Klassiker und zeitgenössisches Design im Dialog: Max Radfords Londoner Stadthaus verbindet skulpturale Möbel, Kunst und Architektur. © Michael Sinclair.
Klassiker und zeitgenössisches Design im Dialog: Max Radfords Londoner Stadthaus verbindet skulpturale Möbel, Kunst und Architektur. © Michael Sinclair. – Mit freundlicher Genehmigung von: sightunseen / Sight Unseen

Was: Presse

Wann: 20.10.2026

Wenn Design zur Kunst wird – Sechs Geschichten über Räume, Objekte und die Freiheit der Gestaltung

Von London über Gent und Paris bis Los Angeles: Sechs außergewöhnliche Positionen zeigen, wie zeitgenössisches Design die Grenzen zwischen Funktion, Skulptur und Kunst hinterfragt.

Ein Stuhl ist zum Sitzen da. Eine Lampe soll Licht spenden. Ein Schrank bewahrt Dinge auf. So einfach könnte die Welt des Designs sein. Doch was geschieht, wenn Künstler und Designer beginnen, diese Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen?

Plötzlich wird ein Möbelstück zur Skulptur, ein historischer Regierungssaal zum Experimentierfeld und ein Wohnzimmer zu einer Begegnung zwischen Designgeschichte und künstlerischer Gegenwart.

Sechs Entdeckungen aus dem internationalen Designmagazin Sight Unseen, vorgestellt von Monica Khemsurov, führen uns in eine Welt, in der Materialien Geschichten erzählen und selbst alltägliche Gegenstände eine überraschende Eigenständigkeit entwickeln.

Max Radford – Wenn ein Haus zur Galerie wird

Max Radford – Londoner Stadthaus mit großformatiger abstrakter Malerei, Designleuchte, Vintage-Möbeln und Essbereich mit Glastisch und schwarzen Stühlen. Foto: © Michael Sinclair.
Max Radford – Londoner Stadthaus mit großformatiger abstrakter Malerei, Designleuchte, Vintage-Möbeln und Essbereich mit Glastisch und schwarzen Stühlen. Foto: © Michael Sinclair. – Mit freundlicher Genehmigung von: sightunseen / Sight Unseen

In einem spätviktorianischen Stadthaus in London treffen italienische Designklassiker auf experimentelle Arbeiten junger britischer Gestalter. Verantwortlich für diese ungewöhnliche Verbindung ist Max Radford, der sowohl als Galerist als auch als Interior Designer arbeitet.

Seine Auftraggeber wünschten sich ein Zuhause, das zeitgenössisch, unangepasst und ein wenig rau sein sollte. Radford antwortete darauf nicht mit einer einheitlichen Stilrichtung, sondern mit einem sorgfältig komponierten Nebeneinander unterschiedlicher Epochen und künstlerischer Handschriften.

Sofas von Pierre Paulin und Alessandro Becchi begegnen Arbeiten von Grace Prince, EJR Barnes und LS Gomma. Skulpturale Leuchten, ungewöhnliche Oberflächen und ein Badezimmer in intensiven Türkistönen verleihen den Räumen eine unverwechselbare Identität.

Das Besondere liegt nicht im einzelnen Designobjekt, sondern in seinem Verhältnis zur Umgebung. Was in einer Galerie vielleicht radikal erscheinen würde, wird hier Teil des täglichen Lebens.

Radford zeigt, dass ein Zuhause keine perfekte Inszenierung sein muss. Es darf Widersprüche besitzen, überraschen und sich verändern – ganz wie eine lebendige Kunstsammlung.

CAVEA – Ein Parlament der Dinge in Gent

CAVEA 2026 in Gent – Experimentelle Designobjekte und skulpturale Leuchten im historischen Regierungssaal, präsentiert von BRUT Collective und DesignUnDisciplined. Foto: © Alexander Popelier.
CAVEA 2026 in Gent – Experimentelle Designobjekte und skulpturale Leuchten im historischen Regierungssaal, präsentiert von BRUT Collective und DesignUnDisciplined. Foto: © Alexander Popelier. – Mit freundlicher Genehmigung von: sightunseen / Sight Unseen

Was haben Demokratie und Design miteinander zu tun?

