Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: The Fountain Archives, 2008-2020 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia
Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: The Fountain Archives, 2008-2020 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia – Mit freundlicher Genehmigung von: smbspkberlin / Hamburger Bahnhof

Wann: 12.12.2025 - 13.09.2026

Im Zentrum dieser Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart steht ein kunsthistorischer Referenzpunkt, der das 20. Jahrhundert bis heute strukturiert: Marcel Duchamps „Fountain“ von 1917. Kaum ein Werk hat die Vorstellung davon, was Kunst sein kann, so radikal verschoben. Saâdane Afif greift dieses ikonische Readymade nicht als Zitat oder Hommage auf, sondern als lebendiges Archiv, als fortlaufenden Denkraum, in dem Autorschaft, Reproduktion, Institution und Zeit neu verhandelt werden.

Die Ausstellung entfaltet sich aus Afifs Langzeitprojekt „The Fountain Archives“, das zwischen 2008 und 2020 entstanden ist. Ausgangspunkt ist die schier unendliche Reproduktion von Duchamps Urinal in Büchern, Katalogen und Magazinen. Afif sammelte 1001 Publikationen, entfernte die Seiten mit den Abbildungen, rahmte, signierte und nummerierte sie. Die Bücher selbst bleiben zurück, entleert und doch beredt. Lesezeichen markieren die Abwesenheit des Bildes, die Leerstelle wird zur eigentlichen Aussage. Das Archiv zeigt nicht Duchamps Werk, sondern dessen Nachleben, seine mediale Zirkulation, seine Institutionalisierung. „The Fountain Archives“ wird so zu einem Spiegel des Museums selbst, zu einer Reflexion über Bewahrung, Kanonisierung und den paradoxen Stillstand des Bedeutenden.

Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: The Fountain Archives, 2008-2020 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia
Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: The Old, 2025 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia
Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: The Fountain Archives, 2008-2020 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia • Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: The Old, 2025 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia – Mit freundlicher Genehmigung von: smbspkberlin / Hamburger Bahnhof
Saâdane Afif, Portrait © Saâdane Afif / Anri Sala
Saâdane Afif, Portrait © Saâdane Afif / Anri Sala – Mit freundlicher Genehmigung von: smbspkberlin / Hamburger Bahnhof
Afifs Arbeiten bewegen sich konsequent im Spannungsfeld der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. In „Anthologie de l’humour noir“ von 2010 begegnet das Erbe des Dadaismus und Surrealismus einer afrikanischen Bestattungstradition. Ein figürlicher Sarg, gefertigt in Ghana, nimmt die Architektur des Centre Pompidou auf. Die Arbeit stellt eine ebenso einfache wie verstörende Frage: Bedeutet die Aufnahme eines Werks in das Museum seinen endgültigen Tod? Oder kann das Museum auch ein Ort der Transformation sein, an dem Kritik weiterlebt?

Mit „Soixante mille millimètres d’infinis possibles“ führt Afif Duchamps experimentellen Umgang mit Maß, Zufall und Form fort. Dreißig gelbe Zollstöcke ohne Markierungen, gebogen in immer neue Konfigurationen, verweisen auf Duchamps „3 Stoppages étalon“. Maß wird hier nicht zur Kontrolle, sondern zur Möglichkeit. Die begleitenden Texte, die sogenannten „Lyrics“, erweitern das Objekt um eine performative Dimension. Sprache wird Teil des Werks, aber nie erklärend, sondern poetisch verschiebend.
Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: Anthologie de l’humour noir, 2010 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia
Ausstellungsansicht „Saâdane Afif. Five Preludes“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.12.2025 – 13.09.2026, Abgebildet: Anthologie de l’humour noir, 2010 © Saâdane Afif, 2025 VG Bild-Kunst, Bonn. Courtesy of the artist & Mehdi Chouakri, Berlin. Foto: Jacopo La Forgia – Mit freundlicher Genehmigung von: smbspkberlin / Hamburger Bahnhof

Eigens für Berlin entstanden ist „The Old“, eine präzise und zugleich melancholische Antwort auf Jeff Koons. Afif zeigt gebrauchte Staubsauger, gezeichnet von Zeit und Abnutzung, in Vitrinen, die an Koons’ makellose Präsentationen erinnern. Die Arbeit spricht leise, aber eindringlich über Vergänglichkeit, über den Mythos des Neuen und über das Altern der Kunst selbst. Auch Werke altern, auch Bedeutungen verschieben sich, und nur durch erneutes Lesen bleiben sie lebendig.

Mit „Live“ verlässt Afif schließlich den musealen Raum und öffnet ihn zur Stadt. Berliner Veranstaltungsplakate werden Woche für Woche neu geklebt, übernommen als Readymades, als Puls des urbanen Lebens. Das Werk erinnert an die Nouveaux Réalistes und verbindet das Museum mit Orten wie der Volksbühne oder dem Berghain, wo Performances stattfinden. Das Museum wird nicht als abgeschlossener Raum gedacht, sondern als Knotenpunkt eines kulturellen Netzwerks.

„Saâdane Afif. Five Preludes“ ist damit weit mehr als eine Werkschau. Die Ausstellung ist eine präzise komponierte Meditation über das Erbe der Avantgarden, über Duchamps nachhaltige Sprengkraft und über die Frage, wo Kunst heute lebt. Afifs Arbeiten machen sichtbar, dass Bedeutung nicht fixiert ist, sondern sich im Akt des Betrachtens, Lesens und Weiterführens immer wieder neu formt. Das Leben der Kunst, so legt diese Ausstellung nahe, findet nicht allein im Museum statt, sondern in der Bewegung zwischen Objekt, Institution und Öffentlichkeit.

Tags: Saâdane Afif, Marcel Duchamp, Konzeptkunst, Kunstgeschichte, 20. Jahrhundert Kunst, Gegenwartskunst, Surrealismus, Dadaismus

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