usstellungsansicht Erik Schmidt – Blue Zone, 2026, Galerie Krinzinger, Wien. Foto: Carmen Alber
usstellungsansicht Erik Schmidt – Blue Zone, 2026, Galerie Krinzinger, Wien. Foto: Carmen Alber – Mit freundlicher Genehmigung von: galerie-krinzinger.at / Galerie Krinzinger

Wann: 08.09.2026 - 24.10.2026

Erik Schmidt – Blue Zone: Was unter der Oberfläche verborgen bleibt

Zwischen flirrenden Wasserlandschaften, flüchtigen Begegnungen und stiller Melancholie entfaltet Erik Schmidt in der Galerie Krinzinger in Wien eine Bildwelt, in der jedes Werk seine eigene Geschichte erzählt. Die Ausstellung „Blue Zone“ ist noch bis zum 24. Oktober 2026 zu sehen.

Manchmal genügt eine einzelne Figur, um eine ganze Landschaft mit Einsamkeit zu erfüllen. Ein Mensch sitzt in einem kleinen Schlauchboot, umgeben von einem scheinbar endlosen Seerosenteich. Das Wasser schimmert in Blau, Türkis, Grün und Gelb, die Oberfläche löst sich in unzählige Pinselstriche auf. Alles scheint in Bewegung, nur der Mensch inmitten dieser überwältigenden Farben wirkt beinahe verloren.

Es ist diese eigentümliche Spannung zwischen Schönheit und Melancholie, die den Arbeiten von Erik Schmidt ihre besondere Wirkung verleiht. Seine Bilder erzählen von Nähe und Distanz, von Erinnerungen und Augenblicken, die sich nicht festhalten lassen. Sie zeigen Menschen, die einander begegnen, sich berühren, ausruhen oder füreinander da sind. Doch was vor diesen Momenten geschah und was danach kommen wird, bleibt offen.

Schmidt gibt keine Antworten. Er lässt seine Bilder sprechen.

Blue Zone – Die Einsamkeit inmitten der Schönheit

Erik Schmidt, Blue Zone, 2026 (Detail). Öl und Fine-Art-Print auf Leinwand, 130 × 330 cm.
Erik Schmidt, Blue Zone, 2026 (Detail). Öl und Fine-Art-Print auf Leinwand, 130 × 330 cm. – Mit freundlicher Genehmigung von: galerie-krinzinger.at / Galerie Krinzinger

In dem monumentalen, 330 Zentimeter breiten Gemälde Blue Zone (2026) wird der Mensch beinahe zur Nebensache. Ein kleines Schlauchboot treibt auf einem Seerosenteich, dessen Wasseroberfläche den größten Teil der Leinwand einnimmt.

Die kräftigen, pastosen Pinselstriche lassen das Wasser flirren. Gelbe und grüne Pflanzenreste verdichten sich am linken Bildrand, während sich rechts eine beinahe grenzenlose Fläche aus hellen Blau- und Violetttönen öffnet.

Und mittendrin sitzt ein einzelner Mensch.

Ist er auf der Suche nach Ruhe? Hat er sich bewusst zurückgezogen? Oder ist er in einer Welt angekommen, in der er keinen festen Platz mehr findet?

Die Schönheit dieser Landschaft steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Verlorenheit ihrer menschlichen Figur. Gerade weil Schmidt die Szene nicht erklärt, beginnt der Betrachter, seine eigene Geschichte darin zu entdecken.

Der Seerosenteich ist zugleich mehr als ein landschaftliches Motiv. Wie die Galerie Krinzinger in ihrer Ausstellungsbeschreibung erläutert, bilden Seerosen unter der Wasseroberfläche weit verzweigte Rhizome aus, während nur ihre Blätter und Blüten sichtbar werden.

Dieses Verhältnis zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durch die Ausstellung.

Embedded – Nähe ohne Gewissheit

Erik Schmidt, Embedded, 2026 – Mehrere ruhende und liegende Menschen in einem Innenraum, deren Körper zwischen pastosen Pinselstrichen in Weiß, Blau, Rot und Violett beinahe mit ihrer Umgebung verschmelzen.
Erik Schmidt, Embedded, 2026 – Mehrere ruhende und liegende Menschen in einem Innenraum, deren Körper zwischen pastosen Pinselstrichen in Weiß, Blau, Rot und Violett beinahe mit ihrer Umgebung verschmelzen. – Mit freundlicher Genehmigung von: galerie-krinzinger.at / Galerie Krinzinger

Einen beinahe gegensätzlichen Schauplatz eröffnet Embedded (2026). Statt einer einzelnen Figur in einer weiten Landschaft begegnen uns mehrere Menschen in einem Innenraum.