Eine ungewöhnliche Antwort darauf gab die Ausstellung CAVEA im ehemaligen Regierungsgebäude der belgischen Stadt Gent. Das BRUT Collective und die kuratorische Plattform DesignUnDisciplined verwandelten den historischen Sitzungssaal in ein experimentelles Parlament für Menschen und Objekte.

Die alten Sitzreihen dienten als Präsentationsflächen für Arbeiten, die traditionelle Vorstellungen von Funktion und Material hinterfragen.

Besonders bemerkenswert ist eine Leuchte von Guillaume Slizewicz, die mithilfe von fünf Mikrocontrollern regelmäßig darüber abstimmt, ob sie sich einschalten soll. Licht wird damit zum Ergebnis eines demokratischen Entscheidungsprozesses.

Andere Arbeiten beschäftigen sich mit genetisch veränderten Bakterien, industriellen Reststoffen oder ungewöhnlichen Herstellungsverfahren. Théophile Blandet entwickelte Leuchten aus ausrangierten Komponenten einer Laborgerätefabrik, während Marie Caye eine Skulptur über Monate mineralhaltigem Wasser in einem Vulkan aussetzte.

Hier geht es nicht allein um schöne Gegenstände. Die Ausstellung stellt Fragen nach Verantwortung, gesellschaftlicher Ordnung und unserem Umgang mit Materialien.

Und vielleicht liegt gerade darin ihre Stärke: Ein historischer Ort politischer Entscheidungen wird zur Bühne für Objekte, die selbst neue Entscheidungen verlangen.

Diettert Collet – Die Vergangenheit neu denken

Pariser Apartment Voltaire von Diettert Collet – Zeitgenössisches Interieur mit skulpturalem Holzparavent, Designklassikern, Travertin-Couchtisch und warmen Naturmaterialien. Foto: © Clément Gérard.
Pariser Apartment Voltaire von Diettert Collet – Zeitgenössisches Interieur mit skulpturalem Holzparavent, Designklassikern, Travertin-Couchtisch und warmen Naturmaterialien. Foto: © Clément Gérard. – Mit freundlicher Genehmigung von: sightunseen / Sight Unseen

Paris besitzt eine besondere Beziehung zu seiner eigenen Geschichte. Architektur, Kunsthandwerk und dekorative Traditionen prägen bis heute das Erscheinungsbild der Stadt.

Das junge Gestaltungsbüro Diettert Collet zeigt mit der Neugestaltung eines Haussmann-Apartments, wie sich dieses Erbe zeitgenössisch interpretieren lässt, ohne seinen Charakter zu verlieren.

Zurückhaltende Farben, heller Stein und warme Hölzer schaffen eine ruhige Atmosphäre. Ein skulpturaler Paravent aus Holz, dessen Elemente durch auffällige zickzackförmige Verbindungen zusammengehalten werden, bildet einen ungewöhnlichen Blickfang.

Ein maßgefertigter Kamin aus Travertin, ausgewählte Vintage-Möbel und gezielt eingesetzte schwarze Flächen geben dem Raum seine architektonische Klarheit.

Nichts wirkt überladen. Jedes Objekt erhält genügend Raum, um seine Form und Materialität zu entfalten.

Gerade darin liegt die Qualität dieses Projekts. Die Vergangenheit wird weder kopiert noch verdrängt. Sie bleibt sichtbar und erhält durch zeitgenössische Gestaltung eine neue Bedeutung.

Das Apartment erinnert daran, dass gute Gestaltung nicht zwangsläufig laut sein muss. Manchmal genügt ein einziges außergewöhnliches Objekt, um die Wahrnehmung eines ganzen Raumes zu verändern.

