Ghone: State of Play – Ausstellung von Thanaghone Wattanasiritham in der BBA Gallery Berlin 2026
Ghone: State of Play – Ausstellung von Thanaghone Wattanasiritham in der BBA Gallery Berlin 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Wann: 14.08.2026 - 21.08.2026

Ghone: State of Play – Was bleibt von der Kunst, wenn noch niemand ihre Regeln kennt?

Man muss zweimal hinsehen – und dann beginnt das Staunen erst richtig: In „State of Play“ bringt die BBA Gallery in Berlin Bilder an die Wand, deren Farben explodieren, sich überlagern, gegeneinander kämpfen und wieder zusammenfinden. Ihr Schöpfer Thanaghone „Ghone“ Wattanasiritham aus Bangkok ist gerade einmal vier Jahre alt. Doch wer sich von dieser Zahl lösen kann, entdeckt die eigentlich viel spannendere Geschichte dieser Ausstellung: Was geschieht auf einer Leinwand, wenn ein Mensch malt, bevor ihm jemand erklärt hat, was Malerei sein soll?

Ghone, Asteroid falling down to earth, 2026, abstrakte Acrylmalerei im Rundformat, Bangkok
Ghone, TV Aurora, 2026, abstrakte Malerei, Bangkok
Ghone, Asteroid falling down to earth, 2026, abstrakte Acrylmalerei im Rundformat, Bangkok • Ghone, TV Aurora, 2026, abstrakte Malerei, Bangkok – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Diese Frage begleitet den Rundgang durch „State of Play“. Denn zunächst wäre es leicht, sich von Ghones Alter verführen zu lassen. Vier Jahre – daraus lässt sich schnell die Geschichte eines Wunderkindes machen. Doch damit würde man den Bildern womöglich gerade jene Freiheit nehmen, aus der sie entstanden sind. Interessanter ist es, ihnen zunächst ohne Altersbonus zu begegnen: Funktionieren sie als Bilder? Bleibt der Blick hängen? Entsteht zwischen Farbe, Bewegung und Betrachter etwas, das über die Überraschung ihrer Entstehung hinausweist?

„Bei mehreren Arbeiten lautet die Antwort erstaunlich deutlich: ja.“

Ghone beim Malen an einer großformatigen schwarzen Leinwand für „State of Play“, BBA Gallery Berlin 2026
Ghone beim Malen an einer großformatigen schwarzen Leinwand für „State of Play“, BBA Gallery Berlin 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Malen, bevor man weiß, was Malerei sein soll

Ghone arbeitet ohne vorbereitende Skizzen und ohne festgelegte Komposition. Rollen, Schwämme, Spielzeug und organische Materialien können ebenso zu Werkzeugen werden wie klassische Malutensilien. Farbe wird aufgetragen, verteilt, gespritzt, überlagert; der Bildträger wird bewegt und gekippt. Entscheidend ist weniger die Beherrschung einer Technik als das unmittelbare Reagieren auf das, was gerade geschieht.

Genau darin liegt die eigentliche Spannung von „State of Play“. Ghone scheint nicht nach einem fertigen Bild zu suchen, das bereits in seinem Kopf existiert und anschließend auf die Leinwand übertragen werden muss. Das Bild entsteht vielmehr im Tun. Eine Farbe fordert die nächste heraus, eine Bewegung provoziert eine weitere, Zufall und Entscheidung beginnen miteinander zu spielen.

Ghone, Dreaming of London Bridge, 2025, abstrakte Malerei mit landschaftlichen Anklängen, Bangkok
Ghone, Dreaming of London Bridge, 2025, abstrakte Malerei mit landschaftlichen Anklängen, Bangkok – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Damit berührt die Ausstellung – ohne dass man einem Vierjährigen kunsthistorische Absichten zuschreiben sollte – eine der großen Fragen der modernen Malerei: Wie unmittelbar kann ein Bild entstehen?

Generationen erwachsener Künstler haben versucht, akademische Regeln, gelernte Kompositionen und bewusste Kontrolle zumindest zeitweise abzustreifen. Gestische Malerei, Automatismus und verschiedene Formen des Action Painting suchten nach Wegen, Bewegung, Zufall und spontane Entscheidungen unmittelbar in das Werk einfließen zu lassen.

Bei Ghone liegt die Situation beinahe umgekehrt. Er muss Regeln nicht erst vergessen. Viele davon hat er schlicht noch nicht gelernt.

Ghone, The Wheel on S-bahn, 2026, expressive abstrakte Acrylmalerei, Bangkok
Ghone, The Wheel on S-bahn, 2026, expressive abstrakte Acrylmalerei, Bangkok – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Wenn aus dem Spiel eine Bildsprache entsteht

Gerade deshalb wäre es falsch, seine Arbeiten vorschnell mit den großen Namen der Kunstgeschichte zu vergleichen. Ghone ist kein kleiner Jackson Pollock – und er muss es auch nicht sein. Die interessantere Beobachtung liegt woanders.