Sie liegen dicht beieinander, ihre Körper überschneiden sich, einzelne Gesichter bleiben sichtbar, andere verschwinden hinter Armen, Kleidungsstücken und dicken Farbschichten.

Es ist eine Szene voller körperlicher Nähe. Und doch entsteht nicht unbedingt das Gefühl von Gemeinschaft.

Jeder Mensch scheint in seinen eigenen Gedanken versunken. Die Figuren teilen denselben Raum, ohne dass wir erfahren, ob sie auch denselben Augenblick erleben.

Schmidts Malerei verstärkt diese Unsicherheit. Breite Pinselstriche in Weiß, Grau, Blau, Rot und Violett legen sich über die fotografische Bildgrundlage. Manche Körperpartien verschwinden beinahe vollständig, andere treten mit überraschender Klarheit hervor.

Die Farbe überdeckt nicht einfach das Bild. Sie verändert unsere Wahrnehmung dessen, was wir sehen.

Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Form der Melancholie: Menschen können einander körperlich sehr nahe sein und dennoch innerlich weit voneinander entfernt bleiben.

Her – Ein Augenblick, der niemandem gehört

Erik Schmidt, Her, 2026 – Nahansicht einer liegenden Frau mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Expressive, pastose Pinselstriche in Rosa, Magenta, Schwarz, Violett und Weiß überlagern ihr Gesicht und ihren Körper.
Erik Schmidt, Her, 2026 – Nahansicht einer liegenden Frau mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Expressive, pastose Pinselstriche in Rosa, Magenta, Schwarz, Violett und Weiß überlagern ihr Gesicht und ihren Körper. – Mit freundlicher Genehmigung von: galerie-krinzinger.at / Galerie Krinzinger

In Her (2026) richtet Schmidt den Blick auf eine einzelne Frau. Sie liegt zurückgelehnt, die Arme hinter dem Kopf, ihr Gesicht dem Betrachter zugewandt und zugleich gedanklich abwesend.

Es ist ein intimer Moment, beinahe beiläufig. Nichts scheint zu geschehen.

Doch gerade diese Ereignislosigkeit macht das Bild bemerkenswert.

Die Frau wirkt entspannt, vielleicht erschöpft, vielleicht in Erinnerungen versunken. Ihre Haltung lässt unterschiedliche Deutungen zu, ohne eine davon zu bestätigen.

Kräftige Farbmassen in Rosa, Magenta, Schwarz und Weiß durchziehen die Komposition. Sie legen sich über die fotografische Vorlage, unterbrechen Konturen und verwandeln einen scheinbar alltäglichen Augenblick in ein eigenständiges malerisches Ereignis.

Im unteren Bereich bleiben sogar Elemente einer Videowiedergabe erkennbar. Ein Hinweis auf die mediale Herkunft des Bildes und auf Schmidts Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen bewegtem Bild, Erinnerung und Malerei.

Das Werk misst lediglich 30 × 48 Zentimeter. Dennoch entwickelt es eine ungewöhnliche Intensität.

Man hat das Gefühl, einen privaten Augenblick zu betrachten, zu dem man eigentlich keinen Zugang haben sollte.

Amazon – Zwischen Freiheit und Verletzlichkeit

Erik Schmidt, Amazon, 2026 – Frau mit weit ausgestreckten Armen vor einer großflächigen Fensterfront mit Blick auf die Stadt. Expressive Pinselstriche in Weiß, Rosa, Violett und Blau überlagern ihre Gestalt.
Erik Schmidt, Amazon, 2026 – Frau mit weit ausgestreckten Armen vor einer großflächigen Fensterfront mit Blick auf die Stadt. Expressive Pinselstriche in Weiß, Rosa, Violett und Blau überlagern ihre Gestalt. – Mit freundlicher Genehmigung von: galerie-krinzinger.at / Galerie Krinzinger

Eine andere Stimmung bestimmt Amazon (2026).

Vor einer großen Fensterfront steht eine Frau mit weit ausgestreckten Armen. Hinter ihr öffnet sich der Blick auf eine Stadtlandschaft, darüber ein heller Himmel.

