Detail, Abendmantel von Elsa Schiaparelli und Jean Cocteau, 1937, Stickerei mit zwei Gesichtsprofilen und Rosen © Jean Cocteau ARS / Comité Cocteau, Paris / ADAGP, Paris 2026. Foto: Emil Larsson – Mit freundlicher Genehmigung von: victoriamuseumua / Victoria and Albert Museum
Über den Schultern des von Jean Cocteau für Elsa Schiaparelli entworfenen Abendmantels von 1937 entfaltet sich ein Kranz aus rosa Rosen, der sich wie ein ornamentales Band um den oberen Teil des Körpers legt. Die Blumen wirken zunächst dekorativ, doch ihre symbolische Ebene ist vielschichtig: Rosen stehen traditionell für Schönheit, tragen jedoch zugleich Dornen in sich – ein Hinweis auf die untrennbare Verbindung von Anziehung und Verletzlichkeit, von Eleganz und Schmerz.
Unterhalb der Schultern erscheinen in feiner Linienführung zwei Gesichter, deren Profile einander zugewandt sind. Die Lippen formen sich zu einem Kuss, der jedoch nicht vollständig eingelöst wird – ein Moment des Innehaltens, der Spannung zwischen Nähe und Distanz.
Es wird häufig angenommen, dass die beiden Profile auf Jean Cocteau selbst und seinen Geliebten, den Schauspieler Jean Marais, verweisen.
Die Darstellung bleibt dennoch bewusst offen und lässt Raum für unterschiedliche Lesarten zwischen persönlicher Intimität und universeller Symbolik von Nähe und Beziehung.
Cocteaus zeichnerische Handschrift verbindet sich hier mit Schiaparellis Verständnis von Mode als Bildträger. Das Kleid wird nicht nur dekoriert, sondern erzählt – von Beziehungen, Emotionen und den feinen Übergängen zwischen Schönheit, Begehren und Zurückhaltung.
Elsa Schiaparelli, Porträt in schwarzem Seidenkleid mit gehäkeltem Kragen und Turban, Vogue 1940, Fotografie von Fredrich Baker © Vogue / Fredrich Baker – Mit freundlicher Genehmigung von: victoriamuseumua / Victoria and Albert Museum
Die im Victoria and Albert Museum präsentierte Retrospektive zeigt eindrucksvoll, dass Schiaparellis Werk nie nur Mode war, sondern eine konsequente Übersetzung surrealistischer Denkweisen in tragbare Objekte. Körper werden zu Bildträgern, Kleidung zu Bühne, Stoffe zu Experimentierfeldern für Wahrnehmung, Illusion und Irritation.
Bereits in den 1930er Jahren entstehen ikonische Stücke, in denen sich Kunst und Mode untrennbar verbinden: Stickereien formen Gesichter, Kleider öffnen sich scheinbar in den Körper hinein, Materialien unterlaufen bewusst jede Erwartung an Funktion und Ästhetik. In Zusammenarbeit mit Dalí entstehen Entwürfe, die das Surreale nicht illustrieren, sondern physisch erfahrbar machen – etwa durch trompe-l’œil-Effekte oder objekthafte Elemente, die den Körper verfremden.
Auch die Nähe zu Oppenheim wird sichtbar: Das Spiel mit Materialität, Haptik und Bedeutungsverschiebung überträgt sich direkt auf Schiaparellis Entwürfe. Kleidung verliert ihre Eindeutigkeit und wird zum Denkraum. In dieser Logik ist Mode nicht Dekoration, sondern Konzept.
„Fashion was her medium, but her soul spoke the language of Surrealism“ – dieses Zitat, überliefert von ihrer Enkelin Marisa Berenson, bringt die künstlerische Position Schiaparellis präzise auf den Punkt. Ihre Arbeiten stehen nicht am Rand der Kunstgeschichte, sondern mitten in ihr.
Salvador Dalí, Lobster Telephone, 1938, surrealistisches Objekt mit Hummer auf schwarzem Telefon © Salvador Dalí, Gala-Salvador Dalí Foundation / DACS, London 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: victoriamuseumua / Victoria and Albert Museum
Das Objekt zeigt ein schwarzes, klassisches Wählscheibentelefon, auf dessen Hörer ein realistischer Hummer liegt. Der orange-rote Panzer zieht sich über die gesamte Länge des Hörers, die Scheren ragen nach vorne, während das Kabel seitlich aus dem Telefonkörper führt. Die irritierende Verbindung eines alltäglichen Kommunikationsgeräts mit einem organischen, beinahe greifbaren Tier erzeugt eine bewusst verstörende, surreale Konstellation.
Dalí verband den Hummer häufig mit Sexualität und Lust, während das Telefon für Kommunikation steht. In dieser Kombination entsteht eine doppeldeutige Bildsprache, die eine Verbindung zwischen Begehren und Technologie herstellt und zugleich die Absurdität menschlicher Kommunikation sichtbar macht.
Elsa Schiaparelli, Porträt von Man Ray, 1933, ikonische Fotografie der surrealistischen Mode-Designerin © 2025 Man Ray 2015 Trust. DACS, London. Photo Collection SFMOMA. The Helen Crocker Russell and William H. and Ethel W. Crocker Family Funds purchase • Awar Odhiang in Schiaparelli Haute Couture Herbst/Winter 2024, avantgardistisches Modekunstwerk mit skulpturaler Metallstruktur © Kuba Dabrowski. Photo courtesy Patrimoine Schiaparelli, Paris – Mit freundlicher Genehmigung von: victoriamuseumua / Victoria and Albert Museum
Im Kontext heutiger Mode erscheint Schiaparellis Werk überraschend aktuell. Die Auflösung von Grenzen zwischen Disziplinen, die Inszenierung des Körpers als Bildfläche und die bewusste Irritation des Betrachters sind Strategien, die heute erneut an Relevanz gewinnen. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, wie radikal diese Ideen bereits vor fast einem Jahrhundert formuliert wurden.
Elsa Schiaparelli und Salvador Dalí, Skeleton Dress, 1938, surrealistisches Kleid mit reliefartiger Knochenstruktur © 2025 Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / DACS. Photograph © Emil Larsson • Schiaparelli Haute Couture Herbst/Winter 2024, skulpturales Abendkleid mit ausladender Silhouette und Kristallverzierung auf dem Laufsteg © Schiaparelli – Mit freundlicher Genehmigung von: victoriamuseumua / Victoria and Albert Museum
Pablo Picasso, Portrait von Nusch Éluard, 1937, kubistisches Gemälde mit farblich fragmentiertem Gesicht © GrandPalaisRmn (Musée national Picasso, Paris), Adrien Didierjean • Jean Cocteau, Zeichnung für Schiaparelli, 1937, surreale Doppelporträt-Studie mit floralen Elementen © On loan from West Dean (The Edward James Foundation) – Mit freundlicher Genehmigung von: victoriamuseumua / Victoria and Albert Museum
Schiaparelli bleibt damit eine Schlüsselfigur an der Schnittstelle von Kunst, Mode und Konzept – eine Position, die den Surrealismus nicht nur erweitert, sondern in den Alltag überführt hat.
Die Ausstellung im Victoria and Albert Museum macht deutlich, warum Elsa Schiaparelli bis heute zu den einflussreichsten Positionen zwischen Kunst, Mode und Surrealismus zählt.