Georgia Merritt – Wenn Möbel Musik erzählen

Georgia Merritt – Ausstellung Refrain bei M. Kardana in London 2026 mit skulpturalen Leuchten, schwarz lackiertem Spiegelobjekt und minimalistischen Designmöbeln. Foto: © Tazy Jessett Nash.
Georgia Merritt – Ausstellung Refrain bei M. Kardana in London 2026 mit skulpturalen Leuchten, schwarz lackiertem Spiegelobjekt und minimalistischen Designmöbeln. Foto: © Tazy Jessett Nash. – Mit freundlicher Genehmigung von: sightunseen / Sight Unseen

Kann ein Möbelstück eine Melodie besitzen?

Die britische Künstlerin und Designerin Georgia Merritt beschäftigt sich in ihrer zweiten Einzelausstellung Refrain bei M. Kardana in London mit genau dieser Vorstellung.

Ausgangspunkt ihrer neuen Arbeiten ist die Musik. Doch Merritt übersetzt keine Noten unmittelbar in Gegenstände. Vielmehr beschäftigt sie sich mit Rhythmus, Wiederholung, Bewegung und der besonderen Spannung zwischen Klang und Stille.

Zwei Spiegel verbergen sich hinter schwarz lackierten, skulpturalen Türen, deren Scharniere an Klaviermechanismen erinnern. Ein langgezogenes Objekt aus Sapeliholz greift die fließende Bewegung eines musikalischen Glissandos auf und lässt offen, ob es als Bank oder Konsole verstanden werden soll.

Besonders poetisch erscheinen ihre Leuchten aus Seide, Glas und Edelstahl. Ihre transparenten und geschichteten Materialien lassen das Licht beinahe körperlos wirken.

Merritts Arbeiten bewegen sich bewusst zwischen Gebrauchsgegenstand und autonomer Skulptur. Ihre Funktion bleibt möglich, aber sie bestimmt nicht mehr allein die Bedeutung des Objekts.

Vielleicht ist das die schönste Verbindung zwischen Musik und Design: Beide können etwas ausdrücken, das sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt.

Ian Collings – Die Poesie der Dunkelheit

Ian Collings – Dark Forest, Silver Moon, The Future Perfect, Los Angeles 2026. Skulpturaler Metallschrank mit silbern strukturierter Oberfläche und leuchtend rotem Innenraum sowie organisch geformtes Metallobjekt.
Ian Collings – Dark Forest, Silver Moon, The Future Perfect, Los Angeles 2026. Skulpturaler Metallschrank mit silbern strukturierter Oberfläche und leuchtend rotem Innenraum sowie organisch geformtes Metallobjekt. – Mit freundlicher Genehmigung von: sightunseen / Sight Unseen

Der amerikanische Bildhauer Ian Collings fand seinen künstlerischen Weg nicht in einem klassischen Atelier, sondern zunehmend in der Natur.

Nach seiner Tätigkeit im Möbeldesign wandte er sich 2018 verstärkt der abstrakten Skulptur zu. Seine Auseinandersetzung mit Stein, Holz und später Metall wurde zu einer intensiven Beschäftigung mit Landschaft, Licht und natürlichen Oberflächen.

In seiner Ausstellung Dark Forest, Silver Moon bei The Future Perfect in Los Angeles, die bis zum 1. Januar 2027 zu sehen ist, begegnen uns Arbeiten, deren Materialität an nächtliche Naturerfahrungen erinnert.

Silbrig schimmernde Metalloberflächen wirken wie bewegtes Wasser im Mondlicht. Schränke mit gegossenen Zinntüren besitzen beinahe landschaftliche Strukturen. Dunkle Basaltobjekte und Holzarbeiten mit metallischen Einsätzen erinnern an Steine, feuchte Erde und Lichtreflexe nach einem Regen.

Collings interessiert sich dabei weniger für eine naturgetreue Darstellung als für die Erinnerung an eine bestimmte Atmosphäre.

