In M.M. MMXXVI führt sie diesen Gedanken direkt zu Maria Magdalena. Die weibliche Figur liegt auf einem Sockel, die Füße greifen ineinander, die Beine stehen unter Spannung, der Rücken ist gedreht. Wachs, Linoleum, Haar und Holz treten an die Stelle von Caravaggios Farbe und Licht.
Auch der Sockel gehört zu diesem Körperbild. Das Linoleum ist zerrissen, verdunkelt und in Falten gelegt, bis es zugleich an schweren Stoff und eine verwundete Oberfläche erinnert. Dunkle Male an den Fersen werden zu einem kleinen, beinahe beiläufigen Detail – und gerade deshalb zu einem der eindringlichsten. Sie lassen an einen langen, mühsamen Weg denken, an einen Körper, der etwas hinter sich hat.
Damit reicht De Bruyckeres Magdalena über die religiöse Ikonografie hinaus. Ihre Arbeit verbindet den intimen Körper mit Verletzung und den Spuren von Gewalt in der Gegenwart. Die Heilige wird nicht entrückt. Sie bekommt Gewicht, Material und eine verletzliche Haut.
Bei Caravaggio suchen wir Maria Magdalena im Gesicht. Bei De Bruyckere finden wir sie im Körper.
Caravaggio lässt Licht über Haut und Stoff gleiten und führt unseren Blick damit in einen inneren Zustand. De Bruyckere geht den entgegengesetzten Weg: Wachs, Haar, Holz und beschädigte Oberflächen machen das Körperliche beinahe greifbar. Der eine lässt Magdalena aus der Dunkelheit hervortreten, die andere gibt ihrer Verletzlichkeit Masse und Gewicht.
Dazwischen liegen rund 420 Jahre Kunstgeschichte. Dennoch kreisen beide Werke um eine erstaunlich ähnliche Frage: Was geschieht mit einem Menschen in jenem Moment, in dem Schmerz, Hingabe und Transformation nicht mehr voneinander zu trennen sind?
Für Berlinde De Bruyckere ist dieser Dialog mit der Vergangenheit kein Fremdkörper in ihrem Werk. Die 1964 in Gent geborene Künstlerin greift immer wieder auf christliche Ikonografie, Mythologie und die flämische Kunsttradition zurück, ohne historische Vorbilder lediglich zu zitieren. Sie überführt deren existenzielle Fragen in eine zeitgenössische Formensprache. Ihre Werke wurden international in bedeutenden Museen präsentiert; 2013 vertrat sie Belgien bei der Biennale von Venedig. Heute zählt sie zu den international etablierten Positionen der Gegenwartskunst.
Dass Caravaggio und De Bruyckere ausgerechnet in der Italienischen Botschaft in Berlin aufeinandertreffen, gibt der Begegnung eine weitere Ebene. Wir befinden uns nicht im neutralen White Cube eines Museums. Ein Meisterwerk des italienischen Barock wird in einer italienischen Institution in Deutschland gezeigt und begegnet dort der Arbeit einer belgischen Künstlerin unserer Zeit. Vergangenheit und Gegenwart stehen sich damit nicht nur kunsthistorisch, sondern beinahe körperlich gegenüber.
Die Ausstellung ist Teil der Berlin Art Week. Das Opening findet am 11. September 2026 von 18 bis 22 Uhr statt, anschließend ist die Präsentation bis 2. Oktober zu sehen. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Registrierung ist erforderlich.
Vielleicht ist es gerade die Nähe dieser beiden Werke, die aus einer kleinen Ausstellung eine große Begegnung macht. Caravaggio und De Bruyckere trennen rund 420 Jahre, ihre Materialien und ihre Vorstellungen davon, wie ein Bild vom Menschen entstehen kann. Doch vor ihren beiden Magdalenen verliert die Kunstgeschichte plötzlich ihre bequeme Chronologie: Der menschliche Körper bleibt jener Ort, an dem Schmerz sichtbar wird, Hoffnung Gestalt annimmt und jede Zeit ihre eigenen Spuren hinterlässt.