Detail aus Caravaggios Mary Magdalene in Ecstasy, um 1606, mit zurückgeworfenem Kopf und geöffnetem Mund
Detail aus Caravaggios Mary Magdalene in Ecstasy, um 1606, mit zurückgeworfenem Kopf und geöffnetem Mund © Kiran Nadar Museum of Art / Italian Cultural Centre – Mit freundlicher Genehmigung von: findart /

Wann: 12.09.2026 - 02.10.2026

Ein zurückgeworfener Kopf im Licht, ein verletzlicher Körper aus Wachs – in der Ausstellung „Berlinde De Bruyckere | Caravaggio“ begegnen sich in der Italienischen Botschaft in [Berlin] zwei Menschenbilder, zwischen denen mehr als vier Jahrhunderte liegen. Vom 11. September bis 2. Oktober 2026 trifft Caravaggios um 1606 entstandene Mary Magdalene in Ecstasy, erstmals öffentlich in Deutschland gezeigt, auf Berlinde De Bruyckeres neu geschaffene Arbeit M.M. MMXXVI, 2026 – Maria Magdalena 2026. Es ist eine kleine Ausstellung mit einer großen Frage: Was kann ein menschlicher Körper von Schmerz, Hingabe, Erschöpfung und Hoffnung erzählen?

Bei Caravaggio beginnt die Antwort im Gesicht. Maria Magdalena hat den Kopf weit zurückgelegt, die Augen geschlossen, der Mund ist geöffnet. Ihre Hände dagegen ruhen beinahe still ineinander. Licht fällt auf Gesicht, Hals, Hände und das helle Gewand, während die Welt um sie herum in Dunkelheit versinkt.

Caravaggio erzählt hier kaum noch eine biblische Geschichte. Er zeigt einen Zustand.

Gerade diese Unsicherheit macht Mary Magdalene in Ecstasy so gegenwärtig. Die üblichen Attribute der büßenden Magdalena fehlen. Kein Salbgefäß erklärt die Szene, keine Landschaft schafft Distanz. Der Körper selbst wird zum Schauplatz. Ist der zurückgeworfene Kopf Ausdruck religiöser Ekstase? Schmerz? Erschöpfung? Caravaggio lässt diese Zustände so eng aneinanderrücken, dass sie sich kaum noch voneinander trennen lassen.

Das Gemälde wird um 1606 datiert, jenes dramatische Jahr, in dem Michelangelo Merisi da Caravaggio nach der tödlichen Auseinandersetzung mit Ranuccio Tomassoni aus Rom fliehen musste. In seinen späten Werken wird seine Malerei dunkler, konzentrierter und unmittelbarer. Das berühmte Chiaroscuro ist dabei weit mehr als ein spektakulärer Hell-Dunkel-Effekt: Das Licht holt Körper und Gesichter aus dem Dunkel und zwingt den Blick auf das Wesentliche.

Vielleicht liegt die eigentliche Kraft dieses Bildes genau dort, wo die Gewissheit endet. Für einen Moment sieht man keine Heilige mehr. Man sieht einen Menschen, der sich einem Gefühl überlässt, für das der Körper offenbar keine andere Sprache findet.

Mehr als vier Jahrhunderte später antwortet Berlinde De Bruyckere nicht mit einem weiteren Bild. Sie antwortet mit einem Körper.

Liegende Körperfigur aus Berlinde De Bruyckeres Werkreihe Liggende Arcangelo
Liegende Körperfigur aus Berlinde De Bruyckeres Werkreihe Liggende Arcangelo – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Berlinde De Bruyckere & Caravaggio in Berlin 2026

Ihre eigens für die Berliner Präsentation geschaffene Arbeit M.M. MMXXVI, 2026 – Maria Magdalena 2026 führt ihre Werkreihe Liggende Arcangelo weiter. Schon Liggende-Arcangelo II von 2023 lässt verstehen, weshalb diese Begegnung mit Caravaggio so überzeugend ist. De Bruyckere beschäftigt sich seit Langem mit dem verletzlichen Körper, seiner Schwere und der seltsamen Nähe von Verwundung, Schutz und Transformation.

Bei Liggende-Arcangelo II bleibt der Blick unwillkürlich an den Füßen hängen. Sie wirken erstaunlich menschlich zwischen Fell, Falten und dunkler Materie. Die Grenzen beginnen sich aufzulösen: Haut scheint zu Stoff zu werden, Stoff erinnert an eine Wunde, Körper und Material lassen sich nicht mehr eindeutig voneinander trennen.

De Bruyckere beschreibt Verletzlichkeit nicht. Sie gibt ihr einen Körper.