Seine Objekte können gelegentlich als Möbel dienen, doch ihre eigentliche Bedeutung liegt jenseits des praktischen Gebrauchs.

Sie laden dazu ein, genauer hinzusehen – auf eine Oberfläche, einen Schatten oder den Moment, in dem Licht eine scheinbar unbewegliche Form verändert.

Astrid Houssin – Die stille Eleganz einer Spirale

Astrid Houssin – Nautilus Stool, skulpturaler Designhocker mit schwarz lackiertem Holzgestell, spiralförmigen Details und heller Polsterung. Zeitgenössisches französisches Möbeldesign.
Astrid Houssin – Nautilus Stool, skulpturaler Designhocker mit schwarz lackiertem Holzgestell, spiralförmigen Details und heller Polsterung. Zeitgenössisches französisches Möbeldesign. – Mit freundlicher Genehmigung von: sightunseen / Sight Unseen

Am Ende unserer Reise steht ein einzelner Hocker.

Der Nautilus Stool der französischen Designerin Astrid Houssin wirkt auf den ersten Blick beinahe zurückhaltend. Ein schwarz lackiertes Gestell trägt eine helle gepolsterte Sitzfläche. Klare Linien und kräftige Beine vermitteln Stabilität.

Erst bei genauerer Betrachtung entdeckt man die kleinen spiralförmigen Details an den oberen Enden des Gestells.

Sie erinnern an die gewundene Form einer Nautilusschale und verleihen dem Möbelstück eine subtile organische Bewegung.

Houssin verzichtet auf große Gesten. Die skulpturale Wirkung entsteht aus Proportionen, Materialkontrasten und wenigen präzise gesetzten Details.

Gerade diese Zurückhaltung macht den Hocker interessant. Er muss seine Funktion nicht aufgeben, um eine eigenständige ästhetische Aussage zu besitzen.

Vielleicht zeigt sich hier besonders deutlich, wie nahe sich Kunst und Design kommen können: Nicht jedes außergewöhnliche Objekt muss spektakulär sein. Manchmal liegt seine Qualität in einer kleinen Form, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt.

Zwischen Funktion und Freiheit – Was bleibt?

Sechs Positionen, sechs unterschiedliche Antworten auf eine Frage, die sich nicht endgültig beantworten lässt: Wann wird Design zur Kunst?

Max Radford verwandelt Wohnräume in lebendige Sammlungen. In Gent wird Gestaltung zum gesellschaftlichen Experiment. Diettert Collet führt die Vergangenheit in die Gegenwart, während Georgia Merritt Musik in räumliche Formen übersetzt. Ian Collings sucht in seinen Materialien nach den Spuren der Natur, und Astrid Houssin zeigt, wie viel Ausdruckskraft in einem einzigen Möbelstück liegen kann.

Was diese Arbeiten verbindet, ist nicht ein gemeinsamer Stil. Es ist die Bereitschaft, vertraute Dinge neu zu betrachten.

Ein Stuhl darf weiterhin ein Stuhl sein. Eine Lampe darf Licht spenden. Und ein Schrank darf etwas aufbewahren.

Aber vielleicht beginnt Kunst genau dort, wo wir in diesen Gegenständen plötzlich mehr erkennen als ihre Funktion.

 

Redaktioneller Hinweis: Die vorgestellten Projekte wurden durch die Ausgabe von Sight Unseen vom 15. Oktober 2026 angeregt. Unser Dank gilt Monica Khemsurov und dem Redaktionsteam von Sight Unseen für ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit internationalem Design und zeitgenössischer Gestaltung.

Tags: Design, Zeitgenössisches Design, Collectible Design, Designkunst, Skulpturen, Designmöbel, Architektur, Interior Design, Max Radford, Pierre Paulin, Alessandro Becchi, Leuchten, Guillaume Slizewicz, Théophile Blandet, Georgia Merritt, Diettert Collet, Ian Collings, Astrid Houssin

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