Wer mehrere seiner Arbeiten nebeneinander betrachtet, beginnt Wiederholungen zu entdecken. Da ist die Lust an kräftigen Farbkontrasten, an Schichtungen und Überlagerungen. Immer wieder treffen breite Bewegungen auf feinere Spuren, dichte Farbfelder auf offene Stellen. Manche Leinwände scheinen beinahe vollständig von Farbe erobert zu werden, während andere der Bewegung Raum zum Atmen lassen.

So entsteht etwas, das bei einem einzelnen Bild noch Zufall sein könnte, innerhalb einer Werkgruppe jedoch Aufmerksamkeit verdient: eine wiederkehrende visuelle Sprache.

Vielleicht liegt der schönste Moment vor diesen Bildern genau dort, wo man für einige Sekunden vergisst, wie alt ihr Urheber ist. Dann bleiben nur Farbe, Bewegung und jene seltsame Energie zurück, die ein Bild entweder besitzt – oder eben nicht. Und plötzlich ertappt man sich bei einer ungewöhnlichen Frage: Würde ich noch immer stehen bleiben, wenn niemand mir erzählt hätte, dass dieses Bild ein Vierjähriger gemalt hat?

Bei einigen Arbeiten in „State of Play“ dürfte die Antwort überraschend lange auf sich warten lassen – weil man noch schaut.

Ghone, Sunset Waterfall, 2024, abstrakte Malerei in Orange, Gelb und Grün, Bangkok
Ghone, Sunset Waterfall, 2024, abstrakte Malerei in Orange, Gelb und Grün, Bangkok – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Wann wird aus Spielen Kunst?

Der Ausstellungstitel bekommt damit eine zweite Bedeutung. „State of Play“ bezeichnet nicht nur das Spielen als Zustand kindlicher Freiheit. Die Ausstellung berührt auch jene unsichtbare Grenze, an der die Erwachsenenwelt beginnt, das spontane Tun eines Kindes mit Begriffen wie Kunst, Künstler, Ausstellung und Kunstmarkt zu versehen.

Und genau hier sollte man vorsichtig werden.

Ein vierjähriges Kind formuliert keine kunsttheoretischen Programme. Was Erwachsene in seinen Arbeiten erkennen, interpretieren und kunsthistorisch einordnen, bleibt zunächst die Perspektive der Erwachsenen. Ghone eine ausgearbeitete künstlerische Philosophie zuzuschreiben, würde deshalb mehr über unseren Wunsch nach außergewöhnlichen Geschichten erzählen als über das Kind selbst.

Die Bilder erlauben jedoch eine andere, wesentlich interessantere Beobachtung: Kreativität benötigt offenbar keine Theorie, um sichtbar zu werden.

Sie beginnt mit Neugier.

Mit dem Wunsch herauszufinden, was passiert, wenn Rot auf Blau trifft. Wenn eine Rolle über nasse Farbe fährt. Wenn sich eine Spur verändert, weil die Leinwand bewegt wird. Wenn ein Bild heute anders aussieht als gestern – und trotzdem noch nicht fertig erscheint.

Ghone beim Malen mit Farbrolle auf schwarzer Leinwand für „State of Play“, BBA Gallery Berlin 2026
Ghone beim Malen mit Farbrolle auf schwarzer Leinwand für „State of Play“, BBA Gallery Berlin 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: bba-gallery.com / BBA GALLERY

Vom Kinderzimmer in die Galerie

Mit der BBA Gallery erhält diese Entwicklung nun einen professionellen Ausstellungsraum. Für Ghone ist „State of Play“ die erste Einzelausstellung in Deutschland. Zuvor wurden seine Arbeiten bereits in internationalen Zusammenhängen in London, Beijing und Berlin gezeigt; auch bei Jugendkunstwettbewerben fand seine Malerei Beachtung.

Damit beginnt zwangsläufig ein neuer Abschnitt. Denn sobald die Bilder eines Kindes an den Wänden einer Galerie hängen, verändert sich unser Blick auf sie. Sie erhalten Titel, Maße und Preise, werden fotografiert, gesammelt und in einen Kunstbetrieb eingeordnet, dessen Mechanismen ihr Urheber noch gar nicht verstehen kann.

Vielleicht ist gerade deshalb die wichtigste Leistung von „State of Play“, dass die Ausstellung eine Frage offenlässt, anstatt sie vorschnell zu beantworten.

Ist Ghone bereits ein Künstler?

Vielleicht ist die Antwort darauf im Moment gar nicht wichtig.

Viel bemerkenswerter ist, dass ein vierjähriger Junge aus Bangkok Bilder hervorbringt, vor denen Erwachsene stehen bleiben können, ohne dass deren Wirkung allein von seinem Alter abhängen muss.

„State of Play“ erzählt deshalb letztlich weniger von einem Wunderkind als von einem Zustand, den erwachsene Künstler manchmal ein Leben lang wiederzufinden versuchen: jenem Augenblick, in dem noch nicht die Regeln bestimmen, was auf einer Leinwand geschehen darf, sondern allein die Neugier darauf, was als Nächstes passieren könnte.

Tags: Thanaghone Wattanasiritham, Abstrakte Kunst, Zeitgenössische Kunst, Junge Kunst, Malerei, Gegenwartskunst, intuitive

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