Andrea Kassens in ihrem Atelier vor ihren großformatigen Gemälden. Die Künstlerin erforscht in ihrer Malerei die Beziehung zwischen Erinnerung, Wahrnehmung und Raum.
Andrea Kassens in ihrem Atelier vor ihren großformatigen Gemälden. Die Künstlerin erforscht in ihrer Malerei die Beziehung zwischen Erinnerung, Wahrnehmung und Raum. – Mit freundlicher Genehmigung von: studentenkunstmarkt / Studenten Kunstmarkt

Was: Presse

Wann: 12.08.2026

Selten gelingt es einer jungen Malerin, Räume so aufzuladen, dass sie mehr über unsere Erinnerung erzählen als über Architektur. Andrea Kassens entfaltet eine Bildwelt, in der Wirklichkeit, Wahrnehmung und Imagination unmerklich ineinander übergehen. Hier geht es nicht um das Abbild eines Moments, sondern um das, was zwischen zwei Gedanken, zwei Blicken oder zwei Erinnerungen geschieht.

Auf dem runden Tisch stehen eine Kanne, eine Tasse und ein kleines Gefäß. Die Szenerie erinnert an einen Moment des Innehaltens. Ob gerade jemand auf Besuch wartet oder eine Begegnung bereits vorüber ist, lässt Andrea Kassens bewusst offen. Dahinter beugt sich eine junge Frau mit rötlichem Haar und Haarband leicht nach vorne.

Andrea Kassens – Vanishing Point, Öl auf Leinwand. Das Gemälde verbindet eine figurative Szene mit einem atmosphärischen Innenraum und untersucht die Beziehung zwischen Erinnerung, Wahrnehmung und Raum.
Andrea Kassens – Vanishing Point, Öl auf Leinwand. Das Gemälde verbindet eine figurative Szene mit einem atmosphärischen Innenraum und untersucht die Beziehung zwischen Erinnerung, Wahrnehmung und Raum. – Mit freundlicher Genehmigung von: studentenkunstmarkt / Studenten Kunstmarkt
Ihr leuchtend gelbes Kleid scheint sich von ihrem Körper zu lösen und in fließenden Bahnen durch den Raum zu gleiten. Hinter ihr setzt ein großformatiges Gemälde in tiefem Rot einen kraftvollen Kontrast. Darunter steht ein graues Sofa, das den wohnlichen Charakter des Raumes unterstreicht. Hohe Fenster auf beiden Seiten lassen kühles Tages- oder Abendlicht in das Interieur fallen. Links ergänzen ein Blumengesteck, eine Schatulle und zwei eingeschaltete Tischlampen die intime Atmosphäre. Über dem Tisch hängt ein mehrarmiger Leuchter mit rötlichen Lampenschirmen, der die warme Farbigkeit des Raumes aufgreift.

Das auffällig verschobene gelbe Kleid erzeugt keinen realistischen Bewegungseindruck, sondern einen visuellen Schwebezustand. Die Figur wirkt, als bewege sie sich zwischen Ankunft und Aufbruch, zwischen Gegenwart und Erinnerung. Andrea Kassens löst den Körper bewusst aus seiner räumlichen Eindeutigkeit und macht die Bewegung selbst zum Ausdruck eines inneren Zustands. Das Interieur wird dadurch nicht zur bloßen Kulisse, sondern zu einem psychologischen Raum, in dem Wahrnehmung und Imagination ineinander übergehen.

Was wollte Andrea Kassens ausdrücken?

Andrea Kassens malt nicht die Einsamkeit. Sie malt das Alleinsein mit den eigenen Gedanken. Ihre Interieurs werden zu Resonanzräumen des Inneren – Orte, an denen Erinnerung, Wahrnehmung und Imagination leise miteinander ins Gespräch kommen.

Wer Andrea Kassens' Werke betrachtet, merkt schnell, dass ihre Bilder keine eindeutigen Geschichten erzählen. Sie stellen Fragen – nicht nach dem, was geschieht, sondern nach dem, was zwischen Erinnerung, Wahrnehmung und Wirklichkeit entsteht. Ihre Malerei untersucht den Raum zwischen äußerer Wirklichkeit und innerer Wahrnehmung. Die Figuren wirken zugleich präsent und entrückt, als befänden sie sich in einem Zustand zwischen Beobachtung, Erinnerung und Imagination. Gerade dieser Schwebezustand bildet das Zentrum ihrer Bildsprache.

Fotografien, eigene Skizzen und Erinnerungsfragmente dienen ihr nicht als Vorlage für eine realistische Wiedergabe. Sie werden überlagert, verschoben und neu zusammengesetzt. Dadurch entstehen Bildräume, die vertraut wirken und sich dennoch jeder eindeutigen Erzählung entziehen. Die Szenen bleiben bewusst offen und laden den Betrachter ein, eigene Erinnerungen und Erfahrungen mit ihnen zu verbinden.

