Der Blaue Reiter und der Aufbruch in die Moderne

Franz Marc war keineswegs ein einsamer Künstler, der sich ausschließlich der Natur widmete. Er gehörte zu den engagierten Persönlichkeiten der europäischen Avantgarde und stand mit zahlreichen Künstlern, Sammlern und Galeristen in engem Austausch.

Besonders prägend wurde seine Freundschaft mit August Macke. Gemeinsam diskutierten sie über Farbe, Komposition und die Möglichkeiten einer neuen Malerei. Ende 1911 gründete Marc mit Wassily Kandinsky die Redaktionsgemeinschaft des Blauen Reiter, die zu einem der bedeutendsten Impulsgeber der klassischen Moderne wurde.

1912 erschien im Münchner Piper Verlag der von Wassily Kandinsky und Franz Marc herausgegebene Almanach Der Blaue Reiter. Die Publikation vereinte Malerei, Volkskunst, außereuropäische Kunst und Musik zu einem ungewöhnlichen künstlerischen Gesamtkonzept. Mit farbigen Tafeln, zahlreichen Abbildungen und musikalischen Beiträgen stellte sie traditionelle Vorstellungen von Kunst infrage und eröffnete neue Perspektiven auf die schöpferische Ausdruckskraft unterschiedlicher Kulturen.

Ein Originalexemplar von 1912 aus der Bibliothek Julius Tandlers

Der Blaue Reiter, Originalausgabe 1912, hrsg. von Wassily Kandinsky und Franz Marc, R. Piper & Co., München. Provenienz: Bibliothek Julius Tandler, Privatbesitz. Foto: © findART.cc
Der Blaue Reiter, Originalausgabe 1912, hrsg. von Wassily Kandinsky und Franz Marc, R. Piper & Co., München. Provenienz: Bibliothek Julius Tandler, Privatbesitz. Foto: © findART.cc – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Ein besonderes Zeitzeugnis dieser künstlerischen Aufbruchsstimmung ist eine erhaltene Originalausgabe des Almanachs aus dem Jahr 1912, die sich heute in privater Obhut befindet. Das Exemplar stammt aus der persönlichen Bibliothek des österreichischen Mediziners und Sozialreformers Julius Tandler (1869–1936) und wurde innerhalb seiner Familie an seinen Enkel Bill Tandler weitergegeben.

Franz Marc, Farbtafel aus Der Blaue Reiter, hrsg. von Wassily Kandinsky und Franz Marc, München, R. Piper & Co., 1912. Exemplar aus der Bibliothek Julius Tandlers, Privatbesitz. Foto: © findART.cc
Franz Marc, Farbtafel aus Der Blaue Reiter, hrsg. von Wassily Kandinsky und Franz Marc, München, R. Piper & Co., 1912. Exemplar aus der Bibliothek Julius Tandlers, Privatbesitz. Foto: © findART.cc – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Besonders eindrucksvoll ist eine Farbtafel von Franz Marc. Auf der linken Bildseite erinnern die kräftigen blauen Formen an ein Pferd, während die schwarze Silhouette im Zentrum wie ein springender Panther erscheint. Die geschwungenen Körper, kraftvollen schwarzen Konturen und das Zusammenspiel von leuchtendem Rot, Blau und Grün verleihen der Komposition eine außergewöhnliche Dynamik. Die Tiere scheinen sich durch eine Landschaft zu bewegen, deren Formen mit ihren Körpern verschmelzen.

Gerade dieses Wechselspiel zwischen erkennbaren Tiergestalten und abstrakter Farbkomposition verdeutlicht Franz Marcs künstlerische Entwicklung. Die Natur wird nicht mehr einfach abgebildet, sondern in Bewegung, Farbe und Rhythmus übersetzt.

Auch Begegnungen mit Robert und Sonia Delaunay in Paris beeinflussten Marcs künstlerische Entwicklung. Die Auseinandersetzung mit dem Kubismus und den lichtdurchfluteten Kompositionen Robert Delaunays eröffnete ihm neue Möglichkeiten, Formen aufzusplittern und die Bildfläche rhythmisch zu gestalten.

Die Düsseldorfer Ausstellung berücksichtigt dieses weitreichende Netzwerk und macht deutlich, wie eng Franz Marcs künstlerische Entwicklung mit dem internationalen Aufbruch der Moderne verbunden war.

 

Vom Paradies zur Unruhe – die letzten Schaffensjahre

Je näher der Erste Weltkrieg rückte, desto deutlicher veränderte sich Franz Marcs Bildsprache. Die harmonischen Tierwelten seiner früheren Arbeiten wichen zunehmend spannungsvollen, abstrakten Kompositionen.

