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Selten gelingt es einer jungen Malerin, Räume so aufzuladen, dass sie mehr über unsere Erinnerung erzählen als über Architektur. Andrea Kassens entfaltet eine Bildwelt, in der Wirklichkeit, Wahrnehmung und Imagination unmerklich ineinander übergehen. Hier geht es nicht um das Abbild eines Moments, sondern um das, was zwischen zwei Gedanken, zwei Blicken oder zwei Erinnerungen geschieht.
Auf dem runden Tisch stehen eine Kanne, eine Tasse und ein kleines Gefäß. Die Szenerie erinnert an einen Moment des Innehaltens. Ob gerade jemand auf Besuch wartet oder eine Begegnung bereits vorüber ist, lässt Andrea Kassens bewusst offen. Dahinter beugt sich eine junge Frau mit rötlichem Haar und Haarband leicht nach vorne.
Was wollte Andrea Kassens ausdrücken?
Andrea Kassens malt nicht die Einsamkeit. Sie malt das Alleinsein mit den eigenen Gedanken. Ihre Interieurs werden zu Resonanzräumen des Inneren – Orte, an denen Erinnerung, Wahrnehmung und Imagination leise miteinander ins Gespräch kommen.
Wer Andrea Kassens' Werke betrachtet, merkt schnell, dass ihre Bilder keine eindeutigen Geschichten erzählen. Sie stellen Fragen – nicht nach dem, was geschieht, sondern nach dem, was zwischen Erinnerung, Wahrnehmung und Wirklichkeit entsteht. Ihre Malerei untersucht den Raum zwischen äußerer Wirklichkeit und innerer Wahrnehmung. Die Figuren wirken zugleich präsent und entrückt, als befänden sie sich in einem Zustand zwischen Beobachtung, Erinnerung und Imagination. Gerade dieser Schwebezustand bildet das Zentrum ihrer Bildsprache.
Fotografien, eigene Skizzen und Erinnerungsfragmente dienen ihr nicht als Vorlage für eine realistische Wiedergabe. Sie werden überlagert, verschoben und neu zusammengesetzt. Dadurch entstehen Bildräume, die vertraut wirken und sich dennoch jeder eindeutigen Erzählung entziehen. Die Szenen bleiben bewusst offen und laden den Betrachter ein, eigene Erinnerungen und Erfahrungen mit ihnen zu verbinden.
Farbe wird zur Erinnerung
Besonders charakteristisch ist ihr Umgang mit Farbe und Licht. Intensive Farbflächen verleihen den Räumen eine emotionale Temperatur, während Spiegelungen, Brechungen und filmisch wirkende Lichtstimmungen den Eindruck erzeugen, als würde sich die Wirklichkeit langsam auflösen. Das Licht beschreibt keine Architektur, sondern macht Erinnerungen sichtbar.
Interieurs spielen dabei eine zentrale Rolle. Fenster, Möbel oder Spiegel sind keine dekorativen Elemente, sondern tragen die Erzählung mit. Sie erzeugen eine Atmosphäre, in der das Sichtbare und das Unsichtbare miteinander verschmelzen.
Es sind jene flüchtigen Augenblicke, in denen ein Raum plötzlich mehr über einen Menschen erzählt als dessen Gesicht. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen – nicht, weil nichts geschieht, sondern weil Erinnerung und Gegenwart gleichzeitig spürbar werden.
Zwischen Figuration und psychologischem Raum
In Werken wie Vanishing Point wird dieser Gedanke besonders deutlich. Das Interieur wirkt zunächst vertraut, doch das scheinbar vom Körper gelöste gelbe Kleid versetzt die Figur in einen visuellen Schwebezustand. Die Bewegung bleibt rätselhaft und verweigert eine eindeutige Erklärung. Andrea Kassens nutzt solche Irritationen nicht als Effekt, sondern als Mittel, um innere Zustände sichtbar zu machen.
Gerade diese Offenheit macht ihre Malerei bemerkenswert. Ihre Bilder erzählen keine abgeschlossenen Geschichten. Sie eröffnen Räume, in denen Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination miteinander in Dialog treten.
Künstlerische Einordnung
Andrea Kassens gehört zu einer jungen Generation figurativer Maler, die den psychologischen Raum stärker in den Mittelpunkt rücken als eine eindeutige Erzählung. Ihre Werke verbinden malerische Präzision mit einer atmosphärischen, beinahe filmischen Bildsprache. Interieurs werden dabei nicht zur Kulisse, sondern zu erzählerischen Räumen, in denen Erinnerung, Licht und Wahrnehmung eine eigene Bedeutung entfalten.
Die 1997 geborene Andrea Kassens studierte Kunst mit Schwerpunkt Malerei an der Universität Osnabrück. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kulturbunker Bonn, in der Schytz Haaning Gallery im dänischen Vejle sowie in der 1000Freunde Gallery in Köln gezeigt. 2024 erhielt sie Förderungen der Ingeborg Sieber-Stiftung und der Inge Römer Stiftung. Mit der Auszeichnung als „Künstlerin des Monats Juli 2026“ würdigte der Studierenden-Kunstmarkt ihre konsequent entwickelte künstlerische Position und ihre atmosphärische Bildsprache.
Die Online-Präsentation ist jederzeit verfügbar. Informationen zu den vorgestellten Werken finden Sie auf der Plattform des Studierenden-Kunstmarkts.
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