Marc Riboud, March against the Vietnam War, Washington D.C., 1967 – Jan Rose Kasmir mit Blume vor Soldaten
Marc Riboud – March against the Vietnam War, Washington D.C. 1967 – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Was: Auktion

Wann: 13.09.2026

Wenn eine Blume einem Gewehr gegenübersteht: Fotografie unter dem Hammer bei der PARALLEL Vienna

Eine junge Frau hält eine Blume in der Hand. Vor ihr eine Reihe Soldaten, Helme, Uniformen und Gewehrläufe. Am 21. Oktober 1967 drückte Marc Riboud in Washington D.C. auf den Auslöser. Die 17-jährige Jan Rose Kasmir demonstrierte gegen den Vietnamkrieg – und aus einem Augenblick wurde eines jener Bilder, die sich tiefer in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben als viele politische Reden.

Fast sechs Jahrzehnte später taucht die Aufnahme an einem zunächst überraschenden Ort wieder auf: im Auktionskatalog einer Kunstmesse in Wien. Am 13. September 2026 veranstaltet OstLicht erstmals eine öffentliche Fotoauktion direkt innerhalb der PARALLEL Vienna im Otto-Wagner-Areal. 266 Arbeiten führen von historischen Aufnahmen bis zur zeitgenössischen Fotografie.

Ribouds berühmtes Bild startet bei 2.400 Euro und ist mit 4.000 bis 4.800 Euro geschätzt. Doch gerade diese Zahlen erzählen nur einen kleinen Teil der Geschichte. Denn der Katalog führt durch beinahe ein Jahrhundert fotografischer Möglichkeiten: vom letzten Porträt Gustav Klimts über das Paris der 1930er-Jahre und einen Schießstand im Wiener Prater bis zu riesigen Polaroids, Performances und inszenierten Körperbildern.

Ein letztes Porträt

Moritz Nähr, letztes Porträt von Gustav Klimt, Wien 1917
Moritz Nähr, letztes Porträt von Gustav Klimt, Wien 1917 – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

1917 steht Gustav Klimt vor seinem Atelier in der Feldmühlgasse in Hietzing. Er ist 55 Jahre alt, trägt Anzug, weißen Kragen und Bart und blickt an der Kamera vorbei. Fotografiert hat ihn Moritz Nähr, einer der bedeutenden Fotografen der Wiener Moderne.

Die Aufnahme gilt als das letzte Porträt Klimts vor seinem Tod im Februar 1918. In der OstLicht-Auktion wird ein in den 1920er-Jahren entstandener Vintage-Silbergelatineabzug angeboten. Gerade einmal 16,1 × 11,2 Zentimeter misst das Blatt. Der Startpreis liegt bei 4.500 Euro, die Schätzung bei 9.000 bis 10.000 Euro.

Paris ist keine Postkarte

Gisèle Freund, Street repair, Paris 1933 – Straßenarbeiter bei Reparaturarbeiten
Gisèle Freund, Street repair, Paris 1933 – Straßenarbeiter bei Reparaturarbeiten – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Ganz anders blickt Gisèle Freund 1933 auf Paris. In Street repair gibt es keine Boulevards, Cafés oder eleganten Flaneure. Arbeiter stehen im Dampf einer Straßenbaustelle, Regenschirme verschwinden im Rauch, eine Maschine beherrscht die Mitte des Bildes.

Das Jahr der Aufnahme ist dabei entscheidend. 1933 floh Freund vor den Nationalsozialisten nach Paris. Mit fotografischen Aufträgen finanzierte sie dort ihr Exil und ihr Soziologiestudium. Aus der Beobachtung des Alltags entwickelte sich jene dokumentarische Bildsprache, mit der sie später internationale Anerkennung erlangte. Das angebotene Foto startet bei lediglich 600 Euro und wird auf 1.000 bis 1.200 Euro geschätzt.