Andrea Kassens – Fragments at the Dinner Table, Öl auf Leinwand. Das Gemälde verbindet ein gedecktes Interieur mit einer rätselhaften Frauenfigur und thematisiert Erinnerung, Wahrnehmung und zwischenmenschliche Nähe.
Andrea Kassens – A Soft Collapse, Öl auf Leinwand. Eine junge Frau sitzt vor einem Spiegel, umgeben von blühenden Zweigen. Spiegelungen und transparente Überlagerungen erzeugen einen Schwebezustand zwischen Erinnerung und Wirklichkeit.
Andrea Kassens – Fragments at the Dinner Table, Öl auf Leinwand. Das Gemälde verbindet ein gedecktes Interieur mit einer rätselhaften Frauenfigur und thematisiert Erinnerung, Wahrnehmung und zwischenmenschliche Nähe. • Andrea Kassens – A Soft Collapse, Öl auf Leinwand. Eine junge Frau sitzt vor einem Spiegel, umgeben von blühenden Zweigen. Spiegelungen und transparente Überlagerungen erzeugen einen Schwebezustand zwischen Erinnerung und Wirklichkeit. – Mit freundlicher Genehmigung von: studentenkunstmarkt / Studenten Kunstmarkt

Farbe wird zur Erinnerung

Besonders charakteristisch ist ihr Umgang mit Farbe und Licht. Intensive Farbflächen verleihen den Räumen eine emotionale Temperatur, während Spiegelungen, Brechungen und filmisch wirkende Lichtstimmungen den Eindruck erzeugen, als würde sich die Wirklichkeit langsam auflösen. Das Licht beschreibt keine Architektur, sondern macht Erinnerungen sichtbar.

Interieurs spielen dabei eine zentrale Rolle. Fenster, Möbel oder Spiegel sind keine dekorativen Elemente, sondern tragen die Erzählung mit. Sie erzeugen eine Atmosphäre, in der das Sichtbare und das Unsichtbare miteinander verschmelzen.

Es sind jene flüchtigen Augenblicke, in denen ein Raum plötzlich mehr über einen Menschen erzählt als dessen Gesicht. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen – nicht, weil nichts geschieht, sondern weil Erinnerung und Gegenwart gleichzeitig spürbar werden.

Zwischen Figuration und psychologischem Raum

In Werken wie Vanishing Point wird dieser Gedanke besonders deutlich. Das Interieur wirkt zunächst vertraut, doch das scheinbar vom Körper gelöste gelbe Kleid versetzt die Figur in einen visuellen Schwebezustand. Die Bewegung bleibt rätselhaft und verweigert eine eindeutige Erklärung. Andrea Kassens nutzt solche Irritationen nicht als Effekt, sondern als Mittel, um innere Zustände sichtbar zu machen.

Gerade diese Offenheit macht ihre Malerei bemerkenswert. Ihre Bilder erzählen keine abgeschlossenen Geschichten. Sie eröffnen Räume, in denen Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination miteinander in Dialog treten.

Andrea Kassens – Spilled History, Öl auf Leinwand. Eine Frauenfigur sitzt mit dem Rücken zum Betrachter in einem warmen Interieur. Transparente Überlagerungen und sanftes Licht verbinden Erinnerung, Wahrnehmung und Raum.
Andrea Kassens – Spilled History, Öl auf Leinwand. Eine Frauenfigur sitzt mit dem Rücken zum Betrachter in einem warmen Interieur. Transparente Überlagerungen und sanftes Licht verbinden Erinnerung, Wahrnehmung und Raum. – Mit freundlicher Genehmigung von: studentenkunstmarkt / Studenten Kunstmarkt

Künstlerische Einordnung

Andrea Kassens gehört zu einer jungen Generation figurativer Maler, die den psychologischen Raum stärker in den Mittelpunkt rücken als eine eindeutige Erzählung. Ihre Werke verbinden malerische Präzision mit einer atmosphärischen, beinahe filmischen Bildsprache. Interieurs werden dabei nicht zur Kulisse, sondern zu erzählerischen Räumen, in denen Erinnerung, Licht und Wahrnehmung eine eigene Bedeutung entfalten.

Die 1997 geborene Andrea Kassens studierte Kunst mit Schwerpunkt Malerei an der Universität Osnabrück. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kulturbunker Bonn, in der Schytz Haaning Gallery im dänischen Vejle sowie in der 1000Freunde Gallery in Köln gezeigt. 2024 erhielt sie Förderungen der Ingeborg Sieber-Stiftung und der Inge Römer Stiftung. Mit der Auszeichnung als „Künstlerin des Monats Juli 2026“ würdigte der Studierenden-Kunstmarkt ihre konsequent entwickelte künstlerische Position und ihre atmosphärische Bildsprache.

Tags: Andrea Kassens, Malerei, Zeitgenössische Kunst, Figurative Kunst, Junge Kunst

Die Online-Präsentation ist jederzeit verfügbar. Informationen zu den vorgestellten Werken finden Sie auf der Plattform des Studierenden-Kunstmarkts.