Die Geste könnte Ausdruck von Freiheit, Freude oder Selbstbehauptung sein. Vielleicht gehört sie zu einem Moment des Aufbruchs, vielleicht zu einem ganz persönlichen Ritual.

Doch Schmidt entzieht uns ausgerechnet das Gesicht der Figur. Eine dunkle, nahezu geschlossene Farbfläche überlagert ihren Kopf und lässt ihre Identität in den Hintergrund treten.

Während sich die Arme weit in den Raum öffnen, bleibt das Innere der dargestellten Person unzugänglich.

Die pastosen Farbspuren in Weiß, Rosa, Violett und Blau scheinen sich über die gesamte Szene auszubreiten. Sie unterbrechen die Architektur, überlagern den Körper und verbinden die Figur mit ihrer Umgebung.

Was zunächst wie eine unbeschwerte Geste erscheint, erhält dadurch eine zweite, nachdenklichere Ebene.

Schmidt zeigt einen Menschen, der sich der Welt öffnet, ohne sich dem Betrachter vollständig preiszugeben.

Triangle – Die zerbrechliche Nähe

Erik Schmidt, Triangle, 2026 – Zwei eng beieinandersitzende Personen auf einer grünen Wiese, teilweise überlagert von pastosen Farbflächen in Rosa, Rot, Weiß, Blau und Dunkelgrün.
Erik Schmidt, Triangle, 2026 – Zwei eng beieinandersitzende Personen auf einer grünen Wiese, teilweise überlagert von pastosen Farbflächen in Rosa, Rot, Weiß, Blau und Dunkelgrün. – Mit freundlicher Genehmigung von: galerie-krinzinger.at / Galerie Krinzinger

In Triangle (2026) sitzen zwei Menschen eng beieinander auf einer grünen Wiese. Ihre Körper berühren sich, eine Person hebt den Arm, die andere scheint sich anzulehnen.

Die Szene wirkt vertraut und gleichzeitig rätselhaft.

Ist es eine zärtliche Begegnung? Ein gemeinsamer Augenblick der Erholung? Oder verbirgt sich hinter dieser Nähe eine Geschichte, die wir nicht kennen?

Schmidt lässt die Antwort offen.

Besonders auffällig ist eine große dunkelgrüne Farbfläche, die beinahe die gesamte rechte Bildhälfte einnimmt. Sie verdrängt Teile der Landschaft und bildet einen schweren Gegenpol zu den helleren, rosafarbenen und weißen Pinselstrichen über den Figuren.

Die Menschen sind sichtbar, doch ihre Umgebung scheint sich teilweise aufzulösen.

Es ist, als würde die Malerei etwas verbergen, das die fotografische Vorlage ursprünglich noch preisgegeben hat.

Gerade dadurch gewinnt die Begegnung eine eigenartige Intimität. Nicht alles muss sichtbar sein, damit wir Nähe empfinden.

Vielleicht liegt die eigentliche Geschichte dieses Bildes sogar in dem, was uns verborgen bleibt.

Aid – Wenn Verletzlichkeit auf Fürsorge trifft

Erik Schmidt, Aid, 2026 – Zwei Männer am Ufer eines Gewässers, einer liegt am Boden, während der andere sich unterstützend über ihn beugt. Pastose Pinselstriche in Grau, Blau, Violett und Rosa überlagern die Szene.
Erik Schmidt, Aid, 2026 – Zwei Männer am Ufer eines Gewässers, einer liegt am Boden, während der andere sich unterstützend über ihn beugt. Pastose Pinselstriche in Grau, Blau, Violett und Rosa überlagern die Szene. – Mit freundlicher Genehmigung von: galerie-krinzinger.at / Galerie Krinzinger

Eine besonders berührende Szene zeigt Aid (2026).

Am Ufer eines Gewässers liegt ein Mann am Boden. Ein zweiter beugt sich über ihn, stützt seinen Körper und scheint sich um ihn zu kümmern.

Was geschehen ist, wissen wir nicht.

Vielleicht ist der Mann gestürzt. Vielleicht ist er erschöpft. Vielleicht handelt es sich um einen Augenblick, dessen Bedeutung sich erst aus einer längeren Geschichte erschließen würde.

Doch eines wird sichtbar: Ein Mensch ist auf die Unterstützung eines anderen angewiesen.

Schwere Pinselstriche in Grau, Blau, Violett und Rosa überlagern die Figuren. Sie wirken beinahe wie zusätzliche Lasten, die sich über die Körper legen.