Das Tier verlor allmählich seine zentrale Rolle als Sinnbild einer besseren Welt. Stattdessen rückten geometrische Strukturen, gebrochene Formen und starke Farbkontraste in den Vordergrund.

In Werken wie Das arme Land Tirol von 1913 oder Kämpfende Formen und Zerbrochene Formen von 1914 wird die innere Unruhe des Künstlers spürbar. Die Vorstellung einer friedlichen, in sich geschlossenen Natur erscheint zunehmend bedroht.

1914 trat Marc den Kriegsdienst an. Am 4. März 1916 fiel er im Alter von nur 36 Jahren bei Verdun.

Sein früher Tod beendete eine künstlerische Entwicklung, die innerhalb weniger Jahre von der gegenständlichen Tiermalerei bis an die Grenzen der Abstraktion geführt hatte.

Drei Katzen – ein Schlüsselwerk der Düsseldorfer Sammlung

Franz Marc, Drei Katzen, 1913, Öl auf Leinwand, 72,6 × 102,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf Foto: Achim Kukulies
Franz Marc, Drei Katzen, 1913, Öl auf Leinwand, 72,6 × 102,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf Foto: Achim Kukulies – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Einen besonderen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet Franz Marcs Gemälde Drei Katzen von 1913, das sich seit 1973 im Besitz der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen befindet.

Das Werk verdeutlicht den Übergang von Marcs früher Tiermalerei zu einer zunehmend abstrakten Formensprache. Die Katzen sind nicht länger bloß einzelne Figuren vor einer Landschaft. Ihre Körper werden Teil einer komplexen Komposition, in der sich Natur und Lebewesen gegenseitig durchdringen.

Mit diesem Gemälde besitzt das Museum ein Schlüsselwerk, das die Entwicklung des Künstlers besonders anschaulich macht.

Felix Kammerer begleitet durch die Ausstellung

Eine besondere Verbindung zwischen Kunstgeschichte und Gegenwart schafft der österreichische Schauspieler Felix Kammerer. Der in Wien geborene Burgtheater-Schauspieler, der durch seine Hauptrolle in der Verfilmung von Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues international bekannt wurde, hat den Audioguide zur Ausstellung eingesprochen.

Felix Kammerer Foto: Pascal Bünning
Felix Kammerer Foto: Pascal Bünning – Mit freundlicher Genehmigung von: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Die Verbindung ist bemerkenswert: Während Franz Marc 1916 im Ersten Weltkrieg sein Leben verlor, verkörperte Kammerer mehr als ein Jahrhundert später in Edward Bergers Film einen jungen Soldaten, der die Schrecken dieses Krieges erlebt.

Der rund 40-minütige Audioguide führt durch die wichtigsten Stationen von Marcs künstlerischer Entwicklung und vermittelt Einblicke in das gesellschaftliche und kulturelle Umfeld vor dem Ersten Weltkrieg.

Er ist im Ausstellungseintritt enthalten und in deutscher, englischer sowie einfacher deutscher Sprache verfügbar.

Eine bessere Welt – eine Frage, die geblieben ist

Mehr als ein Jahrhundert nach Franz Marcs Tod scheint die Menschheit erschreckend wenig aus ihrer Geschichte gelernt zu haben. Wieder bestimmen Aufrüstung, militärische Stärke und die Vorbereitung auf mögliche Kriege zunehmend die politische Sprache Europas. Auch Deutschland richtet seine wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prioritäten stärker auf Verteidigung und Kriegstüchtigkeit aus. Während Milliarden für Waffen bereitgestellt werden, stellt sich eine unbequeme Frage: Haben wir den Glauben an eine friedlichere Welt bereits aufgegeben?

Franz Marc suchte in seiner Kunst nach einer anderen Wirklichkeit – nach Harmonie, Verbundenheit und einem friedlichen Miteinander. Er selbst wurde Opfer jenes Krieges, der eine ganze Generation zerstörte. Seine Bilder erinnern uns heute nicht nur an die Schönheit der Natur, sondern auch daran, wie schnell eine Gesellschaft ihre Menschlichkeit aus den Augen verlieren kann.

Vielleicht liegt die eigentliche Aktualität seiner Kunst gerade darin, dass wir uns wieder fragen müssen, welche Welt wir hinterlassen wollen.

Geplantes Schlussbild: Franz Marc, Das arme Land Tirol, 1913

Tags: Franz Marc, Der Blaue Reiter, Expressionismus, Moderne Kunst, Tiere, Wassily Kandinsky, August Macke, Felix Kammerer

Das K20 Düsseldorf ist Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Jeden ersten Mittwoch im Monat verlängern sich die Öffnungszeiten bis 22 Uhr, ab 18 Uhr ist der Eintritt frei. Montags bleibt das Museum in der Regel geschlossen.