Vier elegant gekleidete Frauen im Sonnenlicht vor heller Wand, im Gespräch und Lachen, festlich und authentisch. © Brigitte Kraemer / Fotoarchiv Ruhr Museum
Vier elegant gekleidete Frauen im Sonnenlicht vor heller Wand, im Gespräch und Lachen, festlich und authentisch. © Brigitte Kraemer / Fotoarchiv Ruhr Museum – Mit freundlicher Genehmigung von: ruhrmuseum.de / Ruhr Museum Essen

Wann: 07.11.2025 - 31.10.2026

Wie man lebt – wo man lebt. Dokumentarfotografien von Brigitte Kraemer im Ruhr Museum Essen

Das Ruhr Museum auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein präsentiert eine eindrucksvolle Retrospektive der Fotografin Brigitte Kraemer, einer der bedeutendsten Stimmen der sozialdokumentarischen Fotografie in Deutschland. Unter dem Titel „Wie man lebt – wo man lebt“ zeigt die Ausstellung rund 200 Fotografien aus über vier Jahrzehnten – ein präzises, zugleich poetisches Porträt des Lebens im Ruhrgebiet.

Seit den frühen 1980er-Jahren beobachtet Kraemer mit wachem Blick und unvergleichlichem Einfühlungsvermögen das soziale Leben zwischen Kanal, Kleingarten und Kirmes. Ihre Themen reichen von Camping, Migration und Frauenhäusern bis hin zu Glaubensgemeinschaften und dem Friedensdorf Oberhausen. Ihre Fotografien sind nah, ungestellt, von Humor und Menschlichkeit durchdrungen.

Das Ruhr Museum konnte im Jahr 2022 mit Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung das Gesamtwerk der Fotografin erwerben – rund 360.000 Negative und Abzüge, ein kultureller Schatz, der die fotografische Geschichte des Ruhrgebiets erweitert.

Die Ausstellung bildet den Abschluss einer Trilogie über die großen Fotografinnen des Reviers. Nach Marga Kingler und Ruth Hallensleben rückt nun Brigitte Kraemer in den Mittelpunkt. Museumsdirektor Prof. Heinrich Theodor Grütter betont:
„Brigitte Kraemer hat den ‚Ruhri‘, den Typus des Ruhrgebietsmenschen fotografisch geschaffen. Sie hat wie kaum eine andere Fotografin die Lebensfreude, aber auch die Herausforderungen der Menschen im Ruhrgebiet über Jahrzehnte im Bild festgehalten. Dass dieses einzigartige Sozialdokument in der Obhut des Ruhr Museums ist, ist ein großer Gewinn – für die Sammlung und für die Region.“

In der Ausstellung auf der 21-Meter-Ebene entfaltet sich Kraemers Werk in drei Kapiteln. „So nah“ zeigt Szenen aus Alltag und Freizeit: Menschen beim Grillen, im Schrebergarten, an der Trinkhalle, beim Einkaufen oder auf der Kirmes. Kraemer begegnet ihnen mit Nähe, Witz und Respekt.

Im zweiten Kapitel, „So fern“, dringt sie in Räume vor, die der Öffentlichkeit meist verschlossen bleiben – Frauenhäuser, Gefängnisse, soziale Einrichtungen. Ihre Bilder zeigen das Leben in diesen geschützten Orten, ohne Pathos, mit Empathie.

Das dritte Kapitel, „So fern und so nah“, widmet sich Migration, Glaube und Integration. Kraemer dokumentiert das Alltagsleben von Menschen aus der Türkei, dem Irak, Syrien, Libanon und afrikanischen Ländern – zu Hause, in Moscheen, Synagogen und Tempeln. Ihre Fotografien machen die Vielfalt der Gesellschaft sichtbar und zeigen, dass Nähe und Distanz oft nur ein Blick voneinander trennt.

„Wenn eine gute Situation entsteht, ohne dass ich etwas dazu beitrage, fotografiere ich. Das ist es, was mich an der Fotografie interessiert. Ich inszeniere nicht, das kann ich auch überhaupt nicht. Wenn die Komposition aus der Situation heraus perfekt ist, bin ich begeistert. Dann erzählt das Bild eine eigene Geschichte.“ (Brigitte Kraemer, Interview mit Stefan Dolfen, August 2025)

Ein Film begleitet die Ausstellung – ein Interview, das Stefan Dolfen mit Brigitte Kraemer führte. Es zeigt die Fotografin an ihrem Arbeitsplatz, reflektierend über ihr Leben und ihre Projekte.

Die Leiterin der Fotografischen Sammlung, Stefanie Grebe, fasst zusammen:
„Sei es durch ihre Nähe zum Abgebildeten oder durch die formalen Mittel des Bildaufbaus – Brigitte Kraemer schafft es, ohne viele begleitende Worte Geschichten, situative Szenen und Emotionen im Bild wiedererlebbar zu machen. Durch ihre radikal subjektive Vorgehensweise gelingt es ihr widerzuspiegeln, welche Themen die Gesellschaft als Ganzes betreffen und beschäftigen.“

Brigitte Kraemer, 1954 in Hamm geboren, studierte Visuelle Kommunikation an der Universität Essen und arbeitet seit den 1980er-Jahren als freie Fotografin. Ihre Methode ist die der teilnehmenden Beobachtung – sie wird Teil der Szene, die sie fotografiert. „Ich bin nicht mehr Außenstehende, sondern nehme einen Teil davon in mein eigenes Leben mit.“

Ihr Werk ist ein Plädoyer für Empathie und Wahrhaftigkeit:
„Im Nachdenken übereinander und im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten können Fotografien versuchen, das Widerfahrene erzählbar zu machen und um Verständnis zu werben für ein humanes Leben ohne Ausgrenzung und Unterdrückung.“ (Brigitte Kraemer)

Mit dieser Ausstellung würdigt das Ruhr Museum nicht nur eine außergewöhnliche Künstlerin, sondern auch eine Haltung: die Kunst, das Alltägliche mit Achtung zu sehen.

 

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Ein Mann steht auf einem Wohnwagen und reinigt das Dach mit Besen, Sommersonne, Alltagsszene voller Ruhe. © Brigitte Kraemer / Fotoarchiv Ruhr Museum
Ein Mann steht auf einem Wohnwagen und reinigt das Dach mit Besen, Sommersonne, Alltagsszene voller Ruhe. © Brigitte Kraemer / Fotoarchiv Ruhr Museum – Mit freundlicher Genehmigung von: ruhrmuseum.de / Wer: Ruhr Museum Essen
Ein Mann steht vor einem Kiosk mit der Aufschrift „Happy Shop“, liest Zeitung, Alltag im Ruhrgebiet. © Brigitte Kraemer / Fotoarchiv Ruhr Museum
Ein Mann steht vor einem Kiosk mit der Aufschrift „Happy Shop“, liest Zeitung, Alltag im Ruhrgebiet. © Brigitte Kraemer / Fotoarchiv Ruhr Museum – Mit freundlicher Genehmigung von: ruhrmuseum.de / Wer: Ruhr Museum Essen

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