Wien, 1957: Schießen im Prater

Franz Hubmann, At a shooting range in Vienna’s Prater, 1957 – Schießstand im Wiener Prater
Franz Hubmann, At a shooting range in Vienna’s Prater, 1957 – Schießstand im Wiener Prater – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Franz Hubmann braucht für sein Bild keine historische Weltbühne. Ein Schießstand im Wiener Prater genügt. 1957 fotografiert er einen Mann, der das Gewehr anlegt. Hinter ihm räkelt sich eine überdimensionale Pin-up-Figur, darunter sitzt eine Frau scheinbar vollkommen unbeeindruckt vom Geschehen.

Hubmann macht aus einer Alltagsszene eine kleine visuelle Komödie. Sein Vintage-Silbergelatineabzug startet bei 1.200 Euro und ist mit 2.000 bis 2.400 Euro taxiert.

Und dann kommt die Blume.

Marc Riboud – March against the Vietnam War, Washington D.C. 1967
Marc Riboud – March against the Vietnam War, Washington D.C. 1967 – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie
Am 21. Oktober 1967 steht Jan Rose Kasmir in Washington D.C. bewaffneten Soldaten gegenüber. Sie hält keine Fahne und kein Transparent vor sich, sondern eine Blume. Marc Riboud fotografiert den Moment. Es ist, so die Überlieferung im Auktionskatalog, die letzte Aufnahme auf seinem Film.

Das Bild wird zu einer Ikone der amerikanischen Antikriegs- und Flower-Power-Bewegung. Jahrzehnte später begegnet Riboud Kasmir erneut: 2003 fotografiert er sie bei einer Demonstration gegen den Irakkrieg – diesmal hält sie ein Plakat mit jenem Bild in den Händen, das er 1967 von ihr aufgenommen hatte.

Als das Foto selbst zum Kunstwerk wird

Bis hierher hält die Kamera vor allem fest, was vor ihr geschieht: Klimt vor seinem Atelier, Arbeiter auf einer Pariser Straße, einen Nachmittag im Wiener Prater oder eine Demonstrantin vor den Gewehrläufen amerikanischer Soldaten. Doch Fotografie kann mehr sein als Beobachtung. Spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das fotografische Bild selbst zum Experimentierfeld.

Ein Polaroid, das nicht in die Hand passt

Peter Beard, Untitled, 1987 – großformatiges Polaroid mit Mehrfachbelichtung und Collage
Peter Beard, Untitled, 1987 – großformatiges Polaroid mit Mehrfachbelichtung und Collage – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Peter Beard treibt 1987 ausgerechnet jenes Verfahren ins Monumentale, das wir gewöhnlich mit kleinen Sofortbildern verbinden. Sein Untitled entstand mit der Polaroid-20×24-Kamera im Rahmen des Artist Support Program der Polaroid Corporation. Das einzigartige Polacolor misst rund 81 × 56 Zentimeter.

Beard legt mehrere Momente übereinander. Porträt, Collage und Mehrfachbelichtung verschmelzen zu einem Bild, in dem zwei Frauenkörper gleichzeitig aufzutauchen und wieder zu verschwinden scheinen. Von den großformatigen Polaroids, die Beard in dieser Zeit schuf, existiert nur eine begrenzte Zahl. Das Unikat startet bei 6.000 Euro und ist mit 10.000 bis 12.000 Euro geschätzt.

Jane Birkin – ein Körper wird zur Komposition

Jane Birkin, Paris 1974 – Schwarz-Weiß-Fotografie von Jean-Pierre Fizet
Jane Birkin, Paris 1974 – Schwarz-Weiß-Fotografie von Jean-Pierre Fizet – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Paris, 1974. Jane Birkin liegt ausgestreckt vor der Kamera. Der Körper zieht sich beinahe über die gesamte Breite des Bildes, während darüber eine große leere Fläche bleibt. Aus dem Porträt einer Berühmtheit wird eine streng komponierte Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Der später angefertigte Silbergelatineabzug ist mit 84 × 120 Zentimetern ungewöhnlich groß, signiert und als Exemplar 8/20 bezeichnet. Startpreis: 1.600 Euro, Schätzung: 3.000 bis 3.400 Euro.

