Jetzt stehen wir vor einer Frage, die uns während unserer gesamten Begegnung begleitet hat.
Wie viel von Wolfgang Herzig selbst steckt eigentlich in seinen Bildern?
Sind seine Figuren Beobachtungen anderer Menschen?
Sind sie Erinnerungen?
Oder erzählen sie uns auch etwas über seine eigene Gefühlswelt, seine Zweifel, seine Sehnsüchte und seine Erfahrungen?
Wir können diese Fragen nicht beantworten, ohne ihn selbst zu fragen.
Und vielleicht wäre es auch falsch, aus einem ungewöhnlich gemalten Gesicht unmittelbar auf den Seelenzustand seines Schöpfers zu schließen.
Aber wir dürfen darüber nachdenken.
Denn jedes Kunstwerk entsteht durch die Wahrnehmung eines Menschen.
Herzig entscheidet, was er festhält. Was er verändert. Was er überzeichnet. Welche Farben er verwendet und welche Geschichten er offenlässt.
Er zeigt uns nicht einfach die Welt.
Er zeigt uns eine Welt, die durch seine Augen gegangen ist.
Und vielleicht ist gerade das der Grund, warum seine Bilder so unverwechselbar wirken.
Ein unbeirrbarer Künstler – und ein Lehrer
Wolfgang Herzig gehört zu jenen österreichischen Künstlern, die bereits in den 1960er-Jahren eine eigenständige figurative Bildsprache entwickelten.
1968 war er an der Ausstellung „Wirklichkeiten“ in der Wiener Secession beteiligt.
Während andere künstlerische Strömungen die Kunstwelt bestimmten, ging er seinen eigenen Weg.
Nicht angepasst. Nicht gefällig. Nicht bereit, seine künstlerische Überzeugung einfach gegen eine Mode einzutauschen.
Und dann entdecken wir eine weitere bemerkenswerte Seite seiner Biografie.
Von 1997 bis 2007 war Wolfgang Herzig Professor an der Universität für angewandte Kunst Wien. Zunächst leitete er die Meisterklasse für Malerei, später war er in der Gestaltungslehre tätig.
Zehn Jahre an einer Universität.
Zehn Jahre Begegnungen mit jungen Menschen, die selbst ihren Weg in der Kunst suchten.
Was hat er ihnen mitgegeben?
Die Fähigkeit, genau hinzusehen?
Den Mut, eine eigene Bildsprache zu entwickeln?
Oder die Erkenntnis, dass ein Künstler nicht jedem Zeitgeist hinterherlaufen muss?
Wir kennen seine Antworten nicht.
Aber allein die Vorstellung ist faszinierend:
Ein Mann, der sich selbst über Jahrzehnte seine künstlerische Unabhängigkeit bewahrte, stand vor jungen Menschen und vermittelte ihnen seine Erfahrungen.
Vielleicht war gerade diese Unabhängigkeit eine seiner wichtigsten Botschaften.
85 Jahre – und noch immer nicht fertig mit der Welt
Die Galerie Suppan Fine Arts in Wien begleitet Wolfgang Herzig seit vielen Jahren.
Bereits im April 2026 widmete sie ihm eine Personalausstellung, bei der neben seinem umfangreichen Lebenswerk besonders seine jüngeren Arbeiten im Mittelpunkt standen.
Und das gefällt uns.
Denn hier wird nicht einfach ein Künstler gefeiert, dessen bedeutendste Jahre längst vergangen sind.
Hier begegnen wir einem Menschen, dessen künstlerische Arbeit bis in die Gegenwart reicht.
Einem Maler, der noch immer beobachtet, hinterfragt und seine Eindrücke in Bilder verwandelt.
Wenn wir ihn auf dem Foto vor seinen neuen Arbeiten stehen sehen, die Arme weit ausgebreitet, dann möchten wir beinahe fragen:
Herr Herzig, was haben Sie in diesen 85 Jahren alles gesehen?
Welche Menschen sind Ihnen begegnet?
Welche Geschichten haben Sie berührt?
Und welche Bilder tragen Sie vielleicht noch in sich?
Wir wissen es nicht.
Aber wir hoffen, dass Sie uns noch viele davon erzählen werden.
Eine Verbeugung vor dem Künstler – und vor den Menschen, die Kunst lebendig halten
Lieber Wolfgang Herzig,
zu Ihrem 85. Geburtstag möchten wir Ihnen von Herzen gratulieren.
Nicht nur zu einem beeindruckenden Lebenswerk, sondern vor allem zu Ihrer Unabhängigkeit, Ihrer Beharrlichkeit und Ihrem Mut, die Welt mit Ihren eigenen Augen zu betrachten.
Sie haben Menschen gemalt, die nicht vollkommen sind.
Menschen mit ihren Schwächen, ihren Sehnsüchten, ihren Widersprüchen und ihren manchmal rätselhaften Beziehungen.
Sie haben ihnen keine perfekten Gesichter geschenkt.
Aber Sie haben ihnen Aufmerksamkeit gegeben.
Und dafür verbeugen wir uns vor Ihnen.
Wo andere wegsahen, haben Sie hingesehen.
Und bevor wir unsere Begegnung mit Wolfgang Herzig beenden, möchten wir noch Menschen danken, ohne die wir heute vielleicht nicht erneut vor diesen Bildern stehen würden.