Und trotzdem besitzt das Bild eine stille Wärme.

Während andere Werke der Ausstellung von Einsamkeit, innerer Distanz oder unerreichbarer Nähe erzählen, erscheint hier eine unmittelbare menschliche Handlung: Jemand ist da, als ein anderer Hilfe braucht.

Es ist keine große Geste. Vielleicht gerade deshalb ist sie so eindringlich.

Zwischen Film, Fotografie und Malerei

Erik Schmidts Arbeiten entstehen aus einem intensiven Dialog unterschiedlicher Bildmedien. Die Verbindung von Fine-Art-Print und Ölmalerei auf Leinwand ist dabei nicht nur eine technische Besonderheit, sondern ein wesentlicher Bestandteil seiner künstlerischen Sprache.

Fotografische Bilder bewahren Augenblicke. Die Malerei greift in diese Augenblicke ein, überlagert sie, verändert ihre Gewichtung und eröffnet neue Möglichkeiten der Wahrnehmung.

Was zunächst dokumentarisch erscheint, verliert seine Eindeutigkeit.

Ein Gesicht verschwindet hinter Farbe. Eine Landschaft verwandelt sich in ein beinahe abstraktes Geflecht. Eine alltägliche Geste erhält plötzlich eine emotionale Tiefe, die sich nicht mehr allein aus der dargestellten Situation erklären lässt.

Einen wichtigen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die Videoarbeit Rough Trade aus dem Jahr 2025.

Darin kehrt Schmidt selbst an Orte zurück, die mit seinen früheren Filmen verbunden sind oder diesen ähneln. Seine Reise führt ihn durch Berlin, in private Innenräume und in die Welt moderner Büroarchitektur. Schließlich begibt er sich in ein Schlauchboot auf einen Seerosenteich – jenes Motiv, das auch im Zentrum der Ausstellung steht.

Diese Rückkehr an vertraute Orte lässt sich als eine Form der künstlerischen Selbstbefragung verstehen. Schmidt begegnet seiner eigenen Vergangenheit, ohne sie einfach nostalgisch wieder aufleben zu lassen. Vielmehr scheint er das Vergehen der Zeit zu untersuchen und der Frage nachzugehen, was von vergangenen Erfahrungen, Begegnungen und Lebensabschnitten in unserer Erinnerung zurückbleibt.

Das Schlauchboot auf dem Seerosenteich wird dabei zu einem eindringlichen Bild des Innehaltens. Während sich die Wasseroberfläche in unzähligen Farben und Bewegungen auflöst, verharrt die menschliche Figur beinahe regungslos in ihrer Mitte.

Vielleicht geht es weniger darum, Antworten auf das eigene Leben zu finden, als vielmehr darum, für einen Augenblick innezuhalten und zu betrachten, was die Zeit hinterlassen hat.

So verbinden sich persönliche Vergangenheit, filmische Selbstbeobachtung und Malerei zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Erinnerung, Vergänglichkeit und Identität.

Was bleibt, wenn der Augenblick vergangen ist?

Vielleicht liegt die besondere Qualität von Erik Schmidts Arbeiten darin, dass sie nicht versuchen, Geschichten vollständig zu erzählen.

Sie zeigen Ausschnitte aus einem Leben, Begegnungen ohne erklärende Vorgeschichte und Augenblicke, deren Bedeutung wir nur erahnen können.

Seine Farben sind oft leuchtend, manchmal geradezu verschwenderisch. Doch unter dieser farblichen Intensität liegt eine stille Melancholie.

Ein Mensch treibt allein auf dem Wasser. Andere liegen dicht beieinander und scheinen dennoch unerreichbar. Eine Frau öffnet ihre Arme zur Welt. Zwei Menschen suchen Nähe. Einer hilft einem anderen.

Jedes dieser Bilder trägt seine eigene Geschichte in sich.

Und vielleicht begegnen wir in ihnen nicht nur den Erinnerungen und Beobachtungen des Künstlers, sondern auch unseren eigenen.

Denn manchmal ist es gerade das Ungesagte, das ein Bild unvergesslich macht.

Tags: Erik Schmidt, Zeitgenössische Kunst, Gegenwartskunst, Malerei, Fotografie, Videokunst, Mixed Media, Kunstmarkt

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12–18 Uhr, Samstag 11–16 Uhr.

Weitere Informationen: Galerie Krinzinger – Erik Schmidt