Wenn eine Performance nur als Fotografie bleibt

Erwin Wurm, Morning Walk – to the office, 2001 – sechsteilige Polaroid-Collage
Erwin Wurm, Morning Walk – to the office, 2001 – sechsteilige Polaroid-Collage – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Bei Erwin Wurms Morning Walk – to the office von 2001 verschiebt sich das Verhältnis noch einmal. Sechs einzigartige Polaroid-Spectra-Aufnahmen dokumentieren eine Performance des Künstlers. Nicht der einzelne entscheidende Augenblick steht im Mittelpunkt, sondern eine Abfolge.

Die Kamera wird zum Gedächtnis einer Handlung. Was einmal vor ihr stattgefunden hat, ist vorbei – übrig bleiben sechs kleine Sofortbilder. Zusammen werden sie zum Werk. Das Ensemble wird mit 7.000 bis 8.000 Euro geschätzt.

Ein Raum wartet auf Menschen

Candida Höfer, MAK Wien I, 2002 – historischer Bibliotheksraum im MAK Wien
Candida Höfer, MAK Wien I, 2002 – historischer Bibliotheksraum im MAK Wien – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Ein Jahr später richtet Candida Höfer ihre Kamera nicht auf einen Menschen, sondern auf eine Institution. MAK Wien I von 2002 zeigt einen Raum des Wiener Museums für angewandte Kunst. Bücher, Schubladen, Tische und Stühle füllen das Bild – nur die Menschen fehlen.

Gerade diese Abwesenheit gehört zu Höfers fotografischer Sprache. Räume, die für Menschen geschaffen wurden, beginnen ohne sie von ihrer Nutzung, ihrer Geschichte und ihrer Ordnung zu erzählen. Der chromogene Abzug, Exemplar 4/6, ist mit 6.000 bis 8.000 Euro geschätzt.

Und plötzlich explodiert die Farbe

Jakob Lena Knebl, amore ettore, Wien 2011 – inszenierte Körperperformance mit geometrischen Formen
Jakob Lena Knebl, amore ettore, Wien 2011 – inszenierte Körperperformance mit geometrischen Formen – Mit freundlicher Genehmigung von: WestLicht / OstLicht. Galerie für Fotografie

Bei Jakob Lena Knebl ist von der zurückhaltenden Beobachtung endgültig nichts mehr übrig. amore ettore, 2011 in Wien entstanden und von Georg Petermichl fotografiert, verwandelt den Körper in eine Konstruktion aus Farbe, geometrischen Formen, Stäben und Prothesen.

Das Bild wirkt gleichzeitig wie Porträt, Skulptur und Performance. Genau darin schließt sich ein Kreis: Gut neun Jahrzehnte nachdem Moritz Nähr Gustav Klimt nahezu klassisch vor seiner Kamera festhielt, muss ein fotografiertes Gegenüber längst nicht mehr einfach nur „abgebildet“ werden.

Der Archival Pigment Print, Exemplar 2/5, startet bei 1.200 Euro und ist mit 2.000 bis 2.400 Euro geschätzt.

Was bleibt von einem Foto?

Vielleicht ist es genau diese Spannweite, die die OstLicht-Auktion innerhalb der PARALLEL Vienna so interessant macht. Zwischen Moritz Nährs Klimt-Porträt von 1917 und den inszenierten Bildwelten des 21. Jahrhunderts liegen nicht nur Jahrzehnte. Dazwischen verändert sich die Vorstellung davon, was eine Fotografie überhaupt sein kann.

Sie kann Zeugnis sein und Erinnerung, Reportage und Porträt, Performance und Experiment. Sie kann einen historischen Augenblick festhalten – oder einen Augenblick überhaupt erst für die Kamera erschaffen.

Und manchmal genügt eine Blume vor einem Gewehr, damit aus einem Sekundenbruchteil ein Bild für Jahrzehnte wird.

Tags: Fotografie, Aktfotografie, Schwarzweißfotografie‎, Marc Riboud, Gustav Klimt, Moritz Nähr, Gisèle Freund, Franz Hubmann, Peter Beard, Jane Birkin, Erwin Wurm, Candida Höfer, Jakob Lena Knebl, Erwin Wurm, Polaroids

OstLicht Photo Auction at PARALLEL Vienna
13. September 2026, 14:00 Uhr
PARALLEL Vienna, Otto Wagner Areal
Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien
Kitchen – Raum K/011