Berlinde De Bruyckere, Liggende-Arcangelo II, 2023, liegende Körperform zwischen Fell, Haut und dunkler Materie  Foto © Mirjam Devriendt
Berlinde De Bruyckere, Liggende-Arcangelo II, 2023, liegende Körperform zwischen Fell, Haut und dunkler Materie Foto © Mirjam Devriendt – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Berlinde De Bruyckere & Caravaggio in Berlin 2026

In M.M. MMXXVI führt sie diesen Gedanken direkt zu Maria Magdalena. Die weibliche Figur liegt auf einem Sockel, die Füße greifen ineinander, die Beine stehen unter Spannung, der Rücken ist gedreht. Wachs, Linoleum, Haar und Holz treten an die Stelle von Caravaggios Farbe und Licht.

Auch der Sockel gehört zu diesem Körperbild. Das Linoleum ist zerrissen, verdunkelt und in Falten gelegt, bis es zugleich an schweren Stoff und eine verwundete Oberfläche erinnert. Dunkle Male an den Fersen werden zu einem kleinen, beinahe beiläufigen Detail – und gerade deshalb zu einem der eindringlichsten. Sie lassen an einen langen, mühsamen Weg denken, an einen Körper, der etwas hinter sich hat.

Damit reicht De Bruyckeres Magdalena über die religiöse Ikonografie hinaus. Ihre Arbeit verbindet den intimen Körper mit Verletzung und den Spuren von Gewalt in der Gegenwart. Die Heilige wird nicht entrückt. Sie bekommt Gewicht, Material und eine verletzliche Haut.

Bei Caravaggio suchen wir Maria Magdalena im Gesicht. Bei De Bruyckere finden wir sie im Körper.

Caravaggio lässt Licht über Haut und Stoff gleiten und führt unseren Blick damit in einen inneren Zustand. De Bruyckere geht den entgegengesetzten Weg: Wachs, Haar, Holz und beschädigte Oberflächen machen das Körperliche beinahe greifbar. Der eine lässt Magdalena aus der Dunkelheit hervortreten, die andere gibt ihrer Verletzlichkeit Masse und Gewicht.

Dazwischen liegen rund 420 Jahre Kunstgeschichte. Dennoch kreisen beide Werke um eine erstaunlich ähnliche Frage: Was geschieht mit einem Menschen in jenem Moment, in dem Schmerz, Hingabe und Transformation nicht mehr voneinander zu trennen sind?

Für Berlinde De Bruyckere ist dieser Dialog mit der Vergangenheit kein Fremdkörper in ihrem Werk. Die 1964 in Gent geborene Künstlerin greift immer wieder auf christliche Ikonografie, Mythologie und die flämische Kunsttradition zurück, ohne historische Vorbilder lediglich zu zitieren. Sie überführt deren existenzielle Fragen in eine zeitgenössische Formensprache. Ihre Werke wurden international in bedeutenden Museen präsentiert; 2013 vertrat sie Belgien bei der Biennale von Venedig. Heute zählt sie zu den international etablierten Positionen der Gegenwartskunst.

Dass Caravaggio und De Bruyckere ausgerechnet in der Italienischen Botschaft in Berlin aufeinandertreffen, gibt der Begegnung eine weitere Ebene. Wir befinden uns nicht im neutralen White Cube eines Museums. Ein Meisterwerk des italienischen Barock wird in einer italienischen Institution in Deutschland gezeigt und begegnet dort der Arbeit einer belgischen Künstlerin unserer Zeit. Vergangenheit und Gegenwart stehen sich damit nicht nur kunsthistorisch, sondern beinahe körperlich gegenüber.

Die Ausstellung ist Teil der Berlin Art Week. Das Opening findet am 11. September 2026 von 18 bis 22 Uhr statt, anschließend ist die Präsentation bis 2. Oktober zu sehen. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Registrierung ist erforderlich.

Vielleicht ist es gerade die Nähe dieser beiden Werke, die aus einer kleinen Ausstellung eine große Begegnung macht. Caravaggio und De Bruyckere trennen rund 420 Jahre, ihre Materialien und ihre Vorstellungen davon, wie ein Bild vom Menschen entstehen kann. Doch vor ihren beiden Magdalenen verliert die Kunstgeschichte plötzlich ihre bequeme Chronologie: Der menschliche Körper bleibt jener Ort, an dem Schmerz sichtbar wird, Hoffnung Gestalt annimmt und jede Zeit ihre eigenen Spuren hinterlässt.

Tags: Michelangelo da Caravaggio, Berlinde De Bruyckere, Zeitgenössische Kunst, Barock, Malerei, Skulpturen

Öffnungszeiten Berlinde De Bruyckere | Caravaggio

  1. September 2026: Opening, 18–22 Uhr
  2. September 2026: 11–12 Uhr
  3. September 2026: 11–12 Uhr

Anschließend läuft die Ausstellung bis 2. Oktober 2026. Für die weiteren Tage nennt der uns vorliegende Ausschnitt keine konkreten täglichen Öffnungszeiten.

Eintritt frei, vorherige Anmeldung erforderlich.

Ort: Italienische Botschaft, Hiroshimastraße 1, 10